Ein Käfer in meinem Haus

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Winterliche Sicht auf den Hohgant / EMMENTAL

Der Winter war bisher mild, wärmer als letztes Jahr. Klar gab es auch zahllose trübe Tage, an denen die Stimmung auf den Nullpunkt sank. Aber es war nicht so kalt wie andere Jahre. Und Schnee schippen musste man im Unterland auch kaum.

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Das Unterland ohne Schnee und Eis

Das hatte Folgen. Eines Tages bewegte sich etwas. Ich sass versunken im Büro vor dem Rechner. Plötzlich sah ich ein Ding, dass über den oberen Rand des Bildschirms krabbelte. Eine Baumwanze. Genau die Sorte, die oft auf den elterlichen Kirschbäumen hockte. Und die ein bitteres Sekret abgeben, wenn man sie samt Kirschen in den Mund kriegt.

Ich liess die Wanze spazieren. Sie musterte meine Telefonliste und kletterte dann aufs Telefon. Sie unterhielt mich mit ihrem Herumkrabbeln ein paar Tage. Als sie weg war, vermisste ich sie.

Die zart zitternden Fühler fehlten mir. Ich fühlte mich plötzlich etwas einsam. Der Winter-Büro-Koller hatte mich erwischt.

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Zu Hause hatte ich ebenfalls einen Gast bekommen. Die fehlende Kälte hinderte die Tiere wohl am Winterschlaf. Ein Marienkäfer tauchte auf. Eines Tages klebte er am Vorhang in der Küche.

Ich wollte ihn nicht nach draussen tun. Es schien mir doch zu kalt. Ich hatte Angst, er könnte sich erkälten. Aber, wovon würde er leben?

Der Marienkäfer leistete mir also Gesellschaft. Jetzt, wo fast alle ausgezogen waren, gab es ja Raum genug. Toll, so ein Haustier, das nichts zu tun gibt. Und mit dem man reden kann, wenn man sich unterhalten will. Der Käfer hörte mir jeweils gelassen zu. Er verzichtete darauf, mir irgendwelche Lösungen für meine Probleme an den Kopf zu schmeissen. Er schien viel Empathie zu haben. Er kam dann hervor, wenn ich gerade etwas brauchte. Er flog manchmal auf meine Fingerspitze. Er konnte mich ja nicht in den Arm nehmen. Und ich konnte den Kopf nicht an seine Schulter lehnen. Dazu war ich Kleine eine Nummer zu gross.

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Der Käfer stellte keine Forderungen. Er machte nichts dreckig. Ich musste nicht für ihn kochen und nicht mit ihm schlafen. Er widersprach und maulte nicht. Ich fand ihn äusserst attraktiv, niedlich. Ich mochte ihn sehr. Ein wunderbares Geschöpf Gottes. Er krabbelte morgens leichtfüssig neben meinem Frühstück hin und her. Ob er wohl Durst hatte?

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Mein Marienkäfer. Ich nannte ihn Gibbs. Weil mir Mark Harmon so gefällt…

Also goss ich einen Teelöffel Wasser auf den Tisch. Siehe da, er ging hin und schien zu trinken. Aber was würde er fressen? Die paar Brotkrumen, die ich liegengelassen hatte? Ich wusste es nicht. Etwas betrübt überliess ich ihn seinem Schicksal. In der Hoffnung, ihn später vorzufinden.

Aber – eines Tages blieb er verschwunden. Ob er in einer Ecke des Hauses still und leise gestorben war? War er beim Lüften durchs offene Fenster hinaus geflogen und nun erfroren?
Mein angenehmer Frühstücks-Kumpan war weg. Traurig guckte ich in alle Ecken. Ich rief nach ihm. „Hallo, mein Käfer! Süsser! Gibbs!“ Keine Antwort. Er war fort. No Gibbs anymore.

„Wie konntest du nur!“, sagte ich in Gedanken zu ihm. Alle gingen sie weg und ich blieb als Einzige übrig.

Das war wahrscheinlich der Tag, an dem ich begann, mit mir selbst zu reden. Irgendwie musste ich doch morgens feststellen, dass wenigstens ich noch da war…

Ich suchte einen Käfer-Ersatz. Für das Morgenritual. Die Zeitung konnte es nicht sein. Einen Hund wollte ich nicht. Eine Katze noch weniger. Ein Vogel kam nicht in Frage. Ein Fisch? Ein Meerschweinchen? Nein, nichts passte. Nichts war pflegeleicht. Nichts war so hübsch wie ein Marienkäfer. Ich musste mich in das Unvermeidliche schicken. Und auf das Schöne blicken, das kommen würde…

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Der erste Gelbe Huflattich (Tussilago-farfare) – Ist das nicht einfach wunderbar?

So gehe ich nun dem Frühling entgegen. Voller Vorfreude und Hoffnung. Ich freue mich über die ersten Frühlingsblumen. Über das Wunder der neu erwachenden Schöpfung.

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Blaustern (Scilla bifolia) mit unbekanntem Insekt – fotografiert am Sonntag, den 23. Februar 2014 – auf dem Born

Ich fotografiere also wieder. Und ich warte. Auf die ersten Marienkäfer und Schmetterlinge. Bis sie meinem herrlichen Garten wieder bevölkern…

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Großes Schneeglöckchen (Leucojum vernum), auch Märzenbecher, oder im EMMENTAL regional auch „Fluggertsche“ genannt – (genaue Schreibweise unbekannt)

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