Der Weihnachtsschal

Feiertage – Zeit für sich – die Beine hochlegen, eine Kerze anzünden und wieder einmal eine Weihnachtsgeschichte lesen.

Weihnachten – das Fest der Liebe, der Freundschaft. Glücklich, wer Menschen hat, mit denen er jetzt zusammen sein darf. Geborgenheit, Wärme und Frieden sollen jetzt unsere Häuser füllen.

Erwartungen und Sehnsüchte sind vorhanden. Ob sie auch alle erfüllt werden?

Trübsinnig stapfte Lara durch den tiefen Schnee nach Hause. Vorbei an weihnächtlichem Lichterglanz, der viele Häuser und Eingänge schmückte, und so sanfte Helligkeit und Wärme ausstrahlte. Sie beachtete es nicht. Sie war mit dem Bus von der Arbeit gekommen. Es hatte viel zu viel geschneit, um mit dem Wagen ins Büro zu fahren. Es schien ihr zu riskant. Der Schnee, der über Nacht gefallen war, war um halb sieben Uhr noch gefroren gewesen und der Wind war ihr beim Öffnen der Tür eiskalt ins Gesicht gefahren. So hatte sie kurzerhand den Bus genommen.

Nun stand sie vor ihrem Häuschen und nestelte den Schlüssel hervor. Sie seufzte. Kein Licht brannte. Lara wohnte alleine. Ihre Eltern waren beide bereits tot und hatten ihr und ihrem Bruder das kleine Haus hinterlassen. Ihr Bruder war verheiratet und wohnte mit seiner Frau und den drei Kindern in einem grösseren Haus am andern Ende der Kleinstadt. Dieses hier hatte sich für ihn als zu klein erwiesen. So hatte es Lara übernommen.

Endlich hatte sie den Schlüssel mit ihren klammen Finger hervor geklaubt und öffnete die Türe. Müde hängte sie ihn ans Brett. Sie zog die Schuhe und den dicken Mantel aus, versorgte Mütze und Handschuhe. Dann guckte sie in den Briefkasten, sortierte alles kurz und lief anschliessend in die Küche. Sie hatte keinen Hunger. Das war immer so, wenn Lara Kummer hatte.

Sie machte sich eine Tasse englischen Tees und trottete ins Wohnzimmer.

Sie stellte sie auf das hübsche, elegante Tischchen mit den schlanken, geschwungenen Beinen, dass sie noch von den Eltern hatte und schloss die Fensterläden. Dann legte sie eine CD ein und machte Feuer im Kamin. Als es brannte und sie die Wärme spürte, igelte sie sich auf dem Sofa in ihr kariertes Kaschmirplaid ein, das sie vom letzten Urlaub aus Schottland mitgebracht hatte. Sie mochte Schottland und hatte schon oft den Urlaub dort verbracht. Deshalb hatte sie auch ihre Wohnung so eingerichtet, dass sich jeder Gast gleich wie in den Highlands fühlte.

Sie schloss die Augen. Sie sah die gleichen Bilder wieder an sich vorbei ziehen.

Sie schalt sich selbst eine Idiotin. Mit dem Resultat, dass ihr danach die Tränen über die Wangen liefen.

Lara war zweiunddreissig Jahre alt, gross, blond, mit einem schmalen und hübschen Gesicht. Sie hatte ein Anwaltspatent und arbeitete in einer Kanzlei in der Stadt. Ihre Arbeit gefiel ihr, das Team war toll. Sie verdiente gut. Lara hatte ein freundliches Wesen, war umgänglich und es gab wenig an ihr auszusetzen. Ausser – und das verstand keiner, dass sie alleine lebte und anscheinend glücklich war.

Wenn es diesbezüglich Fragen gab, dann wich sie stets aus. Ausser ihrem Bruder und ihren beiden Freundinnen und wenigen Verwandten wusste kaum keiner, dass sie einmal verlobt gewesen war. Damals, als sie nach dem Unfalltod der Eltern ein Austauschjahr in Australien gemacht hatte. Sie hatte Phil an der Universität in Sydney kennengelernt. Seine Mutter war Schweizerin, sein Vater Deutscher, und sie hatten sich prima verstanden und sich nach einem halben Jahr verlobt. Sie beschlossen, nach Australien in der Heimat das Studium zu beenden und dann gemeinsam eine Anwaltskanzlei zu übernehmen. Phils Onkel war Anwalt, und war darüber begeistert, dass sein Neffe eine Berufskollegin heiraten wollte. Er schlug Phil also per Mail vor, später seine Kanzlei zu übernehmen. Das klang gut. Aber dazu sollte es nicht kommen. Zwei Monate nach der Verlobung starb Phil. Auf dem Weg zur Uni hatte er einen Verkehrsunfall. Ein unachtsamer Autofahrer, der gerade mit dem mobilen Telefon etwas nestelte, geriet auf die falsche Fahrbahn und prallte in den Wagen, in dem Phil mit einem Kollegen sass. Während der Unfallverursacher kaum Verletzungen hatte, kam für Laras Verlobten jede Hilfe zu spät. Phil war auf der Stelle tot. Sein Bekannter war eingeklemmt und beide mussten von Spezialisten mit Blechscheren aus dem Wrack befreit werden.

Lara war tagelang wie gelähmt. Sie war zu nichts fähig und sie wähnte sich in einem üblen Film.

Zuerst der tödliche Kletterunfall der Eltern in den Bergen. Und nun das. Es war zu viel für Lara.

Phils Eltern kamen nach Sydney um alles zu regeln und den Leichnam nach Europa zu überführen. Sie nahmen Lara mit heim. Es dauerte Wochen, bis sie endlich weinen und Monate, bis sie darüber wenigstens mit ihrem Bruder reden konnte. Sie schloss dann ihr Studium in einer andern Stadt ab als vorgesehen, und arbeitete anschliessend zwei Jahre dort. Erst danach war sie in der Lage, wieder in ihre engere Heimat zu ziehen. Phils Onkel, der inzwischen in Rente war und sich ab und zu nach ihr erkundigte, hatte ihr den jetzigen Job vermittelt. Er bedauerte es, aber konnte verstehen, dass Lara seine Kanzlei nicht ohne Phil übernehmen konnte und sie wieder in die Nähe ihres Bruders ziehen wollte. Sie hatte ja sonst kaum Verwandte.

Noch immer bewahrte Lara den Verlobungsring von Phil in einem kleinen Schächtelchen auf.

Ab und zu nahm sie ihn noch hervor und schaute ihn an. Aber es tat nicht mehr weh. Es hatte Jahre gedauert, aber sie war darüber hinweg.

Und nun das. Sie war unglücklich. Vor einigen Wochen hatte sie einen neuen Kollegen bekommen. Sie hatte den Herrn Seefeldt am ersten Tag freundlich begrüsst und nicht weiter beachtet. Bis sie zusammen an ein Seminar fahren mussten. Erst da nahm sie ihn richtig zur Kenntnis. Zuerst fiel ihr seine Stimme auf. Sie war sehr angenehm, weich, und vertrauenserweckend. Sie hatte sofort den Eindruck, dass sie diese Stimme weit wegtragen wollte, wie auf Wellen und sie schalt sich ob diesen seltsamen Empfindungen eine dumme Liesel. Dann merkte sie, dass er sehr höflich und aufmerksam war. Er bat sie, auf dem Beifahrersitz sitzen zu bleiben, damit er Zeit hatte, um den Wagen zu gehen und ihr die Türe aufzumachen. Denn es wehte ein heftiger Wind und sie hätte die schwere Wagentüre kaum aufstemmen können, zumal sie elegante Schuhe trug. Er rückte ihr den Stuhl beim Essen zurecht. Er konnte gut zuhören, aber auch nett erzählen und war auch sonst fürsorglich und zuvorkommend. Und das alles auf eine sehr lockere, natürliche Art, die weder affektiert noch falsch wirkte. Ausserdem sah er gut aus und alles an ihm hatte Stil. Wenn er Fragen stellte, dann merkte man ehrliches Interesse. Gleichzeitig war er zurückhaltend und diskret.

Das gefiel Lara und sie fand ihn nach diesen zwei Tagen umwerfend. Sie liess sich aber nichts anmerken. Sie war von jeher ebenfalls etwas zurückhaltend und auch bei Phil war sie zuerst sehr vorsichtig gewesen. Also ging sie dem Mann so oft es ging aus dem Weg, merkte aber, dass sie häufig an ihn dachte und innerlich zusammenzuckte, wenn sie seine Stimme hörte. Irgendwann war ihr klar, dass sie auf dem besten Weg war, sich zu verlieben.

Sie wusste nicht ob sie bereit war, diese Emotion zuzulassen und sich dem auszusetzen. Wenn sie dann aber abends in ihre einsame Wohnung kam, fühlte sie sich sehr allein und irgendwie von allen vergessen. Bald war Weihnachten und sie würde wieder ihrem Bruder auf der Pelle hocken, denn sie mochte dann nicht bei den Freundinnen sein. Die mit den eigenen Familien schon genug um die Ohren hatten.

Heute gegen Mittag dann hatte sie deshalb grübelnd am Schreibtisch gesessen. Sie fühlte sich nicht gut. Es gab Dinge, die ihr Mühe machten, und dazu gehörte seit dem Tod ihrer Eltern Weihnachten, ach, überhaupt alles, was irgendwie mit Gefühlen zu tun hatte. Während sie gedankenverloren eine Akte durchblätterte, hörte sie einen Wagen vors Gebäude fahren. Durch das bis zum Boden gehende Fenster sah sie nach draussen. Sie erblickte einen grauen, eleganten Wagen, der nach einem schwungvollen Bogen vor dem Eingang zum Stehen kam. Die Fahrertüre ging auf und eine wunderschöne Frau, die dunkles langes Haar und ein schickes Winterkostüm trug, stieg aus. Lara hatte sie noch nie gesehen. Ihr Bürokollege guckte ebenfalls auf und sagte: „Oh, das ist die Frau Seefeldt. Die holt ihren Mann ab.“ Er hob den Hörer ab und sie hörte ihn sagen: „Herr Seefeldt, Ihre Frau ist da und erwartet Sie!“

Lara sass wie vom Donner gerührt da.

Der Kollege deutete das falsch und sagte: „Sie sieht toll aus, nicht? Der Mann ist zu beneiden, finden Sie nicht auch? Frau Seefeldt war ein bekanntes Model!“

Mechanisch nickte sie. Den restlichen Tag verbrachte sie wie in Trance. Wieso hatte sie das nicht gemerkt, wieso hatte ihr keiner gesagt, dass er verheiratet war? Weshalb hatte er mit keinem Wort am Seminar erzählt dass er eine Frau hatte? Und –wieso trug er keinen Ehering?

Sicher, sie hatten sich am Seminar angeregt unterhalten, aber beide Privates ausgeklammert. Sie hatten über den Job gesprochen, ein paar Fälle, und dann eigentlich in der kurzen Zeit beim Essen und während der Fahrt nur noch übers Wetter und die schöne Aussicht geredet. Sie hatten beide festgestellt, dass sie gerne lasen und Musik mochten. Sie wusste dennoch praktisch nichts über ihn, und er nichts über sie.

Lara verstand das nicht. Er war also verheiratet.

Entweder hatte sie nicht aufgepasst und war zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, oder aber er gehörte zu diesen Männern, die sich dauernd als Jäger bestätigten mussten, sich einer Frau von der besten Seite zeigten und nachdem sie diese erlegt hatten, achtlos und verwundet liegen liessen. Aber mit so einer Frau an seiner Seite hatte er es doch gar nicht nötig zu jagen?

Lara sass da, mit Katzenjammer, schalt sich ein dummes Mädchen und heulte ihn ihre Schottenkarodecke. Heftige Schluchzer schüttelten sie. Die Welt war doch zu doof. Der Mann den sie geliebt hatte, war tot, und den, von dem sie dachte, dass sie ihn vielleicht lieben könnte, der war verheiratet.

Plötzlich klingelte es schrill mitten in ihre Schluchzer hinein. Sie zuckte zusammen. Schnell versuchte sie ihre Tränen zu trocknen und dann ging sie an die Tür. Ihre Nachbarin stand draussen.

„Ah Lara, gut dass ich Sie treffe, alles okay bei Ihnen?“ Sie musterte Lara. Sie sah die Tränenspuren auf Laras Gesicht und fragte: „Ich wollte kurz nach Ihnen sehen, man sieht Sie ja kaum. Was ist denn passiert? Ist was?“

Lara verneinte und bat sie herein. Aber die Frau liess nicht locker. Sorge sprach aus ihrem Gesicht. Also sagte Lara gequält lächelnd: „Ach, Frau Heer, Winterblues, Lichtmangel, Dunkelheit, Weihnachten!“ Sie kam nicht weiter, denn sogleich flossen die Tränen wieder.

„Kindchen, kommen Sie, setzen Sie sich, und nun erzählen Sie mir mal, was los ist!“

So kam es, dass Lara das erste Mal nach Jahren jemandem ihren Kummer erzählte, wie sehr der Tod ihrer Eltern sie damals mitgenommen hatte, so ganz am Anfang ihres Studiums, und wie furchtbar das mit Phil gewesen war. Und dass Herr Seefeldt ihr so gefallen hatte und dass der Blödmann keinen Ehering trug.

„Ach, Sie Ärmste, das ist ja furchtbar. Und dafür, dass der Arbeitskollege keinen Ring trägt, dafür kann es viele Gründe geben. Und es ist richtig, dass es nicht unbedingt üblich ist. Aber es kann einen plausiblen Grund geben, der uns aber jetzt egal sein kann. – Sie haben nie von Phil erzählt! Weshalb denn bloss?“ Frau Heer war verwundert.

„Ich konnte nicht, es war einfach zu viel. Zuerst die Eltern, dann Phil. Dann heiratete mein Bruder. Es war seine Art, damit umzugehen. Er wollte wieder eine Familie haben. Aber – ich konnte nicht reden, und als ich es endlich konnte, kam es mir komisch vor, jetzt noch damit anzufangen. Und mein Bruder erzählte auch kaum was. Er wollte alles vergessen, abhaken. Meine Freundinnen wissen es, und ich fand, dass das reicht. Sie wussten dass ich nicht wollte, dass man das erzählt. Ich wollte kein Mitleid. Und Phil war ja nicht von hier, so wusste es hier eh keiner.“

Frau Heer nickte. Das konnte sie gut nachvollziehen. Aber so ging es nicht weiter: „Kindchen, Sie sind zu oft alleine. Sie vereinsamen mir. Was tun Sie denn überhaupt an Weihnachten? Gehen Sie wieder zu Ihrem Bruder?“

Lara schüttelte den Kopf. „Nein. Seine Frau muss sich jetzt auch noch um ihre Eltern kümmern, die sind gebrechlich geworden, und dann die drei Kinder, es wird ihr zu viel. Ich habe ihm also gesagt, dass ich dieses Jahr wahrscheinlich bei Freunden sein werde.“
„Wahrscheinlich? Und Ihre Freunde? Wissen sie schon von ihrem Glück?“
Verlegen lachte Lara. „Nein, als die nachfragten, sagte ich ihnen, dass ich wahrscheinlich beim Bruder sein werde.“ Beschämt senkte Lara den Kopf.

Frau Heer runzelte die Stirn.
„Also dann wird jeder denken, dass Lara Heller versorgt ist und in Wirklichkeit hocken Sie hier und heulen! So geht das aber nicht!“

„Na ja, ich kann ein paar Tage weg gehen, in ein Wellness-Hotel oder so. Ins Tirol, an die Nordsee. In die Berge. Ans Rote Meer. In die Wüste. An den Nordpol. Ich komme schon zurecht!“

„Jetzt hören Sie aber auf, Lara! Als ich hierherzog, waren Sie schon erwachsen, und ich habe Ihre Eltern noch kennen gelernt. Die würden nicht wollen, dass Sie sich so zurückziehen! Bestimmt nicht. Sie kommen zu mir! Ich habe das Haus voll, ich kriege ziemlichen Verwandtenbesuch, meine Freundin kommt auch noch, dann der Fritz, dann die Frau Neumann von nebenan, die Sie auch kennen. Wenn Sie auch noch dabei sind, kann ich alle zwölf Gedecke vollzählig brauchen und das wird mir viel Freude machen. Die perfekte Weihnachtstafel! Abgemacht?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, stand Frau Heer ächzend vom niederen Sofa auf.

Sie hatte sich zu Lara hingesetzt und ihre Hand gehalten. „Und nun ruhen Sie sich aus, nehmen ein warmes Bad und dann gehen Sie zu Bett! Am Heilig Abend erwarte ich Sie um sieben Uhr bei mir. Pünktlich. Und mitbringen sollen Sie gute Laune und ein kleines Päckchen. Alle bringen eins mit. Die werfen wir dann in einen Sack und jeder kriegt wieder eins. Es soll nicht mehr als dreissig Euro kosten und für Männlein und Weiblein taugen. Einverstanden?“

Lara nickte schwach. Die Bemutterung tat ihr gut und trotz der Wehmut, die deswegen gleich wieder in ihr aufsteigen wollte, lächelte sie.
„Ach, Sie sind nett, Frau Heer, vielen Dank! Ich werde kommen. Ich freue mich!“
Frau Heer nickte ihr nochmals aufmunternd zu und dann ging sie.

Während Lara Wasser in die Wanne laufen liess, überlegte sie, wen sie von Frau Heers Verwandten kannte. Da war ihr Bruder, ein Witwer. Das musste der Fritz sein. Und dann die Kusine mit ihrem Mann und zwei Kindern. Der Schwager, der Ehemann der verstorbenen Schwester von Frau Heer. Dann die Elfriede, Frau Heers Freundin. Diese hatte Lara schon an Geburtstagen getroffen. Elfriede Berger war eine fröhliche Frau und immer schrill gekleidet. So dass Frau Heer manchmal zu Lara sagte: „Heute kommt mein Papagei zu Besuch!“

Aber damit hatte es sich schon und so würde sie sich überraschen lassen.

Die letzten Tage vor Weihnachten gingen vorbei. Lara ging Herrn Seefeldt aus dem Weg, so gut es ging. Es dauerte nicht lange, so hatten sich ihre Gefühle wieder normalisiert. Das empfand sie als wohltuend. Das Päckchen lag auch bereit. Am Morgen von Heilig Abend stand Lara spät auf. Sie frühstückte ausgiebig und ging zum Friseur. Auf dem Nachhauseweg fing es wieder tüchtig zu schneien und der Lärm der Stadt schien weniger zu werden. Wunderbar. Lara fühlte richtige Weihnachtsstimmung aufkommen. Als es Zeit war, zog sie ihr kleines Schwarzes über und fühlte sich nun rundum gut. Erwartungsvoll klingelte sie mit dem Päckchen in der Hand an Frau Heers Türe. Sie hörte fröhliche Stimmen und Gelächter. Die Türe ging mit Schwung auf und sie hörte Frau Heer rufen: „Das muss Lara sein, mach ihr auf Fritz!“

Fritz? Lara stand da, den Mund offen. Fritz?

Sie traute ihren Augen nicht. Das war nicht der Bruder. Vor ihr stand ein grossgewachsener, unglaublich gut aussehender Mann mit dunklem Haar und einem warmen Blick. Er trug einen Kilt und machte eine einladende Handbewegung. Und weil sie wie eine Salzsäule da stand, musterte er sie unverhohlen von oben bis unten. Dann lächelte er schelmisch.

„Gnädigste, wie lange wollen Sie denn in der Kälte stehen bleiben und mich so unanständig anstarren? Haben Sie noch nie einen Schotten im Kilt gesehen?“

Lara musste lachen und trat ein.
„Doch, schon“, erwiderte sie, während er ihr aus dem Mantel half, „aber keinen der Fritz heisst und akzentfrei meine Muttersprache spricht!“ Sie war von seinem unerwarteten Anblick völlig überrumpelt worden.

„Keine Regel ohne Ausnahme! Ich kann das klären. Meine Mutter ist die Schwester von Frau Heer und hat einen Schotten geheiratet. Mein Name ist Frederick McKinnon, ich bin aber nicht verwandt mit dem berühmten Hacker Gary McKinnon!“ Dann fügte er bekümmert mit einem Seitenblick auf Frau Heer hinzu:
“Und Frau Heer, also Tante Bertha, sie nennt mich Fritz, weil sie Frederick zu nobel findet. Und ihr seliger Mann war noch schlimmer, der nannte mich Frick. Klang fast wie „Freak“. Ich lebe in Edinburgh und hatte vor Weihnachten geschäftlich hier zu tun. Ich bin Informatiker. Also beschloss ich, wenn ich schon auf dem Kontinent bin, dieses Jahr mal mit Tante Bertha zu feiern. – Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen?“

„Aber wie könnte ich!“ protestierte Lara und lachte.

Dann steckte er ihr die Hand entgegen und blickte sie freundlich an. Dann sagte er: “Nennen Sie mich Frederick. Ich werde Sie auch beim Vornamen nennen. Das macht es familiärer, ja?“

Lara nickte, und schmunzelte über seine Ausführungen. Er nahm ihren Arm und führte sie reihum um sie den übrigen Leuten vorzustellen. Ausser den Menschen, die Lara schon kannte, war noch ein kinderloses Paar anwesend, das laut Frau Heer neu in der Nachbarschaft war. Frederick hatte Lara kurzerhand bei der Hand genommen. Sein Griff fühlte sich sehr angenehm an, gut, fest und sie mochte den Mann auf Anhieb. Bald fühlte sie sich heimisch unter all den Menschen und der Abend nahm seinen Verlauf. Immer wieder kreuzten sich Laras Blicke mit denen von Fritz, und sie lächelten sich zu. Sie beobachtete ihn und fand, dass er tolle Umgangsformen hatte. Er unterhielt sich mit allen nett und überging keinen. Er bat die Gäste zu Tisch, rückte den Damen den Stuhl zurecht und ging der Tante zur Hand. Er schenkte den Wein ein und guckte, dass jeder gut versorgt war.

Er war der perfekte Gastgeber.

Frau Heer genoss es, dass er die Rolle des Herrn im Haus übernommen hatte. Während Lara ihn stumm und unauffällig musterte, spürte sie ein leises Kribbeln, das sich in ihrer Herzgegend breit machte. Sie fühlte eine leichte Röte im Gesicht. Das war bestimmt von den vielen Kerzen, vom Wein, und vom Singen der Weihnachtslieder, welche die schrille Elfriede inbrünstig und mit Hingabe auf dem Klavier begleitete. Dazu sang sie aus vollem Herzen, mit baumelnden riesigen Ohrringen und knallroten Lippen. Ihr „O du fröhliche“ klang wie die zitternde Altstimme einer leicht angeheiterten, überaus glücklichen Operdiva. Herrlich, wie sie sang.

Ihr grosser Busen wog dazu auf und ab. Sehr zum Entzücken von Frau Heers Bruder.

Was ihm einen tadelnden Blick von ihr eintrug. Er fühlte sich ertappt, fing an zu husten, und gab vor, sich an einer Erdnuss verschluckt zu haben.

Frau Heer bat Fritz, die Weihnachtsgeschichte vorzulesen und er tat das mit viel Innigkeit und Ernst. Sie lauschte seiner wohlklingenden Stimme, die bei bestimmten Silben einen winzigen Akzent hatte. Sie fühlte sich in ihre Kindheit zurückversetzt, wie damals, als ihr Vater jedes Jahr vor dem Kamin sass und die Geschichte von Weihnachten aus dem Lukas-Evangelium vorlas.

Tränen tragen in ihre Augen und rasch wischte sie diese weg. In der Hoffnung, dass sie keiner gesehen hatte.

Frederick legte die Bibel sorgsam zur Seite. Er hatte ihre Handbewegung dennoch gesehen und schaute sie besorgt und fragend an. Lara gab ihm mit einer unmerklichen Kopfbewegung zu verstehen, dass alles in Ordnung war. Er schien erleichtert.

Frau Heer stand auf und holte den grossen, braunen Jutesack, der gefüllt und schwer unter dem Weihnachtsbaum lag. Sie hatte vor dem Beginn der Feier alle aufgefordert, ihre Päckchen hinein zu tun, und nun durfte jeder wieder eins raus holen. Frau Neumann war als erste dran und erwischte ein flaches Päckchen. Alle schauten zu wie sie es aufmachte. Eine CD kam zum Vorschein. Mit klassischer Musik. Ein Volltreffer. Frau Neumann ging oft in Konzerte. Sie war gerührt. Der Bruder von Frau Heer packte ein schickes Duschradio aus. Als Frederick sein Päckchen herausfischte, war es das von Lara. Sie war platt und peinlich berührt. Denn als er es aufmachte, hatte er nicht nur eine Packung feinsten englischen Tee, Earl Grey Classic von Twinings in der Hand, sondern auch eine CD. Darauf stand: „Reel Time Ceilidh Band“. Zeitgenössische schottische Musik mit traditionellem Hintergrund, die Lara so liebte. Musik, die auch an Hochzeiten zum Reel, dem schottischen Nationaltanz gespielt wurde und in der so viel energiegeladene Lebensfreude mitschwang. Sie hatte das so aus einer Laune heraus eingepackt, denn sie fand, diese keltischen Klänge, die müsse man einfach mögen.

Frederick sass da und guckte. Er wandte sich verdutzt an die Tante. „Das gibt es doch nicht, Tante, du hast also Lara gesagt, dass ein Schotte anwesend sein wird?“

„Nein mein Junge, ich glaube nicht. Reiner Zufall. Lara war aber schon öfters in Schottland. Deswegen.“

„Ach ja?“ Er guckte sie an. „Sie mögen also Schottland? – Das ist ja super! Sie gefallen mir immer besser!“

Lara nickte und alle lachten. Dann zogen zwei weitere Leute ihre Päckchen raus. Die Kinder erwischten beide ein Brettspiel. Der verwitwete Schwager erhielt einen Fotoband mit tollen Aufnahmen aus den Alpen und die Freundin von Frau Heer eine wunderschöne Dose mit allerlei Süssigkeiten und einer kostbaren Teemischung, die nach Zimt duftete. Dann war Lara an der Reihe. Das Päckchen war weich, und sie vermutete leicht enttäuscht Wollsocken, Handschuhe, oder eine kindische Pudelmütze. Aber sie hatte nur leicht daneben getippt. Als sie das bunte Weihnachtspapier entfernt hatte, stiess sie einen entzückten Schrei aus. In der Hand hielt sie ein Kaschmir-Halstuch. Im typischen Schottenkaro, und auffallend rot-grün gemustert. Lara war begeistert. Sie mochte rot, das stand ihr gut, sie mochte Schottland und alles Schottische.

Sie drückte den Schal an sich und blickte in die Runde: „Toll! Wow! Wem habe ich das zu verdanken? – Er ist wunderschön!“

„Kindchen, überlegen Sie doch mal!“ Frau Heer guckte fast ein wenig strafend.
„Oh!“ Lara zuckte zusammen. Sie wandte sich an Frederick. Verlegen sagte sie: „Dann ist das von Ihnen? Vielen Dank. Der Schal ist wunderbar!“

„Es freut mich, dass er Ihnen gefällt“, sagte er und schaute sie lächelnd an. „Meine Mutter hatte die Idee, es ist eine Spezialanfertigung. Es ist eigentlich nicht üblich, dass Fremde den Tartan unserer Familie tragen. Ausserhalb Schottland, da dachte ich, weiss das aber kaum einer, und da machen wir mal eine Ausnahme.“ Dann wandte er sich an Lara. „Aber, das mit der Ausnahme, das kann man ja ändern.“ Lara verstand nicht, was er meinte. Aber es ging nicht nur ihr so. Wollte er denn auf dem Kontinent Kurse über die Bedeutung der schottischen Tartans anbieten? Wen interessierte das denn ausser Schottlandfans?

„Was kann man ändern Fritz? Den Tartan? Das geht doch nicht!“ Frau Heer guckte ihn fragend an. Er lächelte und nahm Lara am Arm. Dann sagte er zu Frau Heer: „Nein, den Tartan kann man nicht ändern, richtig. Aber den Zivilstand. Den kann man ändern.“

„Den Zivilstand? Fritz, ich verstehe überhaupt nichts mehr! Entweder hast du zu viel getrunken, oder aber ich!“

„Tante, nur Angehörige des Clans tragen den jeweiligen Tartan. Lara dürfte ihn also eigentlich streng genommen gar nicht tragen. Das kann man aber ändern.“

„Wie denn? Gibt es ein Ritual, um Fremde in den Clan aufzunehmen?“ Frau Heer wollte das nun genau wissen.
„Ja Tante, klar gibt es ein Ritual. Man heiratet sie halt einfach!“

„Wie bitte?“
„Ja, Tante Bertha. Ich habe soeben beschlossen, deine Nachbarin zu heiraten und mit nach Schottland zu nehmen!“

Alle standen sprachlos da, Laras Unterkiefer war ihr fast auf die Brust gekippt.

Ein Tumult brach los und in den allgemeinen Lärm hinein überhörten sie dass Frederick leise zu Lara sagte: “Lara, willst du meine Frau werden?“

Lara schaute ihn an und blickte in ein paar ehrliche, klare, dunkle Augen. Sie fühlte ein unglaublich heisses Gefühl in sich aufsteigen. Es raubte ihr den Atem und sie rang nach Luft. Sie liess sich einen Augenblick von dieser Woge tragen, horchte in sich hinein. Sie senkte leicht den Kopf, dann seufzte sie kurz auf und schaute hoch. Dann blickte sie ihn fest an.
„Ja!“ antwortete sie. Frederick hob sachte ihr Kinn hoch und küsste sie sanft.

Es war still um sie beide herum geworden.

Alle standen andächtig um das Paar rum und nur Elfriede jammerte leise: “Aber sie kennen sich ja kaum!“

Frau Heer winkte ab: „Wenn etwas auf so eine spezielle Art und dann noch an Heilig Abend passiert, dann kann das gar nicht anders als gut werden. Dann stimmt das.“

Frederick und Lara guckten auf und Lara wurde sehr verlegen als sie Gesichter um sich herum erblickte. Aber Frederick fasste sein Glas und rief:
„Frohe Weihnachten, euch allen, und möge Gott euch allen ein neues, gutes und glückliches Jahr schenken! Lasst uns feiern!“ Er erhob sein Glas, alle taten es ihm gleich und dann wandte er sich Lara zu.

„Gut, das hätten wir geregelt!“ lächelte er. Alle lachten und klatschten und Frau Heer liess sich atemlos in den nächsten Sessel plumpsen.

„Jetzt, jetzt – glaube ich, könnte ich einen Whisky vertragen. So was Verrücktes, das glaubt mir keiner. Kein Mensch! Kennen sich gerade mal drei Stunden und wollen schon heiraten. Sensationell! Das gibt es doch normalerweise nur im Film! – Aber ehrlich, Freunde, ihr Lieben, ich glaube, das war das schönste Weihnachtsfest dass ich je hatte. – Lara, Kindchen, komm, lass dich drücken!“

So fand Lara völlig unerwartet an einem Heilig Abend eine neue Familie.

Weil eine warmherzige Frau eine offene Tür für Menschen hatte, die an diesem Abend einsam waren.

In der Familie McKinnon wurde es nach der Heirat von Frederick und Lara von diesem Tag an zur Tradition, einsame Menschen aus dem Umfeld an Heilig Abend einzuladen und ihnen einen Schal mit dem Tartan der McKinnons zu schenken. Der Schal aber bekam den Namen „McKinnons Weihnachtsschal“. – „McKinnons Christmas scharf“.

Die Geschichte zum Ausdrucken:
Der Weihnachtsschal

Die Geschenke

Besonders an Weihnachten wünschen wir uns Zeichen der Liebe, der Zuneigung, der Freundschaft. Wir sehnen uns nach Zuwendung und Geborgenheit, nach Wärme und Frieden.

Unsere Erwartungen sind oft zu gross. Nicht immer werden sie erfüllt und dann ist die Enttäuschung gross.

Christoph sass frustriert mit der Familie vor dem Weihnachtsbaum. Alle hatten sie ein Geschenk erhalten. Er hatte seiner Frau das Parfum, das sie so gerne mochte, gekauft. Die Kinder hatten auch bekommen, was sie gerne haben wollten, Ina ein dickes Buch und eine Karte um auf iTunes etwas runter zu laden. Die Jungs jeder ein neues Game und Skibrillen für den anstehenden Skiurlaub. Und von den Grosseltern einen schönen Geldbetrag. Susanne, seine Frau, hatte von den Eltern zudem einen Gutschein für ein Wellness-Wochenende im Taunus erhalten und von den Kindern ein absolut tolles Notizbuch. Sie war selig. Und er? Was hatte er bekommen? Er fühlte sich absolut miserabel.

Christoph hatte den Schwiegereltern einen Kalender hergestellt, mit wunderbaren Bildern aus der Umgebung, die er selbst geknipst hatte. Er hatte sich sehr viel Arbeit damit gemacht und freute sich selbst an dem gelungenen Resultat. Sie hatten meistens einen billigen Werbe-Kalender in der Stube hängen, und so dachte er, würde es sehr nett sein, einmal einen wirklich schönen, persönlichen zu kriegen. Er freute sich richtig auf ihre erstaunten und zufriedenen Gesichter. Und auf ein Lob für die schöne Arbeit.

Dann war der Heilig Abend gekommen, den sie wie immer mit den Schwiegereltern verbrachten.

Und nun sass er da und war zutiefst verletzt.

Die Schwiegereltern hatten den Kalender ausgepackt, nur kurz drauf geguckt und dann meinte die Schwiegermutter: „Ach, einen Kalender? Ich habe schon einen bekommen, in der Apotheke, mit Gutscheinen drauf wo man kostenlos Gratismuster erhält. – Ah, und dann hat mir die Nachbarin noch einen geschenkt, mit Blumen. Vom Floristen. Der ist schön, der gefiel mir sehr!“

Dann legte sie seinen wertvollen Kalender achtlos beiseite. Christoph spürte einen heftigen Stich in der Brustgegend, und innerlich krampfte sich etwas in ihm zusammen. Er war tagelang durch die Gegend gepirscht, in freien Minuten hatte er nach Plätzen gesucht, die den Schwiegereltern etwas bedeuteten und sie richtig ins Bild gerückt. Danach hatte er ein paar Abende investiert, um die passenden Bilder auszuwählen und den Kalender zu gestalten. Ein Freund von ihm, der etwas von Fotografie verstand, hatte ihn gelobt, als er die Bilder sah. „Das wird sie freuen, sage ich dir! Total gut, wie du das hin gekriegt hast, sehr schön!“

Christoph sass da und spürte Wut hochkommen.

Von seiner Frau hatte er nichts erhalten, sie fand, er hätte ja eh alles, kaufe sich übers Jahr stets was er brauche und wenn sie etwas für ihn kaufe, würde er es sowieso umtauschen gehen. Er hätte aber so gerne auch ein nettes persönliches Geschenk gehabt. Weshalb versuchten sie und die Kinder denn nie, herauszufinden, was er gerne haben möchte, was ihm Freude machen würde? Man hatte doch ein Jahr Zeit dazu?

Von den Kindern bekam er ein paar selbst gemachte Gutscheine, die zwar nett gedacht waren, aber eher aus Mangel an Ideen entstanden waren. Husch, husch hingekritzelt, in letzter Minute. Weil man es verschlampt hatte und zu spät darüber nachgedacht hatte, was man dem Papa schenken könnte.

Christoph sass da, fühlte sich verraten, ungeliebt, missverstanden, ausgenutzt.

Ja, zahlen, alles bezahlen, dafür war er gut genug. Aber sich die Mühe zu nehmen, ihm auch ein nettes Geschenk, dass ihm etwas bedeutete, zu machen, das wollte anscheinend keiner. Er kochte innerlich und wäre am liebsten aus der Stube gerannt.

Wie alle Jahre überreichte ihm die Schwiegermutter ein paar handgestrickte Wollsocken, die er wie immer nicht tragen würde, weil sie kratzten.

Und weil sie hässlich waren und nicht zu seinen dunklen Anzügen passten. Er arbeitete bei einem grossen Versicherungskonzern und hellblaue Wollsocken mit roten, grünen oder dunkelblauen Streifen waren tabu.

Als er das Päckchen aufmachte und die grässlich gekringelten Socken vorfand, aber dieses Jahr aus unerfindlichen Gründen der bisher übliche Briefumschlag mit dem Geld fehlte, platzte Christoph der Kragen. Er gab das Päckchen der Schwiegermama zurück und sagte kühl: „Mutter, ich habe noch etwa zwanzig Paar ungetragene Wollsocken in meiner Schublade, ich brauche dieses Jahr keine Socken und auch nächstes und übernächstes Jahr nicht. Ich bin allergisch auf Wolle. Sie kratzt.“

Sie guckte ihn erbost und beleidigt an und seine Frau Susanne rief entrüstet: „Aber Christoph!“

„Warum hast du das denn nie gesagt, dass du meine Socken gar nie trägst?“ blaffte ihn die Schwiegermutter an. Die vier Kinder schauten mit grossen Augen von einem zum andern. Es war ihnen peinlich, wie sich der Vater benahm. Aber insgeheim fanden auch sie die Socken furchtbar und ergriffen innerlich Partei für ihn.

Christoph schaute die Mutter fest an, dann antwortete er:
„Weil ich es als junger und frisch getrauter Ehemann nicht mit dir verderben und dich nicht verletzen wollte. Aus Respekt der Mutter meiner Frau gegenüber. Ich dachte auch, du würdest irgendwann merken, dass ich deine Socken niemals getragen habe. Oder Susanne würde es dir mal sagen. Und es ist richtig, dass ich es dir besser gleich hätte sagen sollen, dann hätte es damals kurz Zoff gegeben, aber es wäre damit erledigt gewesen. Nun haben wir den Streit halt eben jetzt. Du magst meinen Kalender nicht. Der mich viel Arbeit und Zeit gekostet hat und den ich speziell mit Liebe für euch gemacht habe, und weil du lieber Werbekalender magst. Und ich mag deine Socken nicht, die du mit Fleiss für mich gestrickt hast. Somit ist ja alles bestens und wir wissen beide jetzt Bescheid und machen es nächstes Jahr besser. – Wir schenken uns nichts mehr!“

Stille. Der Schwiegervater hüstelte, und versuchte sich am engen Kragen samt der seidenen Krawatte etwas Luft zu verschaffen.

Dann sagte er in die unangenehme Situation hinein: „Ich muss Christoph beipflichten. Man hätte ihn eigentlich mal fragen sollen, ob er Wollsocken überhaupt mag! – Und, damit du es weißt, Gertrud“, wandte er sich etwas unsicher an seine Frau, „ich, äh – also ich – ich mag Wollsocken eigentlich auch nicht, und habe mich auch nicht getraut, dir das zu sagen. Weil ich dich auch nicht verletzen wollte!“ Er senkte beschämt den Kopf.

Ruckartig stand die Schwiegermutter auf, Zornesröte stieg ihr ins Gesicht.

Dann fing sie an zu toben: „Was seid ihr doch für ein undankbares Pack! Vierzig Jahre lang habe ich mir die Finger krumm gestrickt, und nun das!“ Sie ging zackig wie ein Offizier zur Tür hinaus und knallte sie zu. So heftig, dass das Geschirr im Schrank laut klirrte. Die Zurückgebliebenen zuckten wie unter einem Peitschenhieb zusammen und schauten sich stumm und sprachlos an.

Gerade als sich der Schwiegervater bei allen entschuldigen wollte, ging die Türe nochmals mit einem wilden Ruck auf. Der zornrote Kopf der Schwiegermutter erschien im Rahmen.

Laut, mit einem unterdrückten, tiefen Schluchzer schrie sie in den Raum hinein: „Und – damit ihr es wisst – ich h a s s e stricken!“

Nun standen sie alle da, mit offenem Mund.

Den Schwiegervater aber packte es als Erster. Zuerst versuchte er es noch zu unterdrücken, aber es ging nicht. Er prustete los und bald kugelten sich alle vor Lachen. Nein, sie lachten und sie weinten durcheinander. Dann ging der Schwiegervater zur Tür. Er gebot allen, nun ruhig zu sein, da die Mutter das Gelächter falsch auffassen könnte. „Ich regle das mit ihr – ich trage eigentlich die Schuld dran. Wartet bitte hier.“

Es dauerte eine ganze Weile, bis die beiden wieder erschienen, die Mutter mit geröteten Augen. Sie setzten sich hin und dann begann der Vater zu sprechen.

„Wir haben das geklärt. Es ist meine Schuld“, sagte er, „dass es so gekommen ist. Als wir jung waren, war das Stricken für Frauen und Mädchen einfach Pflicht. Es gab ja nur diese Wollsocken. Als ich dann meine Frau kennenlernte, und wir die erste Weihnachtsfeier als Verlobte mit den zukünftigen Schwiegereltern feierten, überreichte mir Gertrud als erstes Geschenk ein Paar Wollsocken. Ich hatte sie nie gerne getragen, sie kratzten, und so lief ich, sobald es warm genug war, immer ohne Socken rum. Als dann die ersten dünneren modernen Dinger auf den Markt kamen, trug ich solche jeweils unter den Wollsocken. Und wenn Gertrud es nicht bemerkte, liess ich die wolligen Dinger ganz weg.

Ich war damals sehr verliebt. Ich wollte dieses tolle Mädchen nicht verletzen und dankte ihr etwas übertrieben für dieses Geschenk. Sie war über meine Reaktion leicht bestürzt und so doppelte ich noch etwas nach und erklärte nochmals, wie sehr ich mich darüber freue. Was ich aber bis heute nicht wusste – Gertruds Mutter hatte ihr gesagt, sie müsse ihrem Bräutigam unbedingt ein Paar Socken stricken, damit er sehe, dass er eine fähige, fleissige Frau kriegen werde. Obwohl sie wusste, wie sehr Gertrud stricken hasste. Und Gertrud war über meine Begeisterung entsetzt, sie hatte insgeheim irgendwie gehofft, dass ich die Socken nicht wirklich mochte. Aber – es gab ja für uns arme Leute noch keine Alternative, und das wusste sie auch. Gertrud also fügte sich den Konventionen. Und strickte schicksalsergeben fleissig jedes Jahr mehrere Paar Socken für mich zu Weihnachten. Denn ich hatte mich ja so wahnsinnig darüber gefreut. So seufzten wir vierzig Jahre lang heimlich – Gertrud, weil sie vermeintlich stricken musste, und ich, weil ich die Socken dann tragen sollte. Sie strickte aus Liebe, und nicht, weil sie es mochte, und ich trug sie aus Liebe, und nicht, weil ich sie gerne trug. Wir hätten miteinander reden sollen und ehrlich zueinander sein. Dann wäre Christoph gegenüber nicht wieder der gleiche Fehler passiert. Einfach so anzunehmen, dass er auch Wollsocken mag.“

Der Schwiegervater wandte sich an Christoph. „Tut mir leid, mein Junge. Wir vertragen uns wieder, gell? Aber sag – was hättest du denn gerne zu Weihnachten gehabt?“

Christoph erwiderte vorsichtig: „Darf ich das sagen?“
„Aber ja, mach schon!“ lachte der Schwiegervater.
„Dann“, stammelte Christoph, „dann hätte ich eigentlich sehr gerne, dass ihr übers Jahr versucht raus zu finden was mir Freude machen könnte und was mir gefallen würde. Ich lese und bastle oft, ich fahre Ski, ich gehe im Gebirge klettern. Ich mag Musik. Ich fotografiere und werkle im Garten – und wenn ihr trotzdem nichts findet dann fragt. Ich kann euch – sagen wir – dann drei Dinge nennen und davon wählt ihr etwas aus. Es macht nämlich auch nicht sehr viel Spass, wenn man im Voraus weiss was man kriegt!“

„Und was hättest du denn dieses Jahr gerne gehabt? Komm, sag schon, wir haben was gut zu machen. Du kriegst das noch, abgemacht?“
„Okay, das lasse ich gelten. Dann hätte ich sehr gerne dieses neue fantastische Fotobuch über die Schweizer Alpen gehabt – für einen Kletterer ein Muss!“

„Prima, das regeln wir!“ Der Vater war zufrieden.

Dann wandte sich Christoph an die Schwiegermutter: „Findest du denn den Kalender wirklich so mies? Guck ihn dir doch mal richtig an!“

Beschämt packte die Mutter den Kalender, setzte sich zum Vater.

Das erste Bild nach dem Deckblatt mit der neuen Jahreszahl kam zum Vorschein. Ein entzückter Ausruf. „Das ist ja im Park bei dem Wasserspiel wo du mir den Heiratsantrag gemacht hast!“ Die Schwiegermutter lächelte glücklich.
„Ja, und hier, in diesem alten, romantischen Kirchlein haben wir geheiratet!“
„Ah und da lebten wir die ersten Jahre!“
„Und hier gingen alle unsere Kinder zur Schule!“
„Och, und da ist das Haus!“
„Und sieh, er hat den Garten fotografiert, wie wunderbar. Guck, die Rosen!“
Sie waren begeistert, bis zum Dezember und fielen Christoph um den Hals.

„Junge“, sagte der Schwiegervater, „das hast du toll hingekriegt. Und fast hätten wir es vermasselt! Entschuldige nochmals! Wir werden das ganze Jahr über Freude an den tollen Fotos haben! Garantiert!“

Susanne trat zu Christoph hin und schmiegte sich in seinen Arm. Sie gab ihm einen Kuss und sagte: „Schatz, nachdem das mit den Eltern nun geregelt ist, glaube ich, sollten wir auch reden, nicht wahr? Du musst arg enttäuscht sein, es tut mir Leid, mein Lieber!“

Sein Zorn war verflogen. Er drückte sie und sagte: „Ja, nächstes Jahr machen wir es besser. Denn – ich bin nicht wirklich geschaffen für Weihnachten. Ich bin viel zu harmoniebedürftig und an Weihnachten sind die gegenseitigen Erwartungen einfach oft zu gross. Ich fühlte mich ausgenutzt und zu kurz gekommen.“

„Ich bedauere es“, sagte Susanne, „und du hast Recht, nie ist es leichter als an Weihnachten, die, die man liebt, zu enttäuschen…“

Er nickte und die übrigen ebenso.

Sie setzten sich also nochmals einmütig zusammen um den Baum um noch einmal ein paar Lieder zu singen.

Die Schwiegereltern schauten sich glücklich an, hielten sich an den Händen, die Kinder strahlten und Christoph hielt seine Susanne im Arm. Der Frieden war wieder hergestellt. Und jeder spürte – dass jetzt richtiger wirklicher Weihnachtsfrieden eingekehrt war.

Der letzte Ton des letzten Liedes war verklungen, friedlich sassen sie einträchtig im warmen Raum. Da erklang plötzlich ein furchtbarer, aber glücklicher Schrei, der alle zusammenfahren liess:

„Hurra! – Nie mehr stricken! – Hurra!“

Die Geschichte zum Ausdrucken:
Die Geschenke

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