Vom Alptraum zur Traumalp

Da waren sie, die langersehnten Herbstferien. Sonne, Sand, Meer, das musste jetzt her. Den Sommer verlängern, den Winter verkürzen. Aber es kam alles anders. Einer wollte ans Meer. Der andere in den Schwarzwald. Aber – das Meer war zu weit weg. Im Schwarzwald war es schon kühl. Man begrub also das Ferienbeil und beschloss, zuhause zu bleiben. Man würde einfach morgens die Fensterläden ziemlich später aufmachen. Damit einem der dicke Morgennebel nicht direkt in die Kaffeetasse schwappen würde. Nebel, der ganz persönliche Alptraum…

Dennoch surfte man leicht enttäuscht und etwas traurig ein wenig auf Google herum. Sonne, Strand, Palmen – und plötzlich war man per Internet im Tessin. Wieso war man nicht früher auf diesen Gedanken gekommen? Wahrscheinlich weil man immer wieder vergisst, dass alles Gute ganz in der Nähe liegt.

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Gutes Wetter war angesagt. Also, auf in den Tessin!

Die Fahrt. Gotthard, der Schrecken eines jeden Urlaubers, der in den Süden will. Aber – es muss nicht immer so sein. Kein Stau, kaum Verkehr, strahlender Sonnenschein. Rauf auf den Pass. Dann den Pass hinunter über die Tremola, die alte, gepflasterte Passstraße, der ehemalige Säumerpfad. Motorradfahrer fuhren für einmal sachte. Einige standen auf dem Gefährt, sie fürchteten wohl um ihre – äh, na Sie wissen schon. Dieser Anblick war ungewohnt und ungemein erheiternd.

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Im Süden fantastisches Wetter und – fantastische Preise. Ein Eis im Restaurant am See kostete zwischen dreizehn und fünfzehn Franken. Der Aufenthalt würde also kurz sein. Das Eis und den Espresso teilte man sich brüderlich. Den verächtlichen Blick des Kellners ignorierte man gekonnt. Was kann man denn schon dafür, dass man nicht Thyssen heisst? Nichts! Ausserdem gibt es Dinge, die lässt man sich auch als Normalbürger nicht einfach so gefallen. Wie überrissene Preise in einem hässlichen Lokal mit unfreundlichem Personal.

Sonne, Berge und Seen. Vom Gipfel der Cima della Trosa brachte man umwerfende Bilder eines stahlblauen Himmels und ein tolles Video mit nachhause.

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Dieses Video wäre bestens für Youtube geeignet. Der absolute Brüller. Das sensationellste Video, das es jemals gab! Die noch nicht geborenen Enkel werden es lieben! Bergziegen rochen einen völlig verschwitzten Wanderer, der auf Sonnenkrem verzichtet hatte. Das Gebimmel ihrer Schellen war schon von weitem zu hören. Sie rasten herbei und stürzten sich auf ihn.

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Scharf auf sein ausgeschwitztes Salz frassen sie ihn fast auf. Wie der Spruch: „Das schleckt keine Geiss weg“ entstanden ist, weiss man jetzt. Erst nachdem sie den armen Mann von oben bis unten innig und liebevoll abgeleckt hatten, genossen auch die Ziegen die tolle Aussicht auf den See.

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Der Mann hat es überlebt. Und mit den Ziegen Freundschaft geschlossen. Selbst fand er das folgende Bild witzig und der Veröffentlichung würdig.

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Der spätere Muskelkater war vom irren Lachen. Gab es im Mittelalter nicht eine Foltermethode dieser Art? Selbst blieb man verschont, weil man nach Sonnenmilch roch. Der neue Werbeslogan für Sonnenkrem für den Sommer 2014 steht also bereits: „Sonnenkrem hält Geissen fern!“ Copyright by Plüss.

Sensationell der steile Aufstieg auf den Monte Tamaro. Eine atemberaubende Rundsicht unbeschreiblichen Ausmaßes. Eine Traumalp. Nein, ein Traum von einem Berg. Bergzug reiht sich an Bergzug, Tal an Tal, schneebedeckte Berge in der Ferne.

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Blick vom Monte Tamaro auf den schneebedeckten Monte Rosa

Zu Füssen die Flussmündungen von Ticino und Maggia, dann der Blick auf die beiden Seen, den Lago Maggiore und den Lago di Lugano. Dazu herrlich mildes Wetter, stahlblauer Himmel, überall Wanderer, die von sich aus ein nettes Gespräch beginnen. Die Natur in ihrer ganzen Pracht scheint die Menschen liebenswürdig, fröhlich, freundlich und kommunikativ zu machen.

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Indemini. Ein Besuch im ehemaligen pittoresken Söldnerdorf. Bekannt auch als Schmugglerdorf. Uralte Steinhäuser aus Gneis, enge Gassen, keine Möglichkeit, hier mit einem Auto durchzufahren. Wovon lebten die Menschen hier bloss? Einheimische, die einem eine Ferienwohnung anbieten wollten, wussten Bescheid. Das Leben war sehr karg gewesen, Armut pur. Viele wanderten aus, nach Italien, oder später auch in den Norden, nach Amerika und Ägypten. Oft arbeiteten sie als Maurer. Man lebte vom mageren Ertrag des Bodens und vom Vieh. Die Verwilderung der ehemals bebauten Terrassen, die das Dorf ernährte, hat das Landschaftsbild stark verändert. Der sanfte Tourismus hilft mit, das reizvolle Dorf am Leben zu erhalten.

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Man genoss die spannenden Begegnungen mit interessanten Menschen. Entdeckte andersartige, südländische und unbekannte Pflanzen. Wunderte sich immer wieder neu über die Preise in den Boutiquen. Ein Mantel für zweitausend Franken? Nie im Leben. Den müsste man ja mindestens fünfzig Jahre tragen, damit er amortisiert werden kann. Und wer weiss schon, ob er mit siebzig noch in ein Kleidungsstück passt, das er bereits im Alter von zwanzig Jahren trug?

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Beim abendlichen Spaziergang in Orselina dann wunderte man sich über die ungemeine Baufertigkeit der Tessiner. Beeindruckend, wie hier Kirchen, grossartige Villen und Etagenwohnungen in die steilen, felsigen Hänge hineingebaut werden. Egal, was es auch kostet. Hier kann man jedes freie Zimmer leicht verkaufen oder für viel Geld vermieten.

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Die berühmte Wallfahrtskirche Madonna del Sasso in Orselina, oberhalb Locarno

Das Baumaterial wird per Hubschrauber hoch geflogen. Enge, kurvenreiche Strassen sind für schwer beladene LKWs nicht passierbar. Mit Fleiss versucht man, die hinterste Ecke zu verbauen und an den Mann zu bringen. Es geht um viel Geld. Die Gegend ist sicher und es ist sehr sauber. Das Klima ist fantastisch. Idealer Tummelplatz für Wohlhabende, die sich das überteuerte Eis und den Espresso nicht teilen müssen. Die so lange bleiben können, wie sie wollen. Man gönnt es ihnen. Man vermutet, dass sie andere Sorgen haben, von denen der kleine Mann nichts weiss und die er auch nicht haben möchte. Überall Streifenwagen und Polizisten, die regelmässig patrouillieren. Noch nie fühlte man sich so sicher.

Dann noch diese riesige Baustelle in der Nähe des hübschen Hotels, das man sich gerade noch so knapp leisten konnte. Sensationell der Ausblick von hier, die Lage absolut ruhig. Wie viel eine Wohnung kosten wird, stand auf der Informationstafel am Schutzgitter. Interessiert rechnete man rasch aus, ob die eigene Finanzlage wenigstens den Erwerb der kleineren Wohnung erlauben würde.

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Weit gefehlt. Vom Schock wird man sich nie mehr erholen. Niemals. Was wäre wenn man bei dem mickrigen Gehalt jeden Monat den zünftigen Betrag von fünfhundert Franken zur Seite legen würde? Halb so schlimm. Nur noch etwas über hundertachtzig Jahre arbeiten. Ein Klacks. Dann hätte man das Geld zusammen. Um sich im methusalemsischen Alter von rund zweihundertvierundreissig Jahren eine Wohnung im Tessin leisten zu können. Tolle Aussichten! Man beginnt sich hier trotz der wunderbaren Umgebung irgendwie fehl am Platz zu fühlen. – Einfach deshalb, weil man von Zahlen in dieser Grössenordnung überfordert ist. Die nicht für unsereins gedacht sind.

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Man fuhr also nach ein paar umwerfenden Tagen im südlichen Paradies der Schweiz etwas ernüchtert zurück ins Mittelland.

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Und wird vorerst hier bleiben. Das Eis ist günstiger. Die Polizei zeigt sich auch hier ab und zu. Davon zeugen drei brandneue Strafzettel. Die Grossfamilie hat sie gerade unbeabsichtigt geschlossen gesammelt. Und deren Kosten wird die Spardauer von mehr als zweihundert Jahren noch um einige nicht mehr relevante Tage verlängern.

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Hier im Mittelland gibt es wenigsten etwas, das nichts kostet. In Hülle und Fülle. – NEBEL.
Und etwas war ganz klar. Es ist möglich, auch im eigenen Land in wenigen Tagen sehr viel Gutes zu erleben.

Mit den schönen Bildern, die man mitgebracht hat, tröstete man sich und wird sich an grauen Wintertagen daran erfreuen. Dankbar für ein paar absolut wunderbare Tage in Gottes herrlicher Schöpfung.

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Das Gipfelkreuz der Cima della Trosa