Geheimnisvolles Wunderhaus

DSC02664

Abb. 1: Sehr repräsentativer Hof in Dürrenroth

Das Emmentaler oder auch Berner Bauernhaus ist mit Abstand eines der schönsten Häuser der Schweiz. Diese jahrhundertealten Bauwerke sind eine Summe von konstruktiven, funktionalen und formalen Elementen, die ihresgleichen suchen. Fachleute definieren sie als «komplette bauliche Individuen mit einer eigenen Ausstrahlung und von formvollendeter Schönheit». Das Emmental ist ein typisches Einzelhofgebiet. Die vollumfänglich aus Holz gebauten Häuser liegen verstreut, zu kleinen Gruppen, oft abseits. Früher waren sie in strengen Wintern oft über Tage und Wochen von der Umwelt abgeschnitten.

DSC01980

Abb. 2: Haupthaus des Gehöfts Zimmerzei in Eggiwil

Zu einem stattlichen Berner Gehöft gehörten schon immer mehrere Gebäude. Da ist einmal das imposante, stattliche Haupthaus. Unter seinem riesigen Dach finden wir die Dreschtenne, die Ställe und den Wohnteil mit einer schönen Vorderfront.

DSC01953

Abb. 3: Mit dem Farbanstrich täuschte man Mauerwerk vor und gab so dem Haus einen noblen, städtischen Touch

Im Erdgeschoss sind Küche und Stuben untergebracht, im ersten Stock die «Gaden», die ganz früher oft als Lagerraum benutzt wurden und später zu Schlafstuben für die Bediensteten oder die zahlreichen Kinder wurden.

DSC01996-Kopie2

Abb. 4: Gehöft Zimmerzei, Eggiwil – ausgesprochen prächtiges Stöckli, das vom grossartigen Können des Zimmermanns und dem Wohlstand des Bauherren zeugt, 1794 erbaut

Zum Hof gehörte meist auch der Stock oder das «Stöckli», ein kleineres Nebenhaus. Hier ziehen sich die Eltern zurück, wenn sie den Hof der nächsten Generation weitergegeben haben. Im Ofen- oder Waschhaus wurde gebacken und gewaschen. Etwas abseits wegen der Brandgefahr, aber immer in Sichtweite wegen möglicher Diebe, baute man einen mit schweren Schlössern mehrfach gesicherten Speicher. Hier bewahrte man Saatgut, Dörrobst, die Aussteuer, das Bargeld, die Trachten, schönes Zaumzeug, Gerätschaften, den Schmuck und Wertpapiere auf. Wer reich genug war, baute auch noch ein Küherhaus oder ein Knechtenhaus.

DSC02619

Abb. 5: Speicher in Wyssachen, Huebershus, Baujahr 1798.

Das Emmentaler Bauernhaus ist ein langgestrecktes Vielzweckhaus, einzigartiges Mehrgenerationenhaus, das meistens sehr viele Bewohner beherbergte. Es bot nicht nur Wohnraum für den Bauern und seine Familie, sondern oft auch für ledige Geschwister und behinderte Angehörige, die auf dem Hof blieben, und ebenso für die betagten Eltern, wenn kein Stock für deren Lebensabend vorhanden war. Als es noch Mägde und Knechte, einen Melker und einen Karrer brauchte, wohnten diese mit dem Bauer und seiner Familie unter einem Dach, im oberen Stockwerk in den hinteren, dunklen Kammern, die „Gaden“ genannt wurden, wenn es denn kein Knechtenhaus gab.

DSC02622

Abb. 6: Lauben sind immer schön verziert

Das Berner Bauernhaus hat auffallend viele vorhandene Böden, Lauben und Aufhängevorrichtungen. Im niederschlagreichen Hügelland dienten sie dazu, Futter, Getreide, Flachs, Baumfrüchte, Kräuter und Gemüse zu trocken. Auch eine Rauchkammer zum Räuchern von Fleischwaren durfte nicht fehlen und meistens gab es auch einen Webkeller, wo man Leinen wob. Das Haus bot also genug Raum für jede Form von Roh- und Fertigprodukten.

DSC02025

Abb. 7: Ein mehrgeschossiges, wunderschönes Haus in Röthenbach

Mehrgeschossige Dispositionen der Häuser und das hügelige Gelände führen dazu, dass das Obergeschoss des Wirtschaftsteil (Bühne) seit dem 16. Jh. mit Hocheinfahrten erschlossen ist. Das jeweilige Gelände bestimmt die Lage der Hocheinfahrt.

DSC01873

Abb. 8: Neu renovierter Hof, Fritzenfluh, Wasen, mit bergseitiger Hocheinfahrt

Es fällt dem Betrachter auf, wie perfekt die Gebäude in die Landschaft eingebettet sind. Es wurde darauf geachtet, dass das Haus entweder der Hügel- oder aber der vorhandenen Tallinie entsprechend positioniert wurde. Das vermittelt den Eindruck, dass die Bauten mit der Landschaft wie zu einer vollumfänglich harmonischen Einheit zusammengewachsen sind.

DSC01351

Abb. 9: Gehöft in typischer Emmentaler Hügellandschaft, Eriswil

Mit der Ausrichtung des Hauses markiert man die Hauptseite, mit welcher das Haus mit seiner Umgebung funktional in Kontakt tritt und den Besucher auf sich aufmerksam macht. Die so genannte Ründi, ein dekorativer Verschalungunsbogen an der Vorderfront, hat vor allem repräsentative Zwecke und will den Betrachter beeindrucken.

DSC01986

Abb. 10: Die typische, sehr dekorative Ründe an der Vorderfront soll repräsentieren

In ihrer Stattlichkeit sind die Berner Bauernhäuser wirklich kaum zu übertreffen. Ihre Schönheit zeugt von handwerklichen Meisterleistungen, sie sind von einer beeindruckenden, formalen Ästhetik, die unvergleichlich ist. Hier paarte sich das über viele Generationen von begabten Zimmerleuten erworbene Wissen und Können, also grossartiges Handwerk mit der Wohlhabenheit einer Bauherrschaft, die repräsentieren wollte und die viel Freude an der Zierde hatte. Dass gegenseitiges Übertrumpfen auch vorkam, ist häufig dort gut erkennbar, wo die Gehöfte mehrerer wohlhabender Bauern einen Weiler bildeten.

DSC02005

Abb. 11: Gehöft Zimmerzei, Eggiwil – das wahrscheinlich schönste Gehöft des Emmentals, und seit Generationen von der gleichen Familie bewohnt und bewirtschaftet

Jede agrarische Modernisierung hat Spuren hinterlassen. Es kamen Umnutzungen, Umbauten, Neubauten, Anbauten, die neuen, schweren Maschinen standhalten mussten. So ist nicht mehr alles erkennbar, wie es in alten Zeiten war. Die Denkmalpflege legt viel Wert darauf, dass ein bedeutendes Kulturgut, wie es das Berner Bauernhaus darstellt, so weit als möglich erhalten bleibt. Die Erhaltung und der Unterhalt der uralten Höfe ist für die Besitzer sehr kosten- und arbeitsintensiv. Noch längst nicht alle Bauernhäuser verfügen über den Komfort, den die meisten von uns heute als selbstverständlich ansehen.

DSC01990

Abb. 12: Prachtvoller Blumenschmuck am Stöckli, Gehöft Zimmerei, Eggiwil

Zum besonderen Blickfang des Berner Bauernhauses gehört im Sommer ein üppiger Blumenschmuck. Prächtige Geranien, die um 1680 erstmals von Afrika nach Europa kamen und inzwischen zur Schweizer Nationalblume mutiert sind, entzücken das Auge. Sie sind der ganze Stolz der Bäuerinnen und hübschen die uralten Höfe mächtig auf.

DSC02232

Abb. 13: Sehr schöner Hof in Heimisbach

Das Emmental liegt abseits vom grossen und lauten Tourismus. Es ist gerade deshalb einen Besuch wert. Hier kann man noch Stille finden und zur Ruhe kommen. Eingebettet in einer mystischen und melancholisch anmutenden Hügellandschaft begegnet man hier altem Kulturgut und einem Stück Vergangenheit.

DSC02716

Abb. 14: Die mystisch-melancholische Landschaft des Emmentals tut der Seele gut

Am stimmungsvollsten präsentiert sich die Landschaft im Spätsommer. Dann ist das Licht goldfarben, weich und mild, in den gepflegten Bauerngärten blühen Zinnien, Tagetes, Astern und Dahlien um die Wette. Aus den «Chrächen», wie Einheimische die Talsenken nennen, steigen sanfte Nebel auf, die dem Land etwas Geheimnisvolles verleihen. Und nachts kann man bei klarem Wetter noch die ganze Pracht der Milchstrasse bewundern. Denn hier im Emmental, da wird es noch richtig dunkel. Das Zirpen der Grillen und das Geläut der Kuhglocken wiegen einen in den Schlaf und man wähnt sich in einer heilen, längst vergangenen Welt. Wehmütig wird man in den Alltag zurückkehren und wissen, dass man wiederkommen wird.

DSC00861

Abb. 15: Emmental – denn nirgends ist es schöner.

Hilfreiche Links für die Planung Ihres Urlaubs im Emmental:
http://www.myswitzerland.com/de-ch/sommer-destinationen-emmental.html
http://www.myswitzerland.com/de-ch/napfgebiet-emmentaler-gratwanderung.html
http://www.emmental.ch
http://www.ausflugsziele.ch/regionen/emmental/
http://www.slowup-emmental.ch/route.html

Quelle: http://www.erz.be.ch/erz/de/index/kultur/denkmalpflege/publikationen/bauernhausforschung0.html

Winter und Wandern – EMMENTAL

DSC03474

Wandern im Winter. Nirgends geht das besser als im EMMENTAL. Viel Schnee, eine wunderschöne, romantische Landschaft. Stille und Ruhe. Die ideale Gegend, um sich vom Alltag auszuklinken. Bewusst stelle ich mich auf die Lautlosigkeit ein. Jedes Geräusch nimmt man hier wahr. Einen bellenden Hofhund, der sein Revier verteidigt. Weit entfernt eine Motorsäge. Ein Trecker, der von einem abgelegen Hof weg tuckert. Die Kirchenglocken, und ab und zu ein Auto.

DSC03407

Die kalte Luft scheint jeden Klang weit und klar über das Land zu tragen. Es gibt hier kaum Verkehrslärm. Und nachts ist es dunkel wie in einem Kuhmagen. Gefühlt scheinen hier Tage und Stunden länger zu dauern. Das muss an der Landschaft liegen. Die sanfte, hügelige Hoflandschaft des EMMENTALS weckt Heimatgefühle. Die mächtigen, schneebedeckten Dächer strahlen Geborgenheit aus. Wer hier geboren wurde, kehrt immer wieder zurück. Er lässt einen Teil seines Herzens hier.

DSC03398

Hyperaktive Städter geraten leicht in Versuchung, das Leben hier als langweilig zu bezeichnen. Sie sind die Stille nicht mehr gewohnt. Sie wird als beängstigend empfunden. Langeweile definiert man als etwas Aufgezwungenes, das Unlust und Unwohlsein auslöst. Dagegen kann man aber meistens etwas tun. Nämlich die Fähigkeit entwickeln, in sich selbst zu ruhen und einfach mal zu sein.

DSC03535

Je weniger man bereits als Kind geübt hat, selbst mit freier Zeit umzugehen, desto rascher verspürt man Langeweile, wenn man nicht von außen bespaßt wird. Wer also hierher kommt und Langeweile hat, weiss nicht, dass es auch genussvolle Muße gibt. Er bleibt dann besser in der Stadt.

DSC03415

Den Lebensmittelpunkt aber auf einem der Höfe des EMMENTALS zu haben heißt, nicht zum Entspannen hier zu sein. Wer auf einem der abgelegenen Betriebe lebt, muss sich organisieren. Der Supermarkt liegt nicht gleich um die Ecke. Die oft mehrere hundert Jahre alten Häuser müssen der Nachwelt erhalten werden. Sie sind wertvolles Kulturgut.

DSC03425

Der Unterhalt der alten Bausubstanz ist aufwendig und kostspielig. So sind die Bewohner oft in mehreren Berufen tätig, um genügend Einkommen zu haben. Das Leben ist teuer geworden. Ein kleiner Prozentsatz der ehemaligen Bauernschaft arbeitet noch als Landwirt. Es gibt immer weniger davon, weil dieses Leben nicht bequem ist. Die verbleibenden Bauern pflegen also die Landschaft, Äcker, Wiesen, Felder, Wald und das Vieh. Daneben arbeiten oft beide Elternteile wie auch die junge, nachfolgende, den Hof weiterführende Generation in einem weiteren Beruf. Man findet alles. Von der Krankenschwester bis zum LKW-Fahrer. Die Zeiten wie vor hundert Jahren, wo ein mittlerer Hof eine Grossfamilie zu ernähren vermochte, sind vorbei.

DSC03436

EMMENTALER sind arbeitsam und machen nicht viele Worte. Nachbarschaftshilfe ist selbstverständlich. Das Klima prägt die Menschen. Sie sind das eher raue Klima, die strengen Winter gewohnt. Sie kommen gut mit viel Schnee klar. Wintertaugliche Fahrzeuge mit Vierradantrieb und Schneeketten fehlen nirgends.

DSC03435

Hier kennt man sich noch und grüßt jeden. Wer mir begegnet, sagt einen Gruß, winkt oder nickt aus dem Auto heraus. Egal, ob er mich nun kennt oder nicht. So ist es Brauch. Wer hier nicht grüßt, schadet sich selbst.

EMMENTAL – ein schützens- und erhaltenswertes Landschaftsbild von nationaler Bedeutung. Aber – vielleicht sollte man es nicht allen sagen, wie schön es hier ist.

Sonst gehen womöglich alle hin…

DSC03456

Happy New Year!

DSC03008

Sind Sie gut ins neue Jahr gestartet, oder haben Sie es so gemacht wie ich? Das neue Jahr ist gerade mal einen Tag alt und hat mich bereits arg gebeutelt. Bei schönstem Wetter auf einer Wanderung im Emmental flog mir heute meine Kamera wegen klammen Fingern um den Kopf, nachdem sie mir vorher deswegen schon in den Schnee gefallen war.

So starte ich das neue Jahr mit einer Platzwunde, und einem Veilchen. Aber – wir bleiben tapfer.

Der Ausflug hat sich dennoch gelohnt. Die Bilder sind auf dem Ahorn bei Eriswil, Emmental, Kanton Bern entstanden. Anfahrt via Huttwil, Eriswil, mitten im Dorf links ab, Richtung Ahorn. Schneeketten ab Eriswil sind im Augenblick hilfreich. Parken beim Restaurant Ahorn. Wanderung Richtung Napf, Chatzenschwand, Birnbaum und hinten rum via „Seppi a de Weigere“ zurück. Winterfeste Ausrüstung ist Bedingung, Schneeschuhe ziemlich nützlich.

Viel Vergnügen beim Betrachten der Bilder.

DSC03138

DSC03128

DSC03126

DSC03124

DSC03123

DSC03099

DSC03098

DSC03096

DSC03082

DSC03062

DSC03043

DSC03041

DSC03037

DSC03036

DSC03031

DSC03024

DSC03014

DSC02996

Ahorn – am Grenzpfad im Napfgebiet

DSC01208

Aussicht von der Ahornalp

DSC01240

Für kurze Tagesausflüge bietet sich die Ahornalp, kurz Ahorn genannt, wunderbar an. Die Alp liegt am Grenzpfad Napfbergland. Vom zentralen Mittelland der Schweiz führt der Grenzpfad, die Kulturgrenze Bern-Zentralschweiz, durch eine wunderschöne Gegend bis hin zum Brünig. Rund um die Ahornalp hat man eine tolle Aussicht – vom Jura bis zu den Berner Alpen, vom Pilatus bis hin zum Glärnisch.

DSC01250

Das Napfgebiet und das EMMENTAL bieten traumhafte Landschaften und Naturschönheiten.

DSC01251

Den Baum auf dem nachfolgenden Bild findet man auf dem Weg vom Ahorn Richtung Birnbaum-Luthern.

DSC01230_22
Foto bearbeitet von Thomas Falkenrodt

Wer seinen Sommerurlaub zu Hause verbringt und einmal gerne die Gegend besucht, findet hier nähere Informationen:

http://www.grenzpfad.ch

DSC01247

Hier ein Tipp: In den Monaten August und September ist der Sternenhimmel in mondlosen Nächten im EMMENTAL besonders schön und gut zu sehen. Dann sind die Tage schon etwas kürzer und es wird früher dunkel. Die Lichtverschmutzung ist hier noch nicht so arg wie in der Agglomeration und den Städten.

In dieser Zeitspanne kann man jeweils die Milchstrasse auf den Hügeln des EMMENTALS wie beispielsweise bei Eriswil, in ihrer ganzen Pracht bewundern.

DSC01259

Die Landschaft rund um Eriswil ist reizvoll. Das Dorf ist Ausgangspunkt für viele schöne Wanderungen.
http://www.eriswil.ch

Die Legende von der Krone

DSC01048

Gott schuf die Welt, und eine Legende besagt, dass der Allmächtige mit Eiger, Mönch und Jungfrau wirklich etwas ausserordentlich Schönes geschaffen hatte. Als er damit fertig war, blieb noch etwas Material übrig. Also schuf Gott damit den Hohgant. Und darum wird der Hohgant auch die Krone des EMMENTALS genannt.

Diese schöne Erzählung lieferte mir Hans. Mit ihm wollte ich auf den Hohgant.

DSC01129

Ungefähr 12 km Luftlinie nordöstlich von Interlaken her liegt der Hohgant im hinteren EMMENTAL.
Eine 7 km lange Bergkette mit mehreren Gipfeln kennzeichnet ihn. Sein höchster Punkt liegt 2197 m. ü. Meer.

DSC01054

DSC01076

Unter den Bergmassiven vom Hohgant, der Schrattenfluh und den sieben Hengsten befindet sich ein bekanntes, riesiges Höhlensystem. Es ist allerdings nur Höhlenforschern zugänglich.

Vor einigen Tagen habe ich es dann geschafft und den Hohgant bestiegen. Alles, was ich brauchte, war ein kurzfristiger Entschluss, einen freien Tag, stabiles Wetter, die passende Ausrüstung und eben Hans.

DSC01084

Ohne kundigen Begleiter sollte man nie in den Bergen unterwegs sein, wenn man die Gegend nicht so gut kennt. Ich mag die mildere Form des Bergabenteuers, ohne Seil, Pickel und Biwak. Das gefällt mir besser, als mitten in Viertausendern zu hocken und ihre Felswände anzustarren.

DSC01080

In dieser Gegend könnte man sich tot fotografieren, weil es so viel Schönes zu sehen gibt. Aber man will ja hochsteigen und weiterleben, also Beherrschung bitte.

DSC01115

In Anbetracht der tollen Aussicht werden einem die Herzen weit und man freut sich über die wunderbare Schöpfung. An Evolution und Urknall mag man nicht glauben, es erscheint einem unwahrscheinlich, ja ketzerisch, dass etwas so Wunderbares „einfach so“ entstanden sein sollte. Das zu glauben, würde ja einen riesigen Glauben bedingen. Und da war auch die Geschichte von dem Mann, der sagte: „Ich habe keine Probleme mit dem Urknall. Gott schnippte mit dem Finger, und dann knallte es!“

DSC01095

Aber – erfüllte Wünsche haben die negative Eigenschaft, neue Wünsche zu gebären. Auf dieser Wanderung wurde mir klar, dass es noch weitere lohnenswerte Ziele im EMMENTAL gibt. Das Räbloch, die Täuferhöhle, die im Innereriz geschützten Hochmoore, die Schrattenfluh.

Vorerst zieht es mich also noch nicht nach New York.

DSC01111

Dieser Link führt zum Schweizer Fernsehen, das sollte man sich ansehen:
http://www.srf.ch/sendungen/srf-bi-de-luet-wunderland/2012/hohgant-gebiet-krone-des-emmentals

DSC01119

DSC01103

Sonntage im EMMENTAL

DSC00942

Sonntage sind besondere Tage. Für mich ist es der Tag der Woche, an dem uns Gott Ruhe und Erholung verordnet hat. Wie dankbar bin ich dafür! Ohne schlechtes Gewissen darf man sich auf den Liegestuhl legen, stundenlang wandern, spazieren, ein Buch lesen, oder gar nichts tun. Denn der Montag ist auch noch ein Tag.

DSC00891

Wer sechs Tage die Woche fleissig ist, darf mit gutem Gewissen an einem siebten Tag eine Pause einlegen. So dachten meine Grosseltern. Das dürfe man auch dann, wenn trotz viel Fleiss nicht alles geschafft worden sei. Man komme nicht schneller ans Ziel, wenn man auch am Ruhetag arbeite. Die Welt gehe nicht unter, wenn nicht alles erledigt sei. Es gebe eh immer etwas zu tun, und die Arbeit gehe einem nie aus.

DSC00885

Ich teile diese Einstellung. Und es ist mir egal, wenn man mich deswegen altmodisch und rückständig nennt. Denn es ist anscheinend sogar wissenschaftlich erwiesen, dass der Mensch in diesem Rhythmus einen Ruhetag braucht. Ich vermute, dass es Folgen hat, wenn man sich keine regelmässige Erholung gönnt. Ausserdem ist der wöchentliche Ruhetag gut fürs Äussere. Er glättet unsere Falten, weil man sich entspannen kann. Es macht also Sinn, den Alltag einmal die Woche hinter sich zu lassen.

DSC00889

Am Ruhetag hat man Zeit zum Laufen, zum Nachdenken, Beten, Zeit für den Gottesdienst, für die Familie. An Sonntagen halte ich mich gerne in der freien Natur auf.

DSC00908

Man atmet den herrlichen Duft der Heuwiesen ein, hört das Zirpen der Grillen und das Summen der Bienen. Manchmal ist der Himmel an Sonntagen besonders blau. Mir kommt es jedenfalls so vor. Er sieht einfach blauer aus, wenn ich ihn nicht durchs Fenster meines Büros anschauen muss.

DSC00879

Nirgends ist der Himmel bei besonderen Wetterlagen so schön wie im EMMENTAL. Über der heimeligen Landschaft liegt Ruhe. Hier findet man zahllose stille Plätzchen zum Verweilen, weitab vom Stress und dem Lärm der übrigen Welt. Grandiose Wolkenbilder ziehen vorbei. Wolken, die aussehen, wie mit dem Pinsel aufgemalt. Unfassbar schön. Man kann sich daran nicht sattsehen. Hier wird die Seele des Menschen von Gott liebkost.

DSC00861

An solchen fantastischen Tagen kann auch der Ungeübte nette Fotos machen. Denn die ganze Landschaft ist eine Augenweide. Wie ein kostbares Gemälde zeigt sie sich von ihrer besten Seite und posiert so, dass die Kamera gar nicht anders kann, als ein schönes Bild zu schiessen.

DSC00880

Lieber Leser, wenn Sie sich einmal etwas Gutes tun wollen, und Sie noch nie im EMMENTAL waren, dann sollten Sie das unbedingt einmal nachholen. Bevor Sie einen Trip nach New York planen. New York kann warten. Das EMMENTAL nicht.

DSC00842

DSC00921

Der Markt der Märkte – Gotthelf-Märit

EMMENTAL – Land zwischen Brauchtum, Tradition und Moderne
Kleine Foto-Tour

DSC00972

Immer im Juni findet der Gotthelf-Märit in Sumiswald im Emmental, Kanton Bern, statt. Der Markt in Sumiswald gehört zu den schönsten Märkten, die es in der Schweiz gibt.

Sumiswald bietet sich mit dem alten Dorfkern, den wunderschönen und typischen Häusern geradezu an, hier einen historischen abzuhalten. Zahllose Stände laden ein, fast vergessenes Handwerk in Erinnerung zu rufen. Korbmacher, Strohflechter, Drechsler, Seifenmacher, Klöpplerinnen, Töpfer, Waschweiber, Holzschnitzer und viele andere zeigen ihr grossartiges Können und bewahren jahrhundertealte Handfertigkeit vor dem Vergessen.

DSC01022

DSC00986

DSC01029

DSC01034

DSC01035

Viele Besucher und Marktfahrer tragen stolz ihre Tracht oder historische Kostüme aus der Zeit Gotthelfs.
Als der Markt um halb neun Uhr eröffnet wird, strömen bereits grosse Scharen ins Dorf. Für Unterhaltung ist gesorgt und sie repräsentiert reines, altes Brauchtum, das weiter gepflegt werden will. Erfreulich viele Kinder und junge Leute sind in den traditionellen Vereinen aktiv. In der Trachtengruppe, der Dorfmusik, im Schwingclub. Smartphone und Kleidertracht schliessen sich also nicht aus. Die Besucher sehen Volkstanz, Fahnenschwingen, hören Jodellieder, Zitherspiel, Alphornbläser, den Kinderchor in Tracht.

DSC01021

DSC00984

DSC01003

DSC01015

DSC01025

DSC01027

DSC01045

Auch das Schwingen der Jungen fehlt nicht. Schwingen – der schweizerische Nationalsport schlechthin. Wie die Grossen gehen auch die Kleinen in Edelweisshemd und Schwingerhose den Wettkampf mit grossem Ernst an.

DSC00974

DSC00978

Der Markt ist auch eine kulinarische Fundgrube. Köstlichen Käse, Wurst, Honig, Gewürze, Obst, Gebäck, Brot, Wein, Schnaps, alles von fleissigen Händen aus der Region hergestellt.

DSC01002

Die Vielfalt und der angebotenen und ausgestellten Produkte ist eine Augenweide. Die Menschenmenge nimmt zu, man tritt sich auf die Füsse, aber das tut der guten Laune keinen Abbruch.

DSC01041

DSC00993

Wer könnte jetzt hier auch schlechte Laune haben? Da ist einer, der mir anbietet, seinen Käse zu kosten, dort einer, der dasselbe mit seiner leckeren Rauchwurst tut, und dazwischen überall Tische und Bänke, wo man etwas essen und trinken, sich ausruhen und den Treiben zusehen kann.

DSC01009

Der Emmentaler hat echt keinen Grund, schlechte Laune zu haben. Er hat nicht nur schöne Märkte und die schönsten und fleissigsten Frauen weit und breit. Er hat auch ein Brauchtum, das es wert ist, erhalten zu werden. Er hat das Glück, in einer der wundervollsten Gegenden der Welt zu leben.

EMMENTAL – das bedeutet nicht nur Heimat, sondern für mich stets ein kleines Stück Paradies auf Erden.

Der nächst Gotthelf-Märit findet am 13. Juni 2015 statt.

DSC01019

Winter im EMMENTAL

DSC_0272

Auf der Lüderen – mit Blick auf die Alpen – mit Eiger – Mönch – Jungfrau

EMMENTAL – hügeliges Land rund um den Napf, zwischen Voralpen und Mittelland gelegen – nirgends ist es schöner. Hier ist es das ganze Jahr einzigartig, sogar im Winter. Eigentlich sollte man das für sich behalten und nicht allen erzählen – wie schön es im EMMENTAL ist. Aber – wes des Herz voll ist, des geht der Mund über – und es gibt Dinge, die will man gerne mit den Menschen teilen, die man mag. Einfach, weil es so wunderbar ist…

Zugegeben, es gibt auf unserem wundervollen Planeten zahllose traumhafte Orte. Der Reiseführerverlag Lonely Planet hat für 2014 in der neunten Ausgabe seines Reisejahrbuchs „Lonely Planet’s Best in Travel“ die zehn Top-Destinationen dieser Erde aufgelistet. Und es gibt sie, diese Reiseziele, diese grandiosen Landschaften, die uns den Atem rauben. Wer die Möglichkeit hat, einen dieser umwerfenden Orte zu besuchen, wird mit Bestimmtheit unvergessliche Erinnerungen mit nach Hause nehmen.

Mit „nirgends ist es schöner“ meine ich aber eine Destination, die man immer wieder besuchen kann, ohne dass die Reise dorthin einen finanziell ruiniert. Damit ist eine Gegend gemeint, die der Seele mit ihrem Charme stets aufs Neue gut tut. Eine Landschaft, die uns den Alltag mit seiner Hektik und dem vielen Stress vergessen lässt. Denn – im EMMENTAL ticken die Uhren gefühlt irgendwie anders…

DSC02040

Mit Buchen wird im Napfgebiet seit Jahrhunderten die Grenze zwischen den Kantonen Luzern und Bern markiert

Hier gibt es noch das Ding, das man STILLE nennt. Alles geht ein wenig gemächlicher. Es gibt hier keine hektischen Städter, die sich das Drängeln und das ungeduldige Hupen wegen einem Nichts zur Lebensaufgabe gemacht haben. Denn Stille und Gemächlichkeit sind vielen abhanden gekommen. Viele Menschen wissen nicht mehr, wie es klingt, wenn nichts als Stille zu hören ist. Und weil es hier still ist, kann das Ohr im Winter noch wahrnehmen, wie der Schnee unter den Schuhen knirscht, nachts ein Käuzchen schreit und irgendwo in der Ferne ein Hund bellt. Im Sommer hört man abends noch das Zirpen der Grillen, und tagsüber in Wald und Feld das Summen der Bienen und Insekten. Hier kann man sich noch an einem Waldrand ins Gras legen, den vorbeiziehenden fantastischen Wolkengebilden am endlos weiten Himmel zugucken, nachts die Milchstrasse bewundern und die Geräusche der Natur in sich aufnehmen. Im EMMENTAL werden keine Prozesse von Anwohnern wegen störendem Gebimmel von Kuhglocken und Kirchenglocken geführt, oder weil Kinder sich am Hang mit Ski und Schlitten tummeln. Denn in dieser Stille erträgt der Mensch diese Klänge und sie sind uralter Bestandteil der heimischen Kultur. Das EMMENTAL ist der ideale Ort, um sich zu entschleunigen.

Es drängt sich auch ein weiterer Gedanke auf – wenn Gott am siebten Tag von allen seinen Werken ruhte, dann muss er das im EMMENTAL getan haben…

DSC_0287

Chuderhüsi – Blick vom Aussichtsturm – der dunkle, etwas eckige Berg links ist das Stockhorn

Das EMMENTAL hat eine ganz besondere Ausstrahlung. Die Atmosphäre hier kann einen leicht wehmütig und melancholisch werden lassen, denn die sanfte Landschaft berührt das Herz. Man fühlt sich hier geborgen, daheim, angekommen, hegt nostalgische Gedanken und kriegt Sehnsucht nach dem Unbekannten, das uns vermeintlich noch fehlt. Man bekommt den Eindruck, dass Gott diesen Flecken Erde mit ganz besonderer Sorgfalt und einer grosser Liebe zum Detail gestaltet hat.

Wer also dazu bereit ist, sich auf eine Region abseits der mondänen Touristenorte einzulassen, wird unweigerlich rasch ihrem ganz speziellen Reiz erliegen. Im EMMENTAL gibt es sie nicht, diese großartigen und beeindruckenden Viertausender, welche Flachländer so in ihren Bann ziehen. Hingegen findet man viele schöne Aussichtspunkte. Von den oft rundlich geformten Hügeln aus hat man einen fantastischen Blick auf die mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel. Oft sind die Berge aus einer gewissen Distanz fast schöner, als wenn man mitten in ihnen hockt. Man hat dann das ganze, überwältigende Panorama vor sich und kann sich daran kaum satt sehen. Es hat im EMMENTAL keine prächtigen Seen, dafür aber zahlreiche Täler mit kleineren Flüssen, wilden Bächen, die bei Unwetter zu reißenden und zerstörerischen Wassern anwachsen können. Dann kleine, beschauliche Dörfern mit den alten, im typischen Berner Baustil erbauten Häusern. Nicht zu vergessen sind die vielen gemütlichen Restaurants, in denen man ausgezeichnetes Essen kriegt und die oft seit Generationen von der gleichen Familie geführt werden.

DSC02185

Hier sieht man am Horizont den Pilatus

Besonders prägend fürs EMMENTAL ist die eben erwähnte Bauart der stattlichen Bauernhäuser. Mit auf den Seiten bis fast auf den Boden reichenden Walmdächern scheinen sie sich geradezu an die Hänge anzuschmiegen. Sie sind aus Holz gebaut, nach uralter, seit Generationen gepflegter Zimmermannskunst errichtet. Harmonisch sind sie in die Landschaft eingebettet, inmitten von Weiden, Wiesen und Obstbäumen. Sie sind groß, behäbig, viele hundert Jahre alt und meistens leben mehrere Generationen unter einem Dach. Im Winter tragen die riesigen Dächer der Höfe die dicke Schneeschicht stolz wie eine dicke Kappe.

DSC_0246

Auf der Lüderen, Aussichtspunkt im EMMENTAL, Anfahrt von Langnau i. E. oder Wasen i.E.

Winter im EMMENTAL – die Jahreszeit, wo man im hier ohne Schneeketten nicht überall hinkommt. Einige höher gelegenen Höfe und Alpen werden nur im Sommer bewohnt und bewirtschaftet. Dennoch kann man auch in der kalten Jahreszeit hier wandern, dem Langlauf frönen, Schneeschuh laufen, fotografieren und wunderbar essen. Und vor allem die unglaubliche Ruhe genießen. Kein Verkehrslärm, keine Staus, keine Autobahn, wenig Menschen. Nichts als Ruhe, Stille und eine sagenhafte Landschaft.

DSC08800

Eriswil – das Dorf meiner Vorfahren – Märchenland meiner Kindheit – Copyright by J.A. Plüss

Deshalb – lieber Leser, sollten wir eigentlich nicht allen möglichen Leuten sagen, wie schön es im EMMENTAL ist. Sonst fährt jeder hin. Wollen wir das wirklich? Aber – ich konnte es auch nicht lassen, davon zu erzählen. Ich habe deshalb schon Brasilianer, Amerikaner, Israelis, Deutsche, Serben, Holländer und einen Franzosen ins EMMENTAL geschleppt. Denn, wer das EMMENTAL nicht gesehen hat, der hat NICHTS gesehen und nicht richtig gelebt. Und, ist es nicht so, dass es Dinge gibt, die man mit denen teilen soll, die ein Auge für die Schönheit dieser Welt haben? Denn geteilte Freude war doch schon immer doppelte Freude!

Auf ins EMMENTAL!

DSC08774

Auf dem Wanderweg von Huttwil nach Eriswil – Richtung Belzhöhe – Copyright by J.A. Plüss

K(r)ampf in der Küche

IMG_1177

Quarktorte Verdana – Familienrezept

Fotos vom Essen auf dem Smartphone speichern? Viele tun das und selbst ist man keine Ausnahme. Torten, Gemüseplatten, Gebäck. Nicht mit dabei alle diese gewöhnlichen Alltagsgerichte, die man ein Leben lang seiner Familie Tag für Tag vorsetzt. Bratwurst mit Rösti, Spiegelei mit Spinat und Bratkartoffeln, Rührei mit Speck, Frikadellen mit Apfelbrei, Nudeln mit Hackfleischsoße, glasierte Kastanien mit Rotkraut, Fischstäbchen, gebratenes Hähnchen, Kartoffeln, mageres Schnitzel, Napfkuchen, Hefezöpfe, Suppe.

IMG_1212

Gemüsesuppe mit Schweinswürstchen – ein Wintergericht

Aber warum fotografiert man das Essen? Wahrscheinlich weil nach dem Verzehr von dem Essen und von der ganzen Arbeit kein Krümel und nicht die geringste Spur, sondern nur schmutziges Geschirr übrig bleibt. So aber hat die Köchin wenigstens ein paar Bilder…

DSC02291

Das englische Kaffeegeschirr

Dann überlegte man, seit wann man eigentlich kocht oder kochen muss. Denn Kochen schien für Frauen meiner Generation ein Muss zu sein. Man hat uns damals also nie gefragt, ob wir das gerne tun möchten und überhaupt Lust dazu haben. Man hat auch nicht geguckt, ob man Talent dazu hat. Wer mit weiblichen Merkmalen geboren wurde, musste einfach kochen können. Das war sozusagen Gesetz.

IMG_0652

Grillfest im Garten

Schon im Kleinkindesalter begann man damit, uns Mädchen ungefragt in die ländliche Kochkunst vom EMMENTAL einzuführen. Das fing mit dem Schälen von Obst und dem Pellen von Kartoffeln an. Wir waren eine grosse, schwer arbeitende Familie von Selbstversorgern, die Unmengen Futter brauchte. So standen die Frauen der Familie jeden Tag Stunden in der Küche, um die Früchte der Feldarbeit zu verwerten. Gefühlt mindestens das halbe Leben. Es gab noch kein fliessendes heisses Wasser und es wurde noch mit Holz und Feuer gekocht. Butter, Brot, Schmalz, Sauerkraut, Marmelade, Wurst und Schinken, alles wurde selbst hergestellt.

IMG_0223

 

Wunderschöne Geburtstagstorte – in Zusammenarbeit mit meiner Tochter

Im Alter von acht, zehn Jahren war es soweit. Man stellte uns zarte Töchter an den Herd. Ging auch gut, wir hatten ja kleine Füsse. Wir konnten also Kalbsleber und Hefezopf für eine siebenköpfige Familie zubereiten, bevor wir wussten, wie man sich die Beine epiliert. Man wundert sich heute, dass so kleine Personen mit den riesigen Pfannen und Töpfen klar kamen und sie das Haus nicht mit dem offenen Herdfeuer in Brand setzten.

IMG_0116

Köstliche Cupcakes, made by meiner Tochter

Mit fünfzehn Jahren zog ich für ein Jahr in die französische Schweiz. Die herzkranke Madame musste mir nichts mehr beibringen, das hatten Mama und die Oma schon getan. Sie konnte mir also die Küche getrost überlassen. Dort kochte täglich Berge von Essen für eine grosse Familie und zahllose Gäste.

IMG_0168
Der sonntägliche Hefezopf

In Erinnerung an diese vergangenen Zeiten kam ich im Laufe des Nachdenkens auf eine absurde Idee. Ich wollte ausrechnen, wie viele Mahlzeiten ich bisher gekocht hatte. Obwohl ich in Mathe mies bin. Denn Zahlen gefallen mir nur dann, wenn sie hübsch aussehen und nett angeordnet sind. Behauptete letzthin jemand. Und elend daran ist, dass das völlig richtig ist. Ich habe aber diesen Versuch trotzdem gewagt, und man möge mir etwaige Rechenfehler verzeihen.

DSC02115

So gefallen mir Zahlen am besten – wenn sie schön farbig und nett angeordnet sind

Ich beschränkte mich deshalb vorerst auf die Berechnung der zehn Jahre, in denen ich drei kleine Kinder und nie Urlaub hatte. Das wären dann also zehn Jahre mal 365 Tage, das sind 3650 Tage. Jeden Tag gab es drei Hauptmahlzeiten und zwei Zwischenmahlzeiten. Insgesamt also fünf Mahlzeiten am Tag. In zehn Jahren mussten somit rund 18’250 Mahlzeiten für eine Familie von meistens rund fünf Leuten zubereitet werden. Das hiess zum Beispiel, jedes Mal fünf Tassen oder Gläser abwaschen.

DSC02287

Unsere schönen Weingläser

Ich habe also in zehn Jahren ungefähr 91‘250 Gläser oder Tassen hervor geholt, abgewaschen, weggeräumt. Teller, Besteck, Töpfe, Schüsseln, Kochlöffel und Pfannen nicht eingerechnet. Dazu bin ich in Mathe wirklich zu schwach. In vierzig Jahren sind das dann rund 365’000 Tassen und Gläser. Weiter gerechnet, ergibt die Zahl der gekochten Essen für meine Familie auf vierzig Jahre die beeindruckende Summe von 73’000 Kochgängen. Auf die einzelnen Esser eines 5-Personen-Haushalts runtergerechnet wären das dann 365’000 servierte Einzel-Menüs. Auf die Berechnung der Stunden für Planung, Einkauf, Vorbereiten, Kochen und Abwasch habe ich verzichtet. Ebenso vermied ich eine Berechnung der Anzahl Kilogramme von zubereiteten Lebensmitteln und dem herumgeschleppten Geschirr. Es würde sicher mehrere LKWs ausmachen. Die Zahlen, falls sie überhaupt stimmen, sind beeindruckend. Und das Beste daran ist, dass Frauen das tun, ohne dafür ein Gehalt zu kriegen. Sie tun es, weil sie von Liebe, Verantwortungsgefühl, Pflichtbewusstsein und Fürsorge getrieben und beseelt sind. Und aus Angst vor dem Hungertod.

IMG_1352

Nicht immer gerät das Sonntags-Menü so, wie man es haben wollte…

Ich habe also genau wie meine Ahninnen, gefühlt bisher fast mein ganzes Leben in der Küche zugebracht. Abnutzungserscheinungen an meinen Händen zeugen von den vielen tausend Kilogramm Gemüse, die ich geschält und geputzt habe. Oft beginnen mir die Hände weh zu tun, wenn sie das Rüstmesser erblicken. Und des Kochens bin ich inzwischen satt. Denn eines Tages bemerkte ich, dass ich das nicht wirklich gerne tat. Denn es ist ein sehr anstrengender, aufwendiger und stets wiederkehrender Akt. Ich tat es einfach so, wie ein Automat seine Arbeit tut. Ohne nachzudenken. Einfach deshalb, weil es jemand tun musste. Und das war meistens ich.

Die Zeiten änderten sich, alles ist anders geworden. Nach einem langen Arbeitstag noch Stunden in der Küche stehen? Nein. Für etwas, das in fünf Minuten weggeputzt ist? Lohnt sich das?

IMG_2284

Ein Leben ohne Spinat? Undenkbar!

Wenn ich mich heute alleine verpflegen muss, dann mache ich es kurz und schmerzlos. Ich esse also das Gemüse roh. Brokkoli, Tomaten, Gurken, Fenchel, Möhren, Blumenkohl, Radieschen, Kohlrabi, und jede Menge Obst. Ich esse Joghurt, Quark, Brot, Suppe, Käse und Wurst und alles, was keine Arbeit gibt und wenig Geschirr verdreckt. Sind andere an meiner Futterkrippe, dann kommt es auf die Situation drauf an und die Ambivalenz dem Kochen gegenüber wird dementsprechend vorübergehend auf Eis gelegt. Sind Gäste da oder nicht? Sind maulende Teenager am Tisch? Verwandte? Nur die eigenen Kinder und der Ehemann? Kleinkinder? Ausländer? Senioren? Diabetiker?

IMG_0752

Draussen schmeckt es besser…

Oder – hat vielleicht jemand Geburtstag oder eine Prüfung bestanden? Dann stelle ich mich darauf ein und versuche dem gerecht zu werden und es auch wirklich so gut als möglich zu machen. Denn, wenn etwas schon getan werden muss, dann soll man es mit Würde und zudem richtig tun, ob man es nun gerne tut oder nicht. Auch dann, wenn man nur mittelmässig begabt ist. Das ist meine ureigene Definition von der sogenannten „protestantischen Arbeitsethik“.

DSC05251

Was man von der eigenen Mutter gelernt hat, gibt man an seine Kinder weiter – sensationeller Schokoladenkuchen für einen Geburtstag, gebacken und dekoriert von meiner Tochter

Mit Feinschmeckern hingegen gehe ich lieber ins Restaurant, als sie daheim zu bekochen. Mit diesen Schickimicki-Hobbyköchen, die genau wissen, wie das Schnitzel am besten gerät, welcher Wein in welche So­ße gehört und wann genau der richtige Zeitpunkt ist, wann das zu bratende Huhn geschlachtet werden muss. Ihnen den Gefallen zu tun, über mein selbst gekochtes Essen zu meckern, das tue ich nicht. Denn selbsternannte Gourmets finden immer etwas, das ihnen nicht passt, und wenn es nur die Farbe der Petersilie ist oder ihnen das Muster meiner alten Kochschürze nicht gefällt. Die einzige Hürde ist dann die, sich zu entscheiden, ob man ein Gericht bestellen will, von dem man weiss, wie man es isst, oder ob man sich auf Neues einlassen will…

IMG_2142

Geräuchertes Forellenfilet – wenn die Zeit mal knapp ist

Ich bin also kein Kochfreak. Von den Kochbüchern, die man mir im Laufe meines Lebens, aus was für Gründen auch immer, schenkte, benutze ich meistens nur zwei. Eins ist auf Französisch, aus dem Kanton Waadt, das andere ist das altgediente Berner Kochbuch, mit einfachen, bewährten Rezepten. Kochsendungen verabscheue ich ebenso. Total langweilig. Weshalb soll ich mir etwas ansehen, dass ich jeden Tag selbst tun muss? Das heisst aber nicht, dass ich gegen ein schönes und leckeres Essen im Kreis von lieben Menschen bin. Nein.

IMG_1156

Ein Festtags-Tisch

Zur Gastfreundschaft, die unsere Beziehungen doch sehr bereichert, gehört es eben, dass man andere bewirtet. Und das begeisterte „Danke, das hat super geschmeckt!“, das freut jeden, der fleissig in der Küche werkelte. Ganz toll aber ist es für die, die ein Leben lang kochen müssen, wenn sie selbst eingeladen und bekocht werden. Denn man weiss aus eigener Erfahrung, wie viel Arbeit und Liebe dahinter steckt. So ist man wirklich für jede Einladung dankbar, die einen von der eigenen Kochkunst fernhält. Man geniesst das Essen doppelt, weil man sich weder abgehetzt noch nach Bratenfett riechend an den liebevoll gedeckten Tisch setzen darf.

IMG_2235

Sich überhaupt täglich an einen gedeckten Tisch setzen zu dürfen und genug zu essen zu haben, ist nicht für alle Menschen dieser Erde selbstverständlich. Deshalb finde ich es angebracht, sich fürs Essen zu bedanken. Warum also nicht dem Schöpfer danken, der das gedeihen liess, was so lecker auf dem Teller aussieht? Ein freundliches Dankeschön dem Koch, der den täglichen K(r)ampf mit dem Kochen andern zuliebe auf sich genommen hat? Ein inniges Dankeschön demjenigen, der uns eingeladen hat? Aber sicher!

IMG_1506

So freut man sich trotz viel Arbeit und Mühe immer wieder neu um gelungene Gerichte. Man wird sie wohl weiterhin ab und zu fotografieren. Ich stelle es mir schön vor, später einmal seinen Enkeln zeigen zu können, welche kunstvollen Dinge die vielleicht zittrig gewordenen Hände früher hinkriegten. Aber bis dahin backen und kochen wir bei Bedarf getrost weiter, damit die Welt nicht aus den Fugen gerät. Und wer gerne das Familienrezept für die Ananas-Quarktorte, die man in Deutschland elegant Käsesahne-Torte nennt, haben möchte, darf sich bei der Autorin melden. Wenn man die Zubereitung im Griff hat, die Zutaten im Haus und das Rezept auswendig im Kopf, ist die Torte in einer halben Stunde fertig hergestellt.

Das Weihnachtsbuch

IMG_1326

Es gibt seltsame Berufe. Ich übe so einen aus. Er bedingt, dass ich viele Dinge im Voraus planen muss. Gedanklich bin ich also im Oktober schon im Januar, im Januar bereits im April, und im April bereits im Juli. So geht es das ganze Jahr. Ziemlich anstrengend. Man lebt in zwei Welten. In der realen, die gerade aktiv ist und passiert, und in der zukünftigen, die man planen muss.

Im Frühling also sass ich wieder einmal im Büro und brütete die  Monatsplanung für den Juli aus. Seufzend meinte ich: „Krass, schon Juli, dann sind es ja keine sechs Monate mehr bis Weihnachten!“
„Pha, hör auf, du hast bestimmt schon die Weihnachtsgeschenke bereit!“ feixte mein Gegenüber.
„Natürlich!“, konterte ich, „sozusagen schon alles fertig!“
„Wie? Du hast die Weihnachtsgeschenke schon eingekauft? Du spinnst ja! Wo die Sommerferien noch nicht mal richtig vor der Tür stehen! Da kriegt man ja die Krise!“ Die Person schnaubte. Ich aber lachte. Dann sagte ich: „Nein, eingekauft habe ich sie nicht!“

Das konnte ja keiner wissen, dass ich angefragt worden war, um an einem kleinen Weihnachtsbuch mitzuschreiben. Und das bereits alles gemacht war.

Ein Weihnachtsbuch? Gute Idee. Das passte perfekt, denn ich hatte bereits einige Geschichten auf Lager. So war der Aufwand nicht sehr gross. Viel schwieriger als das Schreiben aber war das Zeichnen. Denn ich sollte auch die Illustrationen liefern. Nun aber schien draussen die Sonne. Der Himmel war stahlblau und ich sass leicht frustriert im Arbeitszimmer. Bei Sonnenschein im Haus hocken, das war noch nie mein Ding gewesen.

Ich musste mich also trotz fantastischem Wetter mit Weihnachten herumschlagen. Das war sehr eigenartig. Es fühlte sich merkwürdig an. Aber ich brachte es irgendwie doch fertig, mich gedanklich in den Winter hinein zu versetzen. Ich hörte das Knirschen des Schnees unter meinen Füssen, roch den Geruch der Tannenzweige, sog den Duft von frisch gebackenen Zimtsternen ein und hörte im Geist die Kirchenglocken, die zum Gottesdienst an Heilig Abend riefen.

So ging das Malen und Zeichnen plötzlich wie von alleine. Ja, ich geriet richtig in Weihnachtsstimmung, und als meine Familie hörte, dass ich bei dreissig Grad im Schatten „Stille Nacht, Heilige Nacht!“ vor mich hin summte, tippte sie sich an den Kopf…

IMG_1327

IMG_1509

IMG_1512
Dies und jenes probierte ich aus – nicht wissend, ob das gedruckt dann auch nett aussehen würde. Ein Glöckchen, ein Geschenk, ein niedliches Rentier, Sterne, Tannenbäume, Lebkuchen…

Ich hatte mir Aquarellpapier besorgt und meine kostbaren und teuren Aquarellfarben hervor gekramt. Im kurzärmeligen T-Shirt, in ausgefransten alten Shorts und Badeschlappen malte und entwarf ich also fleissig und bei sommerlicher Hitze Weihnachtsmotive. Dann legte ich alles hübsch zurecht, fotografierte die Ergebnisse und sandte die Vorschläge dem Verlag zu. Nicht ohne vorher noch den Mitautor und Initianten um seine Meinung gefragt zu haben. Ich musste ja wissen, ob das überhaupt ankam. Es schien zu gefallen und ich konnte aufatmen. Ende Juni war Abgabetermin und wir würden ihn einhalten können. Ein Wermutstropfen aber blieb. Aus Kostengründen würden die kleinen Motive nur schwarzweiß gedruckt werden.

IMG_2040

Mein Künstlerherz blutete. Aber ich verband die Wunde, indem ich mir selbst Trost zusprach. Es gibt eben Dinge, die sind zu teuer. Und man stirbt nicht, wenn nicht alles so realisiert werden kann, wie es am besten wäre. Kurz darauf folgte das „Gut zum Druck“. Meine Weihnachtsgeschenke gingen in Druck, und würden spätestens Ende November fertig sein.

Rudolf bearbeitet
Mein Rudolf, für Renés Geschichte in unserem Buch

Ich konnte also den Rest des Jahres geniessen, den wunderbaren Herbst und seine Farben, und die Wochen bis Weihnachten. Wenn das keine gute Sache war, die Weihnachtsgeschenke schon im ersten halben Jahr zu besorgen! Danach, ja danach konnte man sich getrost zurücklehnen, und die restlichen Monate des Jahres mit anderen Dingen ausfüllen. Mit Dingen wie im Herbst Pilze sammeln, Konzerte und Lesungen besuchen, ins Kino gehen, und an sonnigen Wintertagen im EMMENTAL wandern und fotografieren. Oder einfach daheim gemütlich auf dem Sofa hocken. Ich geniesse den Advent. Wie schön ist es doch, abends bei Kerzenschein und Weihnachtsmusik rum zu lümmeln und ein Glas Wein oder eine Tasse heissen Tee zu trinken und ein gutes Buch zu lesen.

Nur – ein einziges Problem, das ist mir noch geblieben: WAS schenke ich NÄCHSTES Jahr? Ich muss doch jetzt schon daran denken, wenn ich dann Ende Juni damit fertig sein will…

Der Weihnachtswunsch und andere Weihnachtsgeschichten
Marianne Helena Plüss
René Schurtenberger

IL-Verlag, Nov. 2013
http://www.il-verlag.com
Hardcover 110 S.
ISBN: 978-3-905955-91-0
16.90 CHF
versandkostenfrei
1 – 3 Tage Lieferzeit

Cover