Kirschblüte in der Schweiz

Es blüht und grünt. Es ist Frühling. Oft wird nun besonders traurig, wer einsam ist oder nicht das Glück hat, gerade verliebt zu sein. Denn jetzt werden Kummer und Leid, Einsamkeit und Verluste spürbarer. Man sollte sich daher etwas Gutes tun und sich viel bewegen. Das heisst nicht, dass man gleich bis Japan wandern muss. Dort markiert die Zeit der Kirschblüte den Beginn des Frühlings. Die Kirschblüte ist ein Höhepunkt im japanischen Kalenderjahr und womöglich eines der wichtigsten Symbole in der japanischen Kultur. Die zarten Blüten stehen für Schönheit, für Vergänglichkeit, für Aufbruch. Die an den Bäumen hängenden Blütenbüschel bezaubern jedes Jahr aufs Neue.

Um sich an dieser alljährlichen Erscheinung zu erfreuen, muss man also keinen Flug nach Japan buchen und eine strapaziöse Reise in eine fremde Kultur auf sich nehmen.

Auch die Schweiz hat ihre Kirschblüte. Denn wie immer gilt hier das Sprichwort, dass das Schöne oft ganz in der Nähe liegt und man nicht zu weit weg suchen muss. Es reicht nämlich, einfach ins Baselbiet, also in den Kanton Baselland zu fahren und einen Abstecher in den Kanton Solothurn zu machen. Der Kanton Solothurn, der von der Form her auf der Landkarte so ziemlich chaotisch aussieht, so dass man nie genau weiss, was zu ihm gehört und was nicht.

Wer den kurzen, steilen Weg auf die Sissacherfluh im Baselbiet nicht scheut, hat von hier oben einen herrlichen Blick ins vor ihm liegende Tal. An den Hängen unter ihm die Kirschbaumplantagen in zartem Weiss, dazwischen Zwetschgenbäume, Reben und einzelne Höfe. Oder er fährt nach Nuglar und St. Pantaleon. Die beiden Orte gehören zum Kanton Solothurn. Eine Wanderung, auf dem so genannten Chirsiweg, (Kirschenweg) durch die beiden Dörfer gehört zum Schönsten, was die Region zu bieten hat. Tausende Kirschbäume blühen hier in einer prächtigen Landschaft und laden zum Verweilen ein.

Auch das Hochplateau von Gempen mit dem Restaurant Schönmatt und dem kleinen Weiler Stollen ist ein Abstecher wert. Diese Ecke gehört ebenfalls zum Kanton Solothurn, weil die Kantonsgrenzen hier scheinbar willkürlich im Zickzack verlaufen. Der Kanton trägt viel zur Erhaltung der oft bis 150 Jahre alten Kirschbäume bei. Alle genannten Orte liegen dicht beieinander und können an einem einzigen Tag besucht werden. Man muss sich morgens nur rechtzeitig aufmachen.

Manchmal begegnet man Landsleuten, die weit gereist sind. Ja, sie haben Japan besucht und die Kirschblüte dort gesehen. Sie haben auch die Pyramiden angeschaut, die Pagoden in Thailand, die Chinesische Mauer, den Amazonas und haben in Indien die Paläste der Maharadschas bewundert. Aber – sie wissen nicht, dass es daheim in der Schweiz einen Ort namens Nuglar gibt, wo die Kirschblüte genau so wundervoll wie in Japan ist.

Das ist das geniale an Gottes Schöpfung. Jedes Land, jeder Kontinent hat seine Naturwunder, seine unverwechselbaren Schönheiten, die sozusagen vor der Haustüre liegen. Für die, die nicht gerne weit reisen und für die, die nicht reisen können.

Das kann eine herrliche Wiese sein, ein Fluss, ein Aussichtspunkt, ein Wald, ein Berg, eine pittoreske Altstadt. Es kann ein niedliches Café sein, ein altes Schloss, ein Grillplatz, ein lauschiges Plätzchen im Garten.

Schönheit ist überall. In Blumen, Gräsern, Kirschblüten und nicht zuletzt im Menschen. Man muss sie nur sehen wollen.

Winter im EMMENTAL

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Auf der Lüderen – mit Blick auf die Alpen – mit Eiger – Mönch – Jungfrau

EMMENTAL – hügeliges Land rund um den Napf, zwischen Voralpen und Mittelland gelegen – nirgends ist es schöner. Hier ist es das ganze Jahr einzigartig, sogar im Winter. Eigentlich sollte man das für sich behalten und nicht allen erzählen – wie schön es im EMMENTAL ist. Aber – wes des Herz voll ist, des geht der Mund über – und es gibt Dinge, die will man gerne mit den Menschen teilen, die man mag. Einfach, weil es so wunderbar ist…

Zugegeben, es gibt auf unserem wundervollen Planeten zahllose traumhafte Orte. Der Reiseführerverlag Lonely Planet hat für 2014 in der neunten Ausgabe seines Reisejahrbuchs „Lonely Planet’s Best in Travel“ die zehn Top-Destinationen dieser Erde aufgelistet. Und es gibt sie, diese Reiseziele, diese grandiosen Landschaften, die uns den Atem rauben. Wer die Möglichkeit hat, einen dieser umwerfenden Orte zu besuchen, wird mit Bestimmtheit unvergessliche Erinnerungen mit nach Hause nehmen.

Mit „nirgends ist es schöner“ meine ich aber eine Destination, die man immer wieder besuchen kann, ohne dass die Reise dorthin einen finanziell ruiniert. Damit ist eine Gegend gemeint, die der Seele mit ihrem Charme stets aufs Neue gut tut. Eine Landschaft, die uns den Alltag mit seiner Hektik und dem vielen Stress vergessen lässt. Denn – im EMMENTAL ticken die Uhren gefühlt irgendwie anders…

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Mit Buchen wird im Napfgebiet seit Jahrhunderten die Grenze zwischen den Kantonen Luzern und Bern markiert

Hier gibt es noch das Ding, das man STILLE nennt. Alles geht ein wenig gemächlicher. Es gibt hier keine hektischen Städter, die sich das Drängeln und das ungeduldige Hupen wegen einem Nichts zur Lebensaufgabe gemacht haben. Denn Stille und Gemächlichkeit sind vielen abhanden gekommen. Viele Menschen wissen nicht mehr, wie es klingt, wenn nichts als Stille zu hören ist. Und weil es hier still ist, kann das Ohr im Winter noch wahrnehmen, wie der Schnee unter den Schuhen knirscht, nachts ein Käuzchen schreit und irgendwo in der Ferne ein Hund bellt. Im Sommer hört man abends noch das Zirpen der Grillen, und tagsüber in Wald und Feld das Summen der Bienen und Insekten. Hier kann man sich noch an einem Waldrand ins Gras legen, den vorbeiziehenden fantastischen Wolkengebilden am endlos weiten Himmel zugucken, nachts die Milchstrasse bewundern und die Geräusche der Natur in sich aufnehmen. Im EMMENTAL werden keine Prozesse von Anwohnern wegen störendem Gebimmel von Kuhglocken und Kirchenglocken geführt, oder weil Kinder sich am Hang mit Ski und Schlitten tummeln. Denn in dieser Stille erträgt der Mensch diese Klänge und sie sind uralter Bestandteil der heimischen Kultur. Das EMMENTAL ist der ideale Ort, um sich zu entschleunigen.

Es drängt sich auch ein weiterer Gedanke auf – wenn Gott am siebten Tag von allen seinen Werken ruhte, dann muss er das im EMMENTAL getan haben…

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Chuderhüsi – Blick vom Aussichtsturm – der dunkle, etwas eckige Berg links ist das Stockhorn

Das EMMENTAL hat eine ganz besondere Ausstrahlung. Die Atmosphäre hier kann einen leicht wehmütig und melancholisch werden lassen, denn die sanfte Landschaft berührt das Herz. Man fühlt sich hier geborgen, daheim, angekommen, hegt nostalgische Gedanken und kriegt Sehnsucht nach dem Unbekannten, das uns vermeintlich noch fehlt. Man bekommt den Eindruck, dass Gott diesen Flecken Erde mit ganz besonderer Sorgfalt und einer grosser Liebe zum Detail gestaltet hat.

Wer also dazu bereit ist, sich auf eine Region abseits der mondänen Touristenorte einzulassen, wird unweigerlich rasch ihrem ganz speziellen Reiz erliegen. Im EMMENTAL gibt es sie nicht, diese großartigen und beeindruckenden Viertausender, welche Flachländer so in ihren Bann ziehen. Hingegen findet man viele schöne Aussichtspunkte. Von den oft rundlich geformten Hügeln aus hat man einen fantastischen Blick auf die mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel. Oft sind die Berge aus einer gewissen Distanz fast schöner, als wenn man mitten in ihnen hockt. Man hat dann das ganze, überwältigende Panorama vor sich und kann sich daran kaum satt sehen. Es hat im EMMENTAL keine prächtigen Seen, dafür aber zahlreiche Täler mit kleineren Flüssen, wilden Bächen, die bei Unwetter zu reißenden und zerstörerischen Wassern anwachsen können. Dann kleine, beschauliche Dörfern mit den alten, im typischen Berner Baustil erbauten Häusern. Nicht zu vergessen sind die vielen gemütlichen Restaurants, in denen man ausgezeichnetes Essen kriegt und die oft seit Generationen von der gleichen Familie geführt werden.

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Hier sieht man am Horizont den Pilatus

Besonders prägend fürs EMMENTAL ist die eben erwähnte Bauart der stattlichen Bauernhäuser. Mit auf den Seiten bis fast auf den Boden reichenden Walmdächern scheinen sie sich geradezu an die Hänge anzuschmiegen. Sie sind aus Holz gebaut, nach uralter, seit Generationen gepflegter Zimmermannskunst errichtet. Harmonisch sind sie in die Landschaft eingebettet, inmitten von Weiden, Wiesen und Obstbäumen. Sie sind groß, behäbig, viele hundert Jahre alt und meistens leben mehrere Generationen unter einem Dach. Im Winter tragen die riesigen Dächer der Höfe die dicke Schneeschicht stolz wie eine dicke Kappe.

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Auf der Lüderen, Aussichtspunkt im EMMENTAL, Anfahrt von Langnau i. E. oder Wasen i.E.

Winter im EMMENTAL – die Jahreszeit, wo man im hier ohne Schneeketten nicht überall hinkommt. Einige höher gelegenen Höfe und Alpen werden nur im Sommer bewohnt und bewirtschaftet. Dennoch kann man auch in der kalten Jahreszeit hier wandern, dem Langlauf frönen, Schneeschuh laufen, fotografieren und wunderbar essen. Und vor allem die unglaubliche Ruhe genießen. Kein Verkehrslärm, keine Staus, keine Autobahn, wenig Menschen. Nichts als Ruhe, Stille und eine sagenhafte Landschaft.

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Eriswil – das Dorf meiner Vorfahren – Märchenland meiner Kindheit – Copyright by J.A. Plüss

Deshalb – lieber Leser, sollten wir eigentlich nicht allen möglichen Leuten sagen, wie schön es im EMMENTAL ist. Sonst fährt jeder hin. Wollen wir das wirklich? Aber – ich konnte es auch nicht lassen, davon zu erzählen. Ich habe deshalb schon Brasilianer, Amerikaner, Israelis, Deutsche, Serben, Holländer und einen Franzosen ins EMMENTAL geschleppt. Denn, wer das EMMENTAL nicht gesehen hat, der hat NICHTS gesehen und nicht richtig gelebt. Und, ist es nicht so, dass es Dinge gibt, die man mit denen teilen soll, die ein Auge für die Schönheit dieser Welt haben? Denn geteilte Freude war doch schon immer doppelte Freude!

Auf ins EMMENTAL!

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Auf dem Wanderweg von Huttwil nach Eriswil – Richtung Belzhöhe – Copyright by J.A. Plüss