Im Wald

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Wälder sind beeindruckende Vegetationslandschaften. Ob Urwald oder Nutzwald. Wer in der Nähe eines Waldes aufgewachsen ist, fühlt sich dort zuhause und geborgen. Meine Herkunfts-Familie besass für Schweizer Verhältnisse relativ viel Wald. Nicht nur ein paar mickrige Parzellen, nein, einen richtigen, kleinen Wald. Er wurde von uns Kindern liebevoll „Wäldchen“ genannt. Hier in diesem Paradies hat man die halbe Kindheit verbracht, Dachshöhlen gefunden, Baumhütten gebaut, Räuber und Indianer gespielt, und zum ersten Mal jemanden vom anderen Geschlecht geküsst. Was man gar nicht so toll fand. Mutters leckerer Napfkuchen schmeckte irgendwie besser. Dort in dem Wäldchen also hat man an schönen Sonntagen über dem offenen Feuer Würste gebraten, Beeren gepflückt, und Tannenzapfen gesammelt.

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Man legte sich ins grüne Moos und hörte dem Gezwitscher der Vögel zu. Zwischen den Baumwipfeln sah man die Wolken vorbeiziehen. Man überlegte, wohin sie wohl ziehen und verspürte das erste Mal Fernweh.

Der wöchentliche Gang in den Wald ist zur lieben Gewohnheit geworden. Eine Gewohnheit, die man aus Kindertagen ins Erwachsenenleben hinüber gerettet hat. Im Wald entdeckt das geübte Auge oft die unglaublichsten Dinge. Wie diesen Porling, der es zuliess, dass eine Efeuranke durch ihn hindurch wachsen durfte. Oder – ist er um die Ranke herum gewachsen? Ist das nicht spannend? Die beiden scheinen sich gut zu vertragen. Die Wassertropfen sind zudem sehr dekorativ. Sie schmücken ihn wie Diamanten ein Diadem und geben ihm ein edles Aussehen.

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Streifzüge durch den Wald sind oft abenteuerlich. Jede Jahreszeit hat es in sich. Im Wald ist es stets interessant. Im Frühling ist das frische Grün der Buchen eine Augenweide. Im Sommer geniesst man die herrliche Kühle unter dem Blätterdach und das Summen emsiger Insekten. Man hört das Klopfen eines Spechts. Dort ein Eichhörnchen, das im Eiltempo eine Fichte erklettert. Ein scheues Reh, das auf einer Lichtung steht.

Im Herbst dann die Pilze. Steinpilz, Maronenröhrling, Rotfuss-Röhrling, Pfifferling, Herbst-Trompeten, Eierschwämme. Man hält die Fundorte geheim, schüttelt andere Pilzsammler, die sich uns an die Fersen heften, gekonnt ab. Kein Pilzsammler ist so dumm, dass er Fremden verrät, wo er seine Steinpilze gefunden hat.

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Auch ungenießbare Pilze sind hübsch.

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Das bunte Laub ist eine Pracht. Bald werden die Bäume völlig kahl sein. Wehmut macht sich bei diesem Anblick breit. Ein weiteres Jahr geht zu Ende. Ein Jahr mit Höhen und Tiefen. Trauer, Verlust und Schmerz sind uns begegnet, aber auch Schönes hat uns viel Freude gemacht.

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Es ist nicht schwer, sich in den riesigen Wäldern der Umgebung gut zurechtzufinden. Man kann sich an den Jagd- und Grillhütten, an eigenartig geformten Bäumen oder den seltsamen Wucherungen an Baumstämmen orientieren.

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Der Wald ist ein kostbarer Erholungsraum. Man trifft hier nicht viele Menschen, denn manche fürchten sich im Wald. Es ist still und doch nicht still. Irgendwo im Gehölz knackt es geheimnisvoll. Unbekannte Geräusche dringen an unser Ohr. Es riecht gut. Hier kann man zur Ruhe kommen. Man kann hier nachdenken, überlegen, mit sich ins Reine kommen, Pläne schmieden, zurückblicken. Man kann beten, weinen, seinen ganzen Kummer und sein ganzes Unglück herausschreien. Hier sieht keiner unsere Tränen. Man kann danken, summen und singen, ohne dass sich einer über die falschen Töne beklagt. Und – man kann beobachten.

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Ja, beobachten, wie diesen ungestümen Käfer. Der unbedingt in jugendlichem Übermut meinte, er müsse ein zartes Gras erklimmen. Das niemals für sein Gewicht geschaffen war. Wen wundert es, dass das nicht gut endete? Der arme Kerl fiel auf den Rücken. Er zappelte hilflos. Mit einem Grashalm half man ihm wieder in die Normallage zurück. Dort verharrte er starr und steif. Undankbarer Kerl. Kein dankbares Winken mit den Fühlern…

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Dann war da dieser Haufen Pferdemist. Mitten auf dem Waldweg. Mist ist unappetitlich. Aber auch auf Mist kann Neues entstehen, Gutes und Schönes. Zartes Grün wächst hier daraus empor. Ein wunderbares Bild. Es besagt, dass auch dann, wenn man Mist gebaut hat, ein Neuanfang möglich ist. Und ein neues, besseres Leben. Gott vergibt uns das, was wir verbockt haben. Er schaut nicht mehr auf den von uns produzierten Misthaufen. Neues, das gut ist, kann wachsen und gedeihen. Das ist Gnade.

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Wälder sind Oasen für Seele und Geist. Wertvolle Orte in einer Zeit voller Hektik, Leistungsdruck und Reizüberflutung. Wälder schenken uns viel frische Luft, herbe Gerüche, Tiere die unseren Weg kreuzen, das Rauschen der mächtigen Wipfel.

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Einen Wald in der Nähe zur Verfügung zu haben, ist grossartig. Grossartig ist auch, dass man für die Benutzung (noch) nichts bezahlen muss. Das bleibt hoffentlich so. Denn jeder Wald, egal wem er gehört, gehört auch ein bisschen jedem von uns. Mir, dir, uns, euch, allen. Der Wald ist ein faszinierendes Ökosystem. Er dient als weltweiter Klimaregulator und hat viele Schutzfunktionen. Es ist deshalb wichtig, zur Schatzkammer WALD Sorge zu tragen.

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Ich liebe den Wald. Wer mich also sucht und daheim nicht antrifft, der trifft mich im Wald.

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5 Gedanken zu „Im Wald

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