Unterwegs

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Frauen auf Entdeckungsreise
„Wie? Du gehst alleine weg? Ohne deinen Mann? Ist das nicht voll langweilig?“
Diese Fragen kriegt man gestellt, wenn Frau sagt, dass sie alleine wegfahren wird.

Ab und zu alleine wegzufahren hat Vorteile. Man muss mit niemandem vorher Diskussionen über die Wahl des Reiseziels und die geplanten Aktivitäten führen. Man kann den Tagesablauf selbst bestimmen. Man kann so lange die Kameraeinstellung optimieren, wie man will, ohne auf die Begleiter Rücksicht nehmen zu müssen. Um dann später daheim festzustellen, dass die Bilder wegen der Ungeduld der andern noch schlechter ausgefallen sind als sonst. Man kann so lange am Fluss Entenküken knipsen wie man will. Keiner mault, weil man im Museum gerne akribisch genau alles über die Eroberung der Stadt durch die Franzosen lesen will. In aller Ruhe genießt man den traumhaften Sonnenuntergang und freut sich an Gottes Schöpfung, ohne dass jemand sagt: „Ich hab Hunger!“ oder: „Ich muss aufs Klo!“ Man kann ewig in der erhabenen Stille einer schönen Kirche sitzen und beten, ohne dass ein nervender Reiseführer sein orangefarbenes Fähnchen wie ein Damoklesschwert über einen wedelt und zum Weitergehen drängt.

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Anpassungsfähigkeit ist Bedingung
Wer gemeinsam auf Reisen geht, muss kompromissbereit und anpassungsfähig sein. Personen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen verbringen unter ungewöhnlichen Umständen eine intensive Zeit miteinander. Das birgt Konfliktpotential. Nicht immer stimmt das Programm für alle gleichermaßen. Man passt sich an und nimmt gewisse Dinge in Kauf, damit es aufgeht. Eine Statistik wollte deshalb kürzlich glaubhaft machen, dass nach den Sommerferien die Scheidungsrate signifikant ansteigt.

Nervende Begleiter
Ich erinnere mich an die Reise mit einem Architekten, der ein Faible für abstrakte Bauten hatte. Er fotografierte besessen, während der Rest der Gruppe höflich, aber ziemlich genervt wartete. Mir fällt auch das Paar ein, das sich jedes Jahr streitet. Er will in die Berge, sie ans Meer. Er langweilt sich am Meer und nörgelt dort dauernd rum. Sie findet die Berge beengend und kriegt Heimweh. Muss man denn, nur weil man verheiratet ist, dauernd alles zusammen tun? Essen, schlafen, duschen, einkaufen, aufs Klo gehen und zusammen Urlaub machen? Nein. Man muss nicht. Lilo und ihr Mann machen das so: Sie sonnt sich auf den Malediven. Daniel geht nach Frankreich in den Sprachkurs und beide sind zufrieden.

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Erfahrungswerte in Sachen frauenspezifischer Erholung
Frauen erholen sich vermutlich am besten ganz allein. Das ist meine ganz persönliche Ansicht, die auf eigenen Erfahrungen und den Aussagen von Freundinnen und Kolleginnen beruht. Das will aber keiner so richtig wahrhaben. Wir Frauen am wenigsten. Weil es sich irgendwie nicht gehört, die Familie einfach mal so ein paar Tage alleine zu lassen. Und weil Frauen, die plötzlich aus dem hektischen Alltag austreten, leicht depressiv werden können. Der Schritt heraus aus der Hektik und hinein ins Nichtstun ist oft krass. Ohne Haushalt, Job, Kinder, Ehemann und Zwergkaninchen? Es ist so ungewohnt, Tage ohne eine einzige Verpflichtung zu haben, dass man vorerst verdutzt dasteht und in ein psychisches Loch fallen kann. Wo vorher jede Sekunde verplant war, ist nun gefühlt zeitliche Leere vorhanden. Wie geht man damit um? Das muss man erst einmal lernen.

Anstrengende Vorbereitungen für den Sippenurlaub
Frauen erholen sich aber nicht unbedingt auf dem Campingplatz oder in einer Ferienwohnung mit Kind und Kegel, so nett dies auch sein mag. Die nötigen Vorbereitungen und Nacharbeiten für den Familienurlaub sind aufwendig und bleiben oft an ihnen hängen. Man muss in einer ungewohnten Küche kochen und vorgängig in fremden Supermärkten einkaufen, die Kinder unterhalten und stets Heftpflaster mittragen. Nach dem Urlaub Berge von Schmutzwäsche. Das heißt dann, Haushaltsführung unter erschwerten Umständen. Nein, man erholt sich viel besser im Hotel. Da kriegt man wenigstens ein paar Tage alles gemacht. Losgelöst von ALLEN Verpflichtungen des Alltags, sind hier echte Entspannung und Erholung möglich. Man muss keine Endreinigung organisieren oder dafür bezahlen und keine Bettwäsche mitbringen. Viele scheuen das, weil es im Hotel mehr kostet. Na und? Dann bleibt man eben ein paar Tage weniger lange als in einer Ferienwohnung, die billig, aber nur zu Fuß erreichbar ist. Dafür erholt man sich rascher und besser.

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Der Widerstand der Familie
Oft ist auch die Familie dagegen, dass man sich ausklinkt. Man fürchtet, ins Gerede zu kommen, oder als jemand zu gelten, der sich auf Kosten anderer ein schönes Leben macht. Und vergisst, dass man selbst hart und oft unbezahlt arbeitet.

„Mein Mann würde mir niemals erlauben, alleine wegzufahren“, sagte eine Bekannte, „es gehe nicht an, dass ich Geld für mich alleine ausgebe.“ Selbst hatte er sich aber gerade einen neuen Wagen im Wert von mehreren Weltumsegelungen geschenkt. Zudem, was soll die Mama, die Ehefrau denn bloß den ganzen Tag alleine am Strand? Und außerdem, sie könnte ja entführt oder überfallen werden. Sie könnte etwas Unanständiges tun, oder im schlimmsten Fall keine Lust mehr haben heimzukehren…

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Ungewohntes tun braucht Mut
Von einer gewährten Auszeit profitieren aber alle. Die Daheimgebliebenen üben sich in Selbständigkeit und erkennen, was sie alles klaglos und liebevoll gemacht kriegen. Die Frau kommt erholt heim und hat wieder die nötige Energie für den anstrengenden Alltag.

Frauen trauen sich aber häufig gar nicht, so etwas Ungeheuerliches zu tun, das sonst keiner wagt. Dazu braucht es Mut und Selbstbewusstsein. Tun sie es aber, dann ganz oft mit einem schlechten Gewissen und tausend Ausreden, um den Allein-Urlaub zu rechtfertigen. Sie vergessen dabei ganz, dass das weder verboten ist noch jemanden ausserhalb der Familie etwas angeht, wie sie ihr Leben planen.

Der Kilt wird sehr oft getragen -man begegnet ihm ständig.

Sicherheit und Risiko
Alleine reisende Frauen sind also eher die Ausnahme. Alleine reisen heißt aber, Dinge zu erleben die man als Gruppe oder Paar so nicht erlebt. Eine Frau, die alleine reist, hat eher Zugang zu den Menschen als ein Paar, das sich selbst genügt und eine Art vorerst unantastbare Einheit bildet. Auf Reisen kann Frau Bekanntschaften und Freundschaften schließen, die ein Leben lang halten.

Das einzige Problem auf Reisen für die Frau stellen die Männer dar. Dies ist eine leidige Erfahrung. Es kommt immer wieder vor, dass man belästigt wird. Eine allein reisende Frau scheint den Jagdinstinkt des Mannes zu aktivieren. Von sexuellen Belästigungen über Heiratsanträgen bis hin zu Betrügereien gibt es alles.

Es gibt gefährliche Destinationen für allein reisende Frauen. Die kann man getrost beiseite lassen und per Gelegenheit als Gruppe besuchen. Man findet aber genug Schönes in Gottes herrlicher Schöpfung, das man gut alleine erkunden kann. Wichtig ist, die gängigen Sicherheitsaspekte nicht außer Acht zu lassen. Selbstbewusstes Auftreten und Kenntnisse über die lokalen Gepflogenheiten schützen vor unliebsamen Zwischenfällen. Sich vorgängig über die Reisehinweise und die Sicherheitslage im Zielland zu informieren, ist Pflicht. Beim Eidgenössischen Departement des Äußeren, bei den politischen Vertretungen, den Botschaften und Konsulaten. Auch Reiseblogs von Frauen sind sehr informativ.

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Die Faszination der Single-Reisen
Alleine reisen ist spannend. So kann es sein, dass man ungewollt bemuttert wird und Fürsorge erfährt. So hat mich auf einer Tour in den Sinai ein Amerikaner unter seine Fittiche genommen. Er sah sich meine dilettantischen Versuche, unter Wasser die herrlich blauen Mördermuscheln (Tridacna maxima) zu erforschen, stirnrunzelnd an. Kurzerhand beschloss er, dieser Unbegabten in Sharm-el-Sheik respektvoll und mit viel Anstand das richtige Schnorcheln beizubringen. Ein Ehepaar aus Seattle hat mich in Jerusalem zu seinen Freunden mit nach Hause geschleppt. Dort bekam ich ein köstliches Abendessen vorgesetzt. Am nächsten Abend führten sie mich in das tollste Fischrestaurant der Stadt. Bis heute ist dieser Kontakt erhalten geblieben. In Berlin fragte ich eine Dame nach dem Bus. Es stellte sich heraus, dass sie deutsch-schweizerische Doppelbürgerin und die persönliche Referentin des Präsidenten des Abgeordnetenhauses war. Sie gab mir ihre Karte und lud mich zu einer privaten Führung ins Parlament ein.

Steht man in einer fremden Stadt an einer Straßenecke und studiert den Stadtplan, dann dauert es in der Regel nur ein paar Sekunden, bis einer fragt, ob er helfen kann. Die Hotelmanager sind besonders aufmerksam und ritterlich. Von den Einheimischen kriegt man gute Tipps, was man sich ansehen sollte, wo man lecker essen kann und wie man am einfachsten von A nach B kommt.

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Spannende Reisebeobachtungen
Wenn man alleine unterwegs ist, dann hat man viel Zeit zum Zuhören und Beobachten. So saß ich kürzlich in einem gemütlichen Altstadtrestaurant in Heidelberg. Ich hatte es gewählt, weil durch die aufgehende Türe Klaviermusik erklang. Ich trat ein und der Kellner fragte nach meinem Wünschen. “Ich möchte gerne etwas zu Abend essen.“ Unweigerlich folgt dann die Frage: „Sind sie alleine?“
Man verkneift sich die Entgegnung: „Sieht man das nicht?“

Der Pianist in seiner Ecke spielte: „Ich war noch niemals in New York“. Die vertraute Melodie und das milde Licht machten mich leicht sentimental. An den Wänden hingen Lampen in nachgeäfften Jugendstil. Miefende Dochtlampen standen auf den Tischen. Auf einer Anrichte glänzte ein blank polierter Samowar. Alte Fotos in Sepia in Rahmen, wie sie Oma im Wohnzimmer und der Schlafstube hatte.

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Rechts von mir setzten sich vornehme Herren hin. Mit Fliege und Seidentuch. Sie redeten über Literatur, die Goethe-Forschung, eine bevorstehende Laudatio. Sie siezten sich alle, der Herr Doktor, der Herr Professor. Irgendwann wurden sie persönlich. Einer der Herren sagte: „Das größte Problem ist die Einsamkeit, wenn man älter wird…“ Die andern nickten stumm und blickten eine Weile ins Leere. Links am Fenster saß ein älteres Paar still beim Abendessen. Touristen mit Rucksack und Kamera. Er hat seine Ringelmütze aufbehalten. Sie wechselten kein Wort. Und dann soll gemeinsames Reisen unterhaltsam und NICHT langweilig sein? Anschweigen kann man sich auch zu Hause. Fürs Schweigen muss man kein Geld ausgeben.

Geburtstagsfeier im Cafe
Interessant auch die Gruppe von Studenten in dem kleinen, versteckten Cafe. Man hatte grenzenlos Zeit, sie zu beobachten und ihren Gesprächen zu lauschen. Sie sprachen abwechselnd Englisch, Französisch und Deutsch. Die sommersprossige, rothaarige Engländerin mit dem pickelübersäten Gesicht und den vorstehenden Zähnen hatte Geburtstag. Sie bekam von den andern eine nette Karte. Dann bestellte sie einen Käsekuchen. Eine Mitstudentin packte vom Nebentisch ein Teelicht. Sie zündete es an und stellte es ihr mitten auf den Kuchen. Dann fragte sie die Rothaarige in einem niedlichen, französischen Akzent auf Deutsch, ob sie gerne jetzt schon gesungen haben möchte? Diese bejahte mit englischem Akzent, auch auf Deutsch. Und dann sangen sie alle lauthals und strahlend: „Happy Birthday to you!“ Entzückende, reizende jungen Leute.

Wenn Frau also eine Reise tut, dann kann sie was erleben – unvergessliche, großartige Momente.

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Frühlingsgefühle – Ursachen und Wirkung

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Der Frühling ist unterwegs zu uns. Man begegnet ihm an jeder Hausecke. Im Garten, auf den Wiesen, am Fluss und im Wald. Wer lärmt im Nistkasten am Haus? Noch ist es unklar. Jahr für Jahr beobachtet man Amseln, Rotkehlchen, den Hausrotschwanz, Kohlmeisen, Blaumeisen, und natürlich jede Menge frecher Sperlinge.

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Gottes wunderbare Schöpfung erfreut das Auge wieder einmal mehr. Das Grün erwacht zum Leben. Die eigenen Lebensgeister kriegen Aufwind und die Energie kommt zurück. Jeden Tag läuft man durch den Garten, um nichts zu verpassen. Da sind die Krokusse, dann die frühen Wildtulpen. Die Pfirsichbäume knospen. Bald werden ihre zarten, rosafarbenen Blüten jeden erfreuen, der daran vorbeigeht.

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Mehr Licht erfüllt nun den Tag. Das vermehrt die Ausschüttung von Serotonin und Dopamin. Beide Stoffe sorgen für ein besseres Lebensgefühl und eine angenehmere Befindlichkeit. Beim Menschen kann das eine leichte Euphorie auslösen. Man behauptet, dass die Sehnsucht nach einem Partner bei den meisten Menschen im Frühling intensiver sei. Die Ursache liege unter anderem in der vermehrten Ausschüttung von Hormonen. Das sei wissenschaftlich allerdings nicht bewiesen, sagt Wikipedia. Vermutlich würden auch optische Reize wie leichtere Kleidung eine Rolle spielen. Das ist sicher eine bösartige Vermutung, von Wissenschaftlern mit Erklärungsnotstand. Behaarte, käseweisse Männerbeine in Shorts sollen ein Auslöser sein? Egal, was die Ursache auch sein mag – man fühlt sich wie neu geboren und könnte Bäume ausreissen.

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Die Frühjahrsmüdigkeit hingegen ist weniger willkommen. Die Ursachen sollen immer noch unklar sein. Ist es das intensivere Licht, die ungewohnte Wärme? Die Ernährung? Der winterbedingte Bewegungsmangel? Am besten kämpft man dagegen mit viel Humor, genügend Schlaf, einer vitamin- und ballaststoffreichen Ernährung, genügend Flüssigkeit und viel Bewegung an.

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Fotos: K. & M. Plüss 2015

Das Ende ist nahe

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Was hier apokalyptisch klingt, ist keineswegs so gemeint. Sondern positiv. Denn ja, das Ende des Winters ist in Sicht! Bald wird der ganze Schnee von gestern sein. Schlechtwettertage mit Schneefall oder Regen wechseln sich mit fantastischen Wintertagen ab, die Tausende auf die Pisten locken. Die Tage werden endlich länger. Wir kriegen mehr Licht ab. Das tut gut. Man kriegt wieder Lust, sich draussen zu bewegen. Die ersten Aufrufe zum Abspecken von dem, was sich im kalten Winter zu Isolationszwecken auf den Hüften angesammelt hat, haben uns auch schon erreicht. Bereits sieht man einzelne, verkniffene Gesichter, die mittags mürrisch vor einem nackten Salatblatt und gärendem Grüntee hocken.

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Es gibt Besseres, als blöde Diäten mit Jo-Jo-Effekt. Viel Bewegung und Sport sind immer gut. Hoch vom Sofa. Den Fernseher einmotten, die Sportschuhe hervor holen. Raus in die Natur. Sich an der Schöpfung freuen. Nochmals auf die Skier, Schneeschuhwandern. Die letzten Wintertage in ihrer ganzen Schönheit geniessen, dann mit Power rein in den Frühling, und hinaus ins erwachende Grün! Die ersten Schneeglöckchen haben wir schon gesichtet. Also, Schluss mit dem Winterblues. Geben wir dem „Wir-können-die-Welt-erobern“-Gefühl vollen Raum. Winter ade! Es war echt schön mit dir.

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Winter und Wandern – EMMENTAL

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Wandern im Winter. Nirgends geht das besser als im EMMENTAL. Viel Schnee, eine wunderschöne, romantische Landschaft. Stille und Ruhe. Die ideale Gegend, um sich vom Alltag auszuklinken. Bewusst stelle ich mich auf die Lautlosigkeit ein. Jedes Geräusch nimmt man hier wahr. Einen bellenden Hofhund, der sein Revier verteidigt. Weit entfernt eine Motorsäge. Ein Trecker, der von einem abgelegen Hof weg tuckert. Die Kirchenglocken, und ab und zu ein Auto.

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Die kalte Luft scheint jeden Klang weit und klar über das Land zu tragen. Es gibt hier kaum Verkehrslärm. Und nachts ist es dunkel wie in einem Kuhmagen. Gefühlt scheinen hier Tage und Stunden länger zu dauern. Das muss an der Landschaft liegen. Die sanfte, hügelige Hoflandschaft des EMMENTALS weckt Heimatgefühle. Die mächtigen, schneebedeckten Dächer strahlen Geborgenheit aus. Wer hier geboren wurde, kehrt immer wieder zurück. Er lässt einen Teil seines Herzens hier.

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Hyperaktive Städter geraten leicht in Versuchung, das Leben hier als langweilig zu bezeichnen. Sie sind die Stille nicht mehr gewohnt. Sie wird als beängstigend empfunden. Langeweile definiert man als etwas Aufgezwungenes, das Unlust und Unwohlsein auslöst. Dagegen kann man aber meistens etwas tun. Nämlich die Fähigkeit entwickeln, in sich selbst zu ruhen und einfach mal zu sein.

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Je weniger man bereits als Kind geübt hat, selbst mit freier Zeit umzugehen, desto rascher verspürt man Langeweile, wenn man nicht von außen bespaßt wird. Wer also hierher kommt und Langeweile hat, weiss nicht, dass es auch genussvolle Muße gibt. Er bleibt dann besser in der Stadt.

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Den Lebensmittelpunkt aber auf einem der Höfe des EMMENTALS zu haben heißt, nicht zum Entspannen hier zu sein. Wer auf einem der abgelegenen Betriebe lebt, muss sich organisieren. Der Supermarkt liegt nicht gleich um die Ecke. Die oft mehrere hundert Jahre alten Häuser müssen der Nachwelt erhalten werden. Sie sind wertvolles Kulturgut.

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Der Unterhalt der alten Bausubstanz ist aufwendig und kostspielig. So sind die Bewohner oft in mehreren Berufen tätig, um genügend Einkommen zu haben. Das Leben ist teuer geworden. Ein kleiner Prozentsatz der ehemaligen Bauernschaft arbeitet noch als Landwirt. Es gibt immer weniger davon, weil dieses Leben nicht bequem ist. Die verbleibenden Bauern pflegen also die Landschaft, Äcker, Wiesen, Felder, Wald und das Vieh. Daneben arbeiten oft beide Elternteile wie auch die junge, nachfolgende, den Hof weiterführende Generation in einem weiteren Beruf. Man findet alles. Von der Krankenschwester bis zum LKW-Fahrer. Die Zeiten wie vor hundert Jahren, wo ein mittlerer Hof eine Grossfamilie zu ernähren vermochte, sind vorbei.

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EMMENTALER sind arbeitsam und machen nicht viele Worte. Nachbarschaftshilfe ist selbstverständlich. Das Klima prägt die Menschen. Sie sind das eher raue Klima, die strengen Winter gewohnt. Sie kommen gut mit viel Schnee klar. Wintertaugliche Fahrzeuge mit Vierradantrieb und Schneeketten fehlen nirgends.

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Hier kennt man sich noch und grüßt jeden. Wer mir begegnet, sagt einen Gruß, winkt oder nickt aus dem Auto heraus. Egal, ob er mich nun kennt oder nicht. So ist es Brauch. Wer hier nicht grüßt, schadet sich selbst.

EMMENTAL – ein schützens- und erhaltenswertes Landschaftsbild von nationaler Bedeutung. Aber – vielleicht sollte man es nicht allen sagen, wie schön es hier ist.

Sonst gehen womöglich alle hin…

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Happy New Year!

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Sind Sie gut ins neue Jahr gestartet, oder haben Sie es so gemacht wie ich? Das neue Jahr ist gerade mal einen Tag alt und hat mich bereits arg gebeutelt. Bei schönstem Wetter auf einer Wanderung im Emmental flog mir heute meine Kamera wegen klammen Fingern um den Kopf, nachdem sie mir vorher deswegen schon in den Schnee gefallen war.

So starte ich das neue Jahr mit einer Platzwunde, und einem Veilchen. Aber – wir bleiben tapfer.

Der Ausflug hat sich dennoch gelohnt. Die Bilder sind auf dem Ahorn bei Eriswil, Emmental, Kanton Bern entstanden. Anfahrt via Huttwil, Eriswil, mitten im Dorf links ab, Richtung Ahorn. Schneeketten ab Eriswil sind im Augenblick hilfreich. Parken beim Restaurant Ahorn. Wanderung Richtung Napf, Chatzenschwand, Birnbaum und hinten rum via „Seppi a de Weigere“ zurück. Winterfeste Ausrüstung ist Bedingung, Schneeschuhe ziemlich nützlich.

Viel Vergnügen beim Betrachten der Bilder.

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Ganz schön viel…

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…ist 2014 geschehen. Erinnern Sie sich? Alle Jahre wieder sind die Zeitungen im Dezember damit beschäftigt, uns einen Jahresrückblick zu verschaffen. Manchmal wundert man sich, dass dieses und jenes erst im zu Ende gehenden Jahr geschehen ist. Die Zeit vergeht so rasend schnell, dass gewisse Ereignisse in unserer Erinnerung bereits viel weiter zurück zu liegen scheinen. Hinter uns sind gute Stunden, freudige Ereignisse, wundervolle Erfahrungen. Aber auch Misserfolge, Verletzendes und der Abschied von geliebten Menschen.

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Welche Stichworte uns in diesem Jahr beschäftigt haben, sind nachfolgend ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aufgelistet.

Conchita Wurst
WM 2014
iPhone 6
Nahostkonflikt
Robin Williams
MH370
ISIS
Christenverfolgung
Edathy-Affäre
Krimkrise
Ukraine
Geri Müller
Jahr ohne Sommer
Ebola
Erhöhung des Rentenalter der Schweizerinnen
Udo Jürgens
Joe Cocker
Kein Schnee an Weihnachten
Wetterbedingtes Verkehrschaos in Europa

Am meisten betroffen gemacht hat sicher die weltweit zugenommene Christenverfolgung, die unglaublichen Grausamkeiten, die Menschen an Menschen verübten, und weiterhin verüben werden. Ein Gefühl von lähmender, unglaublicher Machtlosigkeit hat von einem Besitz ergriffen und man überlegt, was man dagegen tun kann. Beten? Geld spenden? Protestbriefe schreiben? Demonstrieren? Im eigenen Land dafür sorgen, dass wenigstens hier jeder anständig behandelt wird? Selbst damit zu beginnen, die Menschen so zu behandeln, wie man selbst gerne behandelt werden möchte?

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Die Menschen hier erzählen von ihren Ängsten, was die Zukunft anbelangt. Sie sorgen sich angesichts ihrer Kinder um die Weltlage, die zahlreichen Krisenherde. Sie fürchten neue Krankheiten, instabile politische Verhältnisse. Sie haben Angst vor noch weiter steigenden Kosten, Armut im Alter und Arbeitslosigkeit. Es sieht düster aus.

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Sich aber dem Pessimismus hinzugeben, das macht hoffnungslos. Und Hoffnungslosigkeit darf keinen Platz haben. Hoffnungslosigkeit lähmt und macht passiv. Denn so lange es noch Menschen gibt, die in ihren Herzen Liebe verspüren, so lange wird es auch Menschen geben, die sich für das Gute einsetzen. Es heisst doch so schön: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Das heisst, wer sich selbst mag, hat auch etwas für andere Menschen übrig. Wer mit sich selbst unzufrieden ist, ist wahrscheinlich also auch mit andern ungnädig. Das Gute im eigenen Leben sehen, selbst Gutes zu tun und so zu leben, dass ein friedliches Miteinander in Würde und Respekt möglich ist, kann unser Leben und das unserer Mitmenschen im neuen Jahr besser, freundlicher und glücklicher machen.

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Das Gute schätzen, sich an das Schöne erinnern, das wir hatten, das sollte uns dankbar und zufrieden machen. Und wenn wir die unterstützen, die in einer schwierigen Lage sind, tun wir damit auch 2015 bestimmt nichts, das falsch ist..

Möge Ihnen das neue Jahr viel Freude bringen, und mögen Sie selbst ein Teil des Guten sein, dass das Leben des Einzelnen besser macht oder besser machen kann.

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Alles Gute und Gottes Segen zum neuen Jahr. Mögen Ihre Wünsche, Träume und Erwartungen in Erfüllung gehen.

Julias Weihnachtsfest

Mein Weihnachtsgeschenk – eine Weihnachtsgeschichte für Sie

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Julia sah dem Weihnachtsfest mit gemischten Gefühlen entgegen. Sehr gerne wäre sie der Familienfeier fern geblieben. Aber ihr fiel keine glaubwürdige Ausrede ein. Es war doch Weihnachten! Da sass man doch friedlich und einträchtig zusammen! Aber bei Julia daheim war das nicht so. Julia war in eine Familie hinein geboren worden, die so ganz anders war als sie selbst. Zwischen Julia, ihren Eltern und ihren Geschwistern gab es keine Gemeinsamkeiten. Alles, was Julia interessierte, fand ihre Familie uninteressant. Und das, was ihre Geschwister und Eltern spannend fanden, gefiel Julia nicht.

Julia war etwas schüchtern, aber hilfsbereit und taktvoll. Sie interessierte sich für Kunst, Kultur und klassische Musik, und für andere Menschen. Ihre Familie hingegen interessierte sich für Volksmusik, Kampfsport und Armbrustschiessen, und in erster Linie für sich selbst. Julia hatte sich damit abgefunden, sich unter ihnen wie ein Fremdkörper zu fühlen. Stets hatte sie sich um ein gutes Verhältnis zu ihnen bemüht. Sie konnte aber tun und lassen was sie wollte, es wurde ihr negativ ausgelegt. Jedes Wort und jede Handlung ihrerseits wurden verdreht und es waren zahllose falsche Behauptungen über Julia im Umlauf. Ausserdem wurde sie immer herum kommandiert und es wurde über sie hinweg bestimmt. Gab es ein Fest zu feiern, war sie die Letzte die davon erfuhr. Man legte das Datum fest, ohne sie zu fragen, ob es ihr dann auch passen würde. Wenn sie dann verhindert war, wurde sie schikaniert. Es fielen Begriffe wie Egoismus und mangelnden Familiensinn. Obwohl sie schon längst erwachsen war, konnte es der Familie in den Sinn kommen, etwas grundlos von Julia zu fordern. Julia realisierte, dass das nicht gut war. Sie müsste endlich Grenzen setzen. Aber das fiel ihr schwer.

Eines Tages stand sie im Garten der Mutter. Sie fotografierte die Blumen. Zur Mutter sagte sie: „Guck, die Kamera ist neu. Ich bin noch nicht so vertraut damit. Ich versuche aber, hier ein paar Fotos zu knipsen und wenn sie einigermassen gut sind, mache ich für dich zu Weihnachten ein Fotobuch. Und den Geschwistern kann ich ja dann zu Weihnachten eine Foto-CD machen, falls ich die Zeit dazu finde. Mal sehen!“

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Das Jahr nahm seinen Lauf und Julia plante wie immer exakt. Ihre Arbeit bedingte dies. Sie hatte nicht viel Spielraum, aber gelernt, damit umzugehen. Ende November würde sie wie immer alle Geschenke eingekauft haben. Danach würde sie noch Zeit haben, das Fotobuch zu machen, vielleicht noch die CDs zu brennen, Plätzchen zu backen und Karten zu schreiben. Sie freute sich darauf.

Beginn November kam eine Nachricht von ihrer Schwester. Mit der Aufforderung, ihr die Foto-CD, die Julia versprochen hatte, gefälligst endlich zu schicken. Sie wolle einen Weihnachtsbrief machen und dazu ein paar von den Fotos verwenden, die Julia im Sommer gemacht hatte. Julia war verdutzt. Der Ton des Schreibens war arrogant, vorwurfsvoll und befehlend. Julia überlegte. Wenn sie damals nämlich keine Kamera dabei gehabt hätte, dann müsste ihre Schwester sich anderweitig Fotos besorgen und wäre erst gar nicht auf den Gedanken gekommen. Julia hatte das einfach zufällig so von sich aus und für sich gemacht. Ihr Vorschlag, den Geschwistern vielleicht eine CD zu machen, verpflichtete sie zu nichts. Wenn ihre Schwester also von dem Garten keine Bilder hatte, dann war das nicht Julias Problem. Heute hatte jeder ein Handy mit Kamera und ihre Schwester immer das neuste Modell. Sie checkte ihren Kalender und sah, dass sie vor Beginn Dezember sowieso keine Zeit hatte, sich damit zu befassen. Sie hatte Wichtigeres zu tun.

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Mitte Dezember war sie dann soweit. Sie war ein wenig enttäuscht, dass die Fotos nicht besonders gelungen waren. Sie versuchte, sie noch ein wenig zu bearbeiten. Aber es brachte nicht viel. Mit den besten Bildern erstellte sie das Fotobuch und brannte die CDs. Aber das Programm bockte und sie musste jemanden fragen, der sich damit auskannte. Als sie dann fertig war, sandte sie zwei CDs an ihre Schwester und erwähnte, dass die Bilder leider nicht so toll waren. Mit der Bitte, eine der CDs dem Bruder, der in Namibia lebte, beim nächsten Urlaub zu geben. Ihre Schwester besuchte ihn fast jährlich. Das fand Julia toll, dass er jedes Jahr von Astrid Besuch erhielt und sie die Möglichkeit hatte, das zu tun. Bestimmt ein gutes Mittel gegen Roberts Heimweh.

Nach ein paar Tagen erhielt Julia eine Nachricht:

„Hallo Julia,

danke für die CD.
Einige Fotos sind wirklich nicht so gut.

Aber erstaunt bin ich doch, was die CD für Robert bei mir soll?
Wieso ich sie monatelang lagern soll?

Hättest du wie ich dir gesagt habe Ende November geschickt, wäre sie nun im Paket nach Namibia, dass ich am 03. Dezember an Robert geschickt habe.

Gewisse Sachen muss ich wohl nicht verstehen!“

Julia schüttelte den Kopf. Ihre Schwester hatte in ihrer grossen Villa nirgends Platz, um bis zum nächsten Urlaub eine Foto-CD aufzubewahren? Und dann schrieb sie auch noch „das“ mit zwei s. Davon, dass Astrid Robert ein Paket senden wollte, davon hatte Julia nichts gewusst. Die Schwester hatte nur von Weihnachtsbriefen gesprochen. Und für die und die unbekannten Pläne ihrer Schwester fühlte sich Julia richtigerweise nicht verantwortlich. Sie beschloss, die arroganten, unhöflichen Worte zu ignorieren.

Julia war es gewohnt, dass man um etwas freundlich bat. Und nicht einfach andere herum kommandierte und frech Dinge forderte. Sachen, die man, weil man selbst gedankenlos und zu faul gewesen war, von andern erledigt haben wollte. Und nun sollte sie mit ihrer Familie Weihnachten feiern? Mit einer Familie, die immer an ihr herum mäkelte, sie auszunützen versuchte und Unwahrheiten über sie verbreitete?

Heilig Abend lief sie also die Strasse zum Haus ihrer Eltern entlang. Es fing sachte zu schneien an. Warmes Licht strömte aus den Fenstern und ab und zu hörte sie Musik, Gesang und Lachen. Julia sehnte sich nach Menschen, die sie mochten und gerne mit ihr zusammen waren.

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Ihr war das Herz schwer. Sie wusste, dass sie am bevorstehenden Abend nichts als Sticheleien zu erwarten hatte. Vorwürfe, die CD nicht schon Ende November gesandt zu haben, und vieles mehr. Man würde ihre Frisur beanstanden, ihr Kleid bemängeln und ihre Figur. Wie jedes Jahr würde sie schweigend das Essen über sich ergehen lassen, sich für die Schokolade bedanken, die sie bekam und dann traurig nach Hause gehen.

Gerade als Julia in die Gasse einbiegen wollte, wo ihre Familie wohnte, stiess sie mit einer Frau zusammen. Sie entschuldigte sich rasch. Dann erkannte sie ihre Nachbarin.

„Frau Seidl, entschuldigen Sie! Ich war so in Gedanken versunken! Ich hoffe, ich habe Ihnen nicht wehgetan!“

Frau Seidl wehrte ab.

„Nein, nein, mir ist nichts passiert!“ In diesem Moment aber fiel das Licht der Strassenbeleuchtung auf Frau Seidls Gesicht. Julia sah, dass Frau Seidl verweinte Augen hatte. Sofort rührte das ihr mitfühlendes Herz.

„Frau Seidl, was ist passiert? Sie haben geweint?“

Kaum hatte sie das gesagt, brach die Frau heftig in Tränen aus und Julia blieb nichts anderes übrig, als sie in ihre Arme zu schliessen. Tröstend tätschelte sie Frau Seidl den Rücken. Und weil die Schluchzer nicht aufhören wollten, fasste sie einen Entschluss.

Sie nahm Frau Seidl am Arm.

„Wir gehen jetzt zu mir. Es ist Heilig Abend und Sie sollen nicht weinen müssen. Lassen Sie uns zusammen in meine Wohnung laufen und dann erzählen Sie mir, was Sie plagt!“

Zu Julias Erstaunen liess Frau Seidl geschehen, was sie vorgeschlagen hatte. Die beiden gingen also den Weg zurück, den Julia gekommen war.

Julia zog den Schlüssel zu ihrer kleinen Wohnung aus der Handtasche und schloss auf. Sie nahm Frau Seidl den Mantel ab und bat sie, auf dem grossen Sessel Platz zu nehmen. Dann nahm sie ihr Handy und wählte die Nummer ihrer Eltern.

„Mama? Ihr müsste ohne mich feiern, tut mir leid. Ich kann nicht kommen, ich war schon unterwegs und musste umkehren. Nein, mir selbst ist nichts passiert, aber jemand braucht gerade Hilfe. Ich komme morgen zu euch. An Weihnachten. Gute Nacht!“
Kurz und bestimmt hatte Julia geredet. Sie hatte noch gehört, wie ihre Schwester gerufen hatte: „Was, Julia kommt nicht? Spinnt die denn jetzt völlig?“

Ihre Familie würde das Fest ohne sie bestens überleben. So konnten sie ungeniert über Julia klatschen.

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Julia setzte Wasser auf und kochte Tee. Sie zündete die Kerzen an dem kleinen Christbaum an und setzte sich zu Frau Seidl.

Dann nahm sie Frau Seidls Hand.

„Jetzt erzählen Sie mir, was los ist!“

Frau Seidl war es nicht recht, Julia von der Familienfeier abgehalten zu haben. Julia aber versicherte ihr, dass sie auf einen Abend, wo man sie eh gedachte fertig zu machen, gut verzichten könne. Und sie würde gerne wissen, ob sie Frau Seidl in irgendeiner Weise helfen könne?

Nervös strich sich Frau Seidl übers Haar.

„Ach, Sie wissen doch, dass ich einen unehelichen Sohn habe. Das war nicht einfach gewesen. Ich habe aber alles für meinen Sohn getan und ihn alleine gross gezogen. Er konnte sogar studieren. Jetzt ist er Anwalt und schämt sich für seine Mutter, die nur eine Hilfskraft und unverheiratet ist. Er hat mich zwar für heute Abend eingeladen, aber mir den ganzen Abend zu spüren gegeben, dass ich eigentlich nicht in sein schickes Appartement und zu seiner mondänen Gattin passe. Ich hatte mich so auf den Abend gefreut. Ich sehe ihn und die Kinder ja kaum, obwohl sie auch hier in der Stadt wohnen. Sie haben mich alle so von oben herab behandelt, dass ich vorgab, starke Kopfschmerzen zu haben und darum bat, mich hinlegen zu dürfen. Danach habe ich einen Zettel geschrieben. Ich bin aus der Wohnung geschlichen, während sie beim Essen waren. Ich wollte nicht, dass es vor den Kindern eine Szene gibt.“

Nun weinte Frau Seidl wieder. Julia war erschüttert. Frau Seidl war eine tolle Frau. Ihr Sohn konnte stolz auf seine Mutter sein! Was die alles geschafft hatte!

Mitfühlend sagte sie: „Weinen Sie nicht, Frau Seidl. Es ist nicht Ihre Schuld, dass er so geworden ist, das ist nicht Ihr Fehler. Menschen wählen es oft selbst aus, wie sie sein wollen. Und Menschen ändern sich nicht, nur weil Weihnachten ist. Wir meinen das, aber es ist nicht so. Sie versuchen nicht einmal, sich besser als sonst zu benehmen. Sie haben nicht begriffen, was Weihnachten genau bedeutet und uns gebracht hat. Jetzt feiern wir zwei eben zusammen. Wir essen jetzt etwas und danach spiele ich auf dem Klavier die alten Weihnachtslieder und wir singen. Einverstanden?“

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Einige Zeit später drang Bratenduft aus der Türe und es erklangen aus der kleinen Wohnung die altvertrauten Melodien, die an Weihnachten aus Tausenden von Stuben erschallen. Und weil es mittlerweile warm geworden war, hatte Julia kurz ein Fenster aufgemacht.

Bald danach klingelte es an ihrer Tür. Julia öffnete. Vor ihr stand Udo Berger, ihr Nachbar. Er war seit kurzem verwitwet. Verlegen entschuldigte er sich. Er stammelte:

„Wir haben Ihre Musik gehört, und die ist so schön, und ich und mein Sohn, der Toni, wir sind so alleine, und…“

Er konnte nicht weiter reden. Tränen liefen ihm über die Wangen. Julia packte ihn kurzerhand an der Schulter und schob ihn in ihre Wohnung. Dann rief sie in die offene, gegenüberliegende Wohnungstüre hinein nach dem Sohn, der sich etwas peinlich berührt, für seinen Vater entschuldigen wollte.

„Sagen Sie nichts. Kommen Sie einfach rein!“ Julia nickte ihm wohlwollend zu und blickte in seine braunen, warmen Augen.

Sie schenkte den Männern eine Tasse Tee ein, versorgte sie mit Gebäck und setzte sich wieder ans Klavier.

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Zu viert sangen sie, bis sie nicht mehr konnten. Julia las die Weihnachtsgeschichte vor. Der Nachbar faltete die Hände und sprach ein inniges Gebet, das allen zu Herzen ging. Dann tranken sie noch ein Glas Wein zusammen. Herr Berger und Frau Seidl lächelten nun wieder, ihre Tränen waren versiegt.

„Vielen Dank, das hat uns so gut getan, nicht wahr?“ Udo Berger blickte zu Frau Seidl hin, und sie hakte sich bei ihm ein.

Sie nickte und beide schüttelten Julia die Hand. Sie drückten sie innig und boten ihr an, sie beide doch beim Vornamen zu nennen. Der Sohn schloss sich dem an.

„Ich hoffe, es war nicht das letzte Mal, dass wir zusammen gesungen haben, Julia. Es war wunderschön!“ Toni blickte sie freundlich an, und Julia wurde ganz warm ums Herz.

Als alle heim gegangen waren, sank Julia müde ins Bett. Sie hatte den Eindruck, von Gott am heutigen Abend eine Art Ersatzfamilie geschenkt bekommen zu haben.

Am nächsten Morgen erhielt sie einen Anruf ihrer Schwester.

„Wie konntest du uns den Heilig Abend nur so verderben? Es ist mit dir immer dasselbe! Du bist eine absolut scheußliche und egoistische Person! Du warst ja nicht einmal in der Lage, mir die CD rechtzeitig zu geben, die ich von dir haben wollte. Du bist total egoistisch. Vollkommen asozial! Was hast du überhaupt für einen Scheiss angestellt, dass du nicht kommen konntest?“

Ohne zu antworten, würgte Julia das Gespräch ab und schaltete das Handy aus. Ihr Blick fiel auf das Bild, das an der Wand hing. Es zeigte Jesus, wie er am Kreuz hing. Jesus hatte sich nicht gerechtfertigt. Er hatte das nicht nötig gehabt. Und Julia fand, sie müsse sich auch nicht rechtfertigen. Was hätte sie auch sagen sollen?

Lächelnd setzte sie sich ans Klavier. Heute war Weihnachten. Vor zweitausend Jahren war Jesus geboren, um den Menschen Frieden zu bringen. Julia war glücklich. Sie summte die ersten Takte, und dann sang sie. Ihre glockenhelle Stimme trug das „Gloria in Exelsis Deo“ in die Welt hinaus.

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Lieber Leser, ich wünsche Ihnen frohe, gesegnete und friedliche Weihnachten. Möge der Friede Gottes Sie auch ins neue Jahr begleiten, und möge es Ihnen und Ihren Lieben gut gehen!

Was ist das?

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Rätselhaftes…
Was sehen Sie hier? Können Sie erkennen, was abgebildet ist? Oft sieht man etwas, und weiss doch nicht genau, was es ist. Manchmal irrt man sich und fällt einer Täuschung zum Opfer. Man hat keine Ahnung, was abgeht oder was los ist. Dann entsteht dieses unangenehme Gefühl, das uns dann befällt, wenn wir uns verfahren haben. Wenn wir nicht genau wissen, wohin der Weg führt und wir irgendwo landen, wo man niemals hin wollte.

Vom Weg abgekommen
Es gibt Menschen mit einem ausgezeichneten Orientierungssinn. Sie finden noch nach Jahren einen Ort wieder, an dem sie einmal waren. Egal, ob es Nebel hat oder stockdunkel ist. Sie landen auch dann am Ziel, wenn die Wegbeschreibung diffus war und die Strasse nur schlecht erkennbar. Ich kann da nicht mithalten.

Als ich noch kein Navigationsgerät besass, waren unbekannte Ziele eine Herausforderung. Da war diese Fahrt nach Hessen. Es war Freitag, und ich hatte eine Verabredung. Es hatte viel Verkehr. Eine Stunde vor dem Ziel stand ein LKW quer auf der Autobahn. Die Sonne ging langsam unter und ich geriet leicht in Panik, als ich auf die Uhr schaute. In der Aufregung verliess ich die Autobahn eine Ausfahrt zu früh und fand mich plötzlich in Gießen wieder. Da hatte ich aber gar nicht hin gewollt. Während die Dämmerung hereinbrach, versuchte ich anhand der Schilder und der Strassenkarte herauszufinden, wo ich gerade war. Und da mir das Kartenlesen nicht liegt, dauerte es eine Weile, bis ich das raus hatte. Ich war noch nie in dieser Stadt gewesen. Der Schweiss lief mir in den Nacken und ich hoffte einfach, dass ich es noch in letzter Minute schaffen würde.

Ich wundere mich immer noch, dass ich das Ziel trotz der Dunkelheit fand. Die Gastgeber waren schon sehr besorgt gewesen. Vor Schreck hatte ich nicht einmal daran gedacht, anzurufen und zu sagen, dass ich mich verspätet hatte.

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Die Rettung
Eines Tages schenkten sie mir dann ein Navigationsgerät. „Nun bin ich alle Sorgen los!“ Das dachte ich zufrieden. Jetzt würde ich immer alles finden.

Eines Tages ging das Gerät kaputt. Ich kaufte ein neues. Das funktionierte aber nicht richtig. Mehrmals ging es zurück an die Firma. Nach der dritten Reparatur in Holland versicherte man mir, dass es nun perfekt funktionieren sollte.

Weit gefehlt. Als ich es wieder benutzen wollte, um einen abgelegenen Ort zu finden, streikte es plötzlich. Ausgerechnet auf der Autobahn, vor einem Tunnel. Ich hatte keine Ahnung, welche Ausfahrt ich danach nehmen musste. Die erste, die zweite? Ich entschied mich für die erste. Das war falsch. Die Sicht war schlecht. Es schneite leicht. Der vor mir liegende Weg war kaum erkennbar. So übersah ich ein strategisch wichtiges Schild. In der Folge landete ich mitten in Eis und Schnee auf einem Berg. Dort kam der Wagen auf einem Eisfeld ins Rutschen. Ich hatte keine Ahnung, welche Manöver nun auszuführen waren, um hier schadlos weg zu kommen. Es war im Dunkeln unmöglich, Schneeketten zu montieren. Die Strasse war zugeweht und nicht mehr erkennbar.

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Es blieb mir nichts anderes übrig, als Hilfe zu holen. Nachdem man mich gerettet hatte, funktionierte auch das Gerät wieder. Seither sind meine Gefühle für diese Sorte Hilfsmittel ambivalent…

Ist es so nicht auch oft im Leben? Wir wissen nicht mehr weiter. Das Ziel scheint unklar, wir geraten in eine Sackgasse oder gehen einen Weg, den wir besser nicht gewählt hätten. Wir haben uns geirrt, und die eingeschlagene Richtung ist weder einfach noch sicher.

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Hilfreiche Leitplanken für ein besseres Leben
Wir brauchen also sozusagen auch sonst ein Navigationsgerät, damit wir einigermassen die Spur halten können. Sei es, wenn etwas nicht klar ist oder wir nicht genau wissen, wie wir handeln sollen. Dann, wenn wir versucht sind, eine Dummheit zu begehen, uns oder anderen schaden könnten. So etwas in der Art sind gewissermassen die Zehn Gebote. Man könnte meinen, dass sie ein alter Zopf sind und nicht mehr ins Heute passen. Und vergisst ganz, dass unsere Rechtsprechung und die Gesetzgebung darauf beruhen. Diese klar und knapp formulierten Gebote waren also die Basis, um das Zusammenleben der Menschen erstmalig untereinander erträglich zu machen.

Wir wissen alle, dass der Mensch kaum in der Lage ist, all das sein Leben lang ganz zu halten. Wer aber sein Bestes tut, der trägt dazu bei, dass es auf Erden weniger schwierig ist. Das Leben aller wird friedlicher, sicherer, angenehmer. Die Gebote schützen unser Leben und unser Eigentum. Wenn wir also ganz ehrlich wären, dann müssten wir eingestehen, dass diese wenigen, knapp definierten Worte uns nützen. Sie sind klar formuliert und eben alles andere als diffus…

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Fotos: Copyright by Thomas Falkenrodt 2014

Stresstest oder Stressfest?

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Im September sah ich erste Regale mit Weihnachtszeug. Ich maulte die Verkäuferin an: „Jetzt schon Lebkuchen?“ Sie meinte: „Die Leute wollen es. Sie glauben nicht, wie viel schon weg sind!“ Nein, ich glaubte es nicht. Ich wollte jetzt den Herbst geniessen und keine Lebkuchen! Weihnachten war noch weit weg. Vor November wollte ich nichts davon hören. So wie früher.

Ach, war das schön!
Kurz vor dem ersten Advent holte man die Tannenzweige. Man wickelte Stroh um einen rund geformten Draht, bis alles dick genug war. Dann band man das frische Grün ringsum. Rote Kerzen kamen auf den fertigen Kranz. Am ersten Adventsonntag wurde die erste Kerze angezündet. Dann sassen die Kinder mit andächtigen Blicken vor dem warmen Licht. Das waren kostbare Momente. Heute noch löst die Erinnerung das Gefühl von Geborgenheit aus. Mandarinen gab es erst am Nikolaustag. Mit den Vorbereitungen fing man frühestens ab Ende November an. Obwohl die Tage ausgefüllt waren, meinte man, es dauere ewig bis Heilig Abend. Mit jedem Tag wuchs die Vorfreude. Wo bleibt die, wenn Weihnachten bereits im September beginnt? Was lange dauert, wird fad. Wieso tun wir da mit? Ist uns bewusst, was uns das an Geld, Zeit und Nerven kostet?

Das sind über drei Monate Bluthochdruck. Machen wir es uns doch einfacher! Keine grossartigen Geschenke, dafür mit mehr Liebe.

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Weniger ist mehr
Besser etwas spenden! Von allem etwas weniger, alles bescheidener. Schrauben Sie die Ansprüche herunter. Backen Sie nicht mehr zehn Sorten Weihnachtsgebäck, aber die doppelte Menge. Tauschen Sie die Hälfte Ihrer Zimtsterne mit der Hälfte der Lebkuchen Ihrer Freundin, und Sie haben mit weniger Aufwand genau so viele Sorten wie sonst.

Ein perfektes Fest?
Ihr Weihnachtsfest muss nicht so perfekt sein wie im Fernsehen, bei Möbel Pfister oder Betty Bossi. Sie müssen nicht überall teilnehmen und vor Weihnachten ein Monsterprogramm bewältigen. Sie müssen nicht alle Erwartungen erfüllen. Es gibt kein Schweizerisches Weihnachtsgesetz, das vorschreibt, was angebracht ist oder nicht. Wir selbst sind es, die mit unseren Erwartungen diese ungeschriebenen Ordnungen manifestieren. Die dann manchmal an Weihnachten Streit auslösen, weil es nicht so lief, wie man es sich vorgestellt hat. Weihnachten aber ist das Fest der Liebe, kein Stresstest und nicht das nationale Stressfest! Also, wollen Sie an Heilig Abend völlig erschöpft und mit einem Weinkrampf unter dem Baum zusammenbrechen? Nein? Dann bleiben Sie cool und lassen Sie sich nicht stressen.

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Ich wünsche Ihnen eine schöne und besinnliche Adventszeit!

Dieser Beitrag erschien als Kolumne am 18. November 2014 im Unter Emmentaler

Leben ohne Licht…

… so was gibt es nicht.

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Die Tage sind kurz geworden. Der Winter steht vor der Türe. Vermehrt brauchen wir mit dem Beginn des Herbstes Kunstlicht, um überhaupt zu sehen, was wir tun. Kunstlicht ist kein Ersatz fürs Tageslicht. Es hat einfach nicht die gleiche Wirkung und die gleiche Qualität. Ohne Sonnenlicht, das auch Biolicht genannt wird, würde es auf der Erde kein Leben geben. Wenn die Sonne lange ausbleibt, dann hat das Auswirkungen auf den Stoffwechsel, das Immunsystem und die Hormone des Menschen. Sonnenlicht steuert zahllose Körperfunktionen. Deshalb ist es wichtig, sich viel im Freien aufzuhalten.

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Fortwährender oder langanhaltender Lichtmangel kann Psyche und Körper krank machen und zu Schäden führen. Und weil hier im Winter die Sonne weniger scheint, findet man oft, dass es bis zum Frühjahr ewig dauert. Die kalte Jahreszeit scheint gefühlt viel länger zu sein als der längste Sommer…

Licht bringt Farbe und Wärme ins Leben. Deshalb erträgt man viele sonnige Tage besser und länger als eine langanhaltende Schlechtwetterperiode.

Fehlt das Tageslicht, dann bringen wir mehr Licht in unsere Wohnstuben. Lampen, Teelichter und Kerzen werden hervor geholt. Kerzenlicht ist besonders beliebt. Es wird als angenehm empfunden und erzeugt ein Gefühl von Geborgenheit. Kinder sind von Kerzenschein besonders fasziniert. Wir alle kennen diese bezaubernden und staunenden Blicke von grossen Kinderaugen, die das Herz berühren.

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Licht bedeutet Leben, Geborgenheit, Wärme, Gesundheit. Licht braucht man also für die körperliche Gesundheit. Auch der Geist und die Seele brauchen Licht. Das kapiert eigentlich jeder irgendwann. Somit hat der Begriff „Licht“ auch einen geistlichen Aspekt. Trotzdem verstand nicht jeder, was Jesus meinte, als er sagte:

„Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

Kerze mit Rose

Das war eine Aussage, die provozierte und ausgerechnet von den Gelehrten und Mächtigen der damaligen Zeit nicht in ihrem Sinn erfasst wurde – oder vielleicht einfach nicht verstanden werden wollte…

Wer aber das Glück hat oder hatte, zu verstehen, was genau damit gemeint ist, der ist sozusagen „ans Licht gekommen!“

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Liebe Leser, ich wünsche Ihnen trotz des bevorstehenden, dunklen Winters viel Freude, wundervoll gemütliche Stunden in der warmen Stube, und ein Herz voller Liebe und Licht!