Geheimnisvolles Wunderhaus

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Abb. 1: Sehr repräsentativer Hof in Dürrenroth

Das Emmentaler oder auch Berner Bauernhaus ist mit Abstand eines der schönsten Häuser der Schweiz. Diese jahrhundertealten Bauwerke sind eine Summe von konstruktiven, funktionalen und formalen Elementen, die ihresgleichen suchen. Fachleute definieren sie als «komplette bauliche Individuen mit einer eigenen Ausstrahlung und von formvollendeter Schönheit». Das Emmental ist ein typisches Einzelhofgebiet. Die vollumfänglich aus Holz gebauten Häuser liegen verstreut, zu kleinen Gruppen, oft abseits. Früher waren sie in strengen Wintern oft über Tage und Wochen von der Umwelt abgeschnitten.

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Abb. 2: Haupthaus des Gehöfts Zimmerzei in Eggiwil

Zu einem stattlichen Berner Gehöft gehörten schon immer mehrere Gebäude. Da ist einmal das imposante, stattliche Haupthaus. Unter seinem riesigen Dach finden wir die Dreschtenne, die Ställe und den Wohnteil mit einer schönen Vorderfront.

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Abb. 3: Mit dem Farbanstrich täuschte man Mauerwerk vor und gab so dem Haus einen noblen, städtischen Touch

Im Erdgeschoss sind Küche und Stuben untergebracht, im ersten Stock die «Gaden», die ganz früher oft als Lagerraum benutzt wurden und später zu Schlafstuben für die Bediensteten oder die zahlreichen Kinder wurden.

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Abb. 4: Gehöft Zimmerzei, Eggiwil – ausgesprochen prächtiges Stöckli, das vom grossartigen Können des Zimmermanns und dem Wohlstand des Bauherren zeugt, 1794 erbaut

Zum Hof gehörte meist auch der Stock oder das «Stöckli», ein kleineres Nebenhaus. Hier ziehen sich die Eltern zurück, wenn sie den Hof der nächsten Generation weitergegeben haben. Im Ofen- oder Waschhaus wurde gebacken und gewaschen. Etwas abseits wegen der Brandgefahr, aber immer in Sichtweite wegen möglicher Diebe, baute man einen mit schweren Schlössern mehrfach gesicherten Speicher. Hier bewahrte man Saatgut, Dörrobst, die Aussteuer, das Bargeld, die Trachten, schönes Zaumzeug, Gerätschaften, den Schmuck und Wertpapiere auf. Wer reich genug war, baute auch noch ein Küherhaus oder ein Knechtenhaus.

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Abb. 5: Speicher in Wyssachen, Huebershus, Baujahr 1798.

Das Emmentaler Bauernhaus ist ein langgestrecktes Vielzweckhaus, einzigartiges Mehrgenerationenhaus, das meistens sehr viele Bewohner beherbergte. Es bot nicht nur Wohnraum für den Bauern und seine Familie, sondern oft auch für ledige Geschwister und behinderte Angehörige, die auf dem Hof blieben, und ebenso für die betagten Eltern, wenn kein Stock für deren Lebensabend vorhanden war. Als es noch Mägde und Knechte, einen Melker und einen Karrer brauchte, wohnten diese mit dem Bauer und seiner Familie unter einem Dach, im oberen Stockwerk in den hinteren, dunklen Kammern, die „Gaden“ genannt wurden, wenn es denn kein Knechtenhaus gab.

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Abb. 6: Lauben sind immer schön verziert

Das Berner Bauernhaus hat auffallend viele vorhandene Böden, Lauben und Aufhängevorrichtungen. Im niederschlagreichen Hügelland dienten sie dazu, Futter, Getreide, Flachs, Baumfrüchte, Kräuter und Gemüse zu trocken. Auch eine Rauchkammer zum Räuchern von Fleischwaren durfte nicht fehlen und meistens gab es auch einen Webkeller, wo man Leinen wob. Das Haus bot also genug Raum für jede Form von Roh- und Fertigprodukten.

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Abb. 7: Ein mehrgeschossiges, wunderschönes Haus in Röthenbach

Mehrgeschossige Dispositionen der Häuser und das hügelige Gelände führen dazu, dass das Obergeschoss des Wirtschaftsteil (Bühne) seit dem 16. Jh. mit Hocheinfahrten erschlossen ist. Das jeweilige Gelände bestimmt die Lage der Hocheinfahrt.

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Abb. 8: Neu renovierter Hof, Fritzenfluh, Wasen, mit bergseitiger Hocheinfahrt

Es fällt dem Betrachter auf, wie perfekt die Gebäude in die Landschaft eingebettet sind. Es wurde darauf geachtet, dass das Haus entweder der Hügel- oder aber der vorhandenen Tallinie entsprechend positioniert wurde. Das vermittelt den Eindruck, dass die Bauten mit der Landschaft wie zu einer vollumfänglich harmonischen Einheit zusammengewachsen sind.

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Abb. 9: Gehöft in typischer Emmentaler Hügellandschaft, Eriswil

Mit der Ausrichtung des Hauses markiert man die Hauptseite, mit welcher das Haus mit seiner Umgebung funktional in Kontakt tritt und den Besucher auf sich aufmerksam macht. Die so genannte Ründi, ein dekorativer Verschalungunsbogen an der Vorderfront, hat vor allem repräsentative Zwecke und will den Betrachter beeindrucken.

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Abb. 10: Die typische, sehr dekorative Ründe an der Vorderfront soll repräsentieren

In ihrer Stattlichkeit sind die Berner Bauernhäuser wirklich kaum zu übertreffen. Ihre Schönheit zeugt von handwerklichen Meisterleistungen, sie sind von einer beeindruckenden, formalen Ästhetik, die unvergleichlich ist. Hier paarte sich das über viele Generationen von begabten Zimmerleuten erworbene Wissen und Können, also grossartiges Handwerk mit der Wohlhabenheit einer Bauherrschaft, die repräsentieren wollte und die viel Freude an der Zierde hatte. Dass gegenseitiges Übertrumpfen auch vorkam, ist häufig dort gut erkennbar, wo die Gehöfte mehrerer wohlhabender Bauern einen Weiler bildeten.

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Abb. 11: Gehöft Zimmerzei, Eggiwil – das wahrscheinlich schönste Gehöft des Emmentals, und seit Generationen von der gleichen Familie bewohnt und bewirtschaftet

Jede agrarische Modernisierung hat Spuren hinterlassen. Es kamen Umnutzungen, Umbauten, Neubauten, Anbauten, die neuen, schweren Maschinen standhalten mussten. So ist nicht mehr alles erkennbar, wie es in alten Zeiten war. Die Denkmalpflege legt viel Wert darauf, dass ein bedeutendes Kulturgut, wie es das Berner Bauernhaus darstellt, so weit als möglich erhalten bleibt. Die Erhaltung und der Unterhalt der uralten Höfe ist für die Besitzer sehr kosten- und arbeitsintensiv. Noch längst nicht alle Bauernhäuser verfügen über den Komfort, den die meisten von uns heute als selbstverständlich ansehen.

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Abb. 12: Prachtvoller Blumenschmuck am Stöckli, Gehöft Zimmerei, Eggiwil

Zum besonderen Blickfang des Berner Bauernhauses gehört im Sommer ein üppiger Blumenschmuck. Prächtige Geranien, die um 1680 erstmals von Afrika nach Europa kamen und inzwischen zur Schweizer Nationalblume mutiert sind, entzücken das Auge. Sie sind der ganze Stolz der Bäuerinnen und hübschen die uralten Höfe mächtig auf.

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Abb. 13: Sehr schöner Hof in Heimisbach

Das Emmental liegt abseits vom grossen und lauten Tourismus. Es ist gerade deshalb einen Besuch wert. Hier kann man noch Stille finden und zur Ruhe kommen. Eingebettet in einer mystischen und melancholisch anmutenden Hügellandschaft begegnet man hier altem Kulturgut und einem Stück Vergangenheit.

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Abb. 14: Die mystisch-melancholische Landschaft des Emmentals tut der Seele gut

Am stimmungsvollsten präsentiert sich die Landschaft im Spätsommer. Dann ist das Licht goldfarben, weich und mild, in den gepflegten Bauerngärten blühen Zinnien, Tagetes, Astern und Dahlien um die Wette. Aus den «Chrächen», wie Einheimische die Talsenken nennen, steigen sanfte Nebel auf, die dem Land etwas Geheimnisvolles verleihen. Und nachts kann man bei klarem Wetter noch die ganze Pracht der Milchstrasse bewundern. Denn hier im Emmental, da wird es noch richtig dunkel. Das Zirpen der Grillen und das Geläut der Kuhglocken wiegen einen in den Schlaf und man wähnt sich in einer heilen, längst vergangenen Welt. Wehmütig wird man in den Alltag zurückkehren und wissen, dass man wiederkommen wird.

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Abb. 15: Emmental – denn nirgends ist es schöner.

Hilfreiche Links für die Planung Ihres Urlaubs im Emmental:
http://www.myswitzerland.com/de-ch/sommer-destinationen-emmental.html
http://www.myswitzerland.com/de-ch/napfgebiet-emmentaler-gratwanderung.html
http://www.emmental.ch
http://www.ausflugsziele.ch/regionen/emmental/
http://www.slowup-emmental.ch/route.html

Quelle: http://www.erz.be.ch/erz/de/index/kultur/denkmalpflege/publikationen/bauernhausforschung0.html

Winter im EMMENTAL

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Auf der Lüderen – mit Blick auf die Alpen – mit Eiger – Mönch – Jungfrau

EMMENTAL – hügeliges Land rund um den Napf, zwischen Voralpen und Mittelland gelegen – nirgends ist es schöner. Hier ist es das ganze Jahr einzigartig, sogar im Winter. Eigentlich sollte man das für sich behalten und nicht allen erzählen – wie schön es im EMMENTAL ist. Aber – wes des Herz voll ist, des geht der Mund über – und es gibt Dinge, die will man gerne mit den Menschen teilen, die man mag. Einfach, weil es so wunderbar ist…

Zugegeben, es gibt auf unserem wundervollen Planeten zahllose traumhafte Orte. Der Reiseführerverlag Lonely Planet hat für 2014 in der neunten Ausgabe seines Reisejahrbuchs „Lonely Planet’s Best in Travel“ die zehn Top-Destinationen dieser Erde aufgelistet. Und es gibt sie, diese Reiseziele, diese grandiosen Landschaften, die uns den Atem rauben. Wer die Möglichkeit hat, einen dieser umwerfenden Orte zu besuchen, wird mit Bestimmtheit unvergessliche Erinnerungen mit nach Hause nehmen.

Mit „nirgends ist es schöner“ meine ich aber eine Destination, die man immer wieder besuchen kann, ohne dass die Reise dorthin einen finanziell ruiniert. Damit ist eine Gegend gemeint, die der Seele mit ihrem Charme stets aufs Neue gut tut. Eine Landschaft, die uns den Alltag mit seiner Hektik und dem vielen Stress vergessen lässt. Denn – im EMMENTAL ticken die Uhren gefühlt irgendwie anders…

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Mit Buchen wird im Napfgebiet seit Jahrhunderten die Grenze zwischen den Kantonen Luzern und Bern markiert

Hier gibt es noch das Ding, das man STILLE nennt. Alles geht ein wenig gemächlicher. Es gibt hier keine hektischen Städter, die sich das Drängeln und das ungeduldige Hupen wegen einem Nichts zur Lebensaufgabe gemacht haben. Denn Stille und Gemächlichkeit sind vielen abhanden gekommen. Viele Menschen wissen nicht mehr, wie es klingt, wenn nichts als Stille zu hören ist. Und weil es hier still ist, kann das Ohr im Winter noch wahrnehmen, wie der Schnee unter den Schuhen knirscht, nachts ein Käuzchen schreit und irgendwo in der Ferne ein Hund bellt. Im Sommer hört man abends noch das Zirpen der Grillen, und tagsüber in Wald und Feld das Summen der Bienen und Insekten. Hier kann man sich noch an einem Waldrand ins Gras legen, den vorbeiziehenden fantastischen Wolkengebilden am endlos weiten Himmel zugucken, nachts die Milchstrasse bewundern und die Geräusche der Natur in sich aufnehmen. Im EMMENTAL werden keine Prozesse von Anwohnern wegen störendem Gebimmel von Kuhglocken und Kirchenglocken geführt, oder weil Kinder sich am Hang mit Ski und Schlitten tummeln. Denn in dieser Stille erträgt der Mensch diese Klänge und sie sind uralter Bestandteil der heimischen Kultur. Das EMMENTAL ist der ideale Ort, um sich zu entschleunigen.

Es drängt sich auch ein weiterer Gedanke auf – wenn Gott am siebten Tag von allen seinen Werken ruhte, dann muss er das im EMMENTAL getan haben…

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Chuderhüsi – Blick vom Aussichtsturm – der dunkle, etwas eckige Berg links ist das Stockhorn

Das EMMENTAL hat eine ganz besondere Ausstrahlung. Die Atmosphäre hier kann einen leicht wehmütig und melancholisch werden lassen, denn die sanfte Landschaft berührt das Herz. Man fühlt sich hier geborgen, daheim, angekommen, hegt nostalgische Gedanken und kriegt Sehnsucht nach dem Unbekannten, das uns vermeintlich noch fehlt. Man bekommt den Eindruck, dass Gott diesen Flecken Erde mit ganz besonderer Sorgfalt und einer grosser Liebe zum Detail gestaltet hat.

Wer also dazu bereit ist, sich auf eine Region abseits der mondänen Touristenorte einzulassen, wird unweigerlich rasch ihrem ganz speziellen Reiz erliegen. Im EMMENTAL gibt es sie nicht, diese großartigen und beeindruckenden Viertausender, welche Flachländer so in ihren Bann ziehen. Hingegen findet man viele schöne Aussichtspunkte. Von den oft rundlich geformten Hügeln aus hat man einen fantastischen Blick auf die mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel. Oft sind die Berge aus einer gewissen Distanz fast schöner, als wenn man mitten in ihnen hockt. Man hat dann das ganze, überwältigende Panorama vor sich und kann sich daran kaum satt sehen. Es hat im EMMENTAL keine prächtigen Seen, dafür aber zahlreiche Täler mit kleineren Flüssen, wilden Bächen, die bei Unwetter zu reißenden und zerstörerischen Wassern anwachsen können. Dann kleine, beschauliche Dörfern mit den alten, im typischen Berner Baustil erbauten Häusern. Nicht zu vergessen sind die vielen gemütlichen Restaurants, in denen man ausgezeichnetes Essen kriegt und die oft seit Generationen von der gleichen Familie geführt werden.

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Hier sieht man am Horizont den Pilatus

Besonders prägend fürs EMMENTAL ist die eben erwähnte Bauart der stattlichen Bauernhäuser. Mit auf den Seiten bis fast auf den Boden reichenden Walmdächern scheinen sie sich geradezu an die Hänge anzuschmiegen. Sie sind aus Holz gebaut, nach uralter, seit Generationen gepflegter Zimmermannskunst errichtet. Harmonisch sind sie in die Landschaft eingebettet, inmitten von Weiden, Wiesen und Obstbäumen. Sie sind groß, behäbig, viele hundert Jahre alt und meistens leben mehrere Generationen unter einem Dach. Im Winter tragen die riesigen Dächer der Höfe die dicke Schneeschicht stolz wie eine dicke Kappe.

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Auf der Lüderen, Aussichtspunkt im EMMENTAL, Anfahrt von Langnau i. E. oder Wasen i.E.

Winter im EMMENTAL – die Jahreszeit, wo man im hier ohne Schneeketten nicht überall hinkommt. Einige höher gelegenen Höfe und Alpen werden nur im Sommer bewohnt und bewirtschaftet. Dennoch kann man auch in der kalten Jahreszeit hier wandern, dem Langlauf frönen, Schneeschuh laufen, fotografieren und wunderbar essen. Und vor allem die unglaubliche Ruhe genießen. Kein Verkehrslärm, keine Staus, keine Autobahn, wenig Menschen. Nichts als Ruhe, Stille und eine sagenhafte Landschaft.

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Eriswil – das Dorf meiner Vorfahren – Märchenland meiner Kindheit – Copyright by J.A. Plüss

Deshalb – lieber Leser, sollten wir eigentlich nicht allen möglichen Leuten sagen, wie schön es im EMMENTAL ist. Sonst fährt jeder hin. Wollen wir das wirklich? Aber – ich konnte es auch nicht lassen, davon zu erzählen. Ich habe deshalb schon Brasilianer, Amerikaner, Israelis, Deutsche, Serben, Holländer und einen Franzosen ins EMMENTAL geschleppt. Denn, wer das EMMENTAL nicht gesehen hat, der hat NICHTS gesehen und nicht richtig gelebt. Und, ist es nicht so, dass es Dinge gibt, die man mit denen teilen soll, die ein Auge für die Schönheit dieser Welt haben? Denn geteilte Freude war doch schon immer doppelte Freude!

Auf ins EMMENTAL!

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Auf dem Wanderweg von Huttwil nach Eriswil – Richtung Belzhöhe – Copyright by J.A. Plüss