Der Mensch braucht ab und zu Entspannung, trotz der Aufforderung „ora et labora“ – also „bete und arbeite“. Man muss sich zwischendurch ausruhen und erholen, damit man fit bleibt. Deshalb findet man ja auch den Sonntag so eine wunderbare Einrichtung Gottes – denn dann darf man faulenzen, ohne dass uns einer verbal niedermähen und ein faules Stück schimpfen darf.
Sich entspannen – jeder tut das auf seine ihm eigene Art. Jemand erzählte, am besten entspanne er sich beim Lesen dicker Schmöker. Ein anderer bastelt, wieder einer schläft, betet, meditiert, fotografiert, malt, man strickt, schreibt, macht Musik oder geht laufen. Wir finden alle unsern Weg, um aufzutanken und uns ein paar ruhige Augenblicke zu gönnen. Und – es gibt sogar Menschen die erzählen, sie erholen sich dann ganz prima, wenn sie gar nichts tun. Was aber Nichtstun ist, ist nicht genau definiert, denn was immer auch ein Mensch tut, und sei es auch nichts, er tut etwas.
Selbst löst man gerne Rätsel. Kreuzworträtsel. Am Morgen beim Frühstück, und wenn es nur fünf Minuten sind. In der Mittagspause, auch wenn sie etwas kurz bemessen ist. Ob man es schaffen wird, in nur dreissig Minuten beim Essen die Lösung zu finden? Das ist wie erholsames Jogging. Das entspannt, lenkt ab, regt den Kreislauf in Richtung Kopf an.
Kreuzworträtsel machen locker und bilden. Man lernt Neues und trainiert das Gedächtnis. Wenn man aber nicht viel Zeit hat, dann kann es zeitlich knapp werden bis man das Lösungswort hat. Weil die eigene neurologische Datenbank ein bestimmtes Wort, von dem man glaubte es zu wissen, gerade nicht ausspucken will. Die Festplatte bockt also. Deshalb muss man anders an die Sache ran. Man versucht nun zuerst, nur diese paar Worte zu knacken, die einen Buchstaben für die Lösung abgeben sollen. So hat man alsbald alles herausgefunden. Bleibt dann noch etwas Zeit, kann man immer noch den Rest lösen und so kontrollieren, ob das Ergebnis wirklich stimmt. Denn, es kann seltsame Worte wie „RIESELFELD“ geben – ein Begriff, den man noch nie gehört hat. Weil man nie in einer Kläranlage gearbeitet hat.
Nicht alle finden diese unsere eigene Vorgehensweise richtig. Weil dann danach unter Umständen ein leeres Rätsel auf dem Tisch liegt und das Lösungswort schon vorhanden ist. Aber – viele Wege führen nach Rom – und wer zuerst mahlt, mahlt am besten. Wichtig ist doch das Resultat! Und dass dieses dann auch korrekt ist. Denn – vielleicht gewinnt man ja die angebotene Reise, oder vielleicht gibt es einmal diese Waschmaschine zu gewinnen, die inzwischen auch bügeln kann? Wenn man also das Rätsel als Erste in die Finger kriegt, dann löst man es eben so, wie man will, rasch und zackig und nicht so, wie die andern neunundneunzig Prozent der Bevölkerung es tun würden. Wieso soll „umgekehrt“ oder „anders“ denn die gleiche Bedeutung wie „falsch“ haben, nur weil ein Prozent der Menschheit anders tickt? Gibt es ein Gesetz, das vorschreibt, wie Rätsel zu lösen sind? Nein! Jedenfalls nicht in der Schweiz. Man darf Probleme auch unorthodox lösen.
Diese Praxis, Dinge kreativ und ungewöhnlich anzugehen, gab es schon zu biblischen Zeiten, manchmal sogar auf Gottes Geheiss hin. Und wenn Gott selbst zu unüblichen Aktionen überging, was er übrigens auch heute noch tut, nannte und nennt man das richtigerweise „ein Wunder“.
Wenn man also etwas seit Generationen und aus Tradition auf eine bestimmte Weise tut oder immer getan hat, heisst das noch lange nicht, dass alle anderen Lösungswege und Möglichkeiten Quatsch sind. Klar, es gibt Schwierigkeiten, die man gar nicht oder nur auf eine bestimmte Art lösen kann. Damit muss man sich dann abfinden. Aber ein Rätsel? Was tut man deshalb mit dem erarbeiteten Lösungswort? Man gibt es den neunundneunzig Prozent, die noch immer am Rätseln sind, damit sie es einsenden können – und weshalb?
Ja, weshalb tut man das? – Was gibt es da nicht alles zu gewinnen – einen Wagen, eine Kaffeemaschine, dort eine Uhr, hier eine Woche Urlaub in den Bergen oder ein tolles Schweizer Offiziermesser. Und genau diese Dinge will man selbst gar nicht haben. Man hat bereits eine Kaffeemaschine gewonnen und war gerade in den Bergen und Offiziermesser hat man schon drei. Man will lieber nach Israel, nach Kanada oder nach Inverness, aber das gibt es nicht zu gewinnen. Man möchte lieber diese neuartige Waschmaschine haben, damit man endlich nicht mehr bügeln muss, denn das macht man nun schon Jahrzehnte und hat so tonnenweise Bügelwäsche hinter sich gelassen – und hat endgültig genug davon. Die ist aber nicht als Wettbewerbspreis aufgeführt. Die mageren Gewinnchancen und der ausgeschriebene Gewinn, den man nicht haben will, reizen einen also selbst meistens nicht. Und das versteht auch wiederum keiner, sniff – das einfach nur das Lösen allein so viel Spass machen kann.
Denn, es gibt mit Wettbewerbspreisen immer Schwierigkeiten. Das hat man schon erlebt. Würde man den angebotenen Urlaub gewinnen, dann hätte das sicher einen Haken – man müsste ihn bestimmt dann antreten, wenn man gar keine Urlaubstage mehr hat, oder dann mitten im Winter, aber man mag den Winter nicht und will dann auch nicht in Urlaub fahren. Vielleicht müsste man als Bedingung sogar jemanden mitnehmen, der dann seine Reise zahlen müsste und somit die meine mitfinanziert. Oder man müsste in eine Gegend reisen, in der man noch niemals war und auch niemals freiwillig hinfahren würde. Gerade deshalb gibt es diesen Gewinn ja auch, damit da endlich mal einer hingeht…
Wenn der zu gewinnende Wagen einen Gewinnwert von dreißigtausend Euro hat, dann müsste man dem Staat rund dreiunddreißig Prozent dieser Summe an Gewinnsteuer abgeben, und diese knapp zehntausend Euro hat man grad nicht. Das heisst, man könnte den Wagen verkaufen, und dann würden uns fast zwei Drittel der Summe bleiben, aber da man nicht sicher weiss, ob man überhaupt gewinnen wird, lässt man das Einsenden der Lösung umständehalber bleiben. So anstrengende Sachen muss man nämlich nicht tun, wenn man sich erholen will. Und man hat das Kreuzworträtsel gelöst, um sich zu entspannen, und nicht, um zusätzlich Stress zu kriegen.
Ja, es ist schon ein Kreuz mit diesen Rätseln. Aber – man hat seinen Spass gehabt, das Rätsel gelöst, was will man also mehr?
Des Rätsels Lösung, warum man das Rätseln so angeht, ist also immer einzig und allein – die Freude über die Lösung des Rätsels.







Stimmt. Nicht alle finden leere Kreuzworträtsel mit ausgefülltem Lösungswort gut. Wie wäre es, wenn Du nicht nur die Begriffe virtuell einträgst, sondern auch das Lösungswort? Dann könnten langsamer Denkende vielleicht auch irgendwann mal ein Erfolgserlebnis für sich verbuchen …..