Von kalt bis hitzig

Endlich ist der da, der lang ersehnte Sommer. Am 27. Oktober des letzten Jahres fiel der erste Schnee. Keiner hätte damals gedacht, dass es dann an Ostern, dem 30. März nochmals heftig schneien würde. Man wollte endlich Sonne, blauen Himmel und grüne, blühende Wiesen haben, und nicht nochmals eine weisse Pracht. Es dauerte aber nochmals gefühlt M o n a t e, bis es endlich warm wurde – und heizen im Juni, das war nun wirklich das Allerletzte.

Und nun hockt man da und schwitzt den letzten Tropfen Wasser aus dem Leib. Der Blick aufs Thermometer zeigt 33,2 Grad im Schatten an. Der Rasen an der Südseite des Hauses ist inzwischen gelbbraun und vertrocknet, und dauernd muss man irgendwo giessen, weil in dem grossen Garten immer irgend eine Pflanze Anzeichen von Schlappheit aufweist. Kreislaufprobleme überall – wen wundert es? Wir hatten doch gar keine Zeit, uns auf die warme Jahreszeit einzustellen! Urlaubsstimmung will nicht richtig aufkommen, irgendwie ist alles anstrengend. Das Treppensteigen, das Essen zubereiten, ja, sogar das Schlafen. Alles klebt und es nützt nichts, die Fenster nachts sperrangelweit offen zu lassen. Im Haus ist es stickig, draussen glühend heiss, kein Lüftchen weht. Die Sonne brennt seit Tagen stechend vom stahlblauen Himmel auf uns nieder und die Frage taucht auf, ob man bei dem Wetter überhaupt noch ein paar Tage weg fahren kann, denn es fehlt eine automatische Bewässerungsanlage.

Inzwischen ist der Keller der kühlste Raum im Haus und es ist ein Glück, das Büro dort zu haben. Hier also kann man noch emsig arbeiten, ohne im eigenen Schweiss zu ertrinken. Da wo es im langen Winter erbärmlich kühl war und ziemlich müffelte, ist es nun herrlich angenehm. Nebenbei guckt man auf den Wetter-App und staunt nicht schlecht: In Giessen herrschen am späten Nachmittag noch 27 Grad. In Toronto, vormittags, hingegen nur 21 Grad. Sidney in Australien kann 27 Grad und Bewölkung vorweisen. Klingt nach Winter. Die Berliner sind bei 31 Grad angelangt und Neu-Dehli haben wir heute übertrumpft. Da toben sich aktuell gerade mal mickrige 31 Grad aus. Vor sieben Wochen aber stieg dort das Thermometer auf satte 48 Grad. Dann nämlich kam ein Anruf von einer unter der unsäglichen Hitze stöhnenden Person, die sich gerade im Punjab aufhielt.

Hitze ist also relativ. Genauso wie Kälte. Vor zwei Jahren im Juni – Schottland. Beim Abflug hierzulande schöne 33 Grad, bis zur Abreise lümmelte man noch im Badeanzug im Garten herum. Bei der Ankunft in Edinburgh aber regnete es und ganze 12 Grad empfingen die Ausländer, zusammen mit einem freundlichen Taxifahrer, der den Familiennamen auf eine unsäglich falsche Weise auf sein Schild notiert hatte. Gut, dass man die Mütze, den dicken Schal und die Handschuhe mit dabei hatte. So konnte man das grimmige Gesicht kaschieren.

Zwei Wochen Schottland, kalte Wohnung, häufige Regenschauer, Wind, wenig Sonne, dennoch alle ohne Strümpfe, in kurzen Röcken, und wenn einer einen Regenschirm bei sich hatte, dann war es ein Tourist. Selbst trug man ein dickes Halstuch und die warme, regenfeste Jacke, und auf der verregneten Tour in die Highlands auch noch die Handschuhe.

Auf die daraus resultierende Frage, wie warm es denn in Schottland im Sommer sei, reagierte ein Einheimischer leicht irritiert.

Es gebe in Schottland nur zwei Jahreszeiten, meinte er leicht pikiert, mit verächtlichem Blick auf die Winterkleidung des Fragenden – nämlich den Winter und – den Juni. 

Das Wetter – es ist zu bedauern. Es kann es einfach nie allen recht machen.

 

 

 

Giesskanne

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Sommerzeit ist Grillzeit

„Das übernehme ich!“ Der Gast nahm dem Hausherrn die Grillzange weg. „Das kann ich super, du wirst sehen!“ Dazu machte er mit der Hand diese Geste vor dem schnalzenden Mund, die sagt, dass etwas einfach köstlich ist.

Er lieh sich meine Schürze aus und band sie lose um. Er erklärte mir, wie lange es dauern würde, bis das Fleisch gar sei. Ich solle dafür sorgen, dass bis dahin alles bereit sei.

Der Gastgeber atmete auf. Nie ist er so gestresst, wie wenn der Grill angeschmissen wird. Immer geht etwas schief. Entweder hat es zu wenig Glut oder zu viel. Einmal waren es die Steaks, die zu lange auf dem Rost blieben. Eines der Kinder hatte ihn gefragt, ob er den Lehrsatz des Pythagoras kenne, und gegen den hatte ein Steak keine Chance. Aber man hat ja einen Komposthaufen im Garten.

Ein anderes Mal kam die dralle Nachbarin dazu. Sie fragte, ob sie ihre Würste auch mit braten dürfe. Dann aber rief ihr Ehemann, weil eine Leitung tropfte. Der Mann, der eigentlich grillen sollte, ging mit, erkannte die Ursache und wurde danach als Held gefeiert. Die Feier fand aber beim Anblick der dunkelschwarzen Würste ein jähes Ende. Gut, dass wir einen Kompost hatten.

Dann gab es noch die Hühnerschenkel, die nicht gar werden wollten. Denn es fing an zu regnen und er wollte mit dem Regenschirm vor dem Grill stehen bleiben. Bis ihm der Kragen, der voller Wasser war, platzte, und er alles auf den Kompost schmiss.

Beim nächsten Mal half man sich gegenseitig. Eines guckte nach dem Wetter. Zwei beaufsichtigten ihn und das zu grillende Gut, damit nichts verkohlte. Die übrigen Leute standen herum, um auf die aufzupassen, die ihn beaufsichtigen sollten.

Es nützte alles nichts. Ein Freund fuhr in elegantem Bogen mit seinem neuen Ferrari vor. Alles stürzte zu dem Wagen hin. Jeder durfte einsteigen und mit dem Besitzer eine Runde drehen. Welch ein Gefühl von Freiheit und dann die neidvollen Blicke der besitzlosen Nachbarn!

Danach ass man kleinlaut den Kartoffelsalat, nackt, also ohne Fleisch, und sorgte einmal mehr für guten Kompost.

Dem begabten Gast würde das also nicht passieren. Er wich keine Sekunde von dem Grill. Als er fertig war, legte er die perfekt gebratenen Fleischstücke auf eine Platte, hob sie mit Schwung hoch und wollte sie mit einer ausladenden Bewegung elegant auf den Tisch stellen. Dann blieb er mit dem zu lasch um den Bauch gebundenen Schürzenbändel an der Grillhalterung hängen.

Zehn entsetzte Augenpaare verfolgten den Flug des Essens, das sich als Landeplatz, wie das bei dieser Familie üblich ist, den Komposthaufen ausgesucht hatte.

Danach verkauften wir den Grill auf ebay, und gingen mit dem Erlös zu McDonald’s. – Denn, wenn ein Grill etwas gegen die Besitzer hat, muss man sich von ihm trennen.

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Winter im Sommer

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Juni und kein Sommer. Um sechs Uhr morgens ganze zehn Grad. Nach dem Blick aufs Thermometer wankte ich ins eisige Bad. Um unter der Dusche festzustellen, dass die Fugen zu schimmeln anfingen. Kunststück, bei dem Wetter! Aber heizen im Juni? Ob es nicht billiger wäre, das neue Entfeuchtungsgerät hier nach oben ins Bad zu stellen? Das hatten wir nach dem Einbau der umweltfreundlichen Heizung angeschafft. Weil es danach im Keller weniger warm wurde und sich in der Folge ein menschenfeindlicher Schimmelpilz bildete.

Eine Stunde später sass ich schlapp im Büro und blickte durchs Fenster auf den grauen Himmel. Immer noch überlegte ich, wie ich dem Schimmel ohne Chemie oder weitere Heizkosten den Garaus machen könnte. Da klingelte das Telefon. „Na, du Hübsche, alles okay?“ erkundigte sich munter ein Kollege. Ich seufzte. Gedankenverloren meinte ich: „Ach, es geht so, das Wetter geht mir auf den Keks. Immerzu regnet es. Da setzt man ja Schimmel an. Hinter den Ohren, unter den Armen und zwischen den Zehen. Ich glaube, ich brauche dringend einen Entfeuchter.“

Einen Augenblick war es am andern Ende der Leitung totenstill. Dann hörte ich ihn sagen: „Eh, sag mal, gibt es da schon eine Warteliste?“ Ich verstand nicht. Doch dann wurde mir die Ungeheuerlichkeit bewusst! Genau so wie der gravierende Unterschied zwischen Mann und Frau. Denn – niemals würde einer Frau nach so einer Aussage so etwas einfallen! Wir denken im Gegensatz zu den Männern nie an solche Dinge. – Wir haben nämlich zu tun.

Mir fehlten die Worte. Er hingegen lachte sich schief. Ich fasste mich: „Klar gibt es eine Warteliste. Ich warte, bis du hier auftauchst. Dann erwartet dich eine Wartung deiner erbärmlichen Hirnzellen! Du Lümmel, du!“ Ich legte auf.

Wenn schon keinen Sommer, dann will ich auch nicht angebaggert werden. Ich will Wollsocken und eine Tasse Glühwein.

Damit ich nicht Schimmel ansetze.