Vom Nebel zum Napf

DSC02484

Die Tage werden kürzer. Nun legt sich oft dicker Nebel übers Mittelland. Manchmal sieht man die Sonne lange nicht. Im Unterland ist es dann kalt, während es in höheren Regionen schön und warm ist.

Ist aber Sonne angesagt, dann schwärmen die Schweizer aus wie Ameisen. An sonnigen Wochenenden verlassen sie die nebligen Niederungen. Sie wandern und klettern zu Hunderten auf alle die wunderbaren Aussichtspunkte, die das Land zu bieten hat. Ich lebe im Aargau, da wo der Nebel an manchen Tagen fast zur Haustüre herein kommt. Ist der Wetterbericht gut, dann werde auch ich zur Wanderameise.

DSC02546

Das Emmental – im Herzen der Schweiz – eine hügelige Landschaft mit Wald und Weiden, ist ein Wandergebiet par excellence. Ich liebe diese Gegend. Hier ist meine Heimat. Hier zieht es mich hin, wenn ich nachdenken muss, und wenn ich Gott und der Schöpfung nahe sein will. Hier gehe ich hin, wenn ich Ruhe und Entspannung brauche, und vom Alltag abschalten will. Aber manchmal haben viele Mitbürger die gleiche Bedürfnisse…

DSC02571

Es braucht hier keine hochalpine Kletterausrüstung. Es genügen gute Wanderstiefel, eine Jacke, und wer mag, nimmt seine Wanderstöcke mit. Die einzige Bedingung ist Trittsicherheit und Fitness. Denn viele Wanderwege führen steil bergauf.

DSC02500

Mein Ziel war dieses Mal der Napf – nein, das ist kein Kuchen, und auch kein Gefäss. Sondern der Hausberg der Emmentaler. Von seinem höchsten Punkt aus führen ringsum Eggen, Gräben und Täler hinunter und wer sich die Landkarte ansieht, erkennt aufgrund der geologischen Gegebenheit den Napf als Nabe, die Täler und Gräben mit ihren Bächen und Wegen als Speichen und die Haupttäler als Felge.

DSC02590

Viele Wege führen auf den Napf. Dieses Mal bin ich bis Langnau im Emmental gefahren, dann Richtung Trubschachen und Fankhaus. Dann weiter bis zur Mettlenalp. Beim Gasthof Mettlenalp kann man parken. Von da aus geht es steil hoch. Eine Stunde Schweiss. Und oben trifft man tausend Wanderer, die das gleiche Ziel wählten. Und die staunend das tolle Panorama geniessen und sich in der Sonne aalen. Es herrschen sprichwörtlich Frieden und Freude.

DSC02518

Wie die Betreiber des Gasthofes so einen Ansturm bewältigen, ist beeindruckend. Genau wie die unglaublichen Mengen an Erde, die die Wanderer ins Restaurant und auf die Toiletten schleppen. Ich frage mich, wie man das wieder weg kriegt.

DSC02529

Zurück geht es hintenrum, da ist es nicht so steil, dafür dauert der Abstieg etwas länger als eine Stunde. Und verhungern muss man im Emmental nicht. Hier findet man überall gemütliche Alpwirtschaften und Gasthöfe.

Wenn Sie also diesen Herbst nochmals raus wollen, dann auf ins Emmental!

DSC02571

Farbenrausch

DSC01672

Der Herbst ist eine wunderbare Jahreszeit. Nie leuchten die Farben so intensiv und so satt wie jetzt. Das Licht ist anders. Es hat diesen warmen, anheimelnden Goldton. Es riecht anders. Nach Pilzen, reifem Obst und feuchtem Moos. Herbstzeit ist Erntezeit.

Es ist toll, nun lange und schöne Wanderungen zu machen. Sanft steigen morgens zarte Nebel aus Eggen und Gräben und die Landschaft hat etwas Melancholisches. Ist das Wetter klar, dann ist der Himmel hingegen stahlblau. Es ist nicht mehr so heiss. Es ist eine Augenweide, durch Feld und Wald zu streifen. Überall entdeckt man Schönes. Eine Bauernfamilie, die ihre Kartoffeln erntet. Die Kinder hocken mit geröteten Wangen in der untergehenden Sonne vor einem Kartoffelfeuer. Sie holen mit Stecken heisse Kartoffeln aus der Glut. Der Geruch der schwelenden Feuer und der gebratenen Kartoffeln weht durch die ganze Gegend und macht sentimental.

DSC01673

Auf einer Obstwiese stehen Leitern an den Bäumen. Ein Bauer pflückt seine reifen, roten Äpfel. Volle Körbe stehen am Boden. Etwas weiter drüben stehen geflochtene Körbe mit goldgelben Quitten. Daneben einer mit späten, zarten Pflaumen und ein zweiter mit saftigen Birnen. Beim Haus hängt jemand hübschen Ziermais zum Trocknen auf. Es sieht toll aus. Wehmut macht sich breit. Wieder muss man von einem Sommer Abschied nehmen. Der Winter ist nicht fern. Bald geht erneut ein Jahr zu Ende. Man wird älter. Die Jahre, sie fliegen vorbei.

DSC01668

Oft liegt jetzt dicker Nebel. Tagelang kein Sonnenstrahl. In den Bergen hingegen ist es sonnig und warm. Inversion nennt man diese spezielle Wetterlage. Sie entsteht durch eine Umkehr des vertikalen Temperaturgradienten. Die oberen Luftschichten sind dann wärmer als die unteren. Je höher man also geht, um so wärmer wird es.

Wozu diese seltsame und ungeliebte Wetterlage gut sein soll, ist dem Laien unklar. Vielen schlägt das aufs Gemüt. Die Sonne fehlt. Das einzige Gegenmittel ist der tägliche Spaziergang an der frischen Luft. Und die Freude an den bunten Herbstfarben, die ihr Leuchten dem Nebel entgegenhalten. Sie sorgen mit ihrer Pracht für eine Balance und machen fröhlich.

DSC00889

Da ist dieser Hof. Fleissige Hände arbeiten das ganze Jahr, um am ersten Oktoberwochenende für einen Farbenrausch zu sorgen. Kürbis-Markt! Vor dem grossen Ansturm ein paar Fotos knipsen. Mit Blitz, denn es regnet. Die Bilder sind besser als erwartet, die Farben umwerfend.

DSC01662

Kürbisse – so bunt!

DSC01649

Welche Farben – welche Vielfalt an Formen! Man staunt. Der Schöpfer hätte es ja bei einer einzigen Kürbis-Sorte bewenden lassen können. Beim Speisekürbis. Aber nein, auch wunderbar geformte Zierkürbisse mussten her! Die einfach nur dazu da sind, uns mit ihren ausgefallen Formen und den bunten Farben Freude zu bereiten. Über Monate hinweg. Sie halten unglaublich lange.

DSC01660

Zur von Gott erschaffenen Pracht und Vielfalt fügt der Mensch noch Kreativität und Ideenreichtum hinzu.

DSC01679

Man nimmt ein paar schöne Aufnahmen mit heim. Heim in ein verregnetes Wochenende. Verschiebt wetterbedingt die letzte Herbstwanderung. Denn – man muss sich unbedingt noch etwas in der freien Natur austoben. Vor dem Winterschlaf…

Erntedank – eine alte, gute Tradition. Wenn der arbeitsame Bauer im Herbst vor gefüllten Kellern und Vorratskammern stehen darf. Er muss keine Not fürchten. Hier ist man gut versorgt. Es ist ein Geschenk! Es genügt ein Blick in die Dritte Welt.

Unvergesslich das Bild mit dem pflügenden Bauern auf den Ofenkacheln im Elternhauses, darüber der alte Spruch:

Der Bauer pflügt umsonst die Erde – spricht der Herrgott nicht: „Es werde!“

DSC01658