Das Lotterhaus lag inmitten einer kleinen Zitrusplantage. Einige wenige Orangen- und Zitronenbäume gediehen hier. Vor der Hütte sass ein Grossvater vor einem Berg gewässerter Salzzitronen. Vorsichtig schnitt er sie so ein, wie es die Oma haben wollte. Dann füllte er die Schnittflächen mit grobem Salz. Es roch gut.
Ein warmer Wind wehte und brachte den Duft der Zitronen- und Orangenblüten mit.
Der Enkel schaute dem Opa zu. Plötzlich zeigte der Junge an die Wand. Dort hingen zwei bunte, lange und schlanke Bretter mit einer merkwürdigen Vorrichtung in der Mitte.
«Opa, was ist das denn?»
Der Opa sah hoch. Dann runzelte er die Stirn und seufzte. Der Grossvater zeigte mit dem Messer in der Hand auf die Berge ringsumher.
«Noah, das ist eine Antiquität. Das bedeutet, dass das sehr alt ist. Mit diesen Brettern ist dein Urgrossvater als Kind im Winter diese Berge heruntergefahren! Die Dinger nennt man Skier.»
«Aber Opa, das geht gar nicht, die haben ja keine Räder!» Der Junge schüttelte den Kopf.
«Dein Urgrossvater, das war mein Papa. Er ist schon sehr lange tot. Damals, als er noch ein Kind war, gab es in der kälteren Jahreszeit Schnee.
Schnee ist weiss. Wenn es sehr kalt wird, fällt er anstelle von Regen vom Himmel.
Regentropfen werden zu Schneeflocken. Der Schnee fliesst dann nicht einfach weg wie Regen. Wenn es kalt genug ist, bleibt er liegen und bedeckt das Land wie eine weisse Decke. Und dann kann man mit diesen Brettern darauf ganz wunderbar den Berg herunterrutschen. Ich zeige es dir!»
Sie liessen die Zitronen liegen. Der Opa holte alte, vergilbte Bilder von schneebedeckten Landschaften hervor. Da waren seltsame Dinge zu sehen. Für jedes Foto hatte der Opa eine Erklärung. Skilifte, Schlittenfahrten, den Hang hinunter rasende Skifahrer.
Mit grossen Augen hörte Noah zu.
«Wenn Schnee liegt, wächst nichts. Die Menschen mussten vor dem Schnee Vorräte anlegen oder Nahrung aus warmen Ländern her bringen, damit sie im Winter nicht hungern mussten. Sie brauchten Heizungen, Öfen, und viel warme Kleidung, damit sie nicht frieren mussten.»
Der Opa hatte Bilder von Städten und Dörfern mit schneebedeckten Dächern, mit Weihnachtsbeleuchtung an klirrenden Wintertagen, Bilder von im Schnee spielenden Kindern und von Schneemännern.
«Ich will auch einen Schneemann, Opa. Sag, wo ist der Schnee jetzt?»
«Damals, als ich ein Kind war, da gab es das alles schon nicht mehr. Das Wetter hatte sich verändert, die Erde wurde immer wärmer, weil die Menschen viele Dinge nicht richtig machten. Und darum gibt es jetzt keinen Schnee mehr.»
Noah brach in Tränen aus.
Der alte Mann seufzte und nahm ihn in den Arm.
Ja, der Schnee. Weg, aus, vorbei. Es begann damals, im Jahr 2018. Das war der erste Sommer gewesen, in dem Europa fast austrocknete, die Bauern verzweifelten, weil es monatelang nicht regnete. Vieh musste geschlachtet werden, Wasser und Futter fehlten.
Die folgenden Jahre wurde es nicht besser.
Die Menschheit geriet in Schwierigkeiten.
Man fing damit an, Notfallpläne zu machen. Man stritt sich national und international darüber, wie der sich ausweitenden weltweiten Wasserknappheit zu begegnen sei. Bald wurde es untersagt, Autos zu waschen, den Rasen zu sprengen, Blumen zu giessen, täglich zu duschen. Schwimmbäder wurden geschlossen. Waschmaschinen und Geschirrspüler durften nur noch zu bestimmten Zeiten laufen. Betriebe führten Kurzarbeit ein. Menschen wurden arbeitslos.
Das Wasser wurde komplett rationiert.
Inzwischen hatten sich weltweit bereits zahlreiche Bauern umgebracht. Die hatten vorher schon jahrelang wegen der zahlreichen Auflagen und den langen Arbeitszeiten und dem kleinen Verdienst Stress gehabt. Es kam zu heftigen Versorgungsproblemen. Aufstände und Demonstrationen wurden normal.
Leute zapften illegal Wasserleitungen an.
Die Staaten in ganz Europa und dem Rest der Welt mussten Sicherheitstruppen patrouillieren lassen, damit es keine Katastrophen gab. Es herrschte nachts Ausgehverbot und der internationale Notstand wurde überall ausgerufen.
Der Schnee blieb weltweit aus. Nur noch im Himalaja-Gebiet gab es welchen. Diese Gegend wurde aus Sicherheitsgründen zur Sperrzone erklärt. In den Alpen wurden Skilifte und Bergbahnen abgebaut oder verlassen. Hänge mussten gesichert werden, die Gletscher schmolzen, der Permafrost verschwand fast ganz.
Die Berge wurden ungemein gefährlich.
Felsstürze und Steinschläge forderten zahlreiche Opfer. Ganze Ortschaften wurden zugeschüttet. An einigen Seen, die zwischen den Bergen lagen, löste das in die Seen stürzende Gestein Flutwellen aus. Die ans Ufer grenzenden Dörfer und Städte wurden zerstört. Das arktische Eis schmolz, es gab ständig Überschwemmungen. Land versank und ging einfach unter.
Die Niederlande verschwand fast ganz von der Landkarte.
Die Überlebenden flüchteten in die angrenzenden Länder.
Land in Meernähe versalzte. Die Vegetation wurde ganz anders. Bestimmte Pflanzen wuchsen nicht mehr und grünes Land war Vergangenheit. Das alles veränderte den Speiseplan der Menschen und die Lebensgewohnheiten. Sie mussten bewässern, um etwas Essbares ziehen zu können. Wenn es einmal regnete, sammelte man das teure Gut. Dann verteilte man es nach einem ausgeklügelten Plan. Entsalzungsanlagen, um Meerwasser zu Trinkwasser zu machen, gab es zu wenige. Es fehlte an Energie. Strom aus Wasserkraft gab es nicht mehr und das Geld für Solaranlagen fehlte.
Das Fliegen wurde untersagt. Es war nur noch mit einer Sonderbewilligung möglich. Für Autos und LKWs galt dasselbe. Vieles wurde rationiert oder war nicht mehr erhältlich. Man musste essen, was in der näheren Umgebung wuchs, und das war herzlich wenig. Die Unterernährung nahm überhand. Der technische Fortschritt wurde gebremst.
Man fiel um Jahrzehnte zurück.
Was selbstverständlich gewesen war, war Vergangenheit. Vorbei die Zeiten, wo Gemüse und Obst um die ganze Welt transportiert wurden. Vorbei die Zeiten des grenzenlosen Konsums.
Mit der Zeit war den Regierungen klar, dass die europa- und weltweite Wasserknappheit Schlimmeres verursachen könnte als es der erste und der zweite Weltkrieg getan hatten.
Ein dritter Weltkrieg drohte auszubrechen.
Das Wasser aber fehlte, um die Truppen damit zu versorgen. Einzelne Krisenherde entstanden dennoch, doch erstickte der Wassermangel sie bald. Es wurde klar, dass kein Krieg es wert war, losgetreten zu werden.
Kein Krieg hatte je die Welt zu einem besseren Ort gemacht.
Und würde ein Krieg mehr Wasser bringen? Nein, er würde die allgemeine Not nur vergrössern.
Millionen kamen in diesen Wirren um. Das war zwar schlimm, aber der Wasserverbrauch wurde dadurch wenigstens reduziert. Viele Völker und Menschen waren wegen der Not bald extrem verarmt.
Ohne genügend Wasser war so vieles unmöglich geworden.
Niemand hatte genug davon. Darum kontrollierte jeder jeden, Wasserneid war normal geworden. Es wurden neue Gesetze ausgearbeitet.
Der Lebensanspruch des Menschen wurde weltweit auf höchstens siebzig Jahre beschränkt.
Damit mehr Wasser für die junge Generation vorhanden war.
Wasserdiebstahl hatte für Täter katastrophale Folgen. Wasserdiebe wurden extrem hart bestraft. Man liess sie kurzerhand verdursten. Nur durch hartes und diktatorisches Vorgehen der Regierungen konnte der Weltfrieden einigermassen bewahrt werden.
Mit der Zeit begann sich die Erde ein wenig von den Menschen zu erholen, die viel zu lange viel zu viele Ressourcen überstrapaziert hatten. In einigen Regionen regnete es wieder etwas häufiger. Kummer und Leid aber waren nicht von dieser Erde verschwunden. Und würden auch nie verschwinden. Der Menschheit fehlte einfach Gemeinschaftssinn, Weisheit und Verstand, um vernünftig und verantwortungsvoll auf der Erde zu leben.
Gedankenlosigkeit, Bequemlichkeit, Egoismus, Konsumsucht, Habgier.
Diese den Erdbewohnern eigene Wesenszüge hatten so viel Elend ausgelöst. Der Mensch meinte schon immer, alles zu dürfen und alles zu können. Und so lange er mangels Glauben zu wenig Respekt vor Gott und seiner Schöpfung hatte, würde sich nichts ändern.
Jetzt, viele Jahrzehnte später, war die Erde eine ganz andere. Wo früher Schnee lag, wuchsen Palmen und Zitronen.
Schnee? Schnee hatte man nie mehr zu Gesicht bekommen. Man wusste nicht mehr, was das genau war.
«Und so, Noah, raubten die Menschen uns den Schnee. Es gibt ihn nicht mehr.»
Der Opa seufzte und strich seinem Enkel tröstend übers Haar. Er würde ihm einen Schneemann basteln.
Jedes Jahr an Weihnachten aber kramten die Menschen in der kollektiven Erinnerung. Wie die Generationen vor ihnen die Geschichte der Sintflut in jeder Kultur auf ihre eigene Art bewahrt hatten, so hatte die Generation nach dem Schnee ihre eigene Erinnerung. Dann erzählten die Eltern und Grosseltern den Nachkommen davon, wie ihre Vorfahren im Winter gelebt hatten.
Mit Hingabe beschrieb nun auch der Grossvater dem kleinen Noah, wie es damals gewesen war, als es an Weihnachten noch eisig kalt war. Er beschrieb die Zeit, als die Kinder noch Schneemänner bauen konnten und Schneeballschlachten veranstalteten.
Er versuchte zu schildern, wie es sich angefühlt haben musste, wenn man mit jedem Schritt im weichen Schnee versank.
Wie das war, als man noch mit dem Snowboard einen Berg herunter sausen konnte.
Er sprach davon, dass es Jahrzehnte gegeben hatte, in denen es den meisten Menschen in vielen Ländern wunderbar gut ergangen war. Er redete von dem vergangenen Paradies mit roten Wangen und glänzenden Augen. In der Hoffnung, dass die nächste Generation es besser machen würde. Denn die Hoffnung, die blieb. Sie schmolz noch nie wie Schnee hinweg.
War denn Hoffnung nicht das, das den Menschen schon immer am Leben erhalten hatte?
So gab der Opa weiter, was niemals vergessen gehen sollte:
Wie das damals war, als es noch wirklich WEISSE Weihnachten gab.
Copyright by Marianne Helena Plüss 2018

