Schön ist der Frühling, und grün ist das Gras

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Frühling – die schönste Zeit des Jahres. Nach kalten, sonnenarmen Wintertagen empfindet der Mensch sehr intensiv. Die kraftvoll erwachende Natur steht wieder auf. Sie ist mit ihren leuchtenden Farben ein fortwährender Orgasmus fürs Auge. Man kann sich nicht satt sehen. Das üppige, zarte und frische Grün, die blühenden Obstbäume, Narzissen, Tulpen, Flieder, leuchtende Rapsfelder.

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Ein sanfter Wind, der zart über die junge Gerste streift. Ein blauer Himmel und vorbei ziehende Wolken. Blumenduft, Vogelgezwitscher, Sonnenstrahlen auf bleicher Haut. Die Lebensgeister erwachen. Männer gucken den Frauen hinterher. Frischgebackene Mütter bringen ihre Babys an die Sonne. Im Nachbargarten steigt die erste Grillparty. Frauen machen Frühlingsputz.

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Blütenstaub, wo man hin guckt. Auf meinem dunklen Wagen. Meine Tochter kann nicht widerstehen. Sie zeichnet mir ein grosses Herz auf die Kühlerhaube. Ihr Bruder schüttelt den Kopf. „Das Herz wird dich für immer an sie erinnern! So was gibt Kratzer!“ Ich freue mich trotzdem. Was sind die paar Kratzer im Vergleich zu einem Liebesbeweis? Vollkommen egal und ohne Ewigkeitswert.

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Frühling – Taschentücher und Augentropfen griffbereit – Allergiker leiden jetzt. So sind Leid und Freud wieder einmal nahe beieinander. Man freut sich tränenreich, mit brennenden Augen und Atembeschwerden. Ein Regenguss, der die Pollen weg schwemmt, ist willkommen. Danach ein Himmel, so blau wie Murano-Glas. Unfassbar dramatische Wolkengebilde. Jeder Augenblick draussen ist kostbar. Denn irgendwann wird jedem klar, dass die Stunden, die bleiben, mit jedem Jahr weniger werden…

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Frühling – Zeit der Frühlingsfeiertage – Karfreitag – Ostern, Maifeiertag, Pfingsten. Geschenkte Tage, um sich zu erholen, zu entspannen, Kraft zu tanken und nachzudenken. Zeit, um Gottes wunderbare Schöpfung zu geniessen und sich daran zu erfreuen. Zeit, um sich an die zunehmende Wärme zu gewöhnen und wieder mehr Sport zu treiben.

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Frühling – er zeigt uns jedes Jahr, wie wundervoll die Welt ist. Die neu erwachten Lebensgeister sind überwältigend, das Leben herrlich, jeden Sonnenstrahl und jede Blüte empfindet man als kleines Glück.

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Denn man wird sich bewusst, dass es auch die Jahreszeit ist, die ein Sinnbild fürs ewige Leben und das Leben nach dem Tod ist. Denn, was tot war, das blüht und grünt nun wieder.

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Lieber Leser, geniessen Sie jeden Strahl der Sonne, jede Blüte und jeden guten Moment innig. Das Leben ist zu kurz, um es nicht zu tun.

Ein Käfer in meinem Haus

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Winterliche Sicht auf den Hohgant / EMMENTAL

Der Winter war bisher mild, wärmer als letztes Jahr. Klar gab es auch zahllose trübe Tage, an denen die Stimmung auf den Nullpunkt sank. Aber es war nicht so kalt wie andere Jahre. Und Schnee schippen musste man im Unterland auch kaum.

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Das Unterland ohne Schnee und Eis

Das hatte Folgen. Eines Tages bewegte sich etwas. Ich sass versunken im Büro vor dem Rechner. Plötzlich sah ich ein Ding, dass über den oberen Rand des Bildschirms krabbelte. Eine Baumwanze. Genau die Sorte, die oft auf den elterlichen Kirschbäumen hockte. Und die ein bitteres Sekret abgeben, wenn man sie samt Kirschen in den Mund kriegt.

Ich liess die Wanze spazieren. Sie musterte meine Telefonliste und kletterte dann aufs Telefon. Sie unterhielt mich mit ihrem Herumkrabbeln ein paar Tage. Als sie weg war, vermisste ich sie.

Die zart zitternden Fühler fehlten mir. Ich fühlte mich plötzlich etwas einsam. Der Winter-Büro-Koller hatte mich erwischt.

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Zu Hause hatte ich ebenfalls einen Gast bekommen. Die fehlende Kälte hinderte die Tiere wohl am Winterschlaf. Ein Marienkäfer tauchte auf. Eines Tages klebte er am Vorhang in der Küche.

Ich wollte ihn nicht nach draussen tun. Es schien mir doch zu kalt. Ich hatte Angst, er könnte sich erkälten. Aber, wovon würde er leben?

Der Marienkäfer leistete mir also Gesellschaft. Jetzt, wo fast alle ausgezogen waren, gab es ja Raum genug. Toll, so ein Haustier, das nichts zu tun gibt. Und mit dem man reden kann, wenn man sich unterhalten will. Der Käfer hörte mir jeweils gelassen zu. Er verzichtete darauf, mir irgendwelche Lösungen für meine Probleme an den Kopf zu schmeissen. Er schien viel Empathie zu haben. Er kam dann hervor, wenn ich gerade etwas brauchte. Er flog manchmal auf meine Fingerspitze. Er konnte mich ja nicht in den Arm nehmen. Und ich konnte den Kopf nicht an seine Schulter lehnen. Dazu war ich Kleine eine Nummer zu gross.

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Der Käfer stellte keine Forderungen. Er machte nichts dreckig. Ich musste nicht für ihn kochen und nicht mit ihm schlafen. Er widersprach und maulte nicht. Ich fand ihn äusserst attraktiv, niedlich. Ich mochte ihn sehr. Ein wunderbares Geschöpf Gottes. Er krabbelte morgens leichtfüssig neben meinem Frühstück hin und her. Ob er wohl Durst hatte?

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Mein Marienkäfer. Ich nannte ihn Gibbs. Weil mir Mark Harmon so gefällt…

Also goss ich einen Teelöffel Wasser auf den Tisch. Siehe da, er ging hin und schien zu trinken. Aber was würde er fressen? Die paar Brotkrumen, die ich liegengelassen hatte? Ich wusste es nicht. Etwas betrübt überliess ich ihn seinem Schicksal. In der Hoffnung, ihn später vorzufinden.

Aber – eines Tages blieb er verschwunden. Ob er in einer Ecke des Hauses still und leise gestorben war? War er beim Lüften durchs offene Fenster hinaus geflogen und nun erfroren?
Mein angenehmer Frühstücks-Kumpan war weg. Traurig guckte ich in alle Ecken. Ich rief nach ihm. „Hallo, mein Käfer! Süsser! Gibbs!“ Keine Antwort. Er war fort. No Gibbs anymore.

„Wie konntest du nur!“, sagte ich in Gedanken zu ihm. Alle gingen sie weg und ich blieb als Einzige übrig.

Das war wahrscheinlich der Tag, an dem ich begann, mit mir selbst zu reden. Irgendwie musste ich doch morgens feststellen, dass wenigstens ich noch da war…

Ich suchte einen Käfer-Ersatz. Für das Morgenritual. Die Zeitung konnte es nicht sein. Einen Hund wollte ich nicht. Eine Katze noch weniger. Ein Vogel kam nicht in Frage. Ein Fisch? Ein Meerschweinchen? Nein, nichts passte. Nichts war pflegeleicht. Nichts war so hübsch wie ein Marienkäfer. Ich musste mich in das Unvermeidliche schicken. Und auf das Schöne blicken, das kommen würde…

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Der erste Gelbe Huflattich (Tussilago-farfare) – Ist das nicht einfach wunderbar?

So gehe ich nun dem Frühling entgegen. Voller Vorfreude und Hoffnung. Ich freue mich über die ersten Frühlingsblumen. Über das Wunder der neu erwachenden Schöpfung.

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Blaustern (Scilla bifolia) mit unbekanntem Insekt – fotografiert am Sonntag, den 23. Februar 2014 – auf dem Born

Ich fotografiere also wieder. Und ich warte. Auf die ersten Marienkäfer und Schmetterlinge. Bis sie meinem herrlichen Garten wieder bevölkern…

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Großes Schneeglöckchen (Leucojum vernum), auch Märzenbecher, oder im EMMENTAL regional auch „Fluggertsche“ genannt – (genaue Schreibweise unbekannt)

Winter im EMMENTAL

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Auf der Lüderen – mit Blick auf die Alpen – mit Eiger – Mönch – Jungfrau

EMMENTAL – hügeliges Land rund um den Napf, zwischen Voralpen und Mittelland gelegen – nirgends ist es schöner. Hier ist es das ganze Jahr einzigartig, sogar im Winter. Eigentlich sollte man das für sich behalten und nicht allen erzählen – wie schön es im EMMENTAL ist. Aber – wes des Herz voll ist, des geht der Mund über – und es gibt Dinge, die will man gerne mit den Menschen teilen, die man mag. Einfach, weil es so wunderbar ist…

Zugegeben, es gibt auf unserem wundervollen Planeten zahllose traumhafte Orte. Der Reiseführerverlag Lonely Planet hat für 2014 in der neunten Ausgabe seines Reisejahrbuchs „Lonely Planet’s Best in Travel“ die zehn Top-Destinationen dieser Erde aufgelistet. Und es gibt sie, diese Reiseziele, diese grandiosen Landschaften, die uns den Atem rauben. Wer die Möglichkeit hat, einen dieser umwerfenden Orte zu besuchen, wird mit Bestimmtheit unvergessliche Erinnerungen mit nach Hause nehmen.

Mit „nirgends ist es schöner“ meine ich aber eine Destination, die man immer wieder besuchen kann, ohne dass die Reise dorthin einen finanziell ruiniert. Damit ist eine Gegend gemeint, die der Seele mit ihrem Charme stets aufs Neue gut tut. Eine Landschaft, die uns den Alltag mit seiner Hektik und dem vielen Stress vergessen lässt. Denn – im EMMENTAL ticken die Uhren gefühlt irgendwie anders…

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Mit Buchen wird im Napfgebiet seit Jahrhunderten die Grenze zwischen den Kantonen Luzern und Bern markiert

Hier gibt es noch das Ding, das man STILLE nennt. Alles geht ein wenig gemächlicher. Es gibt hier keine hektischen Städter, die sich das Drängeln und das ungeduldige Hupen wegen einem Nichts zur Lebensaufgabe gemacht haben. Denn Stille und Gemächlichkeit sind vielen abhanden gekommen. Viele Menschen wissen nicht mehr, wie es klingt, wenn nichts als Stille zu hören ist. Und weil es hier still ist, kann das Ohr im Winter noch wahrnehmen, wie der Schnee unter den Schuhen knirscht, nachts ein Käuzchen schreit und irgendwo in der Ferne ein Hund bellt. Im Sommer hört man abends noch das Zirpen der Grillen, und tagsüber in Wald und Feld das Summen der Bienen und Insekten. Hier kann man sich noch an einem Waldrand ins Gras legen, den vorbeiziehenden fantastischen Wolkengebilden am endlos weiten Himmel zugucken, nachts die Milchstrasse bewundern und die Geräusche der Natur in sich aufnehmen. Im EMMENTAL werden keine Prozesse von Anwohnern wegen störendem Gebimmel von Kuhglocken und Kirchenglocken geführt, oder weil Kinder sich am Hang mit Ski und Schlitten tummeln. Denn in dieser Stille erträgt der Mensch diese Klänge und sie sind uralter Bestandteil der heimischen Kultur. Das EMMENTAL ist der ideale Ort, um sich zu entschleunigen.

Es drängt sich auch ein weiterer Gedanke auf – wenn Gott am siebten Tag von allen seinen Werken ruhte, dann muss er das im EMMENTAL getan haben…

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Chuderhüsi – Blick vom Aussichtsturm – der dunkle, etwas eckige Berg links ist das Stockhorn

Das EMMENTAL hat eine ganz besondere Ausstrahlung. Die Atmosphäre hier kann einen leicht wehmütig und melancholisch werden lassen, denn die sanfte Landschaft berührt das Herz. Man fühlt sich hier geborgen, daheim, angekommen, hegt nostalgische Gedanken und kriegt Sehnsucht nach dem Unbekannten, das uns vermeintlich noch fehlt. Man bekommt den Eindruck, dass Gott diesen Flecken Erde mit ganz besonderer Sorgfalt und einer grosser Liebe zum Detail gestaltet hat.

Wer also dazu bereit ist, sich auf eine Region abseits der mondänen Touristenorte einzulassen, wird unweigerlich rasch ihrem ganz speziellen Reiz erliegen. Im EMMENTAL gibt es sie nicht, diese großartigen und beeindruckenden Viertausender, welche Flachländer so in ihren Bann ziehen. Hingegen findet man viele schöne Aussichtspunkte. Von den oft rundlich geformten Hügeln aus hat man einen fantastischen Blick auf die mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel. Oft sind die Berge aus einer gewissen Distanz fast schöner, als wenn man mitten in ihnen hockt. Man hat dann das ganze, überwältigende Panorama vor sich und kann sich daran kaum satt sehen. Es hat im EMMENTAL keine prächtigen Seen, dafür aber zahlreiche Täler mit kleineren Flüssen, wilden Bächen, die bei Unwetter zu reißenden und zerstörerischen Wassern anwachsen können. Dann kleine, beschauliche Dörfern mit den alten, im typischen Berner Baustil erbauten Häusern. Nicht zu vergessen sind die vielen gemütlichen Restaurants, in denen man ausgezeichnetes Essen kriegt und die oft seit Generationen von der gleichen Familie geführt werden.

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Hier sieht man am Horizont den Pilatus

Besonders prägend fürs EMMENTAL ist die eben erwähnte Bauart der stattlichen Bauernhäuser. Mit auf den Seiten bis fast auf den Boden reichenden Walmdächern scheinen sie sich geradezu an die Hänge anzuschmiegen. Sie sind aus Holz gebaut, nach uralter, seit Generationen gepflegter Zimmermannskunst errichtet. Harmonisch sind sie in die Landschaft eingebettet, inmitten von Weiden, Wiesen und Obstbäumen. Sie sind groß, behäbig, viele hundert Jahre alt und meistens leben mehrere Generationen unter einem Dach. Im Winter tragen die riesigen Dächer der Höfe die dicke Schneeschicht stolz wie eine dicke Kappe.

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Auf der Lüderen, Aussichtspunkt im EMMENTAL, Anfahrt von Langnau i. E. oder Wasen i.E.

Winter im EMMENTAL – die Jahreszeit, wo man im hier ohne Schneeketten nicht überall hinkommt. Einige höher gelegenen Höfe und Alpen werden nur im Sommer bewohnt und bewirtschaftet. Dennoch kann man auch in der kalten Jahreszeit hier wandern, dem Langlauf frönen, Schneeschuh laufen, fotografieren und wunderbar essen. Und vor allem die unglaubliche Ruhe genießen. Kein Verkehrslärm, keine Staus, keine Autobahn, wenig Menschen. Nichts als Ruhe, Stille und eine sagenhafte Landschaft.

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Eriswil – das Dorf meiner Vorfahren – Märchenland meiner Kindheit – Copyright by J.A. Plüss

Deshalb – lieber Leser, sollten wir eigentlich nicht allen möglichen Leuten sagen, wie schön es im EMMENTAL ist. Sonst fährt jeder hin. Wollen wir das wirklich? Aber – ich konnte es auch nicht lassen, davon zu erzählen. Ich habe deshalb schon Brasilianer, Amerikaner, Israelis, Deutsche, Serben, Holländer und einen Franzosen ins EMMENTAL geschleppt. Denn, wer das EMMENTAL nicht gesehen hat, der hat NICHTS gesehen und nicht richtig gelebt. Und, ist es nicht so, dass es Dinge gibt, die man mit denen teilen soll, die ein Auge für die Schönheit dieser Welt haben? Denn geteilte Freude war doch schon immer doppelte Freude!

Auf ins EMMENTAL!

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Auf dem Wanderweg von Huttwil nach Eriswil – Richtung Belzhöhe – Copyright by J.A. Plüss

K(r)ampf in der Küche

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Quarktorte Verdana – Familienrezept

Fotos vom Essen auf dem Smartphone speichern? Viele tun das und selbst ist man keine Ausnahme. Torten, Gemüseplatten, Gebäck. Nicht mit dabei alle diese gewöhnlichen Alltagsgerichte, die man ein Leben lang seiner Familie Tag für Tag vorsetzt. Bratwurst mit Rösti, Spiegelei mit Spinat und Bratkartoffeln, Rührei mit Speck, Frikadellen mit Apfelbrei, Nudeln mit Hackfleischsoße, glasierte Kastanien mit Rotkraut, Fischstäbchen, gebratenes Hähnchen, Kartoffeln, mageres Schnitzel, Napfkuchen, Hefezöpfe, Suppe.

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Gemüsesuppe mit Schweinswürstchen – ein Wintergericht

Aber warum fotografiert man das Essen? Wahrscheinlich weil nach dem Verzehr von dem Essen und von der ganzen Arbeit kein Krümel und nicht die geringste Spur, sondern nur schmutziges Geschirr übrig bleibt. So aber hat die Köchin wenigstens ein paar Bilder…

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Das englische Kaffeegeschirr

Dann überlegte man, seit wann man eigentlich kocht oder kochen muss. Denn Kochen schien für Frauen meiner Generation ein Muss zu sein. Man hat uns damals also nie gefragt, ob wir das gerne tun möchten und überhaupt Lust dazu haben. Man hat auch nicht geguckt, ob man Talent dazu hat. Wer mit weiblichen Merkmalen geboren wurde, musste einfach kochen können. Das war sozusagen Gesetz.

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Grillfest im Garten

Schon im Kleinkindesalter begann man damit, uns Mädchen ungefragt in die ländliche Kochkunst vom EMMENTAL einzuführen. Das fing mit dem Schälen von Obst und dem Pellen von Kartoffeln an. Wir waren eine grosse, schwer arbeitende Familie von Selbstversorgern, die Unmengen Futter brauchte. So standen die Frauen der Familie jeden Tag Stunden in der Küche, um die Früchte der Feldarbeit zu verwerten. Gefühlt mindestens das halbe Leben. Es gab noch kein fliessendes heisses Wasser und es wurde noch mit Holz und Feuer gekocht. Butter, Brot, Schmalz, Sauerkraut, Marmelade, Wurst und Schinken, alles wurde selbst hergestellt.

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Wunderschöne Geburtstagstorte – in Zusammenarbeit mit meiner Tochter

Im Alter von acht, zehn Jahren war es soweit. Man stellte uns zarte Töchter an den Herd. Ging auch gut, wir hatten ja kleine Füsse. Wir konnten also Kalbsleber und Hefezopf für eine siebenköpfige Familie zubereiten, bevor wir wussten, wie man sich die Beine epiliert. Man wundert sich heute, dass so kleine Personen mit den riesigen Pfannen und Töpfen klar kamen und sie das Haus nicht mit dem offenen Herdfeuer in Brand setzten.

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Köstliche Cupcakes, made by meiner Tochter

Mit fünfzehn Jahren zog ich für ein Jahr in die französische Schweiz. Die herzkranke Madame musste mir nichts mehr beibringen, das hatten Mama und die Oma schon getan. Sie konnte mir also die Küche getrost überlassen. Dort kochte täglich Berge von Essen für eine grosse Familie und zahllose Gäste.

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Der sonntägliche Hefezopf

In Erinnerung an diese vergangenen Zeiten kam ich im Laufe des Nachdenkens auf eine absurde Idee. Ich wollte ausrechnen, wie viele Mahlzeiten ich bisher gekocht hatte. Obwohl ich in Mathe mies bin. Denn Zahlen gefallen mir nur dann, wenn sie hübsch aussehen und nett angeordnet sind. Behauptete letzthin jemand. Und elend daran ist, dass das völlig richtig ist. Ich habe aber diesen Versuch trotzdem gewagt, und man möge mir etwaige Rechenfehler verzeihen.

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So gefallen mir Zahlen am besten – wenn sie schön farbig und nett angeordnet sind

Ich beschränkte mich deshalb vorerst auf die Berechnung der zehn Jahre, in denen ich drei kleine Kinder und nie Urlaub hatte. Das wären dann also zehn Jahre mal 365 Tage, das sind 3650 Tage. Jeden Tag gab es drei Hauptmahlzeiten und zwei Zwischenmahlzeiten. Insgesamt also fünf Mahlzeiten am Tag. In zehn Jahren mussten somit rund 18’250 Mahlzeiten für eine Familie von meistens rund fünf Leuten zubereitet werden. Das hiess zum Beispiel, jedes Mal fünf Tassen oder Gläser abwaschen.

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Unsere schönen Weingläser

Ich habe also in zehn Jahren ungefähr 91‘250 Gläser oder Tassen hervor geholt, abgewaschen, weggeräumt. Teller, Besteck, Töpfe, Schüsseln, Kochlöffel und Pfannen nicht eingerechnet. Dazu bin ich in Mathe wirklich zu schwach. In vierzig Jahren sind das dann rund 365’000 Tassen und Gläser. Weiter gerechnet, ergibt die Zahl der gekochten Essen für meine Familie auf vierzig Jahre die beeindruckende Summe von 73’000 Kochgängen. Auf die einzelnen Esser eines 5-Personen-Haushalts runtergerechnet wären das dann 365’000 servierte Einzel-Menüs. Auf die Berechnung der Stunden für Planung, Einkauf, Vorbereiten, Kochen und Abwasch habe ich verzichtet. Ebenso vermied ich eine Berechnung der Anzahl Kilogramme von zubereiteten Lebensmitteln und dem herumgeschleppten Geschirr. Es würde sicher mehrere LKWs ausmachen. Die Zahlen, falls sie überhaupt stimmen, sind beeindruckend. Und das Beste daran ist, dass Frauen das tun, ohne dafür ein Gehalt zu kriegen. Sie tun es, weil sie von Liebe, Verantwortungsgefühl, Pflichtbewusstsein und Fürsorge getrieben und beseelt sind. Und aus Angst vor dem Hungertod.

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Nicht immer gerät das Sonntags-Menü so, wie man es haben wollte…

Ich habe also genau wie meine Ahninnen, gefühlt bisher fast mein ganzes Leben in der Küche zugebracht. Abnutzungserscheinungen an meinen Händen zeugen von den vielen tausend Kilogramm Gemüse, die ich geschält und geputzt habe. Oft beginnen mir die Hände weh zu tun, wenn sie das Rüstmesser erblicken. Und des Kochens bin ich inzwischen satt. Denn eines Tages bemerkte ich, dass ich das nicht wirklich gerne tat. Denn es ist ein sehr anstrengender, aufwendiger und stets wiederkehrender Akt. Ich tat es einfach so, wie ein Automat seine Arbeit tut. Ohne nachzudenken. Einfach deshalb, weil es jemand tun musste. Und das war meistens ich.

Die Zeiten änderten sich, alles ist anders geworden. Nach einem langen Arbeitstag noch Stunden in der Küche stehen? Nein. Für etwas, das in fünf Minuten weggeputzt ist? Lohnt sich das?

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Ein Leben ohne Spinat? Undenkbar!

Wenn ich mich heute alleine verpflegen muss, dann mache ich es kurz und schmerzlos. Ich esse also das Gemüse roh. Brokkoli, Tomaten, Gurken, Fenchel, Möhren, Blumenkohl, Radieschen, Kohlrabi, und jede Menge Obst. Ich esse Joghurt, Quark, Brot, Suppe, Käse und Wurst und alles, was keine Arbeit gibt und wenig Geschirr verdreckt. Sind andere an meiner Futterkrippe, dann kommt es auf die Situation drauf an und die Ambivalenz dem Kochen gegenüber wird dementsprechend vorübergehend auf Eis gelegt. Sind Gäste da oder nicht? Sind maulende Teenager am Tisch? Verwandte? Nur die eigenen Kinder und der Ehemann? Kleinkinder? Ausländer? Senioren? Diabetiker?

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Draussen schmeckt es besser…

Oder – hat vielleicht jemand Geburtstag oder eine Prüfung bestanden? Dann stelle ich mich darauf ein und versuche dem gerecht zu werden und es auch wirklich so gut als möglich zu machen. Denn, wenn etwas schon getan werden muss, dann soll man es mit Würde und zudem richtig tun, ob man es nun gerne tut oder nicht. Auch dann, wenn man nur mittelmässig begabt ist. Das ist meine ureigene Definition von der sogenannten „protestantischen Arbeitsethik“.

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Was man von der eigenen Mutter gelernt hat, gibt man an seine Kinder weiter – sensationeller Schokoladenkuchen für einen Geburtstag, gebacken und dekoriert von meiner Tochter

Mit Feinschmeckern hingegen gehe ich lieber ins Restaurant, als sie daheim zu bekochen. Mit diesen Schickimicki-Hobbyköchen, die genau wissen, wie das Schnitzel am besten gerät, welcher Wein in welche So­ße gehört und wann genau der richtige Zeitpunkt ist, wann das zu bratende Huhn geschlachtet werden muss. Ihnen den Gefallen zu tun, über mein selbst gekochtes Essen zu meckern, das tue ich nicht. Denn selbsternannte Gourmets finden immer etwas, das ihnen nicht passt, und wenn es nur die Farbe der Petersilie ist oder ihnen das Muster meiner alten Kochschürze nicht gefällt. Die einzige Hürde ist dann die, sich zu entscheiden, ob man ein Gericht bestellen will, von dem man weiss, wie man es isst, oder ob man sich auf Neues einlassen will…

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Geräuchertes Forellenfilet – wenn die Zeit mal knapp ist

Ich bin also kein Kochfreak. Von den Kochbüchern, die man mir im Laufe meines Lebens, aus was für Gründen auch immer, schenkte, benutze ich meistens nur zwei. Eins ist auf Französisch, aus dem Kanton Waadt, das andere ist das altgediente Berner Kochbuch, mit einfachen, bewährten Rezepten. Kochsendungen verabscheue ich ebenso. Total langweilig. Weshalb soll ich mir etwas ansehen, dass ich jeden Tag selbst tun muss? Das heisst aber nicht, dass ich gegen ein schönes und leckeres Essen im Kreis von lieben Menschen bin. Nein.

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Ein Festtags-Tisch

Zur Gastfreundschaft, die unsere Beziehungen doch sehr bereichert, gehört es eben, dass man andere bewirtet. Und das begeisterte „Danke, das hat super geschmeckt!“, das freut jeden, der fleissig in der Küche werkelte. Ganz toll aber ist es für die, die ein Leben lang kochen müssen, wenn sie selbst eingeladen und bekocht werden. Denn man weiss aus eigener Erfahrung, wie viel Arbeit und Liebe dahinter steckt. So ist man wirklich für jede Einladung dankbar, die einen von der eigenen Kochkunst fernhält. Man geniesst das Essen doppelt, weil man sich weder abgehetzt noch nach Bratenfett riechend an den liebevoll gedeckten Tisch setzen darf.

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Sich überhaupt täglich an einen gedeckten Tisch setzen zu dürfen und genug zu essen zu haben, ist nicht für alle Menschen dieser Erde selbstverständlich. Deshalb finde ich es angebracht, sich fürs Essen zu bedanken. Warum also nicht dem Schöpfer danken, der das gedeihen liess, was so lecker auf dem Teller aussieht? Ein freundliches Dankeschön dem Koch, der den täglichen K(r)ampf mit dem Kochen andern zuliebe auf sich genommen hat? Ein inniges Dankeschön demjenigen, der uns eingeladen hat? Aber sicher!

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So freut man sich trotz viel Arbeit und Mühe immer wieder neu um gelungene Gerichte. Man wird sie wohl weiterhin ab und zu fotografieren. Ich stelle es mir schön vor, später einmal seinen Enkeln zeigen zu können, welche kunstvollen Dinge die vielleicht zittrig gewordenen Hände früher hinkriegten. Aber bis dahin backen und kochen wir bei Bedarf getrost weiter, damit die Welt nicht aus den Fugen gerät. Und wer gerne das Familienrezept für die Ananas-Quarktorte, die man in Deutschland elegant Käsesahne-Torte nennt, haben möchte, darf sich bei der Autorin melden. Wenn man die Zubereitung im Griff hat, die Zutaten im Haus und das Rezept auswendig im Kopf, ist die Torte in einer halben Stunde fertig hergestellt.

Das neue Jahr

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Das neue Jahr ist da. Dem ersten Tag des Jahres folgen weitere 364 neue Tage. Von denen man nicht weiss, was sie bringen werden. Und das ist auch gut so.

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Wenn etwas zu Ende geht, dann fängt auch immer etwas Neues an. Wenn wir eine Schule beendigen, dann tun wir anschliessend etwas anderes, eine Lehre, ein Studium, oder wir gehen arbeiten. Wenn wir ein Land verlassen, dann ziehen wir ein fremdes, und wenn jemand aus unserer Mitte weggenommen wird, dann wird irgendwann ein anderer, lieber Mensch diese Lücke ausfüllen. So können Beginn und Ende einer Sache mit Schmerzen, Trauer und Wehmut beladen sein, oder aber auch mit Vorfreude, Spannung und Erwartung.

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Wir wissen nicht, was dieses neue Jahr uns bringen wird. Werden wir gesund bleiben? Werden wir am Ende dieses Jahres noch Arbeit haben? Werden wir noch am Leben sein? Wo führt unser Weg hin? Was wird in diesem Jahr alles passieren? Welche Schlagzeilen werden uns auf der Frontseite der Tageszeitung anspringen? Man weiss nichts und kann nichts voraussehen oder voraussagen, auch wenn die nationale Astrologin Madame Teissier uns das weis machen will. Die Dinge, die wir vielleicht wirklich wissen möchten, weil sie aus unserer Sicht möglicherweise hilfreich und relevant wären, und von denen es womöglich doch besser ist, sie nicht im Voraus zu wissen, die weiss auch ein Astrologe nicht.

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Es gibt nämlich sehr viele Dinge, die man besser erst vernimmt, wenn es soweit ist, dass man sie vernehmen muss. Denn wir alle erhoffen uns doch nur Gutes. Wir hoffen, dass das neue Jahr schön werden wird, und dass unsere Wünsche und Träume in Erfüllung gehen mögen. Wir hoffen, dass wir gesund bleiben und viele fantastische und unvergessliche Dinge erleben werden. Wir wünschen uns, dass die Menschen nett zu uns sind, uns lieben und mögen, so wie wir sind, und wir selbst bessere Menschen werden, einfühlsamer, verantwortungsvoller, nachsichtiger, gelassener und was dieser Dinge mehr sind.

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Aber – das neue Jahr wird ein Jahr werden, wie so viele vor diesem schon gewesen sind. Nämlich ein Jahr mit Höhen und Tiefen, wie das im menschlichen Leben eben vorgesehen ist. Es gibt bessere und schlechtere Jahre. Solche, da ist alles schön durchmischt. Dann gibt es die, wo das Jahr verrückt spielt – wie das Wetter im April. Aber es gibt auch Jahre, in denen sich die Höhepunkte jagen.

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Man kann aber getrost in ein neues Jahr gehen, auch wenn man nicht weiss, wie es enden wird, was uns erwartet und wohin der Weg geht. Ohne dass man sich vor Sorge verzehren muss. Alles, was den Menschen beschäftigt und ihn belastet, das kann er nämlich Gott hinlegen und somit innerlich zur Ruhe kommen. Denn das, was wir selbst weder kontrollieren können noch im Griff haben, das dürfen wir dem überlassen, der seine schützende Hand über uns hält.

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Somit wünsche ich dir, lieber Leser, von ganzem Herzen einen guten Start in ein schönes, glückliches und von Gott gesegnetes Jahr. Möge es dir gut gehen und mögen der innere Friede, das Glück und deine Zufriedenheit vollkommen sein!

Mit herzlichem Gruss

Marianne

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Das Weihnachtsbuch

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Es gibt seltsame Berufe. Ich übe so einen aus. Er bedingt, dass ich viele Dinge im Voraus planen muss. Gedanklich bin ich also im Oktober schon im Januar, im Januar bereits im April, und im April bereits im Juli. So geht es das ganze Jahr. Ziemlich anstrengend. Man lebt in zwei Welten. In der realen, die gerade aktiv ist und passiert, und in der zukünftigen, die man planen muss.

Im Frühling also sass ich wieder einmal im Büro und brütete die  Monatsplanung für den Juli aus. Seufzend meinte ich: „Krass, schon Juli, dann sind es ja keine sechs Monate mehr bis Weihnachten!“
„Pha, hör auf, du hast bestimmt schon die Weihnachtsgeschenke bereit!“ feixte mein Gegenüber.
„Natürlich!“, konterte ich, „sozusagen schon alles fertig!“
„Wie? Du hast die Weihnachtsgeschenke schon eingekauft? Du spinnst ja! Wo die Sommerferien noch nicht mal richtig vor der Tür stehen! Da kriegt man ja die Krise!“ Die Person schnaubte. Ich aber lachte. Dann sagte ich: „Nein, eingekauft habe ich sie nicht!“

Das konnte ja keiner wissen, dass ich angefragt worden war, um an einem kleinen Weihnachtsbuch mitzuschreiben. Und das bereits alles gemacht war.

Ein Weihnachtsbuch? Gute Idee. Das passte perfekt, denn ich hatte bereits einige Geschichten auf Lager. So war der Aufwand nicht sehr gross. Viel schwieriger als das Schreiben aber war das Zeichnen. Denn ich sollte auch die Illustrationen liefern. Nun aber schien draussen die Sonne. Der Himmel war stahlblau und ich sass leicht frustriert im Arbeitszimmer. Bei Sonnenschein im Haus hocken, das war noch nie mein Ding gewesen.

Ich musste mich also trotz fantastischem Wetter mit Weihnachten herumschlagen. Das war sehr eigenartig. Es fühlte sich merkwürdig an. Aber ich brachte es irgendwie doch fertig, mich gedanklich in den Winter hinein zu versetzen. Ich hörte das Knirschen des Schnees unter meinen Füssen, roch den Geruch der Tannenzweige, sog den Duft von frisch gebackenen Zimtsternen ein und hörte im Geist die Kirchenglocken, die zum Gottesdienst an Heilig Abend riefen.

So ging das Malen und Zeichnen plötzlich wie von alleine. Ja, ich geriet richtig in Weihnachtsstimmung, und als meine Familie hörte, dass ich bei dreissig Grad im Schatten „Stille Nacht, Heilige Nacht!“ vor mich hin summte, tippte sie sich an den Kopf…

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Dies und jenes probierte ich aus – nicht wissend, ob das gedruckt dann auch nett aussehen würde. Ein Glöckchen, ein Geschenk, ein niedliches Rentier, Sterne, Tannenbäume, Lebkuchen…

Ich hatte mir Aquarellpapier besorgt und meine kostbaren und teuren Aquarellfarben hervor gekramt. Im kurzärmeligen T-Shirt, in ausgefransten alten Shorts und Badeschlappen malte und entwarf ich also fleissig und bei sommerlicher Hitze Weihnachtsmotive. Dann legte ich alles hübsch zurecht, fotografierte die Ergebnisse und sandte die Vorschläge dem Verlag zu. Nicht ohne vorher noch den Mitautor und Initianten um seine Meinung gefragt zu haben. Ich musste ja wissen, ob das überhaupt ankam. Es schien zu gefallen und ich konnte aufatmen. Ende Juni war Abgabetermin und wir würden ihn einhalten können. Ein Wermutstropfen aber blieb. Aus Kostengründen würden die kleinen Motive nur schwarzweiß gedruckt werden.

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Mein Künstlerherz blutete. Aber ich verband die Wunde, indem ich mir selbst Trost zusprach. Es gibt eben Dinge, die sind zu teuer. Und man stirbt nicht, wenn nicht alles so realisiert werden kann, wie es am besten wäre. Kurz darauf folgte das „Gut zum Druck“. Meine Weihnachtsgeschenke gingen in Druck, und würden spätestens Ende November fertig sein.

Rudolf bearbeitet
Mein Rudolf, für Renés Geschichte in unserem Buch

Ich konnte also den Rest des Jahres geniessen, den wunderbaren Herbst und seine Farben, und die Wochen bis Weihnachten. Wenn das keine gute Sache war, die Weihnachtsgeschenke schon im ersten halben Jahr zu besorgen! Danach, ja danach konnte man sich getrost zurücklehnen, und die restlichen Monate des Jahres mit anderen Dingen ausfüllen. Mit Dingen wie im Herbst Pilze sammeln, Konzerte und Lesungen besuchen, ins Kino gehen, und an sonnigen Wintertagen im EMMENTAL wandern und fotografieren. Oder einfach daheim gemütlich auf dem Sofa hocken. Ich geniesse den Advent. Wie schön ist es doch, abends bei Kerzenschein und Weihnachtsmusik rum zu lümmeln und ein Glas Wein oder eine Tasse heissen Tee zu trinken und ein gutes Buch zu lesen.

Nur – ein einziges Problem, das ist mir noch geblieben: WAS schenke ich NÄCHSTES Jahr? Ich muss doch jetzt schon daran denken, wenn ich dann Ende Juni damit fertig sein will…

Der Weihnachtswunsch und andere Weihnachtsgeschichten
Marianne Helena Plüss
René Schurtenberger

IL-Verlag, Nov. 2013
http://www.il-verlag.com
Hardcover 110 S.
ISBN: 978-3-905955-91-0
16.90 CHF
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Im Wald

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Wälder sind beeindruckende Vegetationslandschaften. Ob Urwald oder Nutzwald. Wer in der Nähe eines Waldes aufgewachsen ist, fühlt sich dort zuhause und geborgen. Meine Herkunfts-Familie besass für Schweizer Verhältnisse relativ viel Wald. Nicht nur ein paar mickrige Parzellen, nein, einen richtigen, kleinen Wald. Er wurde von uns Kindern liebevoll „Wäldchen“ genannt. Hier in diesem Paradies hat man die halbe Kindheit verbracht, Dachshöhlen gefunden, Baumhütten gebaut, Räuber und Indianer gespielt, und zum ersten Mal jemanden vom anderen Geschlecht geküsst. Was man gar nicht so toll fand. Mutters leckerer Napfkuchen schmeckte irgendwie besser. Dort in dem Wäldchen also hat man an schönen Sonntagen über dem offenen Feuer Würste gebraten, Beeren gepflückt, und Tannenzapfen gesammelt.

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Man legte sich ins grüne Moos und hörte dem Gezwitscher der Vögel zu. Zwischen den Baumwipfeln sah man die Wolken vorbeiziehen. Man überlegte, wohin sie wohl ziehen und verspürte das erste Mal Fernweh.

Der wöchentliche Gang in den Wald ist zur lieben Gewohnheit geworden. Eine Gewohnheit, die man aus Kindertagen ins Erwachsenenleben hinüber gerettet hat. Im Wald entdeckt das geübte Auge oft die unglaublichsten Dinge. Wie diesen Porling, der es zuliess, dass eine Efeuranke durch ihn hindurch wachsen durfte. Oder – ist er um die Ranke herum gewachsen? Ist das nicht spannend? Die beiden scheinen sich gut zu vertragen. Die Wassertropfen sind zudem sehr dekorativ. Sie schmücken ihn wie Diamanten ein Diadem und geben ihm ein edles Aussehen.

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Streifzüge durch den Wald sind oft abenteuerlich. Jede Jahreszeit hat es in sich. Im Wald ist es stets interessant. Im Frühling ist das frische Grün der Buchen eine Augenweide. Im Sommer geniesst man die herrliche Kühle unter dem Blätterdach und das Summen emsiger Insekten. Man hört das Klopfen eines Spechts. Dort ein Eichhörnchen, das im Eiltempo eine Fichte erklettert. Ein scheues Reh, das auf einer Lichtung steht.

Im Herbst dann die Pilze. Steinpilz, Maronenröhrling, Rotfuss-Röhrling, Pfifferling, Herbst-Trompeten, Eierschwämme. Man hält die Fundorte geheim, schüttelt andere Pilzsammler, die sich uns an die Fersen heften, gekonnt ab. Kein Pilzsammler ist so dumm, dass er Fremden verrät, wo er seine Steinpilze gefunden hat.

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Auch ungenießbare Pilze sind hübsch.

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Das bunte Laub ist eine Pracht. Bald werden die Bäume völlig kahl sein. Wehmut macht sich bei diesem Anblick breit. Ein weiteres Jahr geht zu Ende. Ein Jahr mit Höhen und Tiefen. Trauer, Verlust und Schmerz sind uns begegnet, aber auch Schönes hat uns viel Freude gemacht.

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Es ist nicht schwer, sich in den riesigen Wäldern der Umgebung gut zurechtzufinden. Man kann sich an den Jagd- und Grillhütten, an eigenartig geformten Bäumen oder den seltsamen Wucherungen an Baumstämmen orientieren.

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Der Wald ist ein kostbarer Erholungsraum. Man trifft hier nicht viele Menschen, denn manche fürchten sich im Wald. Es ist still und doch nicht still. Irgendwo im Gehölz knackt es geheimnisvoll. Unbekannte Geräusche dringen an unser Ohr. Es riecht gut. Hier kann man zur Ruhe kommen. Man kann hier nachdenken, überlegen, mit sich ins Reine kommen, Pläne schmieden, zurückblicken. Man kann beten, weinen, seinen ganzen Kummer und sein ganzes Unglück herausschreien. Hier sieht keiner unsere Tränen. Man kann danken, summen und singen, ohne dass sich einer über die falschen Töne beklagt. Und – man kann beobachten.

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Ja, beobachten, wie diesen ungestümen Käfer. Der unbedingt in jugendlichem Übermut meinte, er müsse ein zartes Gras erklimmen. Das niemals für sein Gewicht geschaffen war. Wen wundert es, dass das nicht gut endete? Der arme Kerl fiel auf den Rücken. Er zappelte hilflos. Mit einem Grashalm half man ihm wieder in die Normallage zurück. Dort verharrte er starr und steif. Undankbarer Kerl. Kein dankbares Winken mit den Fühlern…

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Dann war da dieser Haufen Pferdemist. Mitten auf dem Waldweg. Mist ist unappetitlich. Aber auch auf Mist kann Neues entstehen, Gutes und Schönes. Zartes Grün wächst hier daraus empor. Ein wunderbares Bild. Es besagt, dass auch dann, wenn man Mist gebaut hat, ein Neuanfang möglich ist. Und ein neues, besseres Leben. Gott vergibt uns das, was wir verbockt haben. Er schaut nicht mehr auf den von uns produzierten Misthaufen. Neues, das gut ist, kann wachsen und gedeihen. Das ist Gnade.

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Wälder sind Oasen für Seele und Geist. Wertvolle Orte in einer Zeit voller Hektik, Leistungsdruck und Reizüberflutung. Wälder schenken uns viel frische Luft, herbe Gerüche, Tiere die unseren Weg kreuzen, das Rauschen der mächtigen Wipfel.

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Einen Wald in der Nähe zur Verfügung zu haben, ist grossartig. Grossartig ist auch, dass man für die Benutzung (noch) nichts bezahlen muss. Das bleibt hoffentlich so. Denn jeder Wald, egal wem er gehört, gehört auch ein bisschen jedem von uns. Mir, dir, uns, euch, allen. Der Wald ist ein faszinierendes Ökosystem. Er dient als weltweiter Klimaregulator und hat viele Schutzfunktionen. Es ist deshalb wichtig, zur Schatzkammer WALD Sorge zu tragen.

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Ich liebe den Wald. Wer mich also sucht und daheim nicht antrifft, der trifft mich im Wald.

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Farbenrausch

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Der Herbst ist eine wunderbare Jahreszeit. Nie leuchten die Farben so intensiv und so satt wie jetzt. Das Licht ist anders. Es hat diesen warmen, anheimelnden Goldton. Es riecht anders. Nach Pilzen, reifem Obst und feuchtem Moos. Herbstzeit ist Erntezeit.

Es ist toll, nun lange und schöne Wanderungen zu machen. Sanft steigen morgens zarte Nebel aus Eggen und Gräben und die Landschaft hat etwas Melancholisches. Ist das Wetter klar, dann ist der Himmel hingegen stahlblau. Es ist nicht mehr so heiss. Es ist eine Augenweide, durch Feld und Wald zu streifen. Überall entdeckt man Schönes. Eine Bauernfamilie, die ihre Kartoffeln erntet. Die Kinder hocken mit geröteten Wangen in der untergehenden Sonne vor einem Kartoffelfeuer. Sie holen mit Stecken heisse Kartoffeln aus der Glut. Der Geruch der schwelenden Feuer und der gebratenen Kartoffeln weht durch die ganze Gegend und macht sentimental.

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Auf einer Obstwiese stehen Leitern an den Bäumen. Ein Bauer pflückt seine reifen, roten Äpfel. Volle Körbe stehen am Boden. Etwas weiter drüben stehen geflochtene Körbe mit goldgelben Quitten. Daneben einer mit späten, zarten Pflaumen und ein zweiter mit saftigen Birnen. Beim Haus hängt jemand hübschen Ziermais zum Trocknen auf. Es sieht toll aus. Wehmut macht sich breit. Wieder muss man von einem Sommer Abschied nehmen. Der Winter ist nicht fern. Bald geht erneut ein Jahr zu Ende. Man wird älter. Die Jahre, sie fliegen vorbei.

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Oft liegt jetzt dicker Nebel. Tagelang kein Sonnenstrahl. In den Bergen hingegen ist es sonnig und warm. Inversion nennt man diese spezielle Wetterlage. Sie entsteht durch eine Umkehr des vertikalen Temperaturgradienten. Die oberen Luftschichten sind dann wärmer als die unteren. Je höher man also geht, um so wärmer wird es.

Wozu diese seltsame und ungeliebte Wetterlage gut sein soll, ist dem Laien unklar. Vielen schlägt das aufs Gemüt. Die Sonne fehlt. Das einzige Gegenmittel ist der tägliche Spaziergang an der frischen Luft. Und die Freude an den bunten Herbstfarben, die ihr Leuchten dem Nebel entgegenhalten. Sie sorgen mit ihrer Pracht für eine Balance und machen fröhlich.

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Da ist dieser Hof. Fleissige Hände arbeiten das ganze Jahr, um am ersten Oktoberwochenende für einen Farbenrausch zu sorgen. Kürbis-Markt! Vor dem grossen Ansturm ein paar Fotos knipsen. Mit Blitz, denn es regnet. Die Bilder sind besser als erwartet, die Farben umwerfend.

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Kürbisse – so bunt!

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Welche Farben – welche Vielfalt an Formen! Man staunt. Der Schöpfer hätte es ja bei einer einzigen Kürbis-Sorte bewenden lassen können. Beim Speisekürbis. Aber nein, auch wunderbar geformte Zierkürbisse mussten her! Die einfach nur dazu da sind, uns mit ihren ausgefallen Formen und den bunten Farben Freude zu bereiten. Über Monate hinweg. Sie halten unglaublich lange.

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Zur von Gott erschaffenen Pracht und Vielfalt fügt der Mensch noch Kreativität und Ideenreichtum hinzu.

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Man nimmt ein paar schöne Aufnahmen mit heim. Heim in ein verregnetes Wochenende. Verschiebt wetterbedingt die letzte Herbstwanderung. Denn – man muss sich unbedingt noch etwas in der freien Natur austoben. Vor dem Winterschlaf…

Erntedank – eine alte, gute Tradition. Wenn der arbeitsame Bauer im Herbst vor gefüllten Kellern und Vorratskammern stehen darf. Er muss keine Not fürchten. Hier ist man gut versorgt. Es ist ein Geschenk! Es genügt ein Blick in die Dritte Welt.

Unvergesslich das Bild mit dem pflügenden Bauern auf den Ofenkacheln im Elternhauses, darüber der alte Spruch:

Der Bauer pflügt umsonst die Erde – spricht der Herrgott nicht: „Es werde!“

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Vom Alptraum zur Traumalp

Da waren sie, die langersehnten Herbstferien. Sonne, Sand, Meer, das musste jetzt her. Den Sommer verlängern, den Winter verkürzen. Aber es kam alles anders. Einer wollte ans Meer. Der andere in den Schwarzwald. Aber – das Meer war zu weit weg. Im Schwarzwald war es schon kühl. Man begrub also das Ferienbeil und beschloss, zuhause zu bleiben. Man würde einfach morgens die Fensterläden ziemlich später aufmachen. Damit einem der dicke Morgennebel nicht direkt in die Kaffeetasse schwappen würde. Nebel, der ganz persönliche Alptraum…

Dennoch surfte man leicht enttäuscht und etwas traurig ein wenig auf Google herum. Sonne, Strand, Palmen – und plötzlich war man per Internet im Tessin. Wieso war man nicht früher auf diesen Gedanken gekommen? Wahrscheinlich weil man immer wieder vergisst, dass alles Gute ganz in der Nähe liegt.

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Gutes Wetter war angesagt. Also, auf in den Tessin!

Die Fahrt. Gotthard, der Schrecken eines jeden Urlaubers, der in den Süden will. Aber – es muss nicht immer so sein. Kein Stau, kaum Verkehr, strahlender Sonnenschein. Rauf auf den Pass. Dann den Pass hinunter über die Tremola, die alte, gepflasterte Passstraße, der ehemalige Säumerpfad. Motorradfahrer fuhren für einmal sachte. Einige standen auf dem Gefährt, sie fürchteten wohl um ihre – äh, na Sie wissen schon. Dieser Anblick war ungewohnt und ungemein erheiternd.

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Im Süden fantastisches Wetter und – fantastische Preise. Ein Eis im Restaurant am See kostete zwischen dreizehn und fünfzehn Franken. Der Aufenthalt würde also kurz sein. Das Eis und den Espresso teilte man sich brüderlich. Den verächtlichen Blick des Kellners ignorierte man gekonnt. Was kann man denn schon dafür, dass man nicht Thyssen heisst? Nichts! Ausserdem gibt es Dinge, die lässt man sich auch als Normalbürger nicht einfach so gefallen. Wie überrissene Preise in einem hässlichen Lokal mit unfreundlichem Personal.

Sonne, Berge und Seen. Vom Gipfel der Cima della Trosa brachte man umwerfende Bilder eines stahlblauen Himmels und ein tolles Video mit nachhause.

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Dieses Video wäre bestens für Youtube geeignet. Der absolute Brüller. Das sensationellste Video, das es jemals gab! Die noch nicht geborenen Enkel werden es lieben! Bergziegen rochen einen völlig verschwitzten Wanderer, der auf Sonnenkrem verzichtet hatte. Das Gebimmel ihrer Schellen war schon von weitem zu hören. Sie rasten herbei und stürzten sich auf ihn.

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Scharf auf sein ausgeschwitztes Salz frassen sie ihn fast auf. Wie der Spruch: „Das schleckt keine Geiss weg“ entstanden ist, weiss man jetzt. Erst nachdem sie den armen Mann von oben bis unten innig und liebevoll abgeleckt hatten, genossen auch die Ziegen die tolle Aussicht auf den See.

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Der Mann hat es überlebt. Und mit den Ziegen Freundschaft geschlossen. Selbst fand er das folgende Bild witzig und der Veröffentlichung würdig.

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Der spätere Muskelkater war vom irren Lachen. Gab es im Mittelalter nicht eine Foltermethode dieser Art? Selbst blieb man verschont, weil man nach Sonnenmilch roch. Der neue Werbeslogan für Sonnenkrem für den Sommer 2014 steht also bereits: „Sonnenkrem hält Geissen fern!“ Copyright by Plüss.

Sensationell der steile Aufstieg auf den Monte Tamaro. Eine atemberaubende Rundsicht unbeschreiblichen Ausmaßes. Eine Traumalp. Nein, ein Traum von einem Berg. Bergzug reiht sich an Bergzug, Tal an Tal, schneebedeckte Berge in der Ferne.

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Blick vom Monte Tamaro auf den schneebedeckten Monte Rosa

Zu Füssen die Flussmündungen von Ticino und Maggia, dann der Blick auf die beiden Seen, den Lago Maggiore und den Lago di Lugano. Dazu herrlich mildes Wetter, stahlblauer Himmel, überall Wanderer, die von sich aus ein nettes Gespräch beginnen. Die Natur in ihrer ganzen Pracht scheint die Menschen liebenswürdig, fröhlich, freundlich und kommunikativ zu machen.

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Indemini. Ein Besuch im ehemaligen pittoresken Söldnerdorf. Bekannt auch als Schmugglerdorf. Uralte Steinhäuser aus Gneis, enge Gassen, keine Möglichkeit, hier mit einem Auto durchzufahren. Wovon lebten die Menschen hier bloss? Einheimische, die einem eine Ferienwohnung anbieten wollten, wussten Bescheid. Das Leben war sehr karg gewesen, Armut pur. Viele wanderten aus, nach Italien, oder später auch in den Norden, nach Amerika und Ägypten. Oft arbeiteten sie als Maurer. Man lebte vom mageren Ertrag des Bodens und vom Vieh. Die Verwilderung der ehemals bebauten Terrassen, die das Dorf ernährte, hat das Landschaftsbild stark verändert. Der sanfte Tourismus hilft mit, das reizvolle Dorf am Leben zu erhalten.

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Man genoss die spannenden Begegnungen mit interessanten Menschen. Entdeckte andersartige, südländische und unbekannte Pflanzen. Wunderte sich immer wieder neu über die Preise in den Boutiquen. Ein Mantel für zweitausend Franken? Nie im Leben. Den müsste man ja mindestens fünfzig Jahre tragen, damit er amortisiert werden kann. Und wer weiss schon, ob er mit siebzig noch in ein Kleidungsstück passt, das er bereits im Alter von zwanzig Jahren trug?

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Beim abendlichen Spaziergang in Orselina dann wunderte man sich über die ungemeine Baufertigkeit der Tessiner. Beeindruckend, wie hier Kirchen, grossartige Villen und Etagenwohnungen in die steilen, felsigen Hänge hineingebaut werden. Egal, was es auch kostet. Hier kann man jedes freie Zimmer leicht verkaufen oder für viel Geld vermieten.

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Die berühmte Wallfahrtskirche Madonna del Sasso in Orselina, oberhalb Locarno

Das Baumaterial wird per Hubschrauber hoch geflogen. Enge, kurvenreiche Strassen sind für schwer beladene LKWs nicht passierbar. Mit Fleiss versucht man, die hinterste Ecke zu verbauen und an den Mann zu bringen. Es geht um viel Geld. Die Gegend ist sicher und es ist sehr sauber. Das Klima ist fantastisch. Idealer Tummelplatz für Wohlhabende, die sich das überteuerte Eis und den Espresso nicht teilen müssen. Die so lange bleiben können, wie sie wollen. Man gönnt es ihnen. Man vermutet, dass sie andere Sorgen haben, von denen der kleine Mann nichts weiss und die er auch nicht haben möchte. Überall Streifenwagen und Polizisten, die regelmässig patrouillieren. Noch nie fühlte man sich so sicher.

Dann noch diese riesige Baustelle in der Nähe des hübschen Hotels, das man sich gerade noch so knapp leisten konnte. Sensationell der Ausblick von hier, die Lage absolut ruhig. Wie viel eine Wohnung kosten wird, stand auf der Informationstafel am Schutzgitter. Interessiert rechnete man rasch aus, ob die eigene Finanzlage wenigstens den Erwerb der kleineren Wohnung erlauben würde.

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Weit gefehlt. Vom Schock wird man sich nie mehr erholen. Niemals. Was wäre wenn man bei dem mickrigen Gehalt jeden Monat den zünftigen Betrag von fünfhundert Franken zur Seite legen würde? Halb so schlimm. Nur noch etwas über hundertachtzig Jahre arbeiten. Ein Klacks. Dann hätte man das Geld zusammen. Um sich im methusalemsischen Alter von rund zweihundertvierundreissig Jahren eine Wohnung im Tessin leisten zu können. Tolle Aussichten! Man beginnt sich hier trotz der wunderbaren Umgebung irgendwie fehl am Platz zu fühlen. – Einfach deshalb, weil man von Zahlen in dieser Grössenordnung überfordert ist. Die nicht für unsereins gedacht sind.

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Man fuhr also nach ein paar umwerfenden Tagen im südlichen Paradies der Schweiz etwas ernüchtert zurück ins Mittelland.

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Und wird vorerst hier bleiben. Das Eis ist günstiger. Die Polizei zeigt sich auch hier ab und zu. Davon zeugen drei brandneue Strafzettel. Die Grossfamilie hat sie gerade unbeabsichtigt geschlossen gesammelt. Und deren Kosten wird die Spardauer von mehr als zweihundert Jahren noch um einige nicht mehr relevante Tage verlängern.

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Hier im Mittelland gibt es wenigsten etwas, das nichts kostet. In Hülle und Fülle. – NEBEL.
Und etwas war ganz klar. Es ist möglich, auch im eigenen Land in wenigen Tagen sehr viel Gutes zu erleben.

Mit den schönen Bildern, die man mitgebracht hat, tröstete man sich und wird sich an grauen Wintertagen daran erfreuen. Dankbar für ein paar absolut wunderbare Tage in Gottes herrlicher Schöpfung.

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Das Gipfelkreuz der Cima della Trosa

Das Kreuz mit dem Rätsel

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Der Mensch braucht ab und zu Entspannung, trotz der Aufforderung „ora et labora“ – also „bete und arbeite“. Man muss sich zwischendurch ausruhen und erholen, damit man fit bleibt. Deshalb findet man ja auch den Sonntag so eine wunderbare Einrichtung Gottes – denn dann darf man faulenzen, ohne dass uns einer verbal niedermähen und ein faules Stück schimpfen darf.

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Sich entspannen – jeder tut das auf seine ihm eigene Art. Jemand erzählte, am besten entspanne er sich beim Lesen dicker Schmöker. Ein anderer bastelt, wieder einer schläft, betet, meditiert, fotografiert, malt, man strickt, schreibt, macht Musik oder geht laufen. Wir finden alle unsern Weg, um aufzutanken und uns ein paar ruhige Augenblicke zu gönnen. Und – es gibt sogar Menschen die erzählen, sie erholen sich dann ganz prima, wenn sie gar nichts tun. Was aber Nichtstun ist, ist nicht genau definiert, denn was immer auch ein Mensch tut, und sei es auch nichts, er tut etwas.

Selbst löst man gerne Rätsel. Kreuzworträtsel. Am Morgen beim Frühstück, und wenn es nur fünf Minuten sind. In der Mittagspause, auch wenn sie etwas kurz bemessen ist. Ob man es schaffen wird, in nur dreissig Minuten beim Essen die Lösung zu finden? Das ist wie erholsames Jogging. Das entspannt, lenkt ab, regt den Kreislauf in Richtung Kopf an.

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Kreuzworträtsel machen locker und bilden. Man lernt Neues und trainiert das Gedächtnis. Wenn man aber nicht viel Zeit hat, dann kann es zeitlich knapp werden bis man das Lösungswort hat. Weil die eigene neurologische Datenbank ein bestimmtes Wort, von dem man glaubte es zu wissen, gerade nicht ausspucken will. Die Festplatte bockt also. Deshalb muss man anders an die Sache ran. Man versucht nun zuerst, nur diese paar Worte zu knacken, die einen Buchstaben für die Lösung abgeben sollen. So hat man alsbald alles herausgefunden. Bleibt dann noch etwas Zeit, kann man immer noch den Rest lösen und so kontrollieren, ob das Ergebnis wirklich stimmt. Denn, es kann seltsame Worte wie „RIESELFELD“ geben – ein Begriff, den man noch nie gehört hat. Weil man nie in einer Kläranlage gearbeitet hat.

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Nicht alle finden diese unsere eigene Vorgehensweise richtig. Weil dann danach unter Umständen ein leeres Rätsel auf dem Tisch liegt und das Lösungswort schon vorhanden ist. Aber – viele Wege führen nach Rom – und wer zuerst mahlt, mahlt am besten. Wichtig ist doch das Resultat! Und dass dieses dann auch korrekt ist. Denn – vielleicht gewinnt man ja die angebotene Reise, oder vielleicht gibt es einmal diese Waschmaschine zu gewinnen, die inzwischen auch bügeln kann? Wenn man also das Rätsel als Erste in die Finger kriegt, dann löst man es eben so, wie man will, rasch und zackig und nicht so, wie die andern neunundneunzig Prozent der Bevölkerung es tun würden. Wieso soll „umgekehrt“ oder „anders“ denn die gleiche Bedeutung wie „falsch“ haben, nur weil ein Prozent der Menschheit anders tickt? Gibt es ein Gesetz, das vorschreibt, wie Rätsel zu lösen sind? Nein! Jedenfalls nicht in der Schweiz. Man darf Probleme auch unorthodox lösen.

Diese Praxis, Dinge kreativ und ungewöhnlich anzugehen, gab es schon zu biblischen Zeiten, manchmal sogar auf Gottes Geheiss hin. Und wenn Gott selbst zu unüblichen Aktionen überging, was er übrigens auch heute noch tut, nannte und nennt man das richtigerweise „ein Wunder“.

Wenn man also etwas seit Generationen und aus Tradition auf eine bestimmte Weise tut oder immer getan hat, heisst das noch lange nicht, dass alle anderen Lösungswege und Möglichkeiten Quatsch sind. Klar, es gibt Schwierigkeiten, die man gar nicht oder nur auf eine bestimmte Art lösen kann. Damit muss man sich dann abfinden. Aber ein Rätsel? Was tut man deshalb mit dem erarbeiteten Lösungswort? Man gibt es den neunundneunzig Prozent, die noch immer am Rätseln sind, damit sie es einsenden können – und weshalb?

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Ja, weshalb tut man das? – Was gibt es da nicht alles zu gewinnen – einen Wagen, eine Kaffeemaschine, dort eine Uhr, hier eine Woche Urlaub in den Bergen oder ein tolles Schweizer Offiziermesser. Und genau diese Dinge will man selbst gar nicht haben. Man hat bereits eine Kaffeemaschine gewonnen und war gerade in den Bergen und Offiziermesser hat man schon drei. Man will lieber nach Israel, nach Kanada oder nach Inverness, aber das gibt es nicht zu gewinnen. Man möchte lieber diese neuartige Waschmaschine haben, damit man endlich nicht mehr bügeln muss, denn das macht man nun schon Jahrzehnte und hat so tonnenweise Bügelwäsche hinter sich gelassen – und hat endgültig genug davon. Die ist aber nicht als Wettbewerbspreis aufgeführt. Die mageren Gewinnchancen und der ausgeschriebene Gewinn, den man nicht haben will, reizen einen also selbst meistens nicht. Und das versteht auch wiederum keiner, sniff – das einfach nur das Lösen allein so viel Spass machen kann.

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Denn, es gibt mit Wettbewerbspreisen immer Schwierigkeiten. Das hat man schon erlebt. Würde man den angebotenen Urlaub gewinnen, dann hätte das sicher einen Haken – man müsste ihn bestimmt dann antreten, wenn man gar keine Urlaubstage mehr hat, oder dann mitten im Winter, aber man mag den Winter nicht und will dann auch nicht in Urlaub fahren. Vielleicht müsste man als Bedingung sogar jemanden mitnehmen, der dann seine Reise zahlen müsste und somit die meine mitfinanziert. Oder man müsste in eine Gegend reisen, in der man noch niemals war und auch niemals freiwillig hinfahren würde. Gerade deshalb gibt es diesen Gewinn ja auch, damit da endlich mal einer hingeht…

Wenn der zu gewinnende Wagen einen Gewinnwert von dreißigtausend Euro hat, dann müsste man dem Staat rund dreiunddreißig Prozent dieser Summe an Gewinnsteuer abgeben, und diese knapp zehntausend Euro hat man grad nicht. Das heisst, man könnte den Wagen verkaufen, und dann würden uns fast zwei Drittel der Summe bleiben, aber da man nicht sicher weiss, ob man überhaupt gewinnen wird, lässt man das Einsenden der Lösung umständehalber bleiben. So anstrengende Sachen muss man nämlich nicht tun, wenn man sich erholen will. Und man hat das Kreuzworträtsel gelöst, um sich zu entspannen, und nicht, um zusätzlich Stress zu kriegen.

Ja, es ist schon ein Kreuz mit diesen Rätseln. Aber – man hat seinen Spass gehabt, das Rätsel gelöst, was will man also mehr?

Des Rätsels Lösung, warum man das Rätseln so angeht, ist also immer einzig und allein – die Freude über die Lösung des Rätsels.

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