Besuch an Heilig Abend

Eine Weihnachtsgeschichte

Flocken tanzten auf und nieder. Der betagte Mann stand an Heilig Abend am Fenster in der Stube seines Häuschens und blickte in die anbrechende Nacht hinaus. Die Lichter des Dorfes leuchteten schwach durch das Schneegestöber. Er seufzte und zog die Vorhänge zu. Dann schaltete er das Radio ein. Leise erklang Musik. Das war doch Bach? Er lauschte dem Text, verstand ihn aber nicht richtig. Er ging an seinen Computer, schaltete ihn ein, suchte die Strophen und las mit: 

Jauchzet, frohlocket! auf, preiset die Tage, 
Rühmet, was heute der Höchste getan! 
Lasset das Zagen, verbannet die Klage, 
Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an! 

Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören, 
Lasst uns den Namen des Herrschers verehren! 

Jauchzet, frohlocket! auf, preiset die Tage, 
Rühmet, was heute der Höchste getan! 
Lasset das Zagen, verbannet die Klage, 
Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!

Jauchzen und frohlocken? Wenn er Weihnachten mutterseelenallein verbringen musste? Die Frau gestorben, die Tochter in Australien, der Sohn im Krankenhaus. Sein Umfeld war klein geworden, je älter er wurde. Viele Verwandten und Freunde waren bereits gestorben. Mit den Nachbarn hatte er kaum Kontakt, die waren berufstätig und an Wochenenden oft unterwegs. Den Führerschein besass er auch nicht mehr. Die Einsamkeit griff immer mehr um sich. Er versuchte sich abzulenken, zu beschäftigen, erledigte den Haushalt, werkelte im Sommer Garten. Im Winter aber, da wurde ihm langweilig. Bei den Mahlzeiten spürte er es besonders gut, dass keiner da war. Alleine essen machte irgendwie einfach keinen Spass.

Er lauschte der Musik. Frohlocken? Jauchzen? Ihm war eher nach Weinen zumute. Er sass vor seinem Computer und suchte nach Bachs Biografie. Er erinnerte sich schwach, dass dieser auch nicht gerade ein einfaches Leben gehabt hatte. Was war er doch für ein begnadeter Musiker und Komponist gewesen! Er fand Bachs Lebensgeschichte und las sich ein bisschen durch. Bald aber wurde es ihm zu viel. Was für ein unstetes Leben, was für eine Schaffenskraft, was für Tragödien! Von den zwanzig Kindern, die Bach mit zwei Frauen gehabt hatte, starb die Hälfte. 

Und trotzdem hatte er geschrieben: «Jauchzet, frohlocket!»

Er schaltete den Rechner ab. Er würde jetzt Weihnachten feiern, allein. Wenn ein Mann wie Bach trotz so viel Herzeleid so voll Lob gewesen war, dann wollte er auch tapfer sein. Das musste gehen. Er zündete die paar Kerzen auf dem Tisch an, die er zwischen hingelegte Tannenzweige gestellt hatte. Auf dem Dachboden hatte er alte Christbaumkugeln gefunden und sie auf dem Grün verteilt. Es sah ganz nett aus. Er nahm sich vor, jetzt erst einmal für seine Kinder zu beten, dafür, dass sie gesund blieben, und sie mit Weisheit, Einsicht und Verstand gesegnet seien.

Wie in der ganzen christlichen Welt üblich, nahm er danach die Bibel hervor und las sich nun die Weihnachtsgeschichte selbst laut vor. Es war schön, die eigene Stimme zu hören und er unterdrückte einen kleinen Schluchzer. Wenigstens die eigene Stimme war noch da. Er vertiefte sich in das Lukasevangelium. Was war das doch für eine Geschichte, dachte er. Was war die Bibel doch für ein Buch! Kein anderes hatte man so häufig übersetzt, verkauft, gelesen, aber auch verspottet, runtergemacht, verfolgt und verbrannt. Ein gefährliches Buch. Es veränderte Menschen zum Guten hin. Das hatte noch nie allen gepasst.

Er las, wie die Hirten auf dem Feld über die Engel erschraken, dann zum Stall eilten. Wie sie erstaunt das Kind so fanden, wie von den Engeln gesagt. Er sah im Geist das Leuchten des Sterns über dem Stall, meinte den Geruch von Heu und Stroh zu riechen und auf einmal wurde es in der Stube hell. Er erschrak und sah den Engel, der den Hirten die Botschaft verkündet hatte. Da stand er in seinem Haus, verbreitete einen warmen Schein und sprach: «Ich bin bei dir alle Tage bis an der Welt Ende. Du bist nicht allein.»

Er spürte, wie ihm warm ums Herz wurde, wie ihn unbändige Freude ergriff. Er wollte nach dem Engel greifen, ihn umarmen, aber ein heftiger Schmerz fuhr in seine Hand. In diesem Augenblick schrak er auf und merkte, dass er mit der Hand einer Kerze zu nahegekommen war. Er stand rasch auf, guckte sich um, aber da war keiner. Dann eilte er in die Küche, um die Hand zu kühlen.

Zurück in der Stube setzte er sich wieder an den Tisch und blickte auf die Heilige Schrift. Noch immer war ihm, seine Wohnung sei mit Licht erfüllt. «Ich muss eingenickt sein», dachte er. «Und dann hat mir mein Hirn einen Streich gespielt», beruhigte er sich selbst. So richtig aber funktionierte das nicht. Er fühlte sich zu leicht, zu froh, zu glücklich, um das einfach so als Traum oder Hirngespinst abzutun. Er fühlte sich nun so gut, dass er damit begann, sich selbst Weihnachtslieder zu singen. Mitten in seinen Gesang hinein klingelte es. Seine Tochter rief an um ihm ein frohes Fest zu wünschen und zu fragen, wie es ihm gehe. Fröhlich erklärte er ihr, es gehe ihm prima. Erstaunt über den sonst eher depressiven Vater hakte sie nach: «Ist alles in Ordnung, Papa?» Impulsiv und überschwänglich antwortete er: «Ja, mir geht es gut, und du, ich glaube, ich hatte einen Engel hier!» Einen Augenblick war es still. «Hat dich denn jemand besucht? Ein Nachbar?» Er verneinte. «Ich denke, es war wirklich ein Engel!» Er hörte, wie seine Tochter tief durchatmete. Da wurde ihm bewusst, wie komisch das bei ihr ankommen musste. Sie sagte gedehnt: «Papa, muss ich mir Sorgen machen oder ist es einer deiner Scherze?» Er lachte. «Nein, kein Scherz. Vergiss es einfach!»

Zurück am Tisch dachte er darüber nach, dass Engel heute wohl nicht mehr so gefragt seien. Der Mensch könne ja fast alles selbst, brauche sie und auch Gott nicht mehr. Und er dachte an die Dinge, die der Mensch trotz modernster Technik doch nie ganz in den Griff bekam – Leben, Sterben, Gesundheit. Und das ohne Gott? Nein, das war nichts für ihn. Hatte er ihm denn nicht soeben gezeigt, dass Gott da war, dass er nicht alleine in der Stube sein musste? Dass er nicht vergessen gegangen war? Und er hatte doch alles, ihm fehlte es an nichts. Sanft und liebevoll strich er über die Bibel. Wie schade, dass so viele Menschen den Hintergrund von Weihnachten nicht mehr kannten, und nur noch Konsum und Essen im Sinn hatten. Er blickte in die Kerzen, freute sich an ihrem warmen Schein und holte sich ein Glas Wein. Ihm fiel wieder der Text von Bachs Weihnachtsoratorium ein. Trotz der Umstände jauchzen und frohlocken? Zu sich selbst sagte er laut und fest: «Aber klar doch!»

Jauchzet, frohlocket! auf, preiset die Tage, 
Rühmet, was heute der Höchste getan! 
Lasset das Zagen, verbannet die Klage, 
Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an! 

Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören, 
Lasst uns den Namen des Herrschers verehren! 

Jauchzet, frohlocket! auf, preiset die Tage, 
Rühmet, was heute der Höchste getan! 
Lasset das Zagen, verbannet die Klage, 
Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!

Nachwort: Möge all denen, die es in dieser Zeit brauchen, ein Engel erscheinen! Frohe Weihnachten!

Marianne Helena Plüss © 2020

Am Anfang war kein Prunk…

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Heilig Abend, Weihnachten. Familien versammeln sich, um gemeinsam der Geburt Jesu zu gedenken. Das heisst, wenn sie den Grund und den Ursprung des Festes noch kennen. Oder dann eben einfach, um sich zu beschenken und ein üppiges Mahl im Kreise ihrer Lieben zu geniessen. Das bedeutet viel Arbeit. Man muss organisieren, einkaufen, putzen und einpacken, und zwar rechtzeitig. Es ist eine logistische Herausforderung, die neben den alltäglichen Arbeiten auch noch bewältigt werden muss.

Diese Tage schrieb mir eine liebe Freundin: „Ich staune jedes Jahr wieder, wie viel Mehrarbeit es für die Frauen bedeutet, alles für ein paar schöne Festtage herzurichten. Oft sind es doch die Ansprüche, die wir Frauen selbst an uns stellen?“

Ich fand, dass das etwas an sich hatte und musste ihr beipflichten. Wir möchten es unseren Familien so schön wie möglich machen, damit alle zufrieden sind. Aber es liegt nicht nur an den Frauen. Auch die Angehörigen haben so ihre Vorstellungen, wie es dann sein sollte. Frauen hetzen sich also enorm ab und sind dann an Weihnachten oft völlig erschöpft. Es braucht deshalb manchmal nur sehr wenig, bis an Weihnachten die Tränen fliessen oder sich ein Konflikt anbahnt. Das muss nicht sein. Wir müssen wieder neu lernen, dass weniger einfach mehr ist.

Wir haben vergessen, wie Weihnachten begann: In einem Stall. Da roch es nicht nach Chanel, sondern nach Mist. Da gab es Staub, Dreck, Heu, Stroh, und sicher jede Menge Ungeziefer. Kein Glitzer, kein Prunk, kein Luxus. Wir müssen daher auch kein Fest der Superlative richten. Es passt also, wenn wir es bescheidener und einfacher versuchen zu halten.

Den Fokus an Weihnachten vermehrt auf Jesus zu richten, auf seine Geburt und das was er für uns auf sich genommen hat, das macht Sinn. Weniger backen, weniger Geschenke, aber mehr Zeit für die Menschen, die man liebt.

Denn Zeit ist kostbar. Uns sind gemessen an der Ewigkeit nur ein paar mickrige Jahre vergönnt. Mit der geschenkten Zeit gut zu haushalten ist heutzutage sehr schwierig geworden. Je älter man wird, um so kürzer werden die Tage, Wochen, Monate und Jahre.

Sich also an Weihnachten Zeit nehmen um mit der Familie zusammen zu sein, um mit Freunden gemütliche Stunden zu verbringen und einfach zu sein. Durchatmen, runterfahren, loslassen. Das möge uns allen gelingen.

Fröhliche, gesegnete und entschleunigte Weihnachten!

Julias Weihnachtsfest

Mein Weihnachtsgeschenk – eine Weihnachtsgeschichte für Sie

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Julia sah dem Weihnachtsfest mit gemischten Gefühlen entgegen. Sehr gerne wäre sie der Familienfeier fern geblieben. Aber ihr fiel keine glaubwürdige Ausrede ein. Es war doch Weihnachten! Da sass man doch friedlich und einträchtig zusammen! Aber bei Julia daheim war das nicht so. Julia war in eine Familie hinein geboren worden, die so ganz anders war als sie selbst. Zwischen Julia, ihren Eltern und ihren Geschwistern gab es keine Gemeinsamkeiten. Alles, was Julia interessierte, fand ihre Familie uninteressant. Und das, was ihre Geschwister und Eltern spannend fanden, gefiel Julia nicht.

Julia war etwas schüchtern, aber hilfsbereit und taktvoll. Sie interessierte sich für Kunst, Kultur und klassische Musik, und für andere Menschen. Ihre Familie hingegen interessierte sich für Volksmusik, Kampfsport und Armbrustschiessen, und in erster Linie für sich selbst. Julia hatte sich damit abgefunden, sich unter ihnen wie ein Fremdkörper zu fühlen. Stets hatte sie sich um ein gutes Verhältnis zu ihnen bemüht. Sie konnte aber tun und lassen was sie wollte, es wurde ihr negativ ausgelegt. Jedes Wort und jede Handlung ihrerseits wurden verdreht und es waren zahllose falsche Behauptungen über Julia im Umlauf. Ausserdem wurde sie immer herum kommandiert und es wurde über sie hinweg bestimmt. Gab es ein Fest zu feiern, war sie die Letzte die davon erfuhr. Man legte das Datum fest, ohne sie zu fragen, ob es ihr dann auch passen würde. Wenn sie dann verhindert war, wurde sie schikaniert. Es fielen Begriffe wie Egoismus und mangelnden Familiensinn. Obwohl sie schon längst erwachsen war, konnte es der Familie in den Sinn kommen, etwas grundlos von Julia zu fordern. Julia realisierte, dass das nicht gut war. Sie müsste endlich Grenzen setzen. Aber das fiel ihr schwer.

Eines Tages stand sie im Garten der Mutter. Sie fotografierte die Blumen. Zur Mutter sagte sie: „Guck, die Kamera ist neu. Ich bin noch nicht so vertraut damit. Ich versuche aber, hier ein paar Fotos zu knipsen und wenn sie einigermassen gut sind, mache ich für dich zu Weihnachten ein Fotobuch. Und den Geschwistern kann ich ja dann zu Weihnachten eine Foto-CD machen, falls ich die Zeit dazu finde. Mal sehen!“

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Das Jahr nahm seinen Lauf und Julia plante wie immer exakt. Ihre Arbeit bedingte dies. Sie hatte nicht viel Spielraum, aber gelernt, damit umzugehen. Ende November würde sie wie immer alle Geschenke eingekauft haben. Danach würde sie noch Zeit haben, das Fotobuch zu machen, vielleicht noch die CDs zu brennen, Plätzchen zu backen und Karten zu schreiben. Sie freute sich darauf.

Beginn November kam eine Nachricht von ihrer Schwester. Mit der Aufforderung, ihr die Foto-CD, die Julia versprochen hatte, gefälligst endlich zu schicken. Sie wolle einen Weihnachtsbrief machen und dazu ein paar von den Fotos verwenden, die Julia im Sommer gemacht hatte. Julia war verdutzt. Der Ton des Schreibens war arrogant, vorwurfsvoll und befehlend. Julia überlegte. Wenn sie damals nämlich keine Kamera dabei gehabt hätte, dann müsste ihre Schwester sich anderweitig Fotos besorgen und wäre erst gar nicht auf den Gedanken gekommen. Julia hatte das einfach zufällig so von sich aus und für sich gemacht. Ihr Vorschlag, den Geschwistern vielleicht eine CD zu machen, verpflichtete sie zu nichts. Wenn ihre Schwester also von dem Garten keine Bilder hatte, dann war das nicht Julias Problem. Heute hatte jeder ein Handy mit Kamera und ihre Schwester immer das neuste Modell. Sie checkte ihren Kalender und sah, dass sie vor Beginn Dezember sowieso keine Zeit hatte, sich damit zu befassen. Sie hatte Wichtigeres zu tun.

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Mitte Dezember war sie dann soweit. Sie war ein wenig enttäuscht, dass die Fotos nicht besonders gelungen waren. Sie versuchte, sie noch ein wenig zu bearbeiten. Aber es brachte nicht viel. Mit den besten Bildern erstellte sie das Fotobuch und brannte die CDs. Aber das Programm bockte und sie musste jemanden fragen, der sich damit auskannte. Als sie dann fertig war, sandte sie zwei CDs an ihre Schwester und erwähnte, dass die Bilder leider nicht so toll waren. Mit der Bitte, eine der CDs dem Bruder, der in Namibia lebte, beim nächsten Urlaub zu geben. Ihre Schwester besuchte ihn fast jährlich. Das fand Julia toll, dass er jedes Jahr von Astrid Besuch erhielt und sie die Möglichkeit hatte, das zu tun. Bestimmt ein gutes Mittel gegen Roberts Heimweh.

Nach ein paar Tagen erhielt Julia eine Nachricht:

„Hallo Julia,

danke für die CD.
Einige Fotos sind wirklich nicht so gut.

Aber erstaunt bin ich doch, was die CD für Robert bei mir soll?
Wieso ich sie monatelang lagern soll?

Hättest du wie ich dir gesagt habe Ende November geschickt, wäre sie nun im Paket nach Namibia, dass ich am 03. Dezember an Robert geschickt habe.

Gewisse Sachen muss ich wohl nicht verstehen!“

Julia schüttelte den Kopf. Ihre Schwester hatte in ihrer grossen Villa nirgends Platz, um bis zum nächsten Urlaub eine Foto-CD aufzubewahren? Und dann schrieb sie auch noch „das“ mit zwei s. Davon, dass Astrid Robert ein Paket senden wollte, davon hatte Julia nichts gewusst. Die Schwester hatte nur von Weihnachtsbriefen gesprochen. Und für die und die unbekannten Pläne ihrer Schwester fühlte sich Julia richtigerweise nicht verantwortlich. Sie beschloss, die arroganten, unhöflichen Worte zu ignorieren.

Julia war es gewohnt, dass man um etwas freundlich bat. Und nicht einfach andere herum kommandierte und frech Dinge forderte. Sachen, die man, weil man selbst gedankenlos und zu faul gewesen war, von andern erledigt haben wollte. Und nun sollte sie mit ihrer Familie Weihnachten feiern? Mit einer Familie, die immer an ihr herum mäkelte, sie auszunützen versuchte und Unwahrheiten über sie verbreitete?

Heilig Abend lief sie also die Strasse zum Haus ihrer Eltern entlang. Es fing sachte zu schneien an. Warmes Licht strömte aus den Fenstern und ab und zu hörte sie Musik, Gesang und Lachen. Julia sehnte sich nach Menschen, die sie mochten und gerne mit ihr zusammen waren.

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Ihr war das Herz schwer. Sie wusste, dass sie am bevorstehenden Abend nichts als Sticheleien zu erwarten hatte. Vorwürfe, die CD nicht schon Ende November gesandt zu haben, und vieles mehr. Man würde ihre Frisur beanstanden, ihr Kleid bemängeln und ihre Figur. Wie jedes Jahr würde sie schweigend das Essen über sich ergehen lassen, sich für die Schokolade bedanken, die sie bekam und dann traurig nach Hause gehen.

Gerade als Julia in die Gasse einbiegen wollte, wo ihre Familie wohnte, stiess sie mit einer Frau zusammen. Sie entschuldigte sich rasch. Dann erkannte sie ihre Nachbarin.

„Frau Seidl, entschuldigen Sie! Ich war so in Gedanken versunken! Ich hoffe, ich habe Ihnen nicht wehgetan!“

Frau Seidl wehrte ab.

„Nein, nein, mir ist nichts passiert!“ In diesem Moment aber fiel das Licht der Strassenbeleuchtung auf Frau Seidls Gesicht. Julia sah, dass Frau Seidl verweinte Augen hatte. Sofort rührte das ihr mitfühlendes Herz.

„Frau Seidl, was ist passiert? Sie haben geweint?“

Kaum hatte sie das gesagt, brach die Frau heftig in Tränen aus und Julia blieb nichts anderes übrig, als sie in ihre Arme zu schliessen. Tröstend tätschelte sie Frau Seidl den Rücken. Und weil die Schluchzer nicht aufhören wollten, fasste sie einen Entschluss.

Sie nahm Frau Seidl am Arm.

„Wir gehen jetzt zu mir. Es ist Heilig Abend und Sie sollen nicht weinen müssen. Lassen Sie uns zusammen in meine Wohnung laufen und dann erzählen Sie mir, was Sie plagt!“

Zu Julias Erstaunen liess Frau Seidl geschehen, was sie vorgeschlagen hatte. Die beiden gingen also den Weg zurück, den Julia gekommen war.

Julia zog den Schlüssel zu ihrer kleinen Wohnung aus der Handtasche und schloss auf. Sie nahm Frau Seidl den Mantel ab und bat sie, auf dem grossen Sessel Platz zu nehmen. Dann nahm sie ihr Handy und wählte die Nummer ihrer Eltern.

„Mama? Ihr müsste ohne mich feiern, tut mir leid. Ich kann nicht kommen, ich war schon unterwegs und musste umkehren. Nein, mir selbst ist nichts passiert, aber jemand braucht gerade Hilfe. Ich komme morgen zu euch. An Weihnachten. Gute Nacht!“
Kurz und bestimmt hatte Julia geredet. Sie hatte noch gehört, wie ihre Schwester gerufen hatte: „Was, Julia kommt nicht? Spinnt die denn jetzt völlig?“

Ihre Familie würde das Fest ohne sie bestens überleben. So konnten sie ungeniert über Julia klatschen.

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Julia setzte Wasser auf und kochte Tee. Sie zündete die Kerzen an dem kleinen Christbaum an und setzte sich zu Frau Seidl.

Dann nahm sie Frau Seidls Hand.

„Jetzt erzählen Sie mir, was los ist!“

Frau Seidl war es nicht recht, Julia von der Familienfeier abgehalten zu haben. Julia aber versicherte ihr, dass sie auf einen Abend, wo man sie eh gedachte fertig zu machen, gut verzichten könne. Und sie würde gerne wissen, ob sie Frau Seidl in irgendeiner Weise helfen könne?

Nervös strich sich Frau Seidl übers Haar.

„Ach, Sie wissen doch, dass ich einen unehelichen Sohn habe. Das war nicht einfach gewesen. Ich habe aber alles für meinen Sohn getan und ihn alleine gross gezogen. Er konnte sogar studieren. Jetzt ist er Anwalt und schämt sich für seine Mutter, die nur eine Hilfskraft und unverheiratet ist. Er hat mich zwar für heute Abend eingeladen, aber mir den ganzen Abend zu spüren gegeben, dass ich eigentlich nicht in sein schickes Appartement und zu seiner mondänen Gattin passe. Ich hatte mich so auf den Abend gefreut. Ich sehe ihn und die Kinder ja kaum, obwohl sie auch hier in der Stadt wohnen. Sie haben mich alle so von oben herab behandelt, dass ich vorgab, starke Kopfschmerzen zu haben und darum bat, mich hinlegen zu dürfen. Danach habe ich einen Zettel geschrieben. Ich bin aus der Wohnung geschlichen, während sie beim Essen waren. Ich wollte nicht, dass es vor den Kindern eine Szene gibt.“

Nun weinte Frau Seidl wieder. Julia war erschüttert. Frau Seidl war eine tolle Frau. Ihr Sohn konnte stolz auf seine Mutter sein! Was die alles geschafft hatte!

Mitfühlend sagte sie: „Weinen Sie nicht, Frau Seidl. Es ist nicht Ihre Schuld, dass er so geworden ist, das ist nicht Ihr Fehler. Menschen wählen es oft selbst aus, wie sie sein wollen. Und Menschen ändern sich nicht, nur weil Weihnachten ist. Wir meinen das, aber es ist nicht so. Sie versuchen nicht einmal, sich besser als sonst zu benehmen. Sie haben nicht begriffen, was Weihnachten genau bedeutet und uns gebracht hat. Jetzt feiern wir zwei eben zusammen. Wir essen jetzt etwas und danach spiele ich auf dem Klavier die alten Weihnachtslieder und wir singen. Einverstanden?“

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Einige Zeit später drang Bratenduft aus der Türe und es erklangen aus der kleinen Wohnung die altvertrauten Melodien, die an Weihnachten aus Tausenden von Stuben erschallen. Und weil es mittlerweile warm geworden war, hatte Julia kurz ein Fenster aufgemacht.

Bald danach klingelte es an ihrer Tür. Julia öffnete. Vor ihr stand Udo Berger, ihr Nachbar. Er war seit kurzem verwitwet. Verlegen entschuldigte er sich. Er stammelte:

„Wir haben Ihre Musik gehört, und die ist so schön, und ich und mein Sohn, der Toni, wir sind so alleine, und…“

Er konnte nicht weiter reden. Tränen liefen ihm über die Wangen. Julia packte ihn kurzerhand an der Schulter und schob ihn in ihre Wohnung. Dann rief sie in die offene, gegenüberliegende Wohnungstüre hinein nach dem Sohn, der sich etwas peinlich berührt, für seinen Vater entschuldigen wollte.

„Sagen Sie nichts. Kommen Sie einfach rein!“ Julia nickte ihm wohlwollend zu und blickte in seine braunen, warmen Augen.

Sie schenkte den Männern eine Tasse Tee ein, versorgte sie mit Gebäck und setzte sich wieder ans Klavier.

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Zu viert sangen sie, bis sie nicht mehr konnten. Julia las die Weihnachtsgeschichte vor. Der Nachbar faltete die Hände und sprach ein inniges Gebet, das allen zu Herzen ging. Dann tranken sie noch ein Glas Wein zusammen. Herr Berger und Frau Seidl lächelten nun wieder, ihre Tränen waren versiegt.

„Vielen Dank, das hat uns so gut getan, nicht wahr?“ Udo Berger blickte zu Frau Seidl hin, und sie hakte sich bei ihm ein.

Sie nickte und beide schüttelten Julia die Hand. Sie drückten sie innig und boten ihr an, sie beide doch beim Vornamen zu nennen. Der Sohn schloss sich dem an.

„Ich hoffe, es war nicht das letzte Mal, dass wir zusammen gesungen haben, Julia. Es war wunderschön!“ Toni blickte sie freundlich an, und Julia wurde ganz warm ums Herz.

Als alle heim gegangen waren, sank Julia müde ins Bett. Sie hatte den Eindruck, von Gott am heutigen Abend eine Art Ersatzfamilie geschenkt bekommen zu haben.

Am nächsten Morgen erhielt sie einen Anruf ihrer Schwester.

„Wie konntest du uns den Heilig Abend nur so verderben? Es ist mit dir immer dasselbe! Du bist eine absolut scheußliche und egoistische Person! Du warst ja nicht einmal in der Lage, mir die CD rechtzeitig zu geben, die ich von dir haben wollte. Du bist total egoistisch. Vollkommen asozial! Was hast du überhaupt für einen Scheiss angestellt, dass du nicht kommen konntest?“

Ohne zu antworten, würgte Julia das Gespräch ab und schaltete das Handy aus. Ihr Blick fiel auf das Bild, das an der Wand hing. Es zeigte Jesus, wie er am Kreuz hing. Jesus hatte sich nicht gerechtfertigt. Er hatte das nicht nötig gehabt. Und Julia fand, sie müsse sich auch nicht rechtfertigen. Was hätte sie auch sagen sollen?

Lächelnd setzte sie sich ans Klavier. Heute war Weihnachten. Vor zweitausend Jahren war Jesus geboren, um den Menschen Frieden zu bringen. Julia war glücklich. Sie summte die ersten Takte, und dann sang sie. Ihre glockenhelle Stimme trug das „Gloria in Exelsis Deo“ in die Welt hinaus.

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Lieber Leser, ich wünsche Ihnen frohe, gesegnete und friedliche Weihnachten. Möge der Friede Gottes Sie auch ins neue Jahr begleiten, und möge es Ihnen und Ihren Lieben gut gehen!

Das Weihnachtsbuch

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Es gibt seltsame Berufe. Ich übe so einen aus. Er bedingt, dass ich viele Dinge im Voraus planen muss. Gedanklich bin ich also im Oktober schon im Januar, im Januar bereits im April, und im April bereits im Juli. So geht es das ganze Jahr. Ziemlich anstrengend. Man lebt in zwei Welten. In der realen, die gerade aktiv ist und passiert, und in der zukünftigen, die man planen muss.

Im Frühling also sass ich wieder einmal im Büro und brütete die  Monatsplanung für den Juli aus. Seufzend meinte ich: „Krass, schon Juli, dann sind es ja keine sechs Monate mehr bis Weihnachten!“
„Pha, hör auf, du hast bestimmt schon die Weihnachtsgeschenke bereit!“ feixte mein Gegenüber.
„Natürlich!“, konterte ich, „sozusagen schon alles fertig!“
„Wie? Du hast die Weihnachtsgeschenke schon eingekauft? Du spinnst ja! Wo die Sommerferien noch nicht mal richtig vor der Tür stehen! Da kriegt man ja die Krise!“ Die Person schnaubte. Ich aber lachte. Dann sagte ich: „Nein, eingekauft habe ich sie nicht!“

Das konnte ja keiner wissen, dass ich angefragt worden war, um an einem kleinen Weihnachtsbuch mitzuschreiben. Und das bereits alles gemacht war.

Ein Weihnachtsbuch? Gute Idee. Das passte perfekt, denn ich hatte bereits einige Geschichten auf Lager. So war der Aufwand nicht sehr gross. Viel schwieriger als das Schreiben aber war das Zeichnen. Denn ich sollte auch die Illustrationen liefern. Nun aber schien draussen die Sonne. Der Himmel war stahlblau und ich sass leicht frustriert im Arbeitszimmer. Bei Sonnenschein im Haus hocken, das war noch nie mein Ding gewesen.

Ich musste mich also trotz fantastischem Wetter mit Weihnachten herumschlagen. Das war sehr eigenartig. Es fühlte sich merkwürdig an. Aber ich brachte es irgendwie doch fertig, mich gedanklich in den Winter hinein zu versetzen. Ich hörte das Knirschen des Schnees unter meinen Füssen, roch den Geruch der Tannenzweige, sog den Duft von frisch gebackenen Zimtsternen ein und hörte im Geist die Kirchenglocken, die zum Gottesdienst an Heilig Abend riefen.

So ging das Malen und Zeichnen plötzlich wie von alleine. Ja, ich geriet richtig in Weihnachtsstimmung, und als meine Familie hörte, dass ich bei dreissig Grad im Schatten „Stille Nacht, Heilige Nacht!“ vor mich hin summte, tippte sie sich an den Kopf…

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Dies und jenes probierte ich aus – nicht wissend, ob das gedruckt dann auch nett aussehen würde. Ein Glöckchen, ein Geschenk, ein niedliches Rentier, Sterne, Tannenbäume, Lebkuchen…

Ich hatte mir Aquarellpapier besorgt und meine kostbaren und teuren Aquarellfarben hervor gekramt. Im kurzärmeligen T-Shirt, in ausgefransten alten Shorts und Badeschlappen malte und entwarf ich also fleissig und bei sommerlicher Hitze Weihnachtsmotive. Dann legte ich alles hübsch zurecht, fotografierte die Ergebnisse und sandte die Vorschläge dem Verlag zu. Nicht ohne vorher noch den Mitautor und Initianten um seine Meinung gefragt zu haben. Ich musste ja wissen, ob das überhaupt ankam. Es schien zu gefallen und ich konnte aufatmen. Ende Juni war Abgabetermin und wir würden ihn einhalten können. Ein Wermutstropfen aber blieb. Aus Kostengründen würden die kleinen Motive nur schwarzweiß gedruckt werden.

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Mein Künstlerherz blutete. Aber ich verband die Wunde, indem ich mir selbst Trost zusprach. Es gibt eben Dinge, die sind zu teuer. Und man stirbt nicht, wenn nicht alles so realisiert werden kann, wie es am besten wäre. Kurz darauf folgte das „Gut zum Druck“. Meine Weihnachtsgeschenke gingen in Druck, und würden spätestens Ende November fertig sein.

Rudolf bearbeitet
Mein Rudolf, für Renés Geschichte in unserem Buch

Ich konnte also den Rest des Jahres geniessen, den wunderbaren Herbst und seine Farben, und die Wochen bis Weihnachten. Wenn das keine gute Sache war, die Weihnachtsgeschenke schon im ersten halben Jahr zu besorgen! Danach, ja danach konnte man sich getrost zurücklehnen, und die restlichen Monate des Jahres mit anderen Dingen ausfüllen. Mit Dingen wie im Herbst Pilze sammeln, Konzerte und Lesungen besuchen, ins Kino gehen, und an sonnigen Wintertagen im EMMENTAL wandern und fotografieren. Oder einfach daheim gemütlich auf dem Sofa hocken. Ich geniesse den Advent. Wie schön ist es doch, abends bei Kerzenschein und Weihnachtsmusik rum zu lümmeln und ein Glas Wein oder eine Tasse heissen Tee zu trinken und ein gutes Buch zu lesen.

Nur – ein einziges Problem, das ist mir noch geblieben: WAS schenke ich NÄCHSTES Jahr? Ich muss doch jetzt schon daran denken, wenn ich dann Ende Juni damit fertig sein will…

Der Weihnachtswunsch und andere Weihnachtsgeschichten
Marianne Helena Plüss
René Schurtenberger

IL-Verlag, Nov. 2013
http://www.il-verlag.com
Hardcover 110 S.
ISBN: 978-3-905955-91-0
16.90 CHF
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