Usain Bolt – seine Füsse – meine Füsse

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„Mann, Sie haben aber krass schöne Füsse!“

Verwirrt guckt man seine Treter an – die sollen schön sein? Sie haben bereits mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel und stecken in Ledersandalen, die an die Caligae der Römer erinnern.

Man versteht nicht, dass es Leute gibt, die ausgerechnet unsere Füsse begutachten – wo es doch Füsse wie die von Usain Bolt gibt.

Schöne Füsse? Hm, man hat sich im Laufe eines langen Frauenleben schon allerhand anhören müssen. Dinge, die man gar nicht hören wollte, und die die eigene Lebensqualität nicht wirklich verbessert haben.

„Weshalb bist du als Älteste denn die Kleinste der Familie?“
„Ach, du hast ja Sommersprossen!“
„Du, deine Frisur…!“
„Hast du zugenommen?“
„Deine Bluse finde ich – eh – wie alt bist du eigentlich?“
„DIESES Rot (drohender Unterton in der Stimme) sollten Sie erst in zwanzig Jahren tragen…!“

Nach jedem dieser unverlangten Kommentare fühlt man sich nie besonders schön. Aber – wenigstens hat man ansehnliche Füsse. Und darum fotografiert man sie jetzt auch, obwohl sie mies lackiert sind. Nicht von einem selbst – und absichtlich ROT. Auch wenn man das erst in zwanzig Jahren tun sollte. Bis das aber soweit ist, kann man sich vielleicht nicht mehr bücken…

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Wozu aber schöne Füsse? Man grübelt. Wo sie doch mehr als das halbe Jahr in Socken, Strümpfen und Schuhen verpackt sind? Und – man hat nicht gewusst, dass die Farbe ROT ans Alter gebunden ist…

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Schönheit ist relativ. Genau so, wie ROT nicht einfach ROT ist. Es gibt tausend Nuancen und jede ist schön.

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Was der eine schön findet, passt dem andern nicht. Jemand sagte: „Jeder Mensch ist auf seine Weise und in seiner Art schön. Vielleicht nach menschlichen Massstäben nicht explizit äusserlich, aber – es gibt ja auch die innere Schönheit. Und die wiegt mehr, denn äussere Schönheit ist vergänglich. ‚Beauty comes and goes…‘, singt zudem King Charles in einem seiner Songs, den solltet ihr euch mal anhören…“

„Ja“, antwortete ein Kamerad und nickte. Dann sagte er: „Innere Schönheit, richtig. Es gibt Leute, die haben eine wundervolle Leber oder eine hübsche Milz, andere die perfekte Niere oder ein absolut tolles Verdauungssystem!“

Klar, es war nicht so gemeint. Aber anders rum. Denn was nützen ein schönes Gesicht oder ein perfekter Körper, wenn man herz- und charakterlos ist?

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Es gibt ROT und ROT.

Dann redeten die Männer weiter: „Man legt viel zu viel Wert auf die Meinung und die Kommentare anderer. Obwohl – selbst gibt man leider auch ungefragt zu viel davon ab. Denn die wird es immer geben, die an einem etwas auszusetzen haben, man kann sagen, tun und lassen was man will. Manchmal macht man einfach nichts richtig. Unser Umfeld will ja manchmal auch ein bestimmtes Bild von uns haben. Weil man vielleicht so besser ins Lebensschema anderer passt. Oder – vielleicht einfach auch, weil man einmal etwas falsch gemacht hat. Danach ist man dann abgestempelt und kann nichts mehr retten.“

Zum Glück sind das die absoluten Ausnahmen. Das ist tröstlich. Die meisten in unserem Umfeld finden uns ganz okay, einigermassen akzeptabel und erträglich, und sie vergeben uns, wenn wir etwas verbockt haben. Sie drohen nicht täglich damit, uns nach Patagonien umzusiedeln.

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Der Schöpfer aber hat von uns ein gutes Bild. Viele Stellen in der Bibel zeugen von seiner Liebe und seiner Wertschätzung uns gegenüber, unabhängig davon, wie wir aussehen und wie wir uns kleiden und ob wir Stümper sind. Ihm ist es egal, welche Art von Blusen ich trage, ob ich nun gross bin oder nicht. Er hat den Menschen geschaffen, und so wie er das getan hat, so ist es auch gut. Jeder ist in seinen Augen schön und wertvoll, ob man nun nach menschlichen Werten einen äusseren Makel hat oder nicht. Ihn interessiert es nicht, ob Usain Bolt jede zweite Woche zur Fußpflege geht oder nicht, und es ist zu hoffen, dass Mr. Bolt alle Medienberichte über seine Füsse, die wir diese Tage zu lesen kriegten, kalt lassen.

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Es spricht also alles dafür, jedermann nett zu behandeln, ob er nun aus unserer Sicht gut aussieht und wie auch immer gekleidet oder lackiert ist. Denn Wertschätzung tut allen gut, auch denen, die uns das Leben schwer machen, die wir seltsam oder hässlich finden. Es wird der Augenblick kommen, wo nichts mehr von dem zählen wird, was wir selbst so wichtig und richtig fanden…

Die schönen Füsse hat man also fotografiert. Nicht, weil das Kompliment so grossartig oder nötig war, oder diese Füsse so exklusiv. Nein. Man hätte es nicht gebraucht. Man wollte einfach der Nachwelt ein unterhaltsames Bild erhalten. In der Hoffnung, dass die Enkel den Urenkeln eines Tages sagen werden: „Guckt, das hier ist ein Foto von der Uroma, die so tolle Füsse hatte. Das ist das einzige Foto, das noch von ihr existiert!“

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„Omas Füsse, ANNO DOMINI 2013“

3 Gedanken zu „Usain Bolt – seine Füsse – meine Füsse

  1. Hallo ,
    ich bin zufällig auf diese Seite gestoßen .
    Ich oute mich als ,, Frauenfussliebhaber ,,
    Ich finde die Füsse sehr schön wenn ich das mal so sagen bzw. schreiben darf .
    Bolt hingegen nicht 🙂

    Lieben Gruss
    Detlef (56)

    • Vielen Dank, irgendwas Schönes findet sich doch bei jedem Menschen, sei es die Nase, das Ohrläppchen, der Dickdarm oder die Milz.
      Bei mir sind es die Füsse. Auf die bin ich echt stolz. Die sind, als sie noch jung waren, schon mal 100 km am Stück gelaufen und sehen trotzdem noch nicht zerfleddert aus. 🙂 Beste Grüsse!

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