Der Sprung über den Gartenzaun

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Herrliche Spätsommertage, man muss sie einfach geniessen – diese Tage, wo der Himmel so blau ist, dass noch blauer unmöglich ist. Jede Minute, die man nicht draussen verbringen kann, kommt einem wie verlorenes, kostbares Gut vor, und an jedem Regentag hat man den Eindruck, das Leben zu verpassen…

„He, du da, das ist gefährlich!“

Gerade hat man den knapp einen Meter hohen Gartenzaun aus grünem Maschendraht überstiegen, um mit den Nachbarn bei diesem fantastischen Wetter draussen an der Sonne Kaffee zu trinken und – wird prompt dabei ertappt. Weshalb wird man eigentlich immer beobachtet? Und warum sollte das denn ausgerechnet heute gefährlich sein? Das hatte man doch schon immer getan? Seit zwanzig Jahren! Aus reiner Bequemlichkeit, weil man nicht hinten rum laufen wollte!

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„Gefährlich? Wieso das denn jetzt plötzlich?“
„Eh, na ja, du bist zwar schon noch ganz schön fit. Aber trotzdem, man weiss nie…!“

Da hatten wir es! Man hat es kapiert. Ab einem gewissen Alter muss man sich also in den Schaukelstuhl zurückziehen, die Nickelbrille aufsetzen und diese kratzenden Strümpfe stricken. Man darf nicht mehr auf Bäume und über Hecken klettern. Das ist unschicklich und nicht altersgerecht. Wer das tut dennoch tut, entspricht nicht dem gängigen Bild, das man von Leuten in dieser Altersgruppe hat. Alleine zum Tanzen oder in eine Bar? – Auch das ist vorbei. Im Fluss schwimmen ohne Begleitung? Besser auch nicht. Aber – als man jemanden dahin mitnehmen will, spricht man ängstlich von möglichen Unterwasserschlangen, Wasserleichen, und den Algenarmen, die sich einem beim Schwimmen, eklig und glitschig wie klebrige Lianen, um die Beine wickeln könnten. Also geht man doch wieder alleine hin, nimmt aber zur Beruhigung der andern eine ulkige Schwimmhilfe mit. Obwohl man locker regelmässig im Hallenbad vierzig Längen schwimmt.

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Und alleine verreisen? Das schon gar nicht. Fast jeder hegt üble Gedanken, und sagt: „Dass du das kannst? Ist dir dann nicht langweilig? Was tust du dann den ganzen Tag, so mutterseelenallein? Und dann noch dazu alleine auf der Autobahn?“

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Ohne Begleitung im Flugzeug? Alleine auf den Strassen? Bei dem Verkehr? Ja klar – warum nicht? Wenn man dann nämlich noch sein Smartphone ausschaltet, dann herrscht endlich die wohlverdiente RUHE, die man sonst nie hat. Ausserdem – im Flugzeug hat es bestimmt einen Piloten, und auf der Autobahn andere Autofahrer. So richtig allein ist man also eigentlich nirgends mehr. Ausser man fühlt sich selbst von innen heraus einsam.

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Man sollte nie vergessen, dass es immer Ausnahmen gibt – nämlich Frauen, die allergisch auf Wolle sind und niemals stricken – und die keinen Schaukelstuhl besitzen. Deshalb verreisen sie ja auch…

Ja, es gibt so Frauen, die reise gerne alleine, denn man braucht keinen Babysitter mehr, ist schon seit Jahren schnullerlos und ziemlich lange volljährig. Ist man hingegen den ganzen Tag alleine zuhause, fragt keiner, was man in den vielen einsamen Stunden verbricht. Hauptsache, man fällt nicht negativ auf. Keiner will wissen, ob man etwas Illegales tut oder einfach nur wäscht, bügelt und klumpigen Risotto kocht.

Weshalb aber interessiert es die Leute, was man unternimmt, wenn man alleine unterwegs ist? Ist es eine Art unbewusste, soziale Kontrolle, die wir alle in irgendeiner subtilen Form mehr oder weniger ausüben, damit wir selbst und andere einigermassen den gesellschaftlichen Konventionen genügen? Denn – wehe dem, der sich traut, das zu tun, was man sich selbst nicht traut! Wehe dem, der Dinge tut, die nicht der Schablone entsprechen, in die man passen sollte. Nur nicht anecken, bloss nicht auffallen, schön brav tun was man von einem erwartet, sich so kleiden und so verhalten, wie die andern meinen, dass es für einen selbst richtig ist. Guckt und horcht man also dort genauer hin, wo gewohnte und allgemeingültige Grenzen und Verhaltensweisen vermeintlich überschritten werden, argwöhnisch, neidisch und neugierig? Erwartet Skandale, Stoff für Tratsch und Klatsch, Sensationen?

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Ach, wie viel von Gott geschenkte Kreativität, Originalität und Individualität geht verloren, weil man es oft unbewusst zulässt, dass andere über einem bestimmen und über unsere Zeit verfügen.
Man macht also zum Trost ein paar verrückte Fotos. In der Hoffnung, dass wenigstens das akzeptiert wird…

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Denn – manchmal tut es gut, etwas Verrücktes zu tun – vorausgesetzt, dass es andern keinen Schaden zufügt. Es passiert uns aber ab und zu, dass wir falsch handeln, absichtlich oder ungewollt. Dann mag man sich selbst nicht besonders und braucht die Vergebung Gottes. Und muss lernen, nicht nur andern, sondern vor allem auch sich selbst zu vergeben.

Unser Wissen bleibt lückenhaft. Man begreift also viele Vorkommnisse oder Gegebenheiten gar nicht. Man versteht niemals alles, die andern und sich selbst nicht, und dass das Gegenüber manchmal so anders empfindet als wir selbst. Man macht sich auch oft über viel zu viele Dinge unnötige Gedanken. Gedanken, die es gar nicht wert sind, gedacht zu werden.

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Wir werden also weiterhin über den Gartenzaun klettern, schwimmen gehen und alleine verreisen. Weil es keinem Schaden zufügt. Und uns keine Gedanken darüber machen, was andere denken. Weil es nutzlos ist, stundenlang nachzudenken und sich Gedanken über die Gedanken anderer zu machen. Denn, wie ein bekanntes Lied, das auch NENA singt, besagt:

Die Gedanken sind frei
Wer kann sie erraten?
Sie rauschen vorbei
Wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
Kein Jäger sie schießen.
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei!

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Denn – schlussendlich muss man am Ende seines Lebens der ganzen Menschheit Rechenschaft weder für sein Tun und Handeln ablegen, noch für alle grossen und kleinen Verrücktheiten. Sondern Gott allein. Daran denkt man manchmal viel zu wenig – und bringt sich so oft selbst um kostbare, herrliche Augenblicke, die das Leben bereichern und verschönern.

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