Stresstest oder Stressfest?

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Im September sah ich erste Regale mit Weihnachtszeug. Ich maulte die Verkäuferin an: „Jetzt schon Lebkuchen?“ Sie meinte: „Die Leute wollen es. Sie glauben nicht, wie viel schon weg sind!“ Nein, ich glaubte es nicht. Ich wollte jetzt den Herbst geniessen und keine Lebkuchen! Weihnachten war noch weit weg. Vor November wollte ich nichts davon hören. So wie früher.

Ach, war das schön!
Kurz vor dem ersten Advent holte man die Tannenzweige. Man wickelte Stroh um einen rund geformten Draht, bis alles dick genug war. Dann band man das frische Grün ringsum. Rote Kerzen kamen auf den fertigen Kranz. Am ersten Adventsonntag wurde die erste Kerze angezündet. Dann sassen die Kinder mit andächtigen Blicken vor dem warmen Licht. Das waren kostbare Momente. Heute noch löst die Erinnerung das Gefühl von Geborgenheit aus. Mandarinen gab es erst am Nikolaustag. Mit den Vorbereitungen fing man frühestens ab Ende November an. Obwohl die Tage ausgefüllt waren, meinte man, es dauere ewig bis Heilig Abend. Mit jedem Tag wuchs die Vorfreude. Wo bleibt die, wenn Weihnachten bereits im September beginnt? Was lange dauert, wird fad. Wieso tun wir da mit? Ist uns bewusst, was uns das an Geld, Zeit und Nerven kostet?

Das sind über drei Monate Bluthochdruck. Machen wir es uns doch einfacher! Keine grossartigen Geschenke, dafür mit mehr Liebe.

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Weniger ist mehr
Besser etwas spenden! Von allem etwas weniger, alles bescheidener. Schrauben Sie die Ansprüche herunter. Backen Sie nicht mehr zehn Sorten Weihnachtsgebäck, aber die doppelte Menge. Tauschen Sie die Hälfte Ihrer Zimtsterne mit der Hälfte der Lebkuchen Ihrer Freundin, und Sie haben mit weniger Aufwand genau so viele Sorten wie sonst.

Ein perfektes Fest?
Ihr Weihnachtsfest muss nicht so perfekt sein wie im Fernsehen, bei Möbel Pfister oder Betty Bossi. Sie müssen nicht überall teilnehmen und vor Weihnachten ein Monsterprogramm bewältigen. Sie müssen nicht alle Erwartungen erfüllen. Es gibt kein Schweizerisches Weihnachtsgesetz, das vorschreibt, was angebracht ist oder nicht. Wir selbst sind es, die mit unseren Erwartungen diese ungeschriebenen Ordnungen manifestieren. Die dann manchmal an Weihnachten Streit auslösen, weil es nicht so lief, wie man es sich vorgestellt hat. Weihnachten aber ist das Fest der Liebe, kein Stresstest und nicht das nationale Stressfest! Also, wollen Sie an Heilig Abend völlig erschöpft und mit einem Weinkrampf unter dem Baum zusammenbrechen? Nein? Dann bleiben Sie cool und lassen Sie sich nicht stressen.

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Ich wünsche Ihnen eine schöne und besinnliche Adventszeit!

Dieser Beitrag erschien als Kolumne am 18. November 2014 im Unter Emmentaler

Das Weihnachtsbuch

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Es gibt seltsame Berufe. Ich übe so einen aus. Er bedingt, dass ich viele Dinge im Voraus planen muss. Gedanklich bin ich also im Oktober schon im Januar, im Januar bereits im April, und im April bereits im Juli. So geht es das ganze Jahr. Ziemlich anstrengend. Man lebt in zwei Welten. In der realen, die gerade aktiv ist und passiert, und in der zukünftigen, die man planen muss.

Im Frühling also sass ich wieder einmal im Büro und brütete die  Monatsplanung für den Juli aus. Seufzend meinte ich: „Krass, schon Juli, dann sind es ja keine sechs Monate mehr bis Weihnachten!“
„Pha, hör auf, du hast bestimmt schon die Weihnachtsgeschenke bereit!“ feixte mein Gegenüber.
„Natürlich!“, konterte ich, „sozusagen schon alles fertig!“
„Wie? Du hast die Weihnachtsgeschenke schon eingekauft? Du spinnst ja! Wo die Sommerferien noch nicht mal richtig vor der Tür stehen! Da kriegt man ja die Krise!“ Die Person schnaubte. Ich aber lachte. Dann sagte ich: „Nein, eingekauft habe ich sie nicht!“

Das konnte ja keiner wissen, dass ich angefragt worden war, um an einem kleinen Weihnachtsbuch mitzuschreiben. Und das bereits alles gemacht war.

Ein Weihnachtsbuch? Gute Idee. Das passte perfekt, denn ich hatte bereits einige Geschichten auf Lager. So war der Aufwand nicht sehr gross. Viel schwieriger als das Schreiben aber war das Zeichnen. Denn ich sollte auch die Illustrationen liefern. Nun aber schien draussen die Sonne. Der Himmel war stahlblau und ich sass leicht frustriert im Arbeitszimmer. Bei Sonnenschein im Haus hocken, das war noch nie mein Ding gewesen.

Ich musste mich also trotz fantastischem Wetter mit Weihnachten herumschlagen. Das war sehr eigenartig. Es fühlte sich merkwürdig an. Aber ich brachte es irgendwie doch fertig, mich gedanklich in den Winter hinein zu versetzen. Ich hörte das Knirschen des Schnees unter meinen Füssen, roch den Geruch der Tannenzweige, sog den Duft von frisch gebackenen Zimtsternen ein und hörte im Geist die Kirchenglocken, die zum Gottesdienst an Heilig Abend riefen.

So ging das Malen und Zeichnen plötzlich wie von alleine. Ja, ich geriet richtig in Weihnachtsstimmung, und als meine Familie hörte, dass ich bei dreissig Grad im Schatten „Stille Nacht, Heilige Nacht!“ vor mich hin summte, tippte sie sich an den Kopf…

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Dies und jenes probierte ich aus – nicht wissend, ob das gedruckt dann auch nett aussehen würde. Ein Glöckchen, ein Geschenk, ein niedliches Rentier, Sterne, Tannenbäume, Lebkuchen…

Ich hatte mir Aquarellpapier besorgt und meine kostbaren und teuren Aquarellfarben hervor gekramt. Im kurzärmeligen T-Shirt, in ausgefransten alten Shorts und Badeschlappen malte und entwarf ich also fleissig und bei sommerlicher Hitze Weihnachtsmotive. Dann legte ich alles hübsch zurecht, fotografierte die Ergebnisse und sandte die Vorschläge dem Verlag zu. Nicht ohne vorher noch den Mitautor und Initianten um seine Meinung gefragt zu haben. Ich musste ja wissen, ob das überhaupt ankam. Es schien zu gefallen und ich konnte aufatmen. Ende Juni war Abgabetermin und wir würden ihn einhalten können. Ein Wermutstropfen aber blieb. Aus Kostengründen würden die kleinen Motive nur schwarzweiß gedruckt werden.

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Mein Künstlerherz blutete. Aber ich verband die Wunde, indem ich mir selbst Trost zusprach. Es gibt eben Dinge, die sind zu teuer. Und man stirbt nicht, wenn nicht alles so realisiert werden kann, wie es am besten wäre. Kurz darauf folgte das „Gut zum Druck“. Meine Weihnachtsgeschenke gingen in Druck, und würden spätestens Ende November fertig sein.

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Mein Rudolf, für Renés Geschichte in unserem Buch

Ich konnte also den Rest des Jahres geniessen, den wunderbaren Herbst und seine Farben, und die Wochen bis Weihnachten. Wenn das keine gute Sache war, die Weihnachtsgeschenke schon im ersten halben Jahr zu besorgen! Danach, ja danach konnte man sich getrost zurücklehnen, und die restlichen Monate des Jahres mit anderen Dingen ausfüllen. Mit Dingen wie im Herbst Pilze sammeln, Konzerte und Lesungen besuchen, ins Kino gehen, und an sonnigen Wintertagen im EMMENTAL wandern und fotografieren. Oder einfach daheim gemütlich auf dem Sofa hocken. Ich geniesse den Advent. Wie schön ist es doch, abends bei Kerzenschein und Weihnachtsmusik rum zu lümmeln und ein Glas Wein oder eine Tasse heissen Tee zu trinken und ein gutes Buch zu lesen.

Nur – ein einziges Problem, das ist mir noch geblieben: WAS schenke ich NÄCHSTES Jahr? Ich muss doch jetzt schon daran denken, wenn ich dann Ende Juni damit fertig sein will…

Der Weihnachtswunsch und andere Weihnachtsgeschichten
Marianne Helena Plüss
René Schurtenberger

IL-Verlag, Nov. 2013
http://www.il-verlag.com
Hardcover 110 S.
ISBN: 978-3-905955-91-0
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