Der geraubte Schnee

Das Lotterhaus lag inmitten einer kleinen Zitrusplantage. Einige wenige Orangen- und Zitronenbäume gediehen hier. Vor der Hütte sass ein Grossvater vor einem Berg gewässerter Salzzitronen. Vorsichtig schnitt er sie so ein, wie es die Oma haben wollte. Dann füllte er die Schnittflächen mit grobem Salz. Es roch gut.

Ein warmer Wind wehte und brachte den Duft der Zitronen- und Orangenblüten mit.

Der Enkel schaute dem Opa zu. Plötzlich zeigte der Junge an die Wand. Dort hingen zwei bunte, lange und schlanke Bretter mit einer merkwürdigen Vorrichtung in der Mitte.

«Opa, was ist das denn?»

Der Opa sah hoch. Dann runzelte er die Stirn und seufzte. Der Grossvater zeigte mit dem Messer in der Hand auf die Berge ringsumher.

«Noah, das ist eine Antiquität. Das bedeutet, dass das sehr alt ist. Mit diesen Brettern ist dein Urgrossvater als Kind im Winter diese Berge heruntergefahren! Die Dinger nennt man Skier.»

«Aber Opa, das geht gar nicht, die haben ja keine Räder!» Der Junge schüttelte den Kopf.

«Dein Urgrossvater, das war mein Papa. Er ist schon sehr lange tot. Damals, als er noch ein Kind war, gab es in der kälteren Jahreszeit Schnee.

Schnee ist weiss. Wenn es sehr kalt wird, fällt er anstelle von Regen vom Himmel.

Regentropfen werden zu Schneeflocken. Der Schnee fliesst dann nicht einfach weg wie Regen. Wenn es kalt genug ist, bleibt er liegen und bedeckt das Land wie eine weisse Decke. Und dann kann man mit diesen Brettern darauf ganz wunderbar den Berg herunterrutschen. Ich zeige es dir!»

Sie liessen die Zitronen liegen. Der Opa holte alte, vergilbte Bilder von schneebedeckten Landschaften hervor. Da waren seltsame Dinge zu sehen. Für jedes Foto hatte der Opa eine Erklärung. Skilifte, Schlittenfahrten, den Hang hinunter rasende Skifahrer.

Mit grossen Augen hörte Noah zu.

«Wenn Schnee liegt, wächst nichts. Die Menschen mussten vor dem Schnee Vorräte anlegen oder Nahrung aus warmen Ländern her bringen, damit sie im Winter nicht hungern mussten. Sie brauchten Heizungen, Öfen, und viel warme Kleidung, damit sie nicht frieren mussten.»

Der Opa hatte Bilder von Städten und Dörfern mit schneebedeckten Dächern, mit Weihnachtsbeleuchtung an klirrenden Wintertagen, Bilder von im Schnee spielenden Kindern und von Schneemännern.

«Ich will auch einen Schneemann, Opa. Sag, wo ist der Schnee jetzt?»

«Damals, als ich ein Kind war, da gab es das alles schon nicht mehr. Das Wetter hatte sich verändert, die Erde wurde immer wärmer, weil die Menschen viele Dinge nicht richtig machten. Und darum gibt es jetzt keinen Schnee mehr.»

Noah brach in Tränen aus.

Der alte Mann seufzte und nahm ihn in den Arm.

Ja, der Schnee. Weg, aus, vorbei. Es begann damals, im Jahr 2018. Das war der erste Sommer gewesen, in dem Europa fast austrocknete, die Bauern verzweifelten, weil es monatelang nicht regnete. Vieh musste geschlachtet werden, Wasser und Futter fehlten.

Die folgenden Jahre wurde es nicht besser.

Die Menschheit geriet in Schwierigkeiten.

Man fing damit an, Notfallpläne zu machen. Man stritt sich national und international darüber, wie der sich ausweitenden weltweiten Wasserknappheit zu begegnen sei. Bald wurde es untersagt, Autos zu waschen, den Rasen zu sprengen, Blumen zu giessen, täglich zu duschen. Schwimmbäder wurden geschlossen. Waschmaschinen und Geschirrspüler durften nur noch zu bestimmten Zeiten laufen. Betriebe führten Kurzarbeit ein. Menschen wurden arbeitslos.

Das Wasser wurde komplett rationiert.

Inzwischen hatten sich weltweit bereits zahlreiche Bauern umgebracht. Die hatten vorher schon jahrelang wegen der zahlreichen Auflagen und den langen Arbeitszeiten und dem kleinen Verdienst Stress gehabt. Es kam zu heftigen Versorgungsproblemen. Aufstände und Demonstrationen wurden normal.

Leute zapften illegal Wasserleitungen an.

Die Staaten in ganz Europa und dem Rest der Welt mussten Sicherheitstruppen patrouillieren lassen, damit es keine Katastrophen gab. Es herrschte nachts Ausgehverbot und der internationale Notstand wurde überall ausgerufen.

Der Schnee blieb weltweit aus. Nur noch im Himalaja-Gebiet gab es welchen. Diese Gegend wurde aus Sicherheitsgründen zur Sperrzone erklärt. In den Alpen wurden Skilifte und Bergbahnen abgebaut oder verlassen. Hänge mussten gesichert werden, die Gletscher schmolzen, der Permafrost verschwand fast ganz.

Die Berge wurden ungemein gefährlich.

Felsstürze und Steinschläge forderten zahlreiche Opfer. Ganze Ortschaften wurden zugeschüttet. An einigen Seen, die zwischen den Bergen lagen, löste das in die Seen stürzende Gestein Flutwellen aus. Die ans Ufer grenzenden Dörfer und Städte wurden zerstört. Das arktische Eis schmolz, es gab ständig Überschwemmungen. Land versank und ging einfach unter.

Die Niederlande verschwand fast ganz von der Landkarte.

Die Überlebenden flüchteten in die angrenzenden Länder.

Land in Meernähe versalzte. Die Vegetation wurde ganz anders. Bestimmte Pflanzen wuchsen nicht mehr und grünes Land war Vergangenheit. Das alles veränderte den Speiseplan der Menschen und die Lebensgewohnheiten. Sie mussten bewässern, um etwas Essbares ziehen zu können. Wenn es einmal regnete, sammelte man das teure Gut. Dann verteilte man es nach einem ausgeklügelten Plan. Entsalzungsanlagen, um Meerwasser zu Trinkwasser zu machen, gab es zu wenige. Es fehlte an Energie. Strom aus Wasserkraft gab es nicht mehr und das Geld für Solaranlagen fehlte.

Das Fliegen wurde untersagt. Es war nur noch mit einer Sonderbewilligung möglich. Für Autos und LKWs galt dasselbe. Vieles wurde rationiert oder war nicht mehr erhältlich. Man musste essen, was in der näheren Umgebung wuchs, und das war herzlich wenig. Die Unterernährung nahm überhand. Der technische Fortschritt wurde gebremst.

Man fiel um Jahrzehnte zurück.

Was selbstverständlich gewesen war, war Vergangenheit. Vorbei die Zeiten, wo Gemüse und Obst um die ganze Welt transportiert wurden. Vorbei die Zeiten des grenzenlosen Konsums.

Mit der Zeit war den Regierungen klar, dass die europa- und weltweite Wasserknappheit Schlimmeres verursachen könnte als es der erste und der zweite Weltkrieg getan hatten.

Ein dritter Weltkrieg drohte auszubrechen.

Das Wasser aber fehlte, um die Truppen damit zu versorgen. Einzelne Krisenherde entstanden dennoch, doch erstickte der Wassermangel sie bald. Es wurde klar, dass kein Krieg es wert war, losgetreten zu werden.

Kein Krieg hatte je die Welt zu einem besseren Ort gemacht.

Und würde ein Krieg mehr Wasser bringen? Nein, er würde die allgemeine Not nur vergrössern.

Millionen kamen in diesen Wirren um. Das war zwar schlimm, aber der Wasserverbrauch wurde dadurch wenigstens reduziert. Viele Völker und Menschen waren wegen der Not bald extrem verarmt.

Ohne genügend Wasser war so vieles unmöglich geworden.

Niemand hatte genug davon. Darum kontrollierte jeder jeden, Wasserneid war normal geworden. Es wurden neue Gesetze ausgearbeitet.

Der Lebensanspruch des Menschen wurde weltweit auf höchstens siebzig Jahre beschränkt.

Damit mehr Wasser für die junge Generation vorhanden war.

Wasserdiebstahl hatte für Täter katastrophale Folgen. Wasserdiebe wurden extrem hart bestraft. Man liess sie kurzerhand verdursten. Nur durch hartes und diktatorisches Vorgehen der Regierungen konnte der Weltfrieden einigermassen bewahrt werden.

Mit der Zeit begann sich die Erde ein wenig von den Menschen zu erholen, die viel zu lange viel zu viele Ressourcen überstrapaziert hatten. In einigen Regionen regnete es wieder etwas häufiger. Kummer und Leid aber waren nicht von dieser Erde verschwunden. Und würden auch nie verschwinden. Der Menschheit fehlte einfach Gemeinschaftssinn, Weisheit und Verstand, um vernünftig und verantwortungsvoll auf der Erde zu leben.

Gedankenlosigkeit, Bequemlichkeit, Egoismus, Konsumsucht, Habgier.

Diese den Erdbewohnern eigene Wesenszüge hatten so viel Elend ausgelöst. Der Mensch meinte schon immer, alles zu dürfen und alles zu können. Und so lange er mangels Glauben zu wenig Respekt vor Gott und seiner Schöpfung hatte, würde sich nichts ändern.

Jetzt, viele Jahrzehnte später, war die Erde eine ganz andere. Wo früher Schnee lag, wuchsen Palmen und Zitronen.

Schnee? Schnee hatte man nie mehr zu Gesicht bekommen. Man wusste nicht mehr, was das genau war.

«Und so, Noah, raubten die Menschen uns den Schnee. Es gibt ihn nicht mehr.»

Der Opa seufzte und strich seinem Enkel tröstend übers Haar. Er würde ihm einen Schneemann basteln.

Jedes Jahr an Weihnachten aber kramten die Menschen in der kollektiven Erinnerung. Wie die Generationen vor ihnen die Geschichte der Sintflut in jeder Kultur auf ihre eigene Art bewahrt hatten, so hatte die Generation nach dem Schnee ihre eigene Erinnerung. Dann erzählten die Eltern und Grosseltern den Nachkommen davon, wie ihre Vorfahren im Winter gelebt hatten.

Mit Hingabe beschrieb nun auch der Grossvater dem kleinen Noah, wie es damals gewesen war, als es an Weihnachten noch eisig kalt war. Er beschrieb die Zeit, als die Kinder noch Schneemänner bauen konnten und Schneeballschlachten veranstalteten.

Er versuchte zu schildern, wie es sich angefühlt haben musste, wenn man mit jedem Schritt im weichen Schnee versank.

Wie das war, als man noch mit dem Snowboard einen Berg herunter sausen konnte.

Er sprach davon, dass es Jahrzehnte gegeben hatte, in denen es den meisten Menschen in vielen Ländern wunderbar gut ergangen war. Er redete von dem vergangenen Paradies mit roten Wangen und glänzenden Augen. In der Hoffnung, dass die nächste Generation es besser machen würde. Denn die Hoffnung, die blieb. Sie schmolz noch nie wie Schnee hinweg.

War denn Hoffnung nicht das, das den Menschen schon immer am Leben erhalten hatte?

So gab der Opa weiter, was niemals vergessen gehen sollte:

Wie das damals war, als es noch wirklich WEISSE Weihnachten gab.

 

Copyright by Marianne Helena Plüss 2018

 

Der Weihnachtsschal

Feiertage – Zeit für sich – die Beine hochlegen, eine Kerze anzünden und wieder einmal eine Weihnachtsgeschichte lesen.

Weihnachten – das Fest der Liebe, der Freundschaft. Glücklich, wer Menschen hat, mit denen er jetzt zusammen sein darf. Geborgenheit, Wärme und Frieden sollen jetzt unsere Häuser füllen.

Erwartungen und Sehnsüchte sind vorhanden. Ob sie auch alle erfüllt werden?

Trübsinnig stapfte Lara durch den tiefen Schnee nach Hause. Vorbei an weihnächtlichem Lichterglanz, der viele Häuser und Eingänge schmückte, und so sanfte Helligkeit und Wärme ausstrahlte. Sie beachtete es nicht. Sie war mit dem Bus von der Arbeit gekommen. Es hatte viel zu viel geschneit, um mit dem Wagen ins Büro zu fahren. Es schien ihr zu riskant. Der Schnee, der über Nacht gefallen war, war um halb sieben Uhr noch gefroren gewesen und der Wind war ihr beim Öffnen der Tür eiskalt ins Gesicht gefahren. So hatte sie kurzerhand den Bus genommen.

Nun stand sie vor ihrem Häuschen und nestelte den Schlüssel hervor. Sie seufzte. Kein Licht brannte. Lara wohnte alleine. Ihre Eltern waren beide bereits tot und hatten ihr und ihrem Bruder das kleine Haus hinterlassen. Ihr Bruder war verheiratet und wohnte mit seiner Frau und den drei Kindern in einem grösseren Haus am andern Ende der Kleinstadt. Dieses hier hatte sich für ihn als zu klein erwiesen. So hatte es Lara übernommen.

Endlich hatte sie den Schlüssel mit ihren klammen Finger hervor geklaubt und öffnete die Türe. Müde hängte sie ihn ans Brett. Sie zog die Schuhe und den dicken Mantel aus, versorgte Mütze und Handschuhe. Dann guckte sie in den Briefkasten, sortierte alles kurz und lief anschliessend in die Küche. Sie hatte keinen Hunger. Das war immer so, wenn Lara Kummer hatte.

Sie machte sich eine Tasse englischen Tees und trottete ins Wohnzimmer.

Sie stellte sie auf das hübsche, elegante Tischchen mit den schlanken, geschwungenen Beinen, dass sie noch von den Eltern hatte und schloss die Fensterläden. Dann legte sie eine CD ein und machte Feuer im Kamin. Als es brannte und sie die Wärme spürte, igelte sie sich auf dem Sofa in ihr kariertes Kaschmirplaid ein, das sie vom letzten Urlaub aus Schottland mitgebracht hatte. Sie mochte Schottland und hatte schon oft den Urlaub dort verbracht. Deshalb hatte sie auch ihre Wohnung so eingerichtet, dass sich jeder Gast gleich wie in den Highlands fühlte.

Sie schloss die Augen. Sie sah die gleichen Bilder wieder an sich vorbei ziehen.

Sie schalt sich selbst eine Idiotin. Mit dem Resultat, dass ihr danach die Tränen über die Wangen liefen.

Lara war zweiunddreissig Jahre alt, gross, blond, mit einem schmalen und hübschen Gesicht. Sie hatte ein Anwaltspatent und arbeitete in einer Kanzlei in der Stadt. Ihre Arbeit gefiel ihr, das Team war toll. Sie verdiente gut. Lara hatte ein freundliches Wesen, war umgänglich und es gab wenig an ihr auszusetzen. Ausser – und das verstand keiner, dass sie alleine lebte und anscheinend glücklich war.

Wenn es diesbezüglich Fragen gab, dann wich sie stets aus. Ausser ihrem Bruder und ihren beiden Freundinnen und wenigen Verwandten wusste kaum keiner, dass sie einmal verlobt gewesen war. Damals, als sie nach dem Unfalltod der Eltern ein Austauschjahr in Australien gemacht hatte. Sie hatte Phil an der Universität in Sydney kennengelernt. Seine Mutter war Schweizerin, sein Vater Deutscher, und sie hatten sich prima verstanden und sich nach einem halben Jahr verlobt. Sie beschlossen, nach Australien in der Heimat das Studium zu beenden und dann gemeinsam eine Anwaltskanzlei zu übernehmen. Phils Onkel war Anwalt, und war darüber begeistert, dass sein Neffe eine Berufskollegin heiraten wollte. Er schlug Phil also per Mail vor, später seine Kanzlei zu übernehmen. Das klang gut. Aber dazu sollte es nicht kommen. Zwei Monate nach der Verlobung starb Phil. Auf dem Weg zur Uni hatte er einen Verkehrsunfall. Ein unachtsamer Autofahrer, der gerade mit dem mobilen Telefon etwas nestelte, geriet auf die falsche Fahrbahn und prallte in den Wagen, in dem Phil mit einem Kollegen sass. Während der Unfallverursacher kaum Verletzungen hatte, kam für Laras Verlobten jede Hilfe zu spät. Phil war auf der Stelle tot. Sein Bekannter war eingeklemmt und beide mussten von Spezialisten mit Blechscheren aus dem Wrack befreit werden.

Lara war tagelang wie gelähmt. Sie war zu nichts fähig und sie wähnte sich in einem üblen Film.

Zuerst der tödliche Kletterunfall der Eltern in den Bergen. Und nun das. Es war zu viel für Lara.

Phils Eltern kamen nach Sydney um alles zu regeln und den Leichnam nach Europa zu überführen. Sie nahmen Lara mit heim. Es dauerte Wochen, bis sie endlich weinen und Monate, bis sie darüber wenigstens mit ihrem Bruder reden konnte. Sie schloss dann ihr Studium in einer andern Stadt ab als vorgesehen, und arbeitete anschliessend zwei Jahre dort. Erst danach war sie in der Lage, wieder in ihre engere Heimat zu ziehen. Phils Onkel, der inzwischen in Rente war und sich ab und zu nach ihr erkundigte, hatte ihr den jetzigen Job vermittelt. Er bedauerte es, aber konnte verstehen, dass Lara seine Kanzlei nicht ohne Phil übernehmen konnte und sie wieder in die Nähe ihres Bruders ziehen wollte. Sie hatte ja sonst kaum Verwandte.

Noch immer bewahrte Lara den Verlobungsring von Phil in einem kleinen Schächtelchen auf.

Ab und zu nahm sie ihn noch hervor und schaute ihn an. Aber es tat nicht mehr weh. Es hatte Jahre gedauert, aber sie war darüber hinweg.

Und nun das. Sie war unglücklich. Vor einigen Wochen hatte sie einen neuen Kollegen bekommen. Sie hatte den Herrn Seefeldt am ersten Tag freundlich begrüsst und nicht weiter beachtet. Bis sie zusammen an ein Seminar fahren mussten. Erst da nahm sie ihn richtig zur Kenntnis. Zuerst fiel ihr seine Stimme auf. Sie war sehr angenehm, weich, und vertrauenserweckend. Sie hatte sofort den Eindruck, dass sie diese Stimme weit wegtragen wollte, wie auf Wellen und sie schalt sich ob diesen seltsamen Empfindungen eine dumme Liesel. Dann merkte sie, dass er sehr höflich und aufmerksam war. Er bat sie, auf dem Beifahrersitz sitzen zu bleiben, damit er Zeit hatte, um den Wagen zu gehen und ihr die Türe aufzumachen. Denn es wehte ein heftiger Wind und sie hätte die schwere Wagentüre kaum aufstemmen können, zumal sie elegante Schuhe trug. Er rückte ihr den Stuhl beim Essen zurecht. Er konnte gut zuhören, aber auch nett erzählen und war auch sonst fürsorglich und zuvorkommend. Und das alles auf eine sehr lockere, natürliche Art, die weder affektiert noch falsch wirkte. Ausserdem sah er gut aus und alles an ihm hatte Stil. Wenn er Fragen stellte, dann merkte man ehrliches Interesse. Gleichzeitig war er zurückhaltend und diskret.

Das gefiel Lara und sie fand ihn nach diesen zwei Tagen umwerfend. Sie liess sich aber nichts anmerken. Sie war von jeher ebenfalls etwas zurückhaltend und auch bei Phil war sie zuerst sehr vorsichtig gewesen. Also ging sie dem Mann so oft es ging aus dem Weg, merkte aber, dass sie häufig an ihn dachte und innerlich zusammenzuckte, wenn sie seine Stimme hörte. Irgendwann war ihr klar, dass sie auf dem besten Weg war, sich zu verlieben.

Sie wusste nicht ob sie bereit war, diese Emotion zuzulassen und sich dem auszusetzen. Wenn sie dann aber abends in ihre einsame Wohnung kam, fühlte sie sich sehr allein und irgendwie von allen vergessen. Bald war Weihnachten und sie würde wieder ihrem Bruder auf der Pelle hocken, denn sie mochte dann nicht bei den Freundinnen sein. Die mit den eigenen Familien schon genug um die Ohren hatten.

Heute gegen Mittag dann hatte sie deshalb grübelnd am Schreibtisch gesessen. Sie fühlte sich nicht gut. Es gab Dinge, die ihr Mühe machten, und dazu gehörte seit dem Tod ihrer Eltern Weihnachten, ach, überhaupt alles, was irgendwie mit Gefühlen zu tun hatte. Während sie gedankenverloren eine Akte durchblätterte, hörte sie einen Wagen vors Gebäude fahren. Durch das bis zum Boden gehende Fenster sah sie nach draussen. Sie erblickte einen grauen, eleganten Wagen, der nach einem schwungvollen Bogen vor dem Eingang zum Stehen kam. Die Fahrertüre ging auf und eine wunderschöne Frau, die dunkles langes Haar und ein schickes Winterkostüm trug, stieg aus. Lara hatte sie noch nie gesehen. Ihr Bürokollege guckte ebenfalls auf und sagte: „Oh, das ist die Frau Seefeldt. Die holt ihren Mann ab.“ Er hob den Hörer ab und sie hörte ihn sagen: „Herr Seefeldt, Ihre Frau ist da und erwartet Sie!“

Lara sass wie vom Donner gerührt da.

Der Kollege deutete das falsch und sagte: „Sie sieht toll aus, nicht? Der Mann ist zu beneiden, finden Sie nicht auch? Frau Seefeldt war ein bekanntes Model!“

Mechanisch nickte sie. Den restlichen Tag verbrachte sie wie in Trance. Wieso hatte sie das nicht gemerkt, wieso hatte ihr keiner gesagt, dass er verheiratet war? Weshalb hatte er mit keinem Wort am Seminar erzählt dass er eine Frau hatte? Und –wieso trug er keinen Ehering?

Sicher, sie hatten sich am Seminar angeregt unterhalten, aber beide Privates ausgeklammert. Sie hatten über den Job gesprochen, ein paar Fälle, und dann eigentlich in der kurzen Zeit beim Essen und während der Fahrt nur noch übers Wetter und die schöne Aussicht geredet. Sie hatten beide festgestellt, dass sie gerne lasen und Musik mochten. Sie wusste dennoch praktisch nichts über ihn, und er nichts über sie.

Lara verstand das nicht. Er war also verheiratet.

Entweder hatte sie nicht aufgepasst und war zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, oder aber er gehörte zu diesen Männern, die sich dauernd als Jäger bestätigten mussten, sich einer Frau von der besten Seite zeigten und nachdem sie diese erlegt hatten, achtlos und verwundet liegen liessen. Aber mit so einer Frau an seiner Seite hatte er es doch gar nicht nötig zu jagen?

Lara sass da, mit Katzenjammer, schalt sich ein dummes Mädchen und heulte ihn ihre Schottenkarodecke. Heftige Schluchzer schüttelten sie. Die Welt war doch zu doof. Der Mann den sie geliebt hatte, war tot, und den, von dem sie dachte, dass sie ihn vielleicht lieben könnte, der war verheiratet.

Plötzlich klingelte es schrill mitten in ihre Schluchzer hinein. Sie zuckte zusammen. Schnell versuchte sie ihre Tränen zu trocknen und dann ging sie an die Tür. Ihre Nachbarin stand draussen.

„Ah Lara, gut dass ich Sie treffe, alles okay bei Ihnen?“ Sie musterte Lara. Sie sah die Tränenspuren auf Laras Gesicht und fragte: „Ich wollte kurz nach Ihnen sehen, man sieht Sie ja kaum. Was ist denn passiert? Ist was?“

Lara verneinte und bat sie herein. Aber die Frau liess nicht locker. Sorge sprach aus ihrem Gesicht. Also sagte Lara gequält lächelnd: „Ach, Frau Heer, Winterblues, Lichtmangel, Dunkelheit, Weihnachten!“ Sie kam nicht weiter, denn sogleich flossen die Tränen wieder.

„Kindchen, kommen Sie, setzen Sie sich, und nun erzählen Sie mir mal, was los ist!“

So kam es, dass Lara das erste Mal nach Jahren jemandem ihren Kummer erzählte, wie sehr der Tod ihrer Eltern sie damals mitgenommen hatte, so ganz am Anfang ihres Studiums, und wie furchtbar das mit Phil gewesen war. Und dass Herr Seefeldt ihr so gefallen hatte und dass der Blödmann keinen Ehering trug.

„Ach, Sie Ärmste, das ist ja furchtbar. Und dafür, dass der Arbeitskollege keinen Ring trägt, dafür kann es viele Gründe geben. Und es ist richtig, dass es nicht unbedingt üblich ist. Aber es kann einen plausiblen Grund geben, der uns aber jetzt egal sein kann. – Sie haben nie von Phil erzählt! Weshalb denn bloss?“ Frau Heer war verwundert.

„Ich konnte nicht, es war einfach zu viel. Zuerst die Eltern, dann Phil. Dann heiratete mein Bruder. Es war seine Art, damit umzugehen. Er wollte wieder eine Familie haben. Aber – ich konnte nicht reden, und als ich es endlich konnte, kam es mir komisch vor, jetzt noch damit anzufangen. Und mein Bruder erzählte auch kaum was. Er wollte alles vergessen, abhaken. Meine Freundinnen wissen es, und ich fand, dass das reicht. Sie wussten dass ich nicht wollte, dass man das erzählt. Ich wollte kein Mitleid. Und Phil war ja nicht von hier, so wusste es hier eh keiner.“

Frau Heer nickte. Das konnte sie gut nachvollziehen. Aber so ging es nicht weiter: „Kindchen, Sie sind zu oft alleine. Sie vereinsamen mir. Was tun Sie denn überhaupt an Weihnachten? Gehen Sie wieder zu Ihrem Bruder?“

Lara schüttelte den Kopf. „Nein. Seine Frau muss sich jetzt auch noch um ihre Eltern kümmern, die sind gebrechlich geworden, und dann die drei Kinder, es wird ihr zu viel. Ich habe ihm also gesagt, dass ich dieses Jahr wahrscheinlich bei Freunden sein werde.“
„Wahrscheinlich? Und Ihre Freunde? Wissen sie schon von ihrem Glück?“
Verlegen lachte Lara. „Nein, als die nachfragten, sagte ich ihnen, dass ich wahrscheinlich beim Bruder sein werde.“ Beschämt senkte Lara den Kopf.

Frau Heer runzelte die Stirn.
„Also dann wird jeder denken, dass Lara Heller versorgt ist und in Wirklichkeit hocken Sie hier und heulen! So geht das aber nicht!“

„Na ja, ich kann ein paar Tage weg gehen, in ein Wellness-Hotel oder so. Ins Tirol, an die Nordsee. In die Berge. Ans Rote Meer. In die Wüste. An den Nordpol. Ich komme schon zurecht!“

„Jetzt hören Sie aber auf, Lara! Als ich hierherzog, waren Sie schon erwachsen, und ich habe Ihre Eltern noch kennen gelernt. Die würden nicht wollen, dass Sie sich so zurückziehen! Bestimmt nicht. Sie kommen zu mir! Ich habe das Haus voll, ich kriege ziemlichen Verwandtenbesuch, meine Freundin kommt auch noch, dann der Fritz, dann die Frau Neumann von nebenan, die Sie auch kennen. Wenn Sie auch noch dabei sind, kann ich alle zwölf Gedecke vollzählig brauchen und das wird mir viel Freude machen. Die perfekte Weihnachtstafel! Abgemacht?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, stand Frau Heer ächzend vom niederen Sofa auf.

Sie hatte sich zu Lara hingesetzt und ihre Hand gehalten. „Und nun ruhen Sie sich aus, nehmen ein warmes Bad und dann gehen Sie zu Bett! Am Heilig Abend erwarte ich Sie um sieben Uhr bei mir. Pünktlich. Und mitbringen sollen Sie gute Laune und ein kleines Päckchen. Alle bringen eins mit. Die werfen wir dann in einen Sack und jeder kriegt wieder eins. Es soll nicht mehr als dreissig Euro kosten und für Männlein und Weiblein taugen. Einverstanden?“

Lara nickte schwach. Die Bemutterung tat ihr gut und trotz der Wehmut, die deswegen gleich wieder in ihr aufsteigen wollte, lächelte sie.
„Ach, Sie sind nett, Frau Heer, vielen Dank! Ich werde kommen. Ich freue mich!“
Frau Heer nickte ihr nochmals aufmunternd zu und dann ging sie.

Während Lara Wasser in die Wanne laufen liess, überlegte sie, wen sie von Frau Heers Verwandten kannte. Da war ihr Bruder, ein Witwer. Das musste der Fritz sein. Und dann die Kusine mit ihrem Mann und zwei Kindern. Der Schwager, der Ehemann der verstorbenen Schwester von Frau Heer. Dann die Elfriede, Frau Heers Freundin. Diese hatte Lara schon an Geburtstagen getroffen. Elfriede Berger war eine fröhliche Frau und immer schrill gekleidet. So dass Frau Heer manchmal zu Lara sagte: „Heute kommt mein Papagei zu Besuch!“

Aber damit hatte es sich schon und so würde sie sich überraschen lassen.

Die letzten Tage vor Weihnachten gingen vorbei. Lara ging Herrn Seefeldt aus dem Weg, so gut es ging. Es dauerte nicht lange, so hatten sich ihre Gefühle wieder normalisiert. Das empfand sie als wohltuend. Das Päckchen lag auch bereit. Am Morgen von Heilig Abend stand Lara spät auf. Sie frühstückte ausgiebig und ging zum Friseur. Auf dem Nachhauseweg fing es wieder tüchtig zu schneien und der Lärm der Stadt schien weniger zu werden. Wunderbar. Lara fühlte richtige Weihnachtsstimmung aufkommen. Als es Zeit war, zog sie ihr kleines Schwarzes über und fühlte sich nun rundum gut. Erwartungsvoll klingelte sie mit dem Päckchen in der Hand an Frau Heers Türe. Sie hörte fröhliche Stimmen und Gelächter. Die Türe ging mit Schwung auf und sie hörte Frau Heer rufen: „Das muss Lara sein, mach ihr auf Fritz!“

Fritz? Lara stand da, den Mund offen. Fritz?

Sie traute ihren Augen nicht. Das war nicht der Bruder. Vor ihr stand ein grossgewachsener, unglaublich gut aussehender Mann mit dunklem Haar und einem warmen Blick. Er trug einen Kilt und machte eine einladende Handbewegung. Und weil sie wie eine Salzsäule da stand, musterte er sie unverhohlen von oben bis unten. Dann lächelte er schelmisch.

„Gnädigste, wie lange wollen Sie denn in der Kälte stehen bleiben und mich so unanständig anstarren? Haben Sie noch nie einen Schotten im Kilt gesehen?“

Lara musste lachen und trat ein.
„Doch, schon“, erwiderte sie, während er ihr aus dem Mantel half, „aber keinen der Fritz heisst und akzentfrei meine Muttersprache spricht!“ Sie war von seinem unerwarteten Anblick völlig überrumpelt worden.

„Keine Regel ohne Ausnahme! Ich kann das klären. Meine Mutter ist die Schwester von Frau Heer und hat einen Schotten geheiratet. Mein Name ist Frederick McKinnon, ich bin aber nicht verwandt mit dem berühmten Hacker Gary McKinnon!“ Dann fügte er bekümmert mit einem Seitenblick auf Frau Heer hinzu:
“Und Frau Heer, also Tante Bertha, sie nennt mich Fritz, weil sie Frederick zu nobel findet. Und ihr seliger Mann war noch schlimmer, der nannte mich Frick. Klang fast wie „Freak“. Ich lebe in Edinburgh und hatte vor Weihnachten geschäftlich hier zu tun. Ich bin Informatiker. Also beschloss ich, wenn ich schon auf dem Kontinent bin, dieses Jahr mal mit Tante Bertha zu feiern. – Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen?“

„Aber wie könnte ich!“ protestierte Lara und lachte.

Dann steckte er ihr die Hand entgegen und blickte sie freundlich an. Dann sagte er: “Nennen Sie mich Frederick. Ich werde Sie auch beim Vornamen nennen. Das macht es familiärer, ja?“

Lara nickte, und schmunzelte über seine Ausführungen. Er nahm ihren Arm und führte sie reihum um sie den übrigen Leuten vorzustellen. Ausser den Menschen, die Lara schon kannte, war noch ein kinderloses Paar anwesend, das laut Frau Heer neu in der Nachbarschaft war. Frederick hatte Lara kurzerhand bei der Hand genommen. Sein Griff fühlte sich sehr angenehm an, gut, fest und sie mochte den Mann auf Anhieb. Bald fühlte sie sich heimisch unter all den Menschen und der Abend nahm seinen Verlauf. Immer wieder kreuzten sich Laras Blicke mit denen von Fritz, und sie lächelten sich zu. Sie beobachtete ihn und fand, dass er tolle Umgangsformen hatte. Er unterhielt sich mit allen nett und überging keinen. Er bat die Gäste zu Tisch, rückte den Damen den Stuhl zurecht und ging der Tante zur Hand. Er schenkte den Wein ein und guckte, dass jeder gut versorgt war.

Er war der perfekte Gastgeber.

Frau Heer genoss es, dass er die Rolle des Herrn im Haus übernommen hatte. Während Lara ihn stumm und unauffällig musterte, spürte sie ein leises Kribbeln, das sich in ihrer Herzgegend breit machte. Sie fühlte eine leichte Röte im Gesicht. Das war bestimmt von den vielen Kerzen, vom Wein, und vom Singen der Weihnachtslieder, welche die schrille Elfriede inbrünstig und mit Hingabe auf dem Klavier begleitete. Dazu sang sie aus vollem Herzen, mit baumelnden riesigen Ohrringen und knallroten Lippen. Ihr „O du fröhliche“ klang wie die zitternde Altstimme einer leicht angeheiterten, überaus glücklichen Operdiva. Herrlich, wie sie sang.

Ihr grosser Busen wog dazu auf und ab. Sehr zum Entzücken von Frau Heers Bruder.

Was ihm einen tadelnden Blick von ihr eintrug. Er fühlte sich ertappt, fing an zu husten, und gab vor, sich an einer Erdnuss verschluckt zu haben.

Frau Heer bat Fritz, die Weihnachtsgeschichte vorzulesen und er tat das mit viel Innigkeit und Ernst. Sie lauschte seiner wohlklingenden Stimme, die bei bestimmten Silben einen winzigen Akzent hatte. Sie fühlte sich in ihre Kindheit zurückversetzt, wie damals, als ihr Vater jedes Jahr vor dem Kamin sass und die Geschichte von Weihnachten aus dem Lukas-Evangelium vorlas.

Tränen tragen in ihre Augen und rasch wischte sie diese weg. In der Hoffnung, dass sie keiner gesehen hatte.

Frederick legte die Bibel sorgsam zur Seite. Er hatte ihre Handbewegung dennoch gesehen und schaute sie besorgt und fragend an. Lara gab ihm mit einer unmerklichen Kopfbewegung zu verstehen, dass alles in Ordnung war. Er schien erleichtert.

Frau Heer stand auf und holte den grossen, braunen Jutesack, der gefüllt und schwer unter dem Weihnachtsbaum lag. Sie hatte vor dem Beginn der Feier alle aufgefordert, ihre Päckchen hinein zu tun, und nun durfte jeder wieder eins raus holen. Frau Neumann war als erste dran und erwischte ein flaches Päckchen. Alle schauten zu wie sie es aufmachte. Eine CD kam zum Vorschein. Mit klassischer Musik. Ein Volltreffer. Frau Neumann ging oft in Konzerte. Sie war gerührt. Der Bruder von Frau Heer packte ein schickes Duschradio aus. Als Frederick sein Päckchen herausfischte, war es das von Lara. Sie war platt und peinlich berührt. Denn als er es aufmachte, hatte er nicht nur eine Packung feinsten englischen Tee, Earl Grey Classic von Twinings in der Hand, sondern auch eine CD. Darauf stand: „Reel Time Ceilidh Band“. Zeitgenössische schottische Musik mit traditionellem Hintergrund, die Lara so liebte. Musik, die auch an Hochzeiten zum Reel, dem schottischen Nationaltanz gespielt wurde und in der so viel energiegeladene Lebensfreude mitschwang. Sie hatte das so aus einer Laune heraus eingepackt, denn sie fand, diese keltischen Klänge, die müsse man einfach mögen.

Frederick sass da und guckte. Er wandte sich verdutzt an die Tante. „Das gibt es doch nicht, Tante, du hast also Lara gesagt, dass ein Schotte anwesend sein wird?“

„Nein mein Junge, ich glaube nicht. Reiner Zufall. Lara war aber schon öfters in Schottland. Deswegen.“

„Ach ja?“ Er guckte sie an. „Sie mögen also Schottland? – Das ist ja super! Sie gefallen mir immer besser!“

Lara nickte und alle lachten. Dann zogen zwei weitere Leute ihre Päckchen raus. Die Kinder erwischten beide ein Brettspiel. Der verwitwete Schwager erhielt einen Fotoband mit tollen Aufnahmen aus den Alpen und die Freundin von Frau Heer eine wunderschöne Dose mit allerlei Süssigkeiten und einer kostbaren Teemischung, die nach Zimt duftete. Dann war Lara an der Reihe. Das Päckchen war weich, und sie vermutete leicht enttäuscht Wollsocken, Handschuhe, oder eine kindische Pudelmütze. Aber sie hatte nur leicht daneben getippt. Als sie das bunte Weihnachtspapier entfernt hatte, stiess sie einen entzückten Schrei aus. In der Hand hielt sie ein Kaschmir-Halstuch. Im typischen Schottenkaro, und auffallend rot-grün gemustert. Lara war begeistert. Sie mochte rot, das stand ihr gut, sie mochte Schottland und alles Schottische.

Sie drückte den Schal an sich und blickte in die Runde: „Toll! Wow! Wem habe ich das zu verdanken? – Er ist wunderschön!“

„Kindchen, überlegen Sie doch mal!“ Frau Heer guckte fast ein wenig strafend.
„Oh!“ Lara zuckte zusammen. Sie wandte sich an Frederick. Verlegen sagte sie: „Dann ist das von Ihnen? Vielen Dank. Der Schal ist wunderbar!“

„Es freut mich, dass er Ihnen gefällt“, sagte er und schaute sie lächelnd an. „Meine Mutter hatte die Idee, es ist eine Spezialanfertigung. Es ist eigentlich nicht üblich, dass Fremde den Tartan unserer Familie tragen. Ausserhalb Schottland, da dachte ich, weiss das aber kaum einer, und da machen wir mal eine Ausnahme.“ Dann wandte er sich an Lara. „Aber, das mit der Ausnahme, das kann man ja ändern.“ Lara verstand nicht, was er meinte. Aber es ging nicht nur ihr so. Wollte er denn auf dem Kontinent Kurse über die Bedeutung der schottischen Tartans anbieten? Wen interessierte das denn ausser Schottlandfans?

„Was kann man ändern Fritz? Den Tartan? Das geht doch nicht!“ Frau Heer guckte ihn fragend an. Er lächelte und nahm Lara am Arm. Dann sagte er zu Frau Heer: „Nein, den Tartan kann man nicht ändern, richtig. Aber den Zivilstand. Den kann man ändern.“

„Den Zivilstand? Fritz, ich verstehe überhaupt nichts mehr! Entweder hast du zu viel getrunken, oder aber ich!“

„Tante, nur Angehörige des Clans tragen den jeweiligen Tartan. Lara dürfte ihn also eigentlich streng genommen gar nicht tragen. Das kann man aber ändern.“

„Wie denn? Gibt es ein Ritual, um Fremde in den Clan aufzunehmen?“ Frau Heer wollte das nun genau wissen.
„Ja Tante, klar gibt es ein Ritual. Man heiratet sie halt einfach!“

„Wie bitte?“
„Ja, Tante Bertha. Ich habe soeben beschlossen, deine Nachbarin zu heiraten und mit nach Schottland zu nehmen!“

Alle standen sprachlos da, Laras Unterkiefer war ihr fast auf die Brust gekippt.

Ein Tumult brach los und in den allgemeinen Lärm hinein überhörten sie dass Frederick leise zu Lara sagte: “Lara, willst du meine Frau werden?“

Lara schaute ihn an und blickte in ein paar ehrliche, klare, dunkle Augen. Sie fühlte ein unglaublich heisses Gefühl in sich aufsteigen. Es raubte ihr den Atem und sie rang nach Luft. Sie liess sich einen Augenblick von dieser Woge tragen, horchte in sich hinein. Sie senkte leicht den Kopf, dann seufzte sie kurz auf und schaute hoch. Dann blickte sie ihn fest an.
„Ja!“ antwortete sie. Frederick hob sachte ihr Kinn hoch und küsste sie sanft.

Es war still um sie beide herum geworden.

Alle standen andächtig um das Paar rum und nur Elfriede jammerte leise: “Aber sie kennen sich ja kaum!“

Frau Heer winkte ab: „Wenn etwas auf so eine spezielle Art und dann noch an Heilig Abend passiert, dann kann das gar nicht anders als gut werden. Dann stimmt das.“

Frederick und Lara guckten auf und Lara wurde sehr verlegen als sie Gesichter um sich herum erblickte. Aber Frederick fasste sein Glas und rief:
„Frohe Weihnachten, euch allen, und möge Gott euch allen ein neues, gutes und glückliches Jahr schenken! Lasst uns feiern!“ Er erhob sein Glas, alle taten es ihm gleich und dann wandte er sich Lara zu.

„Gut, das hätten wir geregelt!“ lächelte er. Alle lachten und klatschten und Frau Heer liess sich atemlos in den nächsten Sessel plumpsen.

„Jetzt, jetzt – glaube ich, könnte ich einen Whisky vertragen. So was Verrücktes, das glaubt mir keiner. Kein Mensch! Kennen sich gerade mal drei Stunden und wollen schon heiraten. Sensationell! Das gibt es doch normalerweise nur im Film! – Aber ehrlich, Freunde, ihr Lieben, ich glaube, das war das schönste Weihnachtsfest dass ich je hatte. – Lara, Kindchen, komm, lass dich drücken!“

So fand Lara völlig unerwartet an einem Heilig Abend eine neue Familie.

Weil eine warmherzige Frau eine offene Tür für Menschen hatte, die an diesem Abend einsam waren.

In der Familie McKinnon wurde es nach der Heirat von Frederick und Lara von diesem Tag an zur Tradition, einsame Menschen aus dem Umfeld an Heilig Abend einzuladen und ihnen einen Schal mit dem Tartan der McKinnons zu schenken. Der Schal aber bekam den Namen „McKinnons Weihnachtsschal“. – „McKinnons Christmas scharf“.

Die Geschichte zum Ausdrucken:
Der Weihnachtsschal