Der Tag ist frühmorgens am schönsten. Alle übrigen Bewohner schlafen noch tief. Es herrscht himmlische Ruhe.
Draussen zwitschern bereits die Singvögel um die Wette, und im Osten beginnt sich der Morgenhimmel von seltsamen rosafarbenen Streifen zu tiefroten Striemen zu verfärben. Es ist der beste Augenblick des Tages. Man kann in aller Stille ein paar Zeilen lesen, die Gedanken ordnen. Entweder draussen im wundervollen Garten…
…oder – dann halt in der Küche, falls der Wind geht. Mist. Er geht heute. Also Küche. Die erste Tasse Kaffee, die Zeitung, Toast, Butter, Marmelade. Genuss pur, Luxus der Extraklasse, denn es gibt Menschen, die nicht wissen, ob sie heute etwas zu essen kriegen. Während man genüsslich kaut, fällt der Blick auf eine Notiz. Von einem, der mitten in der Nacht das Haus verlassen musste, um zur Arbeit zu gehen. Er möchte hart gekochte Eier haben. Man prüft den Bestand und schmeißt was noch da ist, sanft in einen Topf.
Die Eieruhr stellt man auf 8 Minuten. Dann setzt man sich wieder hin, und liest den überdimensionierten Artikel über Oprah Winfreys elende Schweizer Handtaschen-Geschichte zu Ende – und gibt zu, dass man die Dame auch nicht erkannt hätte. Die eigene Hirnregion für die Gesichtserkennung ist völlig unterentwickelt. Es gibt einfach zu viele Menschen auf diesem Erdball, um jedes Gesicht speichern zu können…
Dann plötzlich ein wahnsinniger Knall! WER schiesst da auf den friedlichen Kaffeetrinker? Man wirft die Hände in die Höhe, schleudert die Kaffeetasse gegen die Gardine und das gestern geputzte Fenster, das Butterbrot fliegt samt Marmelade an die frisch getünchte Decke und der Stuhl kippt um. Und – man spürt nichts. Keinen Schmerz, kein Einschussloch, kein Blut. Aber – ein simples Ei ist EXPLODIERT, ein schlichtes, unauffälliges Schweizer Ei. Das von der Explosionskraft verdrängte Wasser hat den Herd unter Wasser gesetzt, während die restlichen Eier ruhig und gelassen weiter blubbern und sich normal verhalten.
Es ist bekannt, dass Eier in der Mikrowelle explodieren. Aber im Kochtopf? Was war das für ein Ei? Es stammte doch aus dem EMMENTAL, wurde am Fusse des Napfs von einer glücklichen, artgerecht gehaltenen Henne, der ein stolzer Hahn und eine liebevolle Bäuerin zur Seite standen, gelegt? Danach wurde das Ei sanft von Hand aus dem kuscheligen Nest geholt, wiederum artgerecht vorsichtig verpackt, transportiert, dann dreissig Kilometer weiter nördlich von der Köchin freundlich in Empfang genommen und eierkonform aufbewahrt.
Nach über vierzig Jahren Eier kochen steht man hier also vor einer neuen Frage. Hat die Henne etwas gefressen, dass sich im Ei manifestiert hat? Verstrahlte Körner? Radioaktive Samen? Auf einem Bio-Hof? Unvorstellbar! Genmanipuliertes Mais? Unmöglich. Nicht im EMMENTAL! Der Knall klang wie das überdimensionierte POP von Popcorn. Oder hat sich im Ei einfach ein Wind, (der Schweizer nennt das „Furz“), eingekapselt, dann den falschen Weg genommen, und sich infolge der Erhitzung einen Ausgang ins Freie gesucht? Fragen über Fragen…
Gedankenverloren klaubt man den Marmeladentoast von der Decke. Dass Butterbrote stets mit der bestrichenen Seite auf den Boden fallen, das wussten wir ja schon. Dass es aber auch in die andere Richtung geht, ist neu. – Aber nichts ist passiert, nichts beschädigt, keiner verletzt.
Kochen war schon immer gefährlich. Man lässt es also am besten bleiben und holt sich einen Döner…
Die übrigen Eier bleiben unauffällig. Man hatte es also mit einem Einzeltäter zu tun.
Die kläglichen, aber irgendwie doch beeindruckenden Überreste von dem bösartigen Ei werden begutachtet, und man überlegt, sie ans Institut für Rechtsmedizin in Zürich zu senden. Nach zahllosen Folgen von „Navy CIS“, mit dem heiss geliebten Mark Harmon in der Titelrolle, kommt ein arger Gedanke auf – es könnte sich ja um einen Anschlag handeln…
Ja, genau, DAS war es. Ein Anschlag auf mein mir heiliges Morgenritual!
P.S.: Und damit keiner auf den Gedanken kommt, den riskanten Drehtest zu machen, um den Unterschied zwischen gekochten und ungekochten Eiern herauszufinden, MARKIERT man sie. Vorsichtshalber…






