Eine Weihnachtsgeschichte

Flocken tanzten auf und nieder. Der betagte Mann stand an Heilig Abend am Fenster in der Stube seines Häuschens und blickte in die anbrechende Nacht hinaus. Die Lichter des Dorfes leuchteten schwach durch das Schneegestöber. Er seufzte und zog die Vorhänge zu. Dann schaltete er das Radio ein. Leise erklang Musik. Das war doch Bach? Er lauschte dem Text, verstand ihn aber nicht richtig. Er ging an seinen Computer, schaltete ihn ein, suchte die Strophen und las mit:
Jauchzet, frohlocket! auf, preiset die Tage,
Rühmet, was heute der Höchste getan!
Lasset das Zagen, verbannet die Klage,
Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!
Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören,
Lasst uns den Namen des Herrschers verehren!
Jauchzet, frohlocket! auf, preiset die Tage,
Rühmet, was heute der Höchste getan!
Lasset das Zagen, verbannet die Klage,
Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!
Jauchzen und frohlocken? Wenn er Weihnachten mutterseelenallein verbringen musste? Die Frau gestorben, die Tochter in Australien, der Sohn im Krankenhaus. Sein Umfeld war klein geworden, je älter er wurde. Viele Verwandten und Freunde waren bereits gestorben. Mit den Nachbarn hatte er kaum Kontakt, die waren berufstätig und an Wochenenden oft unterwegs. Den Führerschein besass er auch nicht mehr. Die Einsamkeit griff immer mehr um sich. Er versuchte sich abzulenken, zu beschäftigen, erledigte den Haushalt, werkelte im Sommer Garten. Im Winter aber, da wurde ihm langweilig. Bei den Mahlzeiten spürte er es besonders gut, dass keiner da war. Alleine essen machte irgendwie einfach keinen Spass.
Er lauschte der Musik. Frohlocken? Jauchzen? Ihm war eher nach Weinen zumute. Er sass vor seinem Computer und suchte nach Bachs Biografie. Er erinnerte sich schwach, dass dieser auch nicht gerade ein einfaches Leben gehabt hatte. Was war er doch für ein begnadeter Musiker und Komponist gewesen! Er fand Bachs Lebensgeschichte und las sich ein bisschen durch. Bald aber wurde es ihm zu viel. Was für ein unstetes Leben, was für eine Schaffenskraft, was für Tragödien! Von den zwanzig Kindern, die Bach mit zwei Frauen gehabt hatte, starb die Hälfte.
Und trotzdem hatte er geschrieben: «Jauchzet, frohlocket!»
Er schaltete den Rechner ab. Er würde jetzt Weihnachten feiern, allein. Wenn ein Mann wie Bach trotz so viel Herzeleid so voll Lob gewesen war, dann wollte er auch tapfer sein. Das musste gehen. Er zündete die paar Kerzen auf dem Tisch an, die er zwischen hingelegte Tannenzweige gestellt hatte. Auf dem Dachboden hatte er alte Christbaumkugeln gefunden und sie auf dem Grün verteilt. Es sah ganz nett aus. Er nahm sich vor, jetzt erst einmal für seine Kinder zu beten, dafür, dass sie gesund blieben, und sie mit Weisheit, Einsicht und Verstand gesegnet seien.
Wie in der ganzen christlichen Welt üblich, nahm er danach die Bibel hervor und las sich nun die Weihnachtsgeschichte selbst laut vor. Es war schön, die eigene Stimme zu hören und er unterdrückte einen kleinen Schluchzer. Wenigstens die eigene Stimme war noch da. Er vertiefte sich in das Lukasevangelium. Was war das doch für eine Geschichte, dachte er. Was war die Bibel doch für ein Buch! Kein anderes hatte man so häufig übersetzt, verkauft, gelesen, aber auch verspottet, runtergemacht, verfolgt und verbrannt. Ein gefährliches Buch. Es veränderte Menschen zum Guten hin. Das hatte noch nie allen gepasst.
Er las, wie die Hirten auf dem Feld über die Engel erschraken, dann zum Stall eilten. Wie sie erstaunt das Kind so fanden, wie von den Engeln gesagt. Er sah im Geist das Leuchten des Sterns über dem Stall, meinte den Geruch von Heu und Stroh zu riechen und auf einmal wurde es in der Stube hell. Er erschrak und sah den Engel, der den Hirten die Botschaft verkündet hatte. Da stand er in seinem Haus, verbreitete einen warmen Schein und sprach: «Ich bin bei dir alle Tage bis an der Welt Ende. Du bist nicht allein.»
Er spürte, wie ihm warm ums Herz wurde, wie ihn unbändige Freude ergriff. Er wollte nach dem Engel greifen, ihn umarmen, aber ein heftiger Schmerz fuhr in seine Hand. In diesem Augenblick schrak er auf und merkte, dass er mit der Hand einer Kerze zu nahegekommen war. Er stand rasch auf, guckte sich um, aber da war keiner. Dann eilte er in die Küche, um die Hand zu kühlen.
Zurück in der Stube setzte er sich wieder an den Tisch und blickte auf die Heilige Schrift. Noch immer war ihm, seine Wohnung sei mit Licht erfüllt. «Ich muss eingenickt sein», dachte er. «Und dann hat mir mein Hirn einen Streich gespielt», beruhigte er sich selbst. So richtig aber funktionierte das nicht. Er fühlte sich zu leicht, zu froh, zu glücklich, um das einfach so als Traum oder Hirngespinst abzutun. Er fühlte sich nun so gut, dass er damit begann, sich selbst Weihnachtslieder zu singen. Mitten in seinen Gesang hinein klingelte es. Seine Tochter rief an um ihm ein frohes Fest zu wünschen und zu fragen, wie es ihm gehe. Fröhlich erklärte er ihr, es gehe ihm prima. Erstaunt über den sonst eher depressiven Vater hakte sie nach: «Ist alles in Ordnung, Papa?» Impulsiv und überschwänglich antwortete er: «Ja, mir geht es gut, und du, ich glaube, ich hatte einen Engel hier!» Einen Augenblick war es still. «Hat dich denn jemand besucht? Ein Nachbar?» Er verneinte. «Ich denke, es war wirklich ein Engel!» Er hörte, wie seine Tochter tief durchatmete. Da wurde ihm bewusst, wie komisch das bei ihr ankommen musste. Sie sagte gedehnt: «Papa, muss ich mir Sorgen machen oder ist es einer deiner Scherze?» Er lachte. «Nein, kein Scherz. Vergiss es einfach!»
Zurück am Tisch dachte er darüber nach, dass Engel heute wohl nicht mehr so gefragt seien. Der Mensch könne ja fast alles selbst, brauche sie und auch Gott nicht mehr. Und er dachte an die Dinge, die der Mensch trotz modernster Technik doch nie ganz in den Griff bekam – Leben, Sterben, Gesundheit. Und das ohne Gott? Nein, das war nichts für ihn. Hatte er ihm denn nicht soeben gezeigt, dass Gott da war, dass er nicht alleine in der Stube sein musste? Dass er nicht vergessen gegangen war? Und er hatte doch alles, ihm fehlte es an nichts. Sanft und liebevoll strich er über die Bibel. Wie schade, dass so viele Menschen den Hintergrund von Weihnachten nicht mehr kannten, und nur noch Konsum und Essen im Sinn hatten. Er blickte in die Kerzen, freute sich an ihrem warmen Schein und holte sich ein Glas Wein. Ihm fiel wieder der Text von Bachs Weihnachtsoratorium ein. Trotz der Umstände jauchzen und frohlocken? Zu sich selbst sagte er laut und fest: «Aber klar doch!»
Jauchzet, frohlocket! auf, preiset die Tage,
Rühmet, was heute der Höchste getan!
Lasset das Zagen, verbannet die Klage,
Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!
Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören,
Lasst uns den Namen des Herrschers verehren!
Jauchzet, frohlocket! auf, preiset die Tage,
Rühmet, was heute der Höchste getan!
Lasset das Zagen, verbannet die Klage,
Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!
Nachwort: Möge all denen, die es in dieser Zeit brauchen, ein Engel erscheinen! Frohe Weihnachten!
Marianne Helena Plüss © 2020