Usain Bolt – seine Füsse – meine Füsse

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„Mann, Sie haben aber krass schöne Füsse!“

Verwirrt guckt man seine Treter an – die sollen schön sein? Sie haben bereits mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel und stecken in Ledersandalen, die an die Caligae der Römer erinnern.

Man versteht nicht, dass es Leute gibt, die ausgerechnet unsere Füsse begutachten – wo es doch Füsse wie die von Usain Bolt gibt.

Schöne Füsse? Hm, man hat sich im Laufe eines langen Frauenleben schon allerhand anhören müssen. Dinge, die man gar nicht hören wollte, und die die eigene Lebensqualität nicht wirklich verbessert haben.

„Weshalb bist du als Älteste denn die Kleinste der Familie?“
„Ach, du hast ja Sommersprossen!“
„Du, deine Frisur…!“
„Hast du zugenommen?“
„Deine Bluse finde ich – eh – wie alt bist du eigentlich?“
„DIESES Rot (drohender Unterton in der Stimme) sollten Sie erst in zwanzig Jahren tragen…!“

Nach jedem dieser unverlangten Kommentare fühlt man sich nie besonders schön. Aber – wenigstens hat man ansehnliche Füsse. Und darum fotografiert man sie jetzt auch, obwohl sie mies lackiert sind. Nicht von einem selbst – und absichtlich ROT. Auch wenn man das erst in zwanzig Jahren tun sollte. Bis das aber soweit ist, kann man sich vielleicht nicht mehr bücken…

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Wozu aber schöne Füsse? Man grübelt. Wo sie doch mehr als das halbe Jahr in Socken, Strümpfen und Schuhen verpackt sind? Und – man hat nicht gewusst, dass die Farbe ROT ans Alter gebunden ist…

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Schönheit ist relativ. Genau so, wie ROT nicht einfach ROT ist. Es gibt tausend Nuancen und jede ist schön.

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Was der eine schön findet, passt dem andern nicht. Jemand sagte: „Jeder Mensch ist auf seine Weise und in seiner Art schön. Vielleicht nach menschlichen Massstäben nicht explizit äusserlich, aber – es gibt ja auch die innere Schönheit. Und die wiegt mehr, denn äussere Schönheit ist vergänglich. ‚Beauty comes and goes…‘, singt zudem King Charles in einem seiner Songs, den solltet ihr euch mal anhören…“

„Ja“, antwortete ein Kamerad und nickte. Dann sagte er: „Innere Schönheit, richtig. Es gibt Leute, die haben eine wundervolle Leber oder eine hübsche Milz, andere die perfekte Niere oder ein absolut tolles Verdauungssystem!“

Klar, es war nicht so gemeint. Aber anders rum. Denn was nützen ein schönes Gesicht oder ein perfekter Körper, wenn man herz- und charakterlos ist?

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Es gibt ROT und ROT.

Dann redeten die Männer weiter: „Man legt viel zu viel Wert auf die Meinung und die Kommentare anderer. Obwohl – selbst gibt man leider auch ungefragt zu viel davon ab. Denn die wird es immer geben, die an einem etwas auszusetzen haben, man kann sagen, tun und lassen was man will. Manchmal macht man einfach nichts richtig. Unser Umfeld will ja manchmal auch ein bestimmtes Bild von uns haben. Weil man vielleicht so besser ins Lebensschema anderer passt. Oder – vielleicht einfach auch, weil man einmal etwas falsch gemacht hat. Danach ist man dann abgestempelt und kann nichts mehr retten.“

Zum Glück sind das die absoluten Ausnahmen. Das ist tröstlich. Die meisten in unserem Umfeld finden uns ganz okay, einigermassen akzeptabel und erträglich, und sie vergeben uns, wenn wir etwas verbockt haben. Sie drohen nicht täglich damit, uns nach Patagonien umzusiedeln.

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Der Schöpfer aber hat von uns ein gutes Bild. Viele Stellen in der Bibel zeugen von seiner Liebe und seiner Wertschätzung uns gegenüber, unabhängig davon, wie wir aussehen und wie wir uns kleiden und ob wir Stümper sind. Ihm ist es egal, welche Art von Blusen ich trage, ob ich nun gross bin oder nicht. Er hat den Menschen geschaffen, und so wie er das getan hat, so ist es auch gut. Jeder ist in seinen Augen schön und wertvoll, ob man nun nach menschlichen Werten einen äusseren Makel hat oder nicht. Ihn interessiert es nicht, ob Usain Bolt jede zweite Woche zur Fußpflege geht oder nicht, und es ist zu hoffen, dass Mr. Bolt alle Medienberichte über seine Füsse, die wir diese Tage zu lesen kriegten, kalt lassen.

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Es spricht also alles dafür, jedermann nett zu behandeln, ob er nun aus unserer Sicht gut aussieht und wie auch immer gekleidet oder lackiert ist. Denn Wertschätzung tut allen gut, auch denen, die uns das Leben schwer machen, die wir seltsam oder hässlich finden. Es wird der Augenblick kommen, wo nichts mehr von dem zählen wird, was wir selbst so wichtig und richtig fanden…

Die schönen Füsse hat man also fotografiert. Nicht, weil das Kompliment so grossartig oder nötig war, oder diese Füsse so exklusiv. Nein. Man hätte es nicht gebraucht. Man wollte einfach der Nachwelt ein unterhaltsames Bild erhalten. In der Hoffnung, dass die Enkel den Urenkeln eines Tages sagen werden: „Guckt, das hier ist ein Foto von der Uroma, die so tolle Füsse hatte. Das ist das einzige Foto, das noch von ihr existiert!“

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„Omas Füsse, ANNO DOMINI 2013“

Spätsommer – ist der Hammer!

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Die grösste Hitze des Sommers ist vorbei. Aber – noch immer sind die Temperaturen angenehm. Am Morgen ist es schon etwas kühl und abends kann man nicht so mehr lange draussen sitzen. Man stellt fest, dass es um sechs Uhr in der Früh bereits wieder dunkel ist und wertet das als Einbusse an Lebensqualität.

Der Spätsommer ist eine wunderbare Zeit, dieser sanfte, liebliche Übergang in den Herbst. Die Farben verändern sich, das Licht wird weicher, die Sonne steht nicht mehr so hoch, und sie scheint nicht mehr so grell. Es riecht anders. Die Getreidefelder werden abgeerntet…

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Die ersten Früchte wie Mirabellen und Klaräpfel sind reif, die Astern und Dahlien beginnen zu blühen und man pflanzt noch einmal Kohlrabi und Salat, den Nachbars Katze gleich wieder ausbuddelt. Nie findet man den Sternenhimmel so klar und schön wie im August und im September. Denn die Sonne sinkt nun früher und tiefer unter den Horizont als im Hochsommer, der helle Dämmerschein im Nordwesten hat abgenommen. Über uns der hellste Stern des Sommerdreiecks, die Wega im Sternbild Leier und viele weitere Sternbilder, deren Namen man vergessen oder gar nie gewusst hat.

Auch die Wolkenbilder verändern sich. Oft sehen sie aus wie Pinselstriche am stahlblauen Himmel. Sie formen sich zu beeindruckenden Gebilden. Sie ziehen vorbei, in eine uns unbekannte Ferne. Man möchte sie aufhalten, das Bild festhalten, aber der leichte Wind, der nun so oft über die Gärten und Felder streicht, nimmt sie mit.

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Mit wehendem Haar steht man am Rande des Feldweges und schaut ihnen wehmütig nach. Das Fernweh macht sich breit und man verspürt diese alljährliche wiederkehrende Sehnsucht, dieses schreckliche Ziehen in der Brust, das danach schreit, jetzt noch aufzubrechen, weg zu gehen, irgendwohin, wo man frei ist…

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Jeden einzelnen Augenblick, den man noch draussen verbringen kann, geniesst man jetzt ganz bewusst. Man lebt, fühlt und arbeitet intensiv. Jede Minute ist kostbar, stets mit dem kommenden Winter vor Augen, wo man wieder ewig ans Haus gebunden sein wird und gegen den Winterblues ankämpfen muss. Man freut sich innig über die üppig blühenden Blumen, und darüber, dass man tagsüber noch immer barfuß gehen kann. Man staunt, wie das selbst ausgesäte Basilikum gedeiht und wie gross die Blätter der Pflanzen geworden sind. Am Morgen mit Frischkäse auf dem Toast, einfach lecker!

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Man muss unbedingt nochmals ins EMMENTAL, um die Blumenpracht auf den schönen Höfen zu bewundern, wie auf demjenigen des Patenkindes. Ein schöner Ort – HEIMAT!

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Nochmals im Fluss schwimmen, bevor es zu kalt wird. Hier, am zum Privatstrand erklärten Platz am Ufer der Aare.

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Der einzige, der die Ruhe unterbricht, ist der Mann mit dem Boot, der flussaufwärts tuckert.

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Am Abend setzt man sich hingegen mit der Fleece-Jacke, einem Glas Wein, Laternen und Teelichtern ins windgeschützte Gartenhaus.

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Und bei jeder sich bietenden Gelegenheit schmeißt man den Grill an, isst draussen, hockt vor der Haustür auf der Stufe, auf der Gartenbank oder den Bistrostühlen, werkelt im Garten und freut sich, wenn sich einer dazu gesellt und sich unterhalten will.

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Man freut sich über alles Unerwartete, das man entdeckt. Über den Frosch im Teich einer Freundin, der so lange still hält, bis man ihn geknipst hat. Aber – als man ihn küssen will, haut er ab. Da will einer also nicht geküsst werden? Pfui! Weiss er überhaupt, was er verpasst hat? – Nein, sonst wäre er einem bestimmt auf den Schoss gehüpft! – Und weg ist er, der so lange herbeigesehnte Prinz. Wie furchtbar – und so traurig, schluchz…! Wenigstens ein Foto bleibt einem, der grossen Träume winziger Trost…

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Die Veränderungen in der Natur beobachtet man argwöhnisch, aufmerksam, in der Hoffnung, dass es noch lange, sehr sehr lange warm und sonnig bleiben wird. Jeden Regentag und jeden Kälteeinbruch betrachtet man als seinen persönlichen Feind, obwohl man weiss, wie nötig Regen ist, und dass dieser auch seine Berechtigung hat. – Aber, noch wünschen wir Socken, Strümpfe und warme Jacken ins Pfefferland…

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Ja, der Sommer kommt, der Sommer geht. Jedes Jahr lassen wir ihn wehmütig zurück, mit vielen guten Erinnerungen, schönen Fotos und tollen Erlebnissen, die wir unterwegs, in Wiesen, Wald und Feld gemacht haben. Mit diesen Bildern im Kopf übersteht man die dunkle Jahreszeit besser. Denn, wenn wir an langen Winterabenden die Fotos des Sommers durchsehen, Alben erstellen und aussortieren – können wir uns dankbar an das Schöne erinnern, das hinter uns liegt. – Und uns mit jeder Faser unseres Herzens auf den nächsten SOMMER freuen…

Kochen am Morgen bringt Kummer und Sorgen

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Der Tag ist frühmorgens am schönsten. Alle übrigen Bewohner schlafen noch tief. Es herrscht himmlische Ruhe.

Draussen zwitschern bereits die Singvögel um die Wette, und im Osten beginnt sich der Morgenhimmel von seltsamen rosafarbenen Streifen zu tiefroten Striemen zu verfärben. Es ist der beste Augenblick des Tages. Man kann in aller Stille ein paar Zeilen lesen, die Gedanken ordnen. Entweder draussen im wundervollen Garten…

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…oder – dann halt in der Küche, falls der Wind geht. Mist. Er geht heute. Also Küche. Die erste Tasse Kaffee, die Zeitung, Toast, Butter, Marmelade. Genuss pur, Luxus der Extraklasse, denn es gibt Menschen, die nicht wissen, ob sie heute etwas zu essen kriegen. Während man genüsslich kaut, fällt der Blick auf eine Notiz. Von einem, der mitten in der Nacht das Haus verlassen musste, um zur Arbeit zu gehen. Er möchte hart gekochte Eier haben. Man prüft den Bestand und schmeißt was noch da ist, sanft in einen Topf.

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Die Eieruhr stellt man auf 8 Minuten. Dann setzt man sich wieder hin, und liest den überdimensionierten Artikel über Oprah Winfreys elende Schweizer Handtaschen-Geschichte zu Ende – und gibt zu, dass man die Dame auch nicht erkannt hätte. Die eigene Hirnregion für die Gesichtserkennung ist völlig unterentwickelt. Es gibt einfach zu viele Menschen auf diesem Erdball, um jedes Gesicht speichern zu können…

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Dann plötzlich ein wahnsinniger Knall! WER schiesst da auf den friedlichen Kaffeetrinker? Man wirft die Hände in die Höhe, schleudert die Kaffeetasse gegen die Gardine und das gestern geputzte Fenster, das Butterbrot fliegt samt Marmelade an die frisch getünchte Decke und der Stuhl kippt um. Und – man spürt nichts. Keinen Schmerz, kein Einschussloch, kein Blut. Aber – ein simples Ei ist EXPLODIERT, ein schlichtes, unauffälliges Schweizer Ei. Das von der Explosionskraft verdrängte Wasser hat den Herd unter Wasser gesetzt, während die restlichen Eier ruhig und gelassen weiter blubbern und sich normal verhalten.

Es ist bekannt, dass Eier in der Mikrowelle explodieren. Aber im Kochtopf? Was war das für ein Ei? Es stammte doch aus dem EMMENTAL, wurde am Fusse des Napfs von einer glücklichen, artgerecht gehaltenen Henne, der ein stolzer Hahn und eine liebevolle Bäuerin zur Seite standen, gelegt? Danach wurde das Ei sanft von Hand aus dem kuscheligen Nest geholt, wiederum artgerecht vorsichtig verpackt, transportiert, dann dreissig Kilometer weiter nördlich von der Köchin freundlich in Empfang genommen und eierkonform aufbewahrt.

Nach über vierzig Jahren Eier kochen steht man hier also vor einer neuen Frage. Hat die Henne etwas gefressen, dass sich im Ei manifestiert hat? Verstrahlte Körner? Radioaktive Samen? Auf einem Bio-Hof? Unvorstellbar! Genmanipuliertes Mais? Unmöglich. Nicht im EMMENTAL! Der Knall klang wie das überdimensionierte POP von Popcorn. Oder hat sich im Ei einfach ein Wind, (der Schweizer nennt das „Furz“), eingekapselt, dann den falschen Weg genommen, und sich infolge der Erhitzung einen Ausgang ins Freie gesucht? Fragen über Fragen…

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Gedankenverloren klaubt man den Marmeladentoast von der Decke. Dass Butterbrote stets mit der bestrichenen Seite auf den Boden fallen, das wussten wir ja schon. Dass es aber auch in die andere Richtung geht, ist neu. – Aber nichts ist passiert, nichts beschädigt, keiner verletzt.

Kochen war schon immer gefährlich. Man lässt es also am besten bleiben und holt sich einen Döner…

Die übrigen Eier bleiben unauffällig. Man hatte es also mit einem Einzeltäter zu tun.

Die kläglichen, aber irgendwie doch beeindruckenden Überreste von dem bösartigen Ei werden begutachtet, und man überlegt, sie ans Institut für Rechtsmedizin in Zürich zu senden. Nach zahllosen Folgen von „Navy CIS“, mit dem heiss geliebten Mark Harmon in der Titelrolle, kommt ein arger Gedanke auf – es könnte sich ja um einen Anschlag handeln…

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Ja, genau, DAS war es. Ein Anschlag auf mein mir heiliges Morgenritual!

P.S.: Und damit keiner auf den Gedanken kommt, den riskanten Drehtest zu machen, um den Unterschied zwischen gekochten und ungekochten Eiern herauszufinden, MARKIERT man sie. Vorsichtshalber…

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Ein kleines Paradies

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Es ist herrlich, im Sommer draussen vor dem Haus am schweren Mosaikgartentisch zu sitzen. Der Sonnenschirm ist aufgespannt, die Blumen blühen um die Wette – Geranien, Phlox, Gladiolen, Schmetterlingsblumen, Lavendel, Rosen, roter und gelber Sonnenhut. Bienen summen, Schmetterlinge flattern von Blüte zu Blüte und auf dem grossen, roten Sonnenhut hocken auf einer einzigen Blume manchmal bis zu drei Hummeln. Sie zeigen allen, die sie fotografieren wollen, respektlos ihre rundlichen, kleinen und flauschigen Hinterteile.
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Spaziergänger gehen vorbei. Leute, die einen Hund an der Leine führen, einen Kinderwagen schieben oder schlendernd Musik hören. Einige radeln die Strasse entlang, und andere joggen. Oft werfen sie einen Blick in den Garten und dann huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie grüssen freundlich und man erwidert den Gruss. Der Garten verströmt ein Gefühl von Geborgenheit, seine Schönheit fasziniert die Menschen, und oft bleibt jemand stehen und beginnt ein Gespräch. Man bewundert die englische Kletterrose, die fast vier Meter hoch ist und zieht ihren Duft ein.

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Man betont, wie gut hier die Geranien gedeihen und staunt, dass die Pfirsiche enorm gross geraten sind. Man fragt, ob das hier ein Olivenbaum ist, ob in dem Topf daneben Lorbeer wächst und ob die reifen Zitrusfrüchte denn auch geniessbar seien? Manchmal folgt daraufhin eine Einladung zum Kaffee. Oder zu einem Glas Wein und einem tiefer gehenden Austausch. Man bekommt unerwartet Einblick ins Leben anderer. Man hört von ihren Sorgen, Ängsten und Kümmernissen, aber auch von ergreifenden Ereignissen, die glücklich machen und Freude bereiten.

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Manchmal aber verkommt der Garten zum Kriegsschauplatz. Wenn fremde Katzen ihre Häufchen neben dem Kopfsalat, den man essen möchte, in die Erde einbuddeln. Wenn Mehltau Phlox und Gurken befällt, Sternrusstau und Blattläuse die Rosen angreifen und sich der Pfirsichwickler einnistet. Wenn dann noch eine Maus meint, ohne Baubewilligung im Garten einfach so unter dem wertvollen Buchsbaum einen Hauptbahnhof mit einem weitverzweigten Tunnelsystem anlegen zu dürfen, dann gibt das Ärger. Dieser Garten gehört nicht ihr! Niemand frisst ungestraft die kostbaren Blumenzwiebeln, für die man früher ganze Königreiche dahin gab. Keiner vergreift sich ohne Folgen an den Wurzeln von Sonnenhut und Salat! Das ist eine eindeutige Kriegserklärung. Dann wird gehandelt, mit allen erlaubten Mitteln. Mit mehr oder weniger Erfolg, unter dem Applaus von Nachbarn, die zugucken, wie man der flüchtenden Maus mit dem Spaten hinterher rennt, und sie doch nicht erwischt.
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Ja, dieser Maus, die sich auf den weissen Fellteppich in Nachbars Wohnung gewagt hat und zur Untermiete im hauseigenen Komposthaufen wohnt. Man rät, den Kompost anzuzünden, aber Philanthropen tun so etwas niemals. Sie rufen den ortsansässigen Naturschützer und der weiss Rat. Einfach den Kompost umschütten. Die Maus zieht daraufhin mit Kind und Kegel aus und im Komposthaufen des Nachbarn ein. Der Fachmann vergisst vor lauter mäuseschonender Infos zu sagen, dass spätestens dann, wenn der Nachbar die neuen Mieter loswerden will und er seinen Kompost umschüttet, die Maus dann wieder in die alte Heimat zieht…

Der Einbruch des Winters leitet meistens die jährliche Waffenruhe ein, und die Kampfhandlungen werden eingestellt. Bis im Frühjahr.

Es ist ein Privileg, einen eigenen Garten zu besitzen. Er gibt zwar das ganze Jahr Arbeit, aber es bedeutet auch, im Sommer zusätzlichen Wohnraum zur Verfügung zu haben. Hier schmeißt man den Grill an, feiert Partys, guckt verträumt in den sternenübersäten Abendhimmel, sitzt bei Kerzenschein im Gartenhaus, pflückt Basilikum, frische Gurken und Obst, und liegt mit einem Buch auf einer Liege unter dem Apfelbaum.

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Es ist eine Art kleines, privates Mini-Paradies. Es gibt uns eine klitzekleine Vorahnung davon, wie das himmlische Paradies sein wird. Diesen eigenen, irdischen und hübschen Ort der Freude und des mehrheitlichen Friedens mit andern geniessen und teilen zu dürfen – ach, das ist einfach PARADIESISCH.

Warum denn in die Ferne schweifen…?

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Goethe ist es zu verdanken, dass es diesen Ausspruch gibt – der in Anlehnung an seinen Vierzeiler „Erinnerung“ entstanden ist.

„Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
denn das Glück ist immer da.“

Endlich – ein paar Urlaubstage sind angesagt. Der verpasste Frühjahrsputz ist nachgeholt. Blumen und Garten sind versorgt, alles ist erledigt. Irgendwie schafft es Frau sonst nicht, wegzufahren, um sich dann schaukelnd in einer Hängematte unter Palmen im Abendwind zu entspannen. Denn zwischen den vollkommenen Sonnenuntergang über dem Meer und ihrem inneren Auge schieben sich dauernd der Wäscheberg, die Buchhaltung und die schmutzigen Fenster.

Kostbare Tage des stets knapp bemessenen Urlaubs sind also mit Arbeit vollgestopft gewesen und bereits vorbei. Mit Arbeiten, die sonst keiner erledigt hätte. Wo aber nun die restlichen Tage verbringen? Im Stau am Gotthard? In einem stickigen Zug? In einem Flieger? Nein! Niemals! Jede Minute ist kostbar. Ans Wasser muss es gehen. Wasser beruhigt, entspannt. Plätschernde Wellen – Musik für die Seele. Aber wohin? Die Zeit reicht nicht mehr, um ans Meer zu fahren.

Wozu aber gibt es Satelliten, das Internet und Google?

Man kann damit im Umkreis von zwei Fahrstunden alle Seen abklopfen. Den Ufern entlang zoomen, Unterkünfte direkt am Strand und Strandbäder suchen. Diese Funktion ist traumhaft, denn man kann sich so die Gegend schon mal ansehen, entdeckt kleine, reizvolle und unbekannte Orte. Man erkennt auf Anhieb, dass es dort zwar bestimmt Urlauber haben wird, aber nicht diese von Sonnenkrem triefenden, lärmenden Massen sonnenverbrannter Ferienhungriger, die bis tief in die Nacht hinein fortwährend Rambazamba machen und einen um die ersehnte Erholung bringen.

Ein paar Anrufe später hat man keine zwei Stunden Reisezeit von daheim ab dem nächsten Tag im Ausland ein Hotel gebucht. Wie locker das doch heute geht, sensationell! Ein hübscher Platz, mit Bootsanlegestelle und einer Terrasse direkt am See!

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Die wunderschönen Strandbäder sind makellos, mit Sandstrand und von viel Schilf umgeben. Zahllose Wasservögel bereichern den See, dann weiße Segelboote, und, weil ein Unwetter aufkommt, biegen sich im Wind die riesigen Silberpappeln und Weiden. Den wegfliegenden, bunten Sonnenschirmen rennen Mütter und Kinder kreischend nach und am Himmel erscheinen die wunderbarsten Wolkenformationen. Am Abend im Strandcafé, bei einem Glas Wein, lauscht man den Gesprächen der Einheimischen, und kichert über die schnulzigen Lieder, die eine alternde Hotelband mit viel Gefühl unter dem herrlichen Abendhimmel einem nicht sonderlich am Tanzen interessierten Publikum vorträgt. Dann aber, als sie Udo Jürgens „Ich war noch niemals in New York…“ zu singen beginnt, macht sich plötzlich Wehmut breit.

Wehmut über die nicht gehabten Möglichkeiten, Trauer über die verpassten Gelegenheiten, Schmerz über das, was hätte sein können und das niemals gewesen ist und auch nie sein wird. Leichte Entrüstung darüber, dass die Sonne so schnell untergegangen ist, wo der Abend doch erst angefangen hat, und nun die Insekten eklig summend und ungefragt auf heisser Haut andocken. Man ärgert sich über den sentimentalen Anfall, schimpft sich selbst und erklärt laut, damit man es selbst hört und glaubt, das komme vom Alkohol, von der Hitze, von den Mücken, vom schlechten Schlaf im ungewohnten Bett. Anderntags, wenn man psychisch wieder so tickt, wie es die Welt erwartet, zückt man die billige Kamera, fotografiert damit so gut es geht den lieblichen See, die Schwäne, hätte auch gerne den auf einem knallroten Strandtuch liegenden Mann geknipst. Den älteren Herrn mit dem gen Himmel aufsteigenden, kugelrunden und kurz vor dem Platzen stehenden „Gasbierbauch“, getraut sich aber nicht, weil man anständig und gut erzogen ist – und bleibt somit ein Feigling. Man macht stattdessen brav ein Bild vom Traumhaus am See, vom witzigen Nummernschild an einem schicken roten Auto und trinkt zum Trost ein Glas Aperol. So verbringt man ein paar ruhige Tage am Wasser, innerlich fern vom alltäglichen Stress, der Hektik und dem Trott. Bei der Abreise ist man überzeugt, dass man irgendwann wieder hierher in diese Gegend, fernab vom lauten Getümmel, kommen wird.

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Ausgeruht, um einige Euro ärmer, dafür um viele schöne Eindrücke, einen Sonnenbrand, ganze elf Mückenstiche und einen Bremsenstich an einer nicht weiter genannten Stelle reicher, geht es heimwärts, zurück in den anstrengenden Alltag. Wo einen der unglaubliche Lärm von Nachbarn empfängt, die bis tief in die Nacht hinein ausgelassen eine riesige Party feiern, im Pool kreischen, planschen und die Musik so laut donnern lassen, dass das ganze Haus und somit auch das Bett exakt im Takt vibrieren. RAMBAZAMBA…

Eine einzige SOLCHE Nacht – und man ist URLAUBSREIF!

ICH WILL MEINEN SEE WIEDERHABEN!!!

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