Ereignisreiche Sommertage

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Endlich Urlaub. Anstrengende Monate liegen hinter einem. Im Urlaub erwartet man deshalb, dass man jetzt das nachholen kann, was man im Alltag ständig meint zu verpassen: Das Leben an sich, Erholung, Komfort, Abenteuer, tolle Begegnungen.

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Landschaft in Südbaden

Die Erwartungen sind gross. Die Tendenz, für möglichst wenig Geld viel kriegen zu wollen, hat von uns allen Besitz ergriffen. Das Luxushotel zum Schnäppchenpreis. Es muss für einen selbst stimmen. Ob es für die Anbieter, die Hotels und die Gastgeber (so noch) stimmt, darüber macht sich der Gast meist keine Gedanken.

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Nr. 10, aber nicht Downing Street…

Es ist eine Haltung, die uns vergessen lässt, dass Menschen vom Tourismus leben und sie in vielen Teilen dieser Erde sonst kaum Verdienstmöglichkeiten haben. Wenn eine Bekannte von mir einen Flug nach Berlin für nur noch neun Euro ergattert wie sie mir stolz erzählte, dann muss man sich schon fragen, was hier falsch läuft.

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Man muss auch nicht immer meilenweit reisen, um etwas zu erleben. Sehenswertes liegt oft näher als man meint.

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Seltsamer Baum in Schönau

Es gibt ihn, den perfekten Urlaub, aber damit rechnen sollte man nicht. Man müsste also ein wenig locker bleiben. Lockerer als ich es letzthin war. Denn so lange keine wirklichen Tragödien passieren, ist es nicht weiter schlimm, wenn nicht alles so ist wie daheim.

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Sehenswert: Erdmannshöhle in Hasel

Wer alles so haben will wie zuhause, der muss erst gar nicht wegfahren. Denn das sind die allerschlimmsten Gäste – nämlich die, die über alles meckern, weil im eigenen Land vermeintlich alles besser, billiger und sauberer ist. Ach Leute, warum fahrt ihr dann weg, wenn es anderswo sowieso einfach nur, entschuldigt den Ausdruck, Scheisse ist?

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Kirche von Schönau

Es gibt tausend Dinge, die den Urlaub erlebnisreich machen können. Tolle Landschaften, fantastisches Wetter, neue Bekanntschaften, leckeres, bisher unbekanntes Essen. Ein verspäteter Flug, Stau ohne Ende. Eine Magenverstimmung, Insektenstiche, Unfälle, Sonnenbrand, Liebeskummer, Streit, rüpelhafte Gäste ohne jegliches Benehmen, Dauerregen.

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Getreidefeld bei Grafenhausen

Oder dann vielleicht eine Buchung, die nicht das hält, was sie versprochen hat? Ich habe da dieses „Comfort-Zimmer“ mit Minibar, Balkon und Whirlpool in einem tollen Hotel ganz kurzfristig gebucht, weil ich es mit dem Rücken habe. Minibar und Balkon helfen zwar nicht unbedingt gegen Rückenschmerzen, aber wären eigentlich ganz nett. Es wurde halt online so angeboten. Aber der Whirlpool! Ich stellte es mir so richtig schön vor, wie ich mich abends nach den Wanderungen von den Wasserdüsen herrlich weich und glücklich kneten lassen würde. Mühevoll und verspannt hinein krabbeln, um danach dem Pool leicht und schwebend wie eine verjüngte Elfe zu entsteigen.

Aber aus dem elfenhaften Schweben wurde nichts. Weder gab es eine Minibar noch einen Balkon und auch keinen Whirlpool. Was es gab, war ein Zimmer unter dem Dach mit einem Bett in der Form eines Segelschiffes, inklusive Möwen und Rettungsring. Es war stickig und heiss, und das Zimmer trug den klangvollen Namen «Segel(t)raum». Es wehte auch nicht die leichteste Brise, was zumindest eine ruhige See verhiess.

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Schiff oder Bett?

Den Traum von einem Raum fand ich persönlich aber ein Alptraum. Ich stand völlig perplex vor der unerwarteten Form des Bettes, und nichts hätte mich in dieses Boot gebracht. Sämtliche Überredungskünste meines Reisebegleiters fruchteten nichts. Weder wollte ich mit einem Seemann ins Bett noch hatte ich Lust auf einen Matrosen und eine Dekoration, mit der ich einfach hier nicht gerechnet hatte. Ich kam mir absolut blöd vor. Es war nichts für Leute wie mich, die beim blossen Gedanken an die Titanic seekrank werden. Ich fürchtete auch, im Halbschlaf mit dem Kopf gegen den Grossbaum zu knallen. Denn fremde Betten sind oft nicht nur eher unbequem, sondern häufig auch Fallen. Die Nachttischlampe wirft man runter, weil sie anderswo steht. Da man unbedacht andersrum schläft als daheim, schlägt man zudem irgendwann mitten in der Nacht auf dem harten Boden auf, weil der Bettrand auf der falschen Seite ist. Und deshalb, ja deshalb haut man auch gegen die Wand anstatt auf den schnarchenden Ehemann.

In einem normal geformten, fremden Bett hat man also so schon genug Stress mit Orientierung und Schlafsicherheit. Schlafen inmitten von Segel, Mast und Rettungsring, das passte also jetzt einfach irgendwie nicht. Das ging über meine aktuellen mentalen Kräfte. Ausserdem, was ist, wenn das Schiffs-Bett oder Bett-Schiff nachts kentert? Würden wir dann auf dem blauen Bodenbelag ertrinken? Nein, und nochmals nein. Es gelang mir nicht, locker zu bleiben…

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Romantisches Rosenzimmer für Neuvermählte

An der Rezeption versicherte man mir, dass für viele Gäste dieses eingebettete Schiff, dieses eingeschiffte Bett der absolute Komfort darstelle und es doch ausgesprochen witzig sei. Das konnte ich gut verstehen. Ich war aber zu müde für Witziges. Ich wollte einfach bloss ein sicheres Bett haben, kein witziges. Ich war hier im Schwarzwald, nicht an der Nordsee.

Das Segelschiffzimmer durfte ich gegen das nicht unbedingt altersgerechte, weil sehr romantische Rosenzimmer mit der hochmodernen Dusche eintauschen. Duschen ging nur mit Brille, sonst konnte man die Symbole auf den Knöpfen nicht erkennen. Aber das Ganze sah toll und sehr schick aus. Für das Fehlen der Minibar, des Balkons und des Whirlpools erhielt ich eine Preisreduktion. Das fand ich angemessen und sehr sehr anständig, auch wenn ich nicht im Sinn hatte, hier nochmals so eine Art Flitterwochen zu verbringen.

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Tolle Dusche – hochmoderne Technik für das Rundum-Programm

Dass das Zimmer mit dem Whirlpool schon besetzt war, war vielleicht ganz gut. Denn etwas später hörten wir ein beängstigendes, sehr lautes Blubbern über uns. Dann ein paar spitze Schreie und danach Totenstille. Fünf Minuten später erneut ein heftiges Blubbern und nochmals Schreie. Und wieder Stille.

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Ausblick von der Saigerhöhe

Ob es den Gästen im besagten Zimmer so erging wie uns letztes Jahr, als wir diese sensationelle Übernachtung im Luxushotel mit Whirlpool gewonnen hatten? Denn dieser Whirlpool erwies sich als nicht steuerbar. Die Gebrauchsanweisung war unverständlich und es schien viel komplizierter als das Bedienen eines Smartphones zu sein. Die Düsen machten was sie wollten, und wir setzten beinahe das ganze Luxusbad unter Wasser. Das Personal um Hilfe bitten, das getrauten wir uns nicht. Wir fanden uns nicht mehr schön genug…

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Mann, unterwegs gefunden. Ich habe ihn mitgenommen…

Im Urlaub erlebt man also losgelöst vom Alltag immer wieder Verrücktes. Man sieht Ungewohntes, Abenteuerliches. Wenn man sich in einem neuen Umfeld bewegt, fallen einem Dinge auf, die man daheim womöglich gar nicht wahrnehmen würde.

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Unerwartet Unanständiges am kleinen Badesee in Grafenhausen

Sehr bewusst zieht man auch die Schönheit der Natur in sich auf, denn jetzt hat man die Zeit dazu. Man kann die Seele baumeln lassen und die prächtige Landschaft so richtig auf sich wirken lassen.

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Am Feldsee im Schwarzwald

Man sollte auch unbedingt die regionalen Köstlichkeiten testen und sich ein paar kleine Mitbringsel aussuchen. Die, die man aufessen kann und später weder aufstellen noch abstauben, noch am Zoll deklarieren muss, sind immer noch die besten. Denn eine Kuckucksuhr mag im Schwarzwald inmitten all der dunklen Tannen ja voll cool aussehen, aber ob sie dann daheim zur Ikea-Wohnungseinrichtung passt, kann man aus der Ferne im Augenblick der urlaubshalber eingetretenen Unzurechnungsfähigkeit oft zu wenig abschätzen.

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Lecker zu Vanilleeis – die beschwipsten Pflaumen aus dem Schnapshäusle

Ein Urlaub muss nicht drei lange Wochen dauern, um viel zu erleben. Wie die Bilder hier beweisen, kann man in vier Tagen eine Menge sehen, und das ohne grossen Stress. Wenn dann als krönender Abschluss kurz vor der Ankunft daheim ein Anruf kommt, dass ein Angehöriger im nahen Ausland eine Panne hatte und Hilfe braucht, dann kehrt man einfach wieder um und kommt halt einen halben Tag später zuhause an.

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Krönender Abschluss eines Kurzurlaubs – Pannenhilfe in Weil am Rhein

Ach Leute, wie gut ist es doch, dass die Schweiz so klein ist und das Ausland so nahe liegt. Und es gleich auf der andern Seite der Landesgrenze beginnt…

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Unterwegs

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Frauen auf Entdeckungsreise
„Wie? Du gehst alleine weg? Ohne deinen Mann? Ist das nicht voll langweilig?“
Diese Fragen kriegt man gestellt, wenn Frau sagt, dass sie alleine wegfahren wird.

Ab und zu alleine wegzufahren hat Vorteile. Man muss mit niemandem vorher Diskussionen über die Wahl des Reiseziels und die geplanten Aktivitäten führen. Man kann den Tagesablauf selbst bestimmen. Man kann so lange die Kameraeinstellung optimieren, wie man will, ohne auf die Begleiter Rücksicht nehmen zu müssen. Um dann später daheim festzustellen, dass die Bilder wegen der Ungeduld der andern noch schlechter ausgefallen sind als sonst. Man kann so lange am Fluss Entenküken knipsen wie man will. Keiner mault, weil man im Museum gerne akribisch genau alles über die Eroberung der Stadt durch die Franzosen lesen will. In aller Ruhe genießt man den traumhaften Sonnenuntergang und freut sich an Gottes Schöpfung, ohne dass jemand sagt: „Ich hab Hunger!“ oder: „Ich muss aufs Klo!“ Man kann ewig in der erhabenen Stille einer schönen Kirche sitzen und beten, ohne dass ein nervender Reiseführer sein orangefarbenes Fähnchen wie ein Damoklesschwert über einen wedelt und zum Weitergehen drängt.

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Anpassungsfähigkeit ist Bedingung
Wer gemeinsam auf Reisen geht, muss kompromissbereit und anpassungsfähig sein. Personen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen verbringen unter ungewöhnlichen Umständen eine intensive Zeit miteinander. Das birgt Konfliktpotential. Nicht immer stimmt das Programm für alle gleichermaßen. Man passt sich an und nimmt gewisse Dinge in Kauf, damit es aufgeht. Eine Statistik wollte deshalb kürzlich glaubhaft machen, dass nach den Sommerferien die Scheidungsrate signifikant ansteigt.

Nervende Begleiter
Ich erinnere mich an die Reise mit einem Architekten, der ein Faible für abstrakte Bauten hatte. Er fotografierte besessen, während der Rest der Gruppe höflich, aber ziemlich genervt wartete. Mir fällt auch das Paar ein, das sich jedes Jahr streitet. Er will in die Berge, sie ans Meer. Er langweilt sich am Meer und nörgelt dort dauernd rum. Sie findet die Berge beengend und kriegt Heimweh. Muss man denn, nur weil man verheiratet ist, dauernd alles zusammen tun? Essen, schlafen, duschen, einkaufen, aufs Klo gehen und zusammen Urlaub machen? Nein. Man muss nicht. Lilo und ihr Mann machen das so: Sie sonnt sich auf den Malediven. Daniel geht nach Frankreich in den Sprachkurs und beide sind zufrieden.

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Erfahrungswerte in Sachen frauenspezifischer Erholung
Frauen erholen sich vermutlich am besten ganz allein. Das ist meine ganz persönliche Ansicht, die auf eigenen Erfahrungen und den Aussagen von Freundinnen und Kolleginnen beruht. Das will aber keiner so richtig wahrhaben. Wir Frauen am wenigsten. Weil es sich irgendwie nicht gehört, die Familie einfach mal so ein paar Tage alleine zu lassen. Und weil Frauen, die plötzlich aus dem hektischen Alltag austreten, leicht depressiv werden können. Der Schritt heraus aus der Hektik und hinein ins Nichtstun ist oft krass. Ohne Haushalt, Job, Kinder, Ehemann und Zwergkaninchen? Es ist so ungewohnt, Tage ohne eine einzige Verpflichtung zu haben, dass man vorerst verdutzt dasteht und in ein psychisches Loch fallen kann. Wo vorher jede Sekunde verplant war, ist nun gefühlt zeitliche Leere vorhanden. Wie geht man damit um? Das muss man erst einmal lernen.

Anstrengende Vorbereitungen für den Sippenurlaub
Frauen erholen sich aber nicht unbedingt auf dem Campingplatz oder in einer Ferienwohnung mit Kind und Kegel, so nett dies auch sein mag. Die nötigen Vorbereitungen und Nacharbeiten für den Familienurlaub sind aufwendig und bleiben oft an ihnen hängen. Man muss in einer ungewohnten Küche kochen und vorgängig in fremden Supermärkten einkaufen, die Kinder unterhalten und stets Heftpflaster mittragen. Nach dem Urlaub Berge von Schmutzwäsche. Das heißt dann, Haushaltsführung unter erschwerten Umständen. Nein, man erholt sich viel besser im Hotel. Da kriegt man wenigstens ein paar Tage alles gemacht. Losgelöst von ALLEN Verpflichtungen des Alltags, sind hier echte Entspannung und Erholung möglich. Man muss keine Endreinigung organisieren oder dafür bezahlen und keine Bettwäsche mitbringen. Viele scheuen das, weil es im Hotel mehr kostet. Na und? Dann bleibt man eben ein paar Tage weniger lange als in einer Ferienwohnung, die billig, aber nur zu Fuß erreichbar ist. Dafür erholt man sich rascher und besser.

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Der Widerstand der Familie
Oft ist auch die Familie dagegen, dass man sich ausklinkt. Man fürchtet, ins Gerede zu kommen, oder als jemand zu gelten, der sich auf Kosten anderer ein schönes Leben macht. Und vergisst, dass man selbst hart und oft unbezahlt arbeitet.

„Mein Mann würde mir niemals erlauben, alleine wegzufahren“, sagte eine Bekannte, „es gehe nicht an, dass ich Geld für mich alleine ausgebe.“ Selbst hatte er sich aber gerade einen neuen Wagen im Wert von mehreren Weltumsegelungen geschenkt. Zudem, was soll die Mama, die Ehefrau denn bloß den ganzen Tag alleine am Strand? Und außerdem, sie könnte ja entführt oder überfallen werden. Sie könnte etwas Unanständiges tun, oder im schlimmsten Fall keine Lust mehr haben heimzukehren…

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Ungewohntes tun braucht Mut
Von einer gewährten Auszeit profitieren aber alle. Die Daheimgebliebenen üben sich in Selbständigkeit und erkennen, was sie alles klaglos und liebevoll gemacht kriegen. Die Frau kommt erholt heim und hat wieder die nötige Energie für den anstrengenden Alltag.

Frauen trauen sich aber häufig gar nicht, so etwas Ungeheuerliches zu tun, das sonst keiner wagt. Dazu braucht es Mut und Selbstbewusstsein. Tun sie es aber, dann ganz oft mit einem schlechten Gewissen und tausend Ausreden, um den Allein-Urlaub zu rechtfertigen. Sie vergessen dabei ganz, dass das weder verboten ist noch jemanden ausserhalb der Familie etwas angeht, wie sie ihr Leben planen.

Der Kilt wird sehr oft getragen -man begegnet ihm ständig.

Sicherheit und Risiko
Alleine reisende Frauen sind also eher die Ausnahme. Alleine reisen heißt aber, Dinge zu erleben die man als Gruppe oder Paar so nicht erlebt. Eine Frau, die alleine reist, hat eher Zugang zu den Menschen als ein Paar, das sich selbst genügt und eine Art vorerst unantastbare Einheit bildet. Auf Reisen kann Frau Bekanntschaften und Freundschaften schließen, die ein Leben lang halten.

Das einzige Problem auf Reisen für die Frau stellen die Männer dar. Dies ist eine leidige Erfahrung. Es kommt immer wieder vor, dass man belästigt wird. Eine allein reisende Frau scheint den Jagdinstinkt des Mannes zu aktivieren. Von sexuellen Belästigungen über Heiratsanträgen bis hin zu Betrügereien gibt es alles.

Es gibt gefährliche Destinationen für allein reisende Frauen. Die kann man getrost beiseite lassen und per Gelegenheit als Gruppe besuchen. Man findet aber genug Schönes in Gottes herrlicher Schöpfung, das man gut alleine erkunden kann. Wichtig ist, die gängigen Sicherheitsaspekte nicht außer Acht zu lassen. Selbstbewusstes Auftreten und Kenntnisse über die lokalen Gepflogenheiten schützen vor unliebsamen Zwischenfällen. Sich vorgängig über die Reisehinweise und die Sicherheitslage im Zielland zu informieren, ist Pflicht. Beim Eidgenössischen Departement des Äußeren, bei den politischen Vertretungen, den Botschaften und Konsulaten. Auch Reiseblogs von Frauen sind sehr informativ.

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Die Faszination der Single-Reisen
Alleine reisen ist spannend. So kann es sein, dass man ungewollt bemuttert wird und Fürsorge erfährt. So hat mich auf einer Tour in den Sinai ein Amerikaner unter seine Fittiche genommen. Er sah sich meine dilettantischen Versuche, unter Wasser die herrlich blauen Mördermuscheln (Tridacna maxima) zu erforschen, stirnrunzelnd an. Kurzerhand beschloss er, dieser Unbegabten in Sharm-el-Sheik respektvoll und mit viel Anstand das richtige Schnorcheln beizubringen. Ein Ehepaar aus Seattle hat mich in Jerusalem zu seinen Freunden mit nach Hause geschleppt. Dort bekam ich ein köstliches Abendessen vorgesetzt. Am nächsten Abend führten sie mich in das tollste Fischrestaurant der Stadt. Bis heute ist dieser Kontakt erhalten geblieben. In Berlin fragte ich eine Dame nach dem Bus. Es stellte sich heraus, dass sie deutsch-schweizerische Doppelbürgerin und die persönliche Referentin des Präsidenten des Abgeordnetenhauses war. Sie gab mir ihre Karte und lud mich zu einer privaten Führung ins Parlament ein.

Steht man in einer fremden Stadt an einer Straßenecke und studiert den Stadtplan, dann dauert es in der Regel nur ein paar Sekunden, bis einer fragt, ob er helfen kann. Die Hotelmanager sind besonders aufmerksam und ritterlich. Von den Einheimischen kriegt man gute Tipps, was man sich ansehen sollte, wo man lecker essen kann und wie man am einfachsten von A nach B kommt.

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Spannende Reisebeobachtungen
Wenn man alleine unterwegs ist, dann hat man viel Zeit zum Zuhören und Beobachten. So saß ich kürzlich in einem gemütlichen Altstadtrestaurant in Heidelberg. Ich hatte es gewählt, weil durch die aufgehende Türe Klaviermusik erklang. Ich trat ein und der Kellner fragte nach meinem Wünschen. “Ich möchte gerne etwas zu Abend essen.“ Unweigerlich folgt dann die Frage: „Sind sie alleine?“
Man verkneift sich die Entgegnung: „Sieht man das nicht?“

Der Pianist in seiner Ecke spielte: „Ich war noch niemals in New York“. Die vertraute Melodie und das milde Licht machten mich leicht sentimental. An den Wänden hingen Lampen in nachgeäfften Jugendstil. Miefende Dochtlampen standen auf den Tischen. Auf einer Anrichte glänzte ein blank polierter Samowar. Alte Fotos in Sepia in Rahmen, wie sie Oma im Wohnzimmer und der Schlafstube hatte.

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Rechts von mir setzten sich vornehme Herren hin. Mit Fliege und Seidentuch. Sie redeten über Literatur, die Goethe-Forschung, eine bevorstehende Laudatio. Sie siezten sich alle, der Herr Doktor, der Herr Professor. Irgendwann wurden sie persönlich. Einer der Herren sagte: „Das größte Problem ist die Einsamkeit, wenn man älter wird…“ Die andern nickten stumm und blickten eine Weile ins Leere. Links am Fenster saß ein älteres Paar still beim Abendessen. Touristen mit Rucksack und Kamera. Er hat seine Ringelmütze aufbehalten. Sie wechselten kein Wort. Und dann soll gemeinsames Reisen unterhaltsam und NICHT langweilig sein? Anschweigen kann man sich auch zu Hause. Fürs Schweigen muss man kein Geld ausgeben.

Geburtstagsfeier im Cafe
Interessant auch die Gruppe von Studenten in dem kleinen, versteckten Cafe. Man hatte grenzenlos Zeit, sie zu beobachten und ihren Gesprächen zu lauschen. Sie sprachen abwechselnd Englisch, Französisch und Deutsch. Die sommersprossige, rothaarige Engländerin mit dem pickelübersäten Gesicht und den vorstehenden Zähnen hatte Geburtstag. Sie bekam von den andern eine nette Karte. Dann bestellte sie einen Käsekuchen. Eine Mitstudentin packte vom Nebentisch ein Teelicht. Sie zündete es an und stellte es ihr mitten auf den Kuchen. Dann fragte sie die Rothaarige in einem niedlichen, französischen Akzent auf Deutsch, ob sie gerne jetzt schon gesungen haben möchte? Diese bejahte mit englischem Akzent, auch auf Deutsch. Und dann sangen sie alle lauthals und strahlend: „Happy Birthday to you!“ Entzückende, reizende jungen Leute.

Wenn Frau also eine Reise tut, dann kann sie was erleben – unvergessliche, großartige Momente.

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