Mein Daheim – mein Schloss

Wer kennt den Spruch nicht? My home is my castle – oft hängt er irgendwo bei einem Hauseingang oder in einer netten Wohnung. Wenn ich ihn erblicke weiss ich, hier leben Menschen, die zufrieden und glücklich sind, die angekommen sind. Es spielt dann keine Rolle, ob es sich um eine kleine, entzückende Bleibe oder eine weitläufige Villa handelt.

Ein Zuhause zu haben ist etwas unvorstellbar Kostbares.
Kein Daheim zu haben hingegen etwas ganz Furchtbares.

Ein grosses Bauernhaus ohne Komfort, das war das Zuhause meiner Kindheit. Ich mochte es, obwohl alles schlicht war. Lange trauerte ich dem nach, dass ich es verlassen musste, weil mein Bruder den Hof zugesprochen bekam.

Es war eine Welt, die mir heute unwirklich vorkommt. Ich fühle mich oft wie etwas, das aus einer andern Ära in die heutige Zeit herüber gekommen ist.

Da gab es zwei Kammern, nur mit einem Ölofen beheizbar. Zwei Stuben waren mit einem Kachelofen zu heizen, aber die ganzen Schlafkammern waren ohne Öfen. Winters war es in den Schlafzimmern eiskalt und Eisblumen zierten die Fenster.

Im Sommer bimmelte uns das Kuhglockengeläut vor den Fenstern in den Schlaf.

Da war der Duft von frischem Heu und frisch gebackenem Brot. Kein fliessendes, heisses Wasser, keine Dusche, ein Plumpsklo in der zugigen Tenne. In der Küche ein Holzherd, der eingefeuert werden musste, wenn heisses Wasser gebraucht wurde. Das gab viel Dreck vom Holz und von der Asche. Und heute?

Nach einer Kindheit wie dieser schätze ich den modernen Komfort und bin dafür unendlich dankbar.

Im Winter morgens schon eine warme Wohnung, jeden Tag eine heisse Dusche. Klasse!

Eine Waschmaschine, ein Trockner und eine Küche, die sehr funktional ist. Dann unnötige Dinge wie TV, Internet, Facebook, Instagram, Twitter, Smartphone, alles Sachen, die man eigentlich nicht wirklich braucht, aber die doch so cool sind.

Nun lebe ich wieder in einem alten Chalet, das soweit als möglich renoviert wurde. Seit letztem Sommer ist es der Blickfang im Quartier.

In rund tausend Arbeitsstunden wurde ein in die Jahre gekommenes Haus, von dem die Farbe abblätterte zu meinem Schloss.

Etwa sechshundert Stunden Einsatz hat mein Mann zusammen mit mir, haben Verwandte, unsere Kinder, Freunde und Nachbarn in wochenlanger Knochenarbeit geleistet. Die übrigen rund vierhundert Stunden haben gründlich ausgebildete Fachleute sorgsam erledigt.

Noch immer staune ich darüber, was daraus geworden ist. Ich lernte zu staunen über die Handfertigkeit und die grossartige Zimmermannskunst, die sich in unserem Land über Jahrhunderte entwickelt hat.

Erst da wurde mir bewusst:

Hier war grossartiges Können ohne Universität oder Hochschule erlernt, ausgetüftelt und von Generation zu Generation weitergegeben worden.

Ich freue mich immer wieder neu über das Gespür und das Wissen, dass Zimmermänner und Schreiner für das Erstellen harmonische Proportionen hatten, über ihren Schönheitssinn und über die unglaubliche Liebe zum Detail, die man überall in der Schweiz an alten Bauten erkennen kann.

Beim Bau unseres Hauses war es damals nicht so wichtig, wie lange die Bauleute dazu brauchten. Es ging nicht nach Stundenlohn, Stundentarif, der besagt, je mehr Arbeitsstunden, um so teurer der Bau. Da gab es noch nicht diesen Druck und diese Hektik. Die Anzahl Arbeitsstunden war nicht so relevant wie heute. Wichtig war die Qualität, und dass das Haus vor dem Wintereinbruch fertig wurde.

Pfusch am Bau? Damals? Das gab es nicht.

Bei grosser Hitze haben wir also letzten Sommer mit Unterstützung von Fachleuten zuerst tagelang geschliffen und die alte Farbe von den vielen Ornamenten abgekratzt. Dann wurde das Haus rund herum grundiert, und ein erstes Mal gestrichen. Es folgte ein zweiter Anstrich. Weil gewisse Partien der UV-Strahlung ausgesetzt waren, sog das Holz die Farbe nicht überall gleich regelmässig auf, obwohl wir uns bemüht hatten, die Schleifarbeiten möglichst perfekt zu machen. Es bestand die Gefahr, dass die Fassade stellenweise fleckig wurde. Ein Farbexperte wurde hinzu gezogen. Er empfahl, das Haus nach dem zweiten Anstrich noch mit Wachs zu behandeln.

Also wurde das Haus insgesamt vier Mal gestrichen. Boah …

Rückblickend kommt es uns unwirklich vor, das geschafft zu haben. Der Aufwand, der viele Staub, der Dreck – es hat sich gelohnt. Denn das Resultat ist umwerfend. So schön ist es geworden, dass Spaziergänger manchmal stehen bleiben und uns in ein Gespräch verwickeln.

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Jedes Mal aber, wenn wir draussen sind und die neu zur Geltung kommende Schönheit unseres Hauses bewundern, erfüllen uns Stolz und vor allem ganz viel Dankbarkeit.

Dankbarkeit, dass alles fertig geworden ist und bezahlt werden konnte. Dankbarkeit, dass kein Unfall passiert ist. Dankbarkeit, dass das Wetter mitgespielt hat. Und Stolz, dass wir in der Lage waren, viele Arbeiten selbst zu erledigen. Das war gut so, denn für die ganzen tausend Stunden hätte unser Geld niemals gereicht und dann wäre das Resultat zudem mit Sicherheit nicht so toll geworden.

Hier leben nämlich Perfektionisten, und die zahlreichen Verzierungen am Haus wurden von diesen zusammen mit fähigen Malern mit äusserster Sorgfalt neu gemalt.

So lebe ich nun in einer Art Schloss.

Es ist für mich das perfekte Zuhause, mein Daheim, wo ich angekommen bin.

Es ist ein Ort, wo sich Kinder, Verwandte, Freunde, Nachbarn und Gäste gerne aufhalten und oft auch einfach unangemeldet kommen dürfen. Hier trinken sie dann ein Bier, ein Glas Wein, einen Kaffee oder auch nur ein Glas Wasser, verweilen einen Augenblick, spazieren durch den Garten, entspannen sich, sprechen von ihren Freuden und Sorgen, und kommen gerne wieder.

Wenn man etwas Gutes von Gott bekommen hat, dann soll man es auch mit andern teilen.

So gehört Gastfreundschaft zu diesem einladenden Haus einfach wie von selbst dazu.

Sollten Sie also eines Tages hier des Weges kommen, dann klingeln Sie. Denn im Gegensatz zu meiner Kindheit, wo ich die Kaffeebohnen noch über dem Feuer rösten musste, gibt es nun auch eine praktische Kaffeemaschine.

Ein Käfer in meinem Haus

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Winterliche Sicht auf den Hohgant / EMMENTAL

Der Winter war bisher mild, wärmer als letztes Jahr. Klar gab es auch zahllose trübe Tage, an denen die Stimmung auf den Nullpunkt sank. Aber es war nicht so kalt wie andere Jahre. Und Schnee schippen musste man im Unterland auch kaum.

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Das Unterland ohne Schnee und Eis

Das hatte Folgen. Eines Tages bewegte sich etwas. Ich sass versunken im Büro vor dem Rechner. Plötzlich sah ich ein Ding, dass über den oberen Rand des Bildschirms krabbelte. Eine Baumwanze. Genau die Sorte, die oft auf den elterlichen Kirschbäumen hockte. Und die ein bitteres Sekret abgeben, wenn man sie samt Kirschen in den Mund kriegt.

Ich liess die Wanze spazieren. Sie musterte meine Telefonliste und kletterte dann aufs Telefon. Sie unterhielt mich mit ihrem Herumkrabbeln ein paar Tage. Als sie weg war, vermisste ich sie.

Die zart zitternden Fühler fehlten mir. Ich fühlte mich plötzlich etwas einsam. Der Winter-Büro-Koller hatte mich erwischt.

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Zu Hause hatte ich ebenfalls einen Gast bekommen. Die fehlende Kälte hinderte die Tiere wohl am Winterschlaf. Ein Marienkäfer tauchte auf. Eines Tages klebte er am Vorhang in der Küche.

Ich wollte ihn nicht nach draussen tun. Es schien mir doch zu kalt. Ich hatte Angst, er könnte sich erkälten. Aber, wovon würde er leben?

Der Marienkäfer leistete mir also Gesellschaft. Jetzt, wo fast alle ausgezogen waren, gab es ja Raum genug. Toll, so ein Haustier, das nichts zu tun gibt. Und mit dem man reden kann, wenn man sich unterhalten will. Der Käfer hörte mir jeweils gelassen zu. Er verzichtete darauf, mir irgendwelche Lösungen für meine Probleme an den Kopf zu schmeissen. Er schien viel Empathie zu haben. Er kam dann hervor, wenn ich gerade etwas brauchte. Er flog manchmal auf meine Fingerspitze. Er konnte mich ja nicht in den Arm nehmen. Und ich konnte den Kopf nicht an seine Schulter lehnen. Dazu war ich Kleine eine Nummer zu gross.

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Der Käfer stellte keine Forderungen. Er machte nichts dreckig. Ich musste nicht für ihn kochen und nicht mit ihm schlafen. Er widersprach und maulte nicht. Ich fand ihn äusserst attraktiv, niedlich. Ich mochte ihn sehr. Ein wunderbares Geschöpf Gottes. Er krabbelte morgens leichtfüssig neben meinem Frühstück hin und her. Ob er wohl Durst hatte?

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Mein Marienkäfer. Ich nannte ihn Gibbs. Weil mir Mark Harmon so gefällt…

Also goss ich einen Teelöffel Wasser auf den Tisch. Siehe da, er ging hin und schien zu trinken. Aber was würde er fressen? Die paar Brotkrumen, die ich liegengelassen hatte? Ich wusste es nicht. Etwas betrübt überliess ich ihn seinem Schicksal. In der Hoffnung, ihn später vorzufinden.

Aber – eines Tages blieb er verschwunden. Ob er in einer Ecke des Hauses still und leise gestorben war? War er beim Lüften durchs offene Fenster hinaus geflogen und nun erfroren?
Mein angenehmer Frühstücks-Kumpan war weg. Traurig guckte ich in alle Ecken. Ich rief nach ihm. „Hallo, mein Käfer! Süsser! Gibbs!“ Keine Antwort. Er war fort. No Gibbs anymore.

„Wie konntest du nur!“, sagte ich in Gedanken zu ihm. Alle gingen sie weg und ich blieb als Einzige übrig.

Das war wahrscheinlich der Tag, an dem ich begann, mit mir selbst zu reden. Irgendwie musste ich doch morgens feststellen, dass wenigstens ich noch da war…

Ich suchte einen Käfer-Ersatz. Für das Morgenritual. Die Zeitung konnte es nicht sein. Einen Hund wollte ich nicht. Eine Katze noch weniger. Ein Vogel kam nicht in Frage. Ein Fisch? Ein Meerschweinchen? Nein, nichts passte. Nichts war pflegeleicht. Nichts war so hübsch wie ein Marienkäfer. Ich musste mich in das Unvermeidliche schicken. Und auf das Schöne blicken, das kommen würde…

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Der erste Gelbe Huflattich (Tussilago-farfare) – Ist das nicht einfach wunderbar?

So gehe ich nun dem Frühling entgegen. Voller Vorfreude und Hoffnung. Ich freue mich über die ersten Frühlingsblumen. Über das Wunder der neu erwachenden Schöpfung.

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Blaustern (Scilla bifolia) mit unbekanntem Insekt – fotografiert am Sonntag, den 23. Februar 2014 – auf dem Born

Ich fotografiere also wieder. Und ich warte. Auf die ersten Marienkäfer und Schmetterlinge. Bis sie meinem herrlichen Garten wieder bevölkern…

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Großes Schneeglöckchen (Leucojum vernum), auch Märzenbecher, oder im EMMENTAL regional auch „Fluggertsche“ genannt – (genaue Schreibweise unbekannt)